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Geschichte der Völkerwanderung

Felix Dahn: Geschichte der Völkerwanderung - Kapitel 35
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Völkerwanderung
authorFelix Dahn
firstpub1880
year1997
publisherPhaidon Verlag
addressEssen
isbn3-88851-198-4
titleGeschichte der Völkerwanderung
created20051128
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C. Von des Licinius Sturz im Anfange des Jahres 324 bis zu Constantins Tod am 22. Mai 337

Mit des Licinius Fall erlischt der hohe dramatische Reiz in Constantins Leben. War er bisher bewundernswert als Held, Feldherr und Politiker, so mußte nun seine Tatkraft erlahmen, als sie kein Ziel mehr hatte.

Wir vertauschen daher in diesem Abschnitte die chronologische Darstellung mit der realen, indem wir zuerst die Kriege, dann die Familienereignisse, endlich das Wesentlichste der inneren Verwaltung Constantins behandeln, dessen Charakteristik als Christ und Mensch aber dem folgenden Kapitel vorbehalten.

Die Epitomatoren stimmen insgesamt darin überein, daß Constantin in der Zeit seiner Alleinherrschaft siegreich gegen die Goten focht (Eutrop. X, 7; Aur. Vict., der auch die Sarmaten erwähnt, d. C. c. 41, 12; Epitom., nur seines wunderbaren Kriegsglücks gedenkend, 41, 11 und Sext. Rufus c. 26. Dasselbe bestätigen die christlichen Schriftsteller Eusebius V. C. IV, 6; Sokrates, Kirch.-Gesch. I, 18 und Sozomenos K.-G. I, 8.)

Darüber findet also, ungeachtet des Schweigens und anscheinend selbst entgegengesetzten Zeugnisses von Zosimus, das weiter unten zu erwähnen sein wird, kein Zweifel statt.

Jene Anführungen sind aber insgesamt nur ganz allgemeine. Näheres, wiewohl Ungenügendes, findet sich allein im Anonym. Vales. Aus diesem, einer wichtigen Stelle bei Ammian Marc. (XVII, 12) und einer andern bei Jordanis c. 22 hat nun Gibbon (Kap. 18, Not. 35–45) mit seinem gewohnten Scharfsinn eine Geschichte dieser Kriege geschaffen. Dankbar würden wir darin die sehr gelungene Lösung eines historischen Problems begrüßen, wenn nicht dem trefflichen Mann eines fehlte: gründliches Studium der germanischen und anderer Nachbarvölker in ihren Berührungen mit Rom. Dies ist unsere Hauptaufgabe, war nicht die seinige: wird uns vor allem aber auch durch Hilfsmittel wesentlich erleichtert, deren jener entbehrte. Auf diesem Grunde nun befestigten und vervollständigen wir, was Gibbon nur dunkel geahnt und begründen dies ausführlich in folgendem:

Zwischen Donau (von Waitzen unterhalb Gran ab) und Theiß erstreckt sich ein nahe vierzig deutsche Meilen langer und gegen fünfzehn breiter Landstrich von Norden nach Süden herab, der infolge des mäandrischen, trägen Laufes dieses letzteren Stromes heute noch großenteils Sumpfland ist und dessen Trockenlegung durch Regulierung der Theiß in neuerer Zeit wiederholt versucht ward.

In dies Gebiet wanderte in unbekannter, aber doch schon historischer Zeit, weil Plinius der Ältere (IV, c. 12, sect. 25) dessen gedenkt, ein sarmatischer Stamm ein, dessen Nomadenweise des Landes Beschaffenheit mehr zusagen mochte als den Urbewohnern thrakischen Stammes, von denen es daher gewiß auch nur sporadisch und dünn besetzt war.

Zuerst im Jahre 74 vor Chr. kamen diese Sarmaten mit Rom in Berührung (Florus III, 4). Aus Tacitus (Ann. XII, 29, 30 und Hist. III, 5) ersehen wir deren Spezialnamen: »Jazygen«, aus ersterer Stelle und Cassius Dio (LXVII, 5) zugleich deren enge Verbindung mit den unter Roms Klientel stehenden Sueben oder Quaden zwischen March und Gran, aus des Tacitus zweiter Stelle aber deren Waffenbündnis mit Rom, während sie nach obiger des Cassius Dio zwar, durch die beleidigten Sueben aufgereizt, in römisches Gebiet einzufallen beabsichtigt haben sollen, dies aber, weil es nicht erwähnt wird, anscheinend doch nicht ausgeführt haben.

Erscheinen sie sonach schon im ganzen ersten Jahrhundert, über das doch die Quellen so viel reichlicher fließen als im zweiten, nirgends als Feinde Roms, wie entscheidend mußte sich deren Stellung verändern, als vom Jahre 106 ab auch ganz Dakien von der Theiß bis zum Dnjestr von Trajan zur Provinz gemacht wurde. Sie waren nun eingekeilt in langer Zunge zwischen römischem Gebiet, das sie jetzt auf drei Seiten umschloß: so ergibt der erste Blick auf die Karte die Unmöglichkeit einer feindselig selbständigen Stellung derselben gegen Rom. Noch stand dies in höchster Blüte unerschütterter Kraft, als wir im markomannischen Kriege dieselben Jazygen plötzlich eine Rolle spielen sehen, die mit ihrer Vorgeschichte, geographischen Lage und Gebietsgröße nicht recht vereinbar erscheint. Indem wir deshalb auf die Geschichte dieses auf einem Völkerbündnisse beruhenden furchtbaren Offensivkrieges der Germanen gegen Rom im 1. Kapitel des II. Buches verweisen, heben wir hier nur das Wichtigste wiederum hervor. Schon bei der ersten Hauptniederlage der Römer unter dem Praefectus Praetorio Macrinus Vindex, im Jahre 166 oder Anfang 167, müssen die Jazygen, bis in das Innere Steiermarks vordringend, wesentlich mitgewirkt haben. Wiederum im Winter 171/2 griffen diese den bereits siegreichen M. Aurelius in seiner rechten Flanke im Innern Pannoniens an. Zweimal auf das Haupt geschlagen, erlahmte ihr Kriegseifer dennoch nicht, ja wir sehen sie noch im Felde, nachdem der Kaiser bereits den Markomannen und Quaden den erbetenen Frieden gewährt hatte. Sie sind dessen Hauptfeinde (Cass. Dio LXXI, 13 u. 16): darum will er sie gänzlich vernichten und schließt nur, nach nochmaligen Siegen, durch des Cassius Aufstand dazu gezwungen, im Jahre 170 Frieden mit ihnen, wobei sie 100 000 gefangene Römer zurückgeben (s. a. a. O. S. 127).

Durch welchen Zauberschlag nun soll jenes mehr als 1½ jahrhundertelang so friedliche, von Rom fast rings umschlossene Reitervolk, dessen ganzes Gebiet kaum sechshundert Quadratmeilen umfaßte, plötzlich nicht nur in dessen erbittertsten, sondern auch in dessen furchtbarsten Feind verwandelt worden sein? Nicht das Jazygenvölkchen an sich und allein wahrlich kann dies gewesen sein: es waren die starken Söhne des Nordens, die heranwogenden Völker und Scharen gotischen Stammes, welche, im Bunde mit jenen, teilweise vielleicht wohl nur unter deren Namen auf eigene Faust, Rom so bedrängten. Dieselben erschienen daher auch im zweiten Kriege wieder auf dem Plan.

Als Commodus endlich bleibenden Frieden, und zwar meist gewiß gegen jährliche Geldzahlung mit den Barbaren schloß, mag es das eigene Interesse der römischer Rache mehr als alle anderen Völker ausgesetzten Jazygen gefordert oder doch wesentlich gefördert haben, die Mitstreiter gotischen Stammes im Lande zu behalten.

Welchem Spezialvolke diese angehörten, wissen wir nicht, werden aber durch Capitolin (M. Anton. Phil. c. 14) auf Viktofalen, sowie durch spätere Quellen, schon Cassius Dio (LXXVII, 20), auf Vandalen hingewiesen. Über fünfzig Jahre lang, in die des Septimius Severus kraftvolle Regierung fällt, scheinen die Nordvölker, durch Geld befriedigt, den Frieden bewahrt zu haben.

Bei dem Losbruche dieser und der Westvölker gegen Rom im Jahre 233 unter Severus Alexander waren sicherlich auch diese Ost-Germanen und die Jazygen beteiligt und beharrten seitdem auch in Feindseligkeit. (Vergl. oben 2. Buch, 5. Kap.) Unter Valerian und Gallienus haben wir nur deren Teilnahme an dem gemeinsamen Einbruch der Nordvölker in römisches Gebiet (a. a. O.) vorauszusetzen.

Einem Fragmente des trefflichen Dexippus verdanken wir nun die Nachricht, daß im Jahre 170 die Vandalen, unstreitig (? D.) um den Juthungen, mit denen Aurelian kriegte, durch eine Diversion beizustehen, diesen in Pannonien angriffen, was nur von Osten her aus dem Jazygenlande geschehen sein kannJenseits der Donau nördlich saßen die Quaden, die unter den bei dem Triumph aufgeführten Gefangenen nicht erwähnt werden. Auch war der Angriff von Osten her in Flanke und Rücken der Römer ungleich militärisch richtiger., geschlagen aber, sofort Frieden erbaten und erhielten. Das zweite Volk nun, mit dem Aurelian kämpfte, nennt Flav. (Marc. Aur. Kap. 18) Sarmaten und erwähnt (c. 33) sowohl vandalischer als sarmatischer Gefangenen bei dessen Triumphe: Dexippus gedenkt ausdrücklich zweier Könige, die nach jenem Frieden ihre Söhne als Geiseln stellten: doch wohl zwei vandalische.

Verbündete Feinde also waren es, auf die sowohl der Name Vandalen als Sarmaten paßte, und die im alten Jazygenlande saßen, in dem aber der vandalische Bestandteil der wichtigere sein mußte, weil Dexippus der Zeitgenosse, der beste und bestunterrichtete Historiker jener Zeit, nur die Vandalen als Hauptvolk erwähnt.(Die erste Auflage nahm völlige Verschmelzung beider Völker an, gab aber gleichwohl den einen König den Jazygen. D.)

Im Vorübergehen bemerkend, daß nach Aurelian sowohl Probus als Carus, vor allem aber und zwar vielfach Diokletian und Galerius mit den stets unruhigen Sarmaten zu schaffen hatten (s. oben 2. Buch, 9. u. 10. Kap.), kommen wir sofort auf die schon oben angeführte in der Anm.Die im Texte angezogenen Quellenzeugnisse lauten:

1. Ammianus Marc. XVII, 12:

Potentes olim ac nobiles erant hujus indigenae regni: sed conjuratio clandestina servos armavit in facinus. Atque ut barbaris esse omne jus in viribus assuevit, vicerunt dominos ferocia pares, sed numero praeminentes. Qui, confundente metu consilia, ad Victohalos (1. -falos) discretos longius confugerunt, obsequi defensoribus, ut in malis, optabile, quam servire suis mancipiis arbitrati.

2. Anon.Valesii. S.301, 2:

Deinde adversum Gothos bellum suscepit, et implorantibus Sarmatis auxilium tulit. Ita per Constantinum Caesarem centum prope millia fame et frigore exstincta sunt. Tunc et obsides accepit, inter quos et Ariarici regis filium. Sic cum his pace firmata, in Sarmatas versus est, qui dubiae fidei probantur. Sed servi Sarmatarum adversum omnes dominos rebellarunt: quos pulsos Constantinus libenter accepit, et amplius trecenta millia hominum mixtae aetatis et sexus per Thraciam, Scythiam, Macedoniam, Italiamque divisit.

3. Jordanis d. reb. Getic. c. 22:

Gebericus primitias regni sui mox in Vandalica gente extendere cupiens contra Visumar eorum regem,... (die folgenden bereits anderwärts von uns angeführten Stellen gehören nicht hierher). Hic ergo Vandalis commorantibus bellum inductum est a Geberich rege Gothorum, ad littus praedicti amnis Marisae, ubi tunc diu certatum est ex aequali. Sed mox ipse rex Vandalorum Visumar magna cum parte gentis suae prosternitur. Geberich vero ductor Gothorum eximius superatis depraedatisque Vandalis ad propria loca, unde exierat, remeavit. Tunc perpauci Vandali, qui evasissent, collecta imbellium suorum manu, infortunatam patriam relinquentes, Pannoniam sibi a Constantino principe petiere, ibique per IX annos plus minus sodibus locatis, Imperatorem decretis ut incolae famularunt etc.

abgedruckte Stelle des Ammianus Marcellinus. Bei Darstellung der Feldzüge des Kaisers Constantius gegen die Sarmaten im Jahre 358 unterscheidet derselbe zuvörderst zwei anscheinend völlig getrennte Gemeinwesen (civitates) derselben:

1) die nördlichen, an die Quaden grenzenden in der Gegend von Pest;

2) die südlichen, in dem Winkel zwischen Donau und Theiß bis Peterwardein herab, die er Limigantes nennt.

Von erstern sagt er nun am Schluß des 12. Kapitels:

Mächtige und Edle waren einst (olim) die Eingeborenen dieses Reiches. Eine geheime Verschwörung aber waffnete die Sklaven (servos) zur Missetat. An wilder Kraft ersteren gleich, an Zahl überlegen, besiegten sie die Herren. Diese flohen zu den entfernteren Viktofalen, um lieber ihren Verteidigern zu gehorchen, als ihren Sklaven zu dienen.

Wiederum sechsundzwanzig Jahre rückschreitend berichtet nun der Anonym. Valesii von Constantins Zeit aus den Jahren 332 bis 334 in der Anm. 267 ebenfalls abgedruckten Stelle folgendes:

»Hierauf unternahm er (Constantin der Große) einen Krieg gegen die Goten, indem er den Sarmaten auf ihre Bitte Hilfe leistete. Da wurden von Cäsar Constantin dem Jüngeren deren gegen 100 000 durch Hunger und Kälte vernichtet. Da erhielt er auch Geiseln, unter welchen sich der Sohn des Königs Ariarich befand. Nachdem er so mit ersteren Frieden geschlossen, wandte er sich gegen die Sarmaten, die sich zweifelhafter Treue erwiesen. Die Sklaven der Sarmaten aber empörten sich wider ihre Herren, welche Constantin der Große gern aufnahm und deren mehr als 300 000 in Thrakien, Skythien (Dobrutscha), Makedonien und Italien verteilte.«

Von demselben(Sehr zweifelhaft. D.) Kriege nun handelnd (s. Anm. 267), bemerkt Jordanis (c. 22), daß der Gotenkönig Geberich den Vandalenkönig Visumar in einer Hauptschlacht besiegt habe: und das ist es, worauf Gibbon (Not. 43) die Vermutung stützt, die Sarmaten hätten einen Vandalenfürsten, asdingischen Geschlechts, zu ihrem Könige gewählt, weil Jordanis sonst mit den übrigen Quellen völlig unvereinbar sein würde. Dagegen verschweigt Jordanis den Krieg der Goten mit den Römern, wohl auch wegen der von ersteren erlittenen Niederlage, seiner bekannten Tendenz gemäß, gänzlich.

Eusebius endlich erwähnt (V. C. IV, 5) zunächst in höchst unklarer Weise der Niederlage der Skythen (d. i. Goten) und dann c. 6 des Aufstandes der Sklaven der Sarmaten gegen ihre Herren. Diese hätten erstere gegen die Skythen, welche ihnen den Krieg erklärt, bewaffnet. Nachdem aber diese Sklaven den Sieg erfochten, hätten sie sich gegen ihre Herren empört und diese vertrieben, worauf dieselben bei Constantin Aufnahme gefunden.

Die Wahrheit und Dichtung in dieser Erzählung weiterer Kritik vorbehaltend, gehen wir, obiges zum Teil wiederholend, zur eignen Darstellung über.

Das unbedeutende Jazygenvolk, schon unter Vespasian (Tac. Hist. III, 5) sich den Römern anschließend, kann seit Dakiens Eroberung wohl noch in einem Klientelverhältnis zu Rom sich erhalten haben. Wie hätte der große Trajan in Mitten des Reiches einen Feind dulden können? Auch der Kaiser Constantius sagt ja (nach Amm. Marc. a. a. O. c. 12), daß sie immer der Römer Klienten gewesen seien (ut semper Romanorum clientes). Mit dem markomannischen Krieg aber drangen nordöstliche Germanen, gotischen Hauptstammes, in das offene Land ein: da blieb den Jazygen nur die Wahl zwischen freiem Anschluß an diese wider Rom oder an Rom wider die Germanen, da neutrale Selbständigkeit im Zusammenstoß ihnen so überlegener Kräfte nicht mehr denkbar war.

Sie wählten ersteres: aus den Bundesgenossen mochten aber allmählich Gebieter werden.

Die Völker jener Zeit gönnten den Unterworfenen oft jedoch volle innere Freiheit, sogar eigne Könige, wie das bald selbst Attilas Beispiel ergeben wird. Daher kann denn auch jener zweite König, dessen Dexippus bei dem Frieden der Vandalen mit Rom gedenkt, füglich der der Jazygen gewesen sein.(Die erste Ausgabe nahm an, die »Herren« bei dem neuen gotisch-sarmatischen Mischvolk seien diese Germanen, die »servi« die Jazygen gewesen – was unhaltbar ist: privatrechtliche »Herren« wie privatrechtliche »Sklaven« waren Jazygen: dagegen fehlte es nicht an Fällen, in welchen germanische Fürsten (Quaden, vielleicht auch Vandalen) über unterworfene oder durch Bündnis abhängige Sarmaten staatsrechtliche Gewalt übten. D.)

Ammian unterscheidet, wie oben bemerkt ward, genau zwei sarmatische Sonderstaaten, spricht Kap. 12 lediglich von dem nördlichen, der an die Gebiete der Quaden und Viktofalen grenzte, und geht erst im 13. auf das südliche Volk, die Sarmati limigantes, über, bei denen er zwar auch der früheren Vertreibung ihrer Herren, aber nicht des Landes oder Volkes gedenktDie Stelle lautet: locorum confisi praesidio ubi lares post exactos dominos fixere securi., wohin sich letztere retteten, während Hieronymus in seiner Fortsetzung der Chronik des Eusebius vom achtundzwanzigsten Regierungsjahre Constantins ausdrücklich anführt, daß in diesem die Sarmatae limigantes ihre Herren, welche jetzt Arcaragantes genannt würden, auf römisches Gebiet vertrieben hätten.

Nach Tillemont (IV, S. 393) dessen Chronologie in der Regel diejenige Sicherheit gewährt, welche für jene Zeit überhaupt erreichbar ist, wurden die Goten am 20. April 332 von den Römern geschlagen, wonach der Beginn des Krieges ersterer gegen die Vandalen in das Jahr 331 zu setzen ist, erst im Jahre 334 aber die Herren der Sarmaten von ihren Sklaven vertrieben, was nach den zwischenliegenden Ereignissen: Friedensschluß und Abzug der Römer, Vorbereitung und Ausbruch der Verschwörung, sowie Dauer des gewiß harten Kampfes, vollkommen glaubhaft erscheint.

Dagegen bildet dieses Schriftstellers Geschichte derselben Ereignisse in Art. 70 (S. 392 u. f. und Art. 73, S. 405 u. f.) um deswillen ein merkwürdiges Gemisch von Wahrheit und Irrtum, weil ihm jede Nachricht einer christlichen Quelle, selbst einer späteren, ein Evangelium ist, vor dem alle Kritik zu verstummen hat. Desto klarer ist Gibbon. Darin aber, daß die Vandalen des Jordanis auf die Sarmaten des Anon., Eusebius und Ammian zu beziehen seien, stimmt mit ihm (und der ersten Auflage D.) auch Tillemont S. 307 überein, während jene beiden einen zweiten Krieg der Goten mit den Sarmaten im Jahre 334 annehmen, der von keiner Quelle bezeugt und an sich mehr als unwahrscheinlich ist.Der Anon. Valesii (s. Anm. 248), unsere einzige spezielle Quelle über diese Ereignisse, kennt nur einen Krieg zwischen Goten und Sarmaten. In diesem rufen letztere die Römer zu Hilfe, welche die Goten besiegen und dann Frieden mit ihnen schließen (pace firmata). Im folgenden Satze erwähnt er lediglich den Krieg der sarmatischen Sklaven gegen ihre Herren.

Tillemonts wunderbare Ansicht von dem zweiten Kriege der Sarmaten gegen die Goten gründet sich daher einzig auf Eusebius (V. C. 5 und 6). Dieser sagt (c. 5), Constantin habe die Skythen und Sarmaten an das römische Joch gewöhnt, das sie vorher immer abgeworfen. Weil es ihn schimpflich gedünkt, den von seinen Vorgängern den erstern (d. i. den Goten) entrichteten Tribut fortzuzahlen, sei er unter der Fahne des Erlösers gegen sie gezogen, habe die, welche ihm widerstanden, durch die Waffen bezwungen, den wilden Sinn der andern aber durch seine Gesandten besänftigt. Im 6. Kapitel fährt er fort: Gott selbst habe die Sarmaten ihm unterworfen. Diese hätten ihre Sklaven bewaffnet, um die Skythen zu bekämpfen, welche ihnen den Krieg erklärt. Nach dem Siege aber hätten diese sich gegen ihre Herren erhoben und solche vertrieben usw.

Weil nun Eusebius, dem Tillemont blind folgt, erst im 6. Kapitel von einem Kriege zwischen Goten und Sarmaten, im 5. aber schon von dem Kampfe zwischen Römern und Goten spricht, läßt er ohne weiteres auch den zwischen Geberich und Visumar, nach Jordanis Kap. 22, erst auf letztern folgen. Da jedoch, nach des Anon. bestimmtem Zeugnisse, der Krieg zwischen Römern und Goten nur eine Folge des dieser letzteren mit den Sarmaten war, weiß er sich nicht anders zu helfen, als daß er (S. 393 und 407) zwei Kriege zwischen Goten und Sarmaten annimmt.

Wer nur einen Blick auf des Eusebius fragliche Schrift geworfen hat (s. Anm. 248), der wird über die Verwirrung und die Anachronismen derselben in Bezug auf politische Geschichte außer Zweifel sein, wie denn Eusebius unter anderem (I, c. 48) von den Decennalien Constantins (315 oder 316), c. 50 von der Kriegserklärung des Licinius gegen jenen (314), c. 57 von Maximians, d. i. des Galerius Widerrufsedikt (311), c. 58 und 59 von Maximins Krieg und Tod (313) handelt, und endlich II, c. 3–18 wiederum weitläufig auf den schon vorher erwähnten Krieg Constantins gegen Licinius (314) zurückkommt, den er diesmal aber im Widerspruch mit I, 50 von Constantin ausgehen läßt.

Merkwürdig bleibt dabei nur, wie sich der sonst so kritische Gibbon diesmal durch seinen Vorgänger hat blenden lassen.

Von dem, was sich an einzelnem in obigen Begebenheiten noch in den Quellen findet, halten wir nur folgendes für sicher und wichtig genug, hier Erwähnung zu verdienen.

Der Sieg über die Goten ward unzweifelhaft durch des Kaisers ältesten Sohn Constantin den Jüngern erfochten (Anon. Val. u. Julian Or. I. ad Const.), doch scheint sich der Vater, seiner Abwesenheit bei dieser Schlacht unerachtet, sonst doch persönlich am Kriege und namentlich bei dem Friedensschluß beteiligt zu haben.

Zosimus, der in der Geschichte dieses Zeitabschnittes fast nur von Constantins Person handelt, sagt (am Schluß von II, 31) nachdem er von Einrichtung der neuen Residenz gesprochen: »Constantin habe von dem an keinen Krieg weiter geführt (wahrscheinlich meint er in Person). Als ihn die Taifalen einst mit fünfhundert Reitern angegriffen, habe er sich diesen nicht allein nicht entgegengestellt, sondern sich auch, nach Verlust eines großen Teils seiner Truppen, als er sie bis an den Wall (d. i. des Lagers) heran alles verwüsten sah, nur mit Mühe durch Flucht gerettet.«

Diesen jedenfalls dem Kriege vom Jahre 332 angehörenden, von keiner anderen Quelle erwähnten Vorfall, unter dem wir uns vielleicht einen unerwarteten Überfall von Constantins Bedeckung auf dem Marsche zu denken haben, benutzt Zosimus, einen Vorwurf auf den bitter Gehaßten zu werfen. Dadurch aber unterscheidet sich ja eben der Feldherr vom Abenteurer, daß jener zwar um großer Zwecke willen persönliche Gefahr nicht achtet, nutzlose Preisgebung aber vermeidet.

Constantin Porphyrogenetes (de administrat. imper. c. 53) berichtet von einer durch die Völker des Chersones (der Krim) auf Constantins Anstiften gegen die Goten (vermutlich um die Ostgoten vom Zuzuge abzuhalten) unternommenen Diversion, welche in das Jahr 332 zu setzen sein dürfte, und ihnen durch Ehrenbezeigungen, Zollbefreiungen und Naturalspenden reichlich vergolten worden sei. Die Nachricht ist wahrscheinlich, aber nicht wichtig und beglaubigt genug, um nähere Beachtung zu verdienen. (Vergl. den ähnlichen Vorgang unter Diokletian S. 279.)

Von dem Frieden mit den Goten wissen wir nichts Näheres. Nach Jordanis Kap. 21 hat jedoch Constantin ein Födus mit ihnen geschlossen, was ihnen den Namen Foederati verschafft und bis zu des Jordanis Zeit bestanden habe.

Nach dessen Worten soll dies bereits vor jenem Krieg unter den Gotenkönigen Ariarich und Aorich erfolgt sein. Des Jordanis Auszug aus Cassiodor ist jedoch, zumal in Nebenumständen, viel zu unverläßlich, um darauf mit voller Sicherheit fußen zu können. Mindestens ist es ungleich wahrscheinlicher, daß jenes Födus den Krieg beendet habe, als daß es ihm vorausgegangen und sofort gebrochen worden sei. Ein solches war in der Regel mit einer jährlichen Geldzahlung verknüpft und wenn Eusebius (V. C. IV, 5) umgekehrt sagt, daß der Krieg durch Constantins Weigerung, den bisherigen Tribut fortzuzahlen, veranlaßt worden sei, so ist dies sicherlich wieder eine von dessen zahlreichen Entstellungen der Wahrheit, die aus einer vorübergehenden Einstellung oder irgendeiner Veränderung in der Form der Zahlung hergeleitet worden sein dürfte.Die Bestätigung dieser Nachricht durch spätere Kirchenhistoriker beweist nichts, da diese in der Regel nur Eusebius nachschreiben.

Dunkel und widerwärtig ist die tragische Geschichte der kaiserlichen Familie in dieser Zeit.

Bald nach der Feier von Constantins zwanzigjähriger Regierung, in der Mitte des Jahres 326 zu Rom, an welcher dessen Sohn Crispus wahrscheinlich noch teilnahm, beschloß jener den Tod des jugendlichen Helden, der, des Volkes Stolz, auch der des Vaters hätte sein sollen. Zu Pola in Dalmatien ward er umgebracht.

Über Familiengreueln schwebt oft ein unerforschliches Dunkel. Alle Quellen, christliche wie heidnische, gedenken der Tat: des Grundes nur Zosimus (II, 29), der den Verdacht unerlaubten Umganges mit seiner Stiefmutter Fausta auf ihn fallen läßt (εις υποφίαν ελθόντα τοὺ Φαύστη τη̃ μητρυία συνει̃ναι) und die Epitome des Aurelius Victor, nach welcher man letztere für die Anstifterin gehalten habe (Fausta conjuge, ut putant, suggerente). Beide Zeugnisse widersprechen sich, da nach ersterem Fausta die Mitschuldige, nach dem zweiten die Anklägerin, und zwar eines nicht angegebenen oder auch nur angedeuteten Verbrechens gewesen sein soll. Es ist daher reine Willkür, wenn man auf Grund der Epitome Fausta zu einer Phädra gemacht hat, welche, für den Stiefsohn entbrannt und von ihm verschmäht, durch die Anklage, daß er ihr nachstelle, sich gerächt habe. Zosimus macht sein Haß gegen Constantin überdies zu einer höchst verdächtigen Quelle.

Bleibt hier daher nichts als Vermutung, so können wir zwar die fertige Geschichte, die Gibbon (Kap. 18, Not. 9–26) auch diesmal wieder bringt, ebenfalls nicht billigen, finden aber wenigstens mehr Geist darin, als in Mansos Tadel derselben (S. 53 u. f.).

Auch wir halten es für wahrscheinlich, daß Crispus durch seine Siege und Verdienste sowie durch die allgemeine Bewunderung und Verehrung, welche ihm gezollt wurden, des Vaters Eifersucht erregt habe und aus solcher Mißstimmung Kälte und Zurücksetzung hervorgegangen seien. Hierdurch verletzt mag auch der Sohn seine Gefühle nicht besonnen genug verborgen und dadurch einem wachsenden Mißverhältnisse Raum gegeben haben, dessen sich die am römischen Hofe jederzeit blühende, niederträchtige Verleumdungssucht bemächtigte, die verblendete Leidenschaft des Vaters zur Wut zu steigern. Woran die Verleumdung sich heftete, wissen wir nicht; näher aber liegt gewiß, daß man Crispus eines Buhlens um die Macht als um die seit neunzehn Jahren verheiratete Gemahlin des Vaters zu verdächtigen suchte. Daß letztere übrigens bei der Intrige mitwirkte, ist, abgesehen von obiger Stelle der Epitome, nach der Strafe, welche sie später traf, nicht zu bezweifeln: ihr Motiv aber dürfte weit natürlicher in der Mutterliebe für ihre Söhne zu suchen sein, deren Thronfolge sie durch des Stiefsohns bedeutende Persönlichkeit gefährdet erachtete, als in dem Stolz und Haß der gekränkten Frau, welche ihre ehebrecherische Leidenschaft zurückgewiesen sah.

Nur eines: der ungeheuere Frevel dieses Mordes ist als zweifellos anzusehen, da es noch im letzten Jahre der von Eusebius selbst herrührenden, von Hieronymus nur übersetzten Chronik heißt: Crispus, Constantins Sohn und der jüngere Licinius wurden auf das Grausamste (crudelissime) umgebracht.

Die Wahrscheinlichkeit eines politischen Motivs dürfte auch durch die nach Eutrop und des Eusebius Chronik bald darauf erfolgte Tötung von des Licinius Sohn, Constantins Neffen, erhöht werden, da für Umbringung dieses elfjährigen Knaben persönliche Motive doch kaum vorhanden gewesen sein können.

Schmerz und Rachedurst ergriff Helena, Constantins fast achtzigjährige Mutter, die zur Zeit der Tat wohl abwesend war, bei dem Verlust des geliebten Enkels, während auch in des Vaters Seele dem Jähzorne der Leidenschaft beschämende Reue gefolgt sein mag. Der Einfluß ihrer gewiß bedeutenden Persönlichkeit auf den Sohn muß ein großer gewesen sein. Leicht möglich auch, daß Fausta von der verderbten sinnlichen Begier vornehmer Römerinnen jener Zeit nicht frei war und davon nun Grund zu deren Anklage genommen wurde. Genug: Constantin ließ sie, um die Mutter zu befriedigen, in einem heißen Bade ersticken, eine Untat, wie Zosimus sagt, durch eine größere wieder gutmachend. (Zosim. II, 29; Epitom. A. Vic, c. 41, 12.)

Auch »zahlreiche Freunde« (numeroses amicos, Eutrop. X, 6) fielen darauf seiner erwachten Mordlust, was kaum außer Zusammenhang mit dem vorher Erwähnten gestanden haben kann und die Vermutung über den politischen Anlaß zu des Crispus Tötung noch mehr bestätigen würde, wenn Eutrop es nicht ausdrücklich erst nach der von Fausta erwähnte. Es scheint daher mehr deren Mithelfer bei der gegen den Stiefsohn gespielten Intrige getroffen zu haben.

Gewiß in Verbindung mit jenen Ereignissen aber stand die noch im Jahre 326 angetretene Reise Helenens nach dem gelobten Lande. Dem Sohne mochte ihre Gegenwart drückend, der Mutter diese mit höchsten Ehren und fast unbeschränkter Verfügung über Staatsgelder ausgestattete Sendung anziehend und schmeichelhaft sein. Sie wirkte bei Entdeckung der Grabstätte und des wahren Kreuzes des Herrn mit – wobei erstere ohne Schwierigkeit, letzteres aber nach Sokrates (I, 17) nur durch ein Wunder ermittelt wurde – baute Kirchen auf dessen Geburts- und Himmelfahrtsstätte, sammelte eine Fülle heiliger Reliquien und starb bald nach ihrer Rückkehr. Die Kirche hat ihren frommen Eifer durch Heiligsprechung geehrt.

Unzweifelhaft war das Wichtigste in der Zeit, da der Kaiser, nachdem alle inneren und äußeren Feinde zu seinen Füßen lagen, ungeteilte Sorge dem Wohle des Volkes und der Kirche, zugleich aber freilich auch seinem Nachruhme widmen konnte, die Verwaltung des Innern. Wir erwähnen hier zuerst die Gründung der neuen Residenz, eine Tat, deren Nachwirkung bis in die Gegenwart hineinreicht.

Nicht die im byzantinischen Reiche fortvegetierenden Reste alter Staats- und Kriegskunst, nur die wunderbare Lage der Hauptstadt haben die letzten Trümmer der alten Welt, den letzten Herd antiker Kunst und Wissenschaft, bis zum Jahre 1453 erhalten, bis der Boden des Abendlandes tragbar für die klassische Aussaat geworden war. Wie ungleich ärmer wären wir, wenn Rom oder selbst Nikomedien des Reiches Hauptstadt geblieben wäre.

Es gibt auf der ganzen Erde nur ein Konstantinopel.

Zwei Weltteile verbindend, an einem offenen überaus fischreichen Meere von zweihundert Quadratmeilen, das nach Nord und Süd durch uneinnehmbare Pforten gesperrt ist, mit einem ausgezeichneten Hafen, von der Landseite die Füglichkeit einer verhältnismäßig kurzen und erleichterten Befestigung bietendDie Lage von Byzanz war es auch, welche Septimius Severus, den Zerstörer der Stadt, nach Zosimus (II, 30) schon wieder zu deren Wiederherstellung bewog. Auch Tacitus XII, 63 setzt der Lage von Byzanz ein Ehrendenkmal, indem er dabei anführt, der pythische Apoll habe die Gründer von Chalkedon (Byzanz gegenüber) als Blinde bezeichnet, weil sie jenes vor Augen das Schlechtere erwählt hätten. Bestätigung unserer Hauptansicht haben wir übrigens fast allein in dem geistreichen Werke des Prinzen (Duc) Albert von Broglie, l'eglise et l'empire Romain au IV indisieren oder – siecle I, 2, S. 261 gefunden., ist es vor allem auch diese Lage, welche jetzt noch das innerlich verfaulte Türkenreich, den »kranken Mann« unserer Tage(Geschrieben 1860; gilt wohl auch noch 1880. D.), erhält, weil keine der europäischen Großmächte den Besitz dieser Stadt einer andern gönnt.

Häufig, oft jahrelang belagert, ward Konstantinopel doch vor Mohammed II. in 1125 Jahren nie von einem äußern Feinde allein eingenommen.Die Eroberung durch die Lateiner im Jahre 1204 hing mit einem Bürgerkrieg im Inneren zusammen. Nahe sechzig Jahre herrschten dort die Abendländer: aber, soviel uns bekannt, damals noch ohne Frucht für Kultur und Wissenschaft, wofür es ihnen an heftigem Sinn gebrach.

Das Todesurteil über die alte Residenz Rom hatte schon der weise Diokletian ausgesprochen und Nikomedien erwählt, dessen durch eine lange Bucht mit dem Marmarameer verbundene Lage ebenfalls eine sehr glückliche, der von Byzanz aber doch auf keine Weise vergleichbar war, da es namentlich zur Verteidigung des damals noch wichtigsten, zugleich aber gefährdetsten Reichsteils, des europäischen, völlig ungeeignet gewesen wäre. Gleichwohl soll Constantin, nach des Zosimus bestimmter Versicherung (II, 30), zuerst die Gegend zwischen dem alten und neuen Troja (Alexandria Troas) zur neuen Residenz ersehen haben, ja die daselbst begonnene Mauer noch zu dessen Zeit sichtbar gewesen sein. Bald darauf aber habe ihn das gereut und die Lage Konstantinopels, welche er bewundert, seine Wahl entschieden.

Wohl mag der mythische Zauber, der an dem Namen Trojas, der sagenhaften Mutterstadt Roms, haftete, den Gedanken in Constantin erzeugt haben, den Bruch mit den geheiligtsten Erinnerungen, der in dem entschiedenen Aufgeben der alten Residenz lag, durch Erhebung von deren vermeinter Wiege zur Weltstadt zu sühnen: aber auch ein ungleich blöderes Auge als das seinige, hätte den Mißgriff bald erkennen müssen. Die Stätte lag am Ausgang des Hellespont: und selbst wenn der Plan auf dessen Sperrung und Gründung einer gegenüberliegenden Stadt am europäischen Ufer gerichtet gewesen wäre, blieb er immer im Vergleich zu Byzanz ein schlechter.

Dem welthistorischen Moment in Konstantinopels Gründung waren wir diese Hervorhebung schuldig; topographische Details über die alte und neue Stadt, mit denen Gibbon sein 17. Kapitel beginnt, gehören nicht hierher.

Genug, daß Constantin seine neue, anscheinend im Jahre 328 begonnene Schöpfung am 11. Mai 330, selbstredend noch unvollendet, feierlich einweihte (Idatius Descr. Consul. J. 330; Chronic. Paschale I, p. 529 der Bonner Ausg.), unermeßliche Summen auf öffentliche und Privatgebäude verwendeteNach Codinus, einem noch am byzantinischen Hofe lebenden Schriftsteller der ersten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts, der mindestens gute Quellen haben konnte, für Mauern, Säulengänge und Wasserleitungen allein über sechzig Millionen Mark. (Antiquit. Constant., S. 11.) und zu deren Schmucke mit Statuen und Kunstwerken alle Städte des Reichs, vor allem Griechenlands und Kleinasiens, namentlich auch die heidnischen Tempel, plünderte. Nicht mindere Schwierigkeit als der Bau, zu dessen Förderung noch im Jahre 334 die Errichtung von Bauschulen selbst in Afrika angeordnet ward (Cod. Theod. XIII, 4, 1), mag die Herbeischaffung der Bevölkerung geboten haben. Eiserner Wille und Geld wußten auch diese zu besiegen: Getreide- und andere öffentliche Spenden, Arbeitsverdienst, wie die Genüsse des Müßiggangs lockten die Ärmeren, Freigebigkeit und der Zwang kaiserlicher Wünsche die Reichen und Großen herbei.

Die Stadtverfassung ward nach Roms Muster geordnet, auch ein Senat errichtet, Doch blieb das Konsulat in Rom, wie denn Constantin auch nie daran gedacht hat, die Tiber-Stadt ihres, wenn auch nur noch idealen und historischen, Vorranges als Welthauptstadt jemals ausdrücklich zu entkleiden.

Constantins Ruf erfüllte den Erdkreis. Sehr glaublich daher, daß Gesandtschaften selbst der entferntesten Völker, wie Inder und Äthiopen, mit reichen Geschenken vor ihm erschienen, wie dies Eusebius (IV, 7) als Augenzeuge versichert.

Nur von Persien her drohte ein verhaltenes Ungewitter. Nicht die Aufnahme und Auszeichnung indes, welche des Narses Enkel und Hormisdas des Zweiten ältester Sohn, Hormisdas der Jüngere, bei Constantin gefunden, als er, der Thronfolge beraubt und eingekerkert, auf wunderbare Weise im Jahre 323 oder 324 zu Constantin entflohen war (Zosim. II, 27), sondern der Groll um den Verlust von fünf Provinzen, welche Galerius seinem Großvater entrissen, gärte in der Seele des kriegerischen Sapor des Zweiten. Gleichwohl heuchelte auch dieser, die Kriegsrüstung zu verbergen, Frieden und Freundschaft, Constantin im Jahre 333 oder 334 mit einer Ehrengesandtschaft beschickend. Erst gegen Ende des Jahres 336 oder Anfang 337, also kurz vor Constantins Tode, forderte er jene Provinzen zurück und begann, zurückgewiesen, den Krieg, der, unsicheren Anfangs, erst der Geschichte der folgenden Regierung angehört.

Fühlte sich auch Constantin der mühsam erlangten Gesamtherrschaft über das Reich gewachsen, so erkannte er doch gewiß die Weisheit, ja die Notwendigkeit von Diokletians Reichsordnung, ernannte daher seine Söhne zu Cäsaren, nicht nur, um sich treue und gehorsame Organe zu schaffen, sondern unstreitig auch im Hinblick auf die einstige Thronfolge. Von Crispus und Constantin II. ward dies bereits oben erwähnt; im Jahre 323 ward Constantius, sein anderer Sohn zweiter Ehe, sechs- bis siebenjährig, im Jahre 333 der jüngste, Constans, ungefähr dreizehnjährig, dazu berufen. Dies kann nur Titel gewesen sein: doch hat Constantin seine Söhne sobald irgend möglich mit Staats- und Kriegsangelegenheiten beauftragt, wie denn Constantin II. im Jahre 332 siegreich gegen die Goten focht und Constantius damals an dessen Statt, wiewohl erst fünfzehnjährig (wohl unter einem tüchtigen Führer), nach Gallien gesandt ward. (Julian Orat. I. p. 20 der Pariser Ausg. von 1630.) Erst im Jahre 335 scheint er ihnen bestimmte Reichsteile überwiesen zu haben.

So natürlich dies erschien, so fiel es doch auf, daß er dabei im Jahre 335 auch seinen Neffen Dalmatius, den Sohn seines ältesten Halbbruders gleichen Namens, der einen Aufstand auf Kypros unterdrückt hatte, gleichfalls zum Cäsar ernannte.

War es die von Eutrop (X, 9) gerühmte besonders glückliche Anlage dieses dem Onkel nicht unähnlichen jungen Mannes, die ihm Constantins Wohlwollen gewann oder der dringende Wunsch der Truppen (Aurel. Vict. d. C. c. 41, 14), – regte sich dabei vielleicht auch ein Billigkeitsgefühl gegen den Stamm seiner Halbbrüder, welche, gleichen, wo nicht durch ihre Mutter Theodora, Maximians Tochter, höhern Rechtes als er selbst, durch ihn gleichwohl von der Thronfolge ausgeschlossen worden waren, – oder schwebte ihm dabei nur Diokletians Anordnung vor: – wir wissen es nicht. Gewiß ist aber, daß die nach des Crispus Tod jenen Cäsaren zugewiesenen Reichsteile dieser letztern entsprachen.

Das Land jenseits der Alpen, weiland seines Vaters Bezirk, gab er Constantin II.; das Maximians, Italien und Afrika, Constans; die Donaulande erhielt, wie einst Galerius, nun Dalmatius, und den von Diokletian damals vorbehaltenen Orient Constantius; alle freilich, insbesondere der noch völlig unreife Constans, nicht mit der Selbständigkeit der frühern Cäsaren, sondern nur als Werkzeuge in der Hand des alleinigen unbeschränkten Gesamtherrschers.

Zugleich verlieh er seinem zweiten Neffen, des Dalmatius Bruder, Annibalianus, königliche Gewalt in der Provinz Pontus mit Kappadokien und Kleinarmenien, wahrscheinlich, wie nach diesem Titel zu schließen ist, da es ja früher schon viele untergeordnete Könige im Reiche gegeben hatte, mehr nach Art eines Paragiums, als mit voller Souveränität, worin wir nur einen Ausfluß der oben angedeuteten Pietät erkennen können, die sich jedoch auf seinen zweiten Halbbruder, Julius Constantius, nicht erstreckt hat. (Anon. Vales. a. Schl. u. Zosimus II, 39.)

Diese Anordnung soll nun Constantin nach Sokrates (I, 39) und Sozomenos (II, 34) durch sein Testament, das er einem arianischen Priester übergeben, bestätigt haben.

Was Constantin in Behördenorganisation, Militär- und Finanzwesen im Geiste Diokletians wirkte, ward, so weit es sich mit Sicherheit auf ihn zurückführen läßt, schon oben entwickelt. Unzweifelhaft hat sich derselbe großes und glänzendes Verdienst durch konsequente und verständige Fortbildung der geschilderten Staatsreform erworben.

Nur zwei von Zosimus (II, 34 u. 38) ihm gemachte schwere Vorwürfe sind hier nicht zu übergehen.

Constantin soll den von Diokletian so trefflich eingerichteten Grenzschutz mutwillig zerstört haben, indem er den größten Teil der Soldaten aus den Grenzfestungen und Lagerburgen weggezogen und in Städte, die des nicht bedurften, verlegt, diese den Brutalitäten der Soldaten preisgegeben, letztere aber verweichlicht habe, so daß hierdurch der Grund zu Roms Untergange gelegt worden sei.

Unglaubliche Verblendung der Leidenschaft dieses sonst nicht Übeln, nur mit Haß wider Constantin erfüllten Schriftstellers. Nie, selbst unter Diokletian nicht, hat sich das Reich einer so großen, vor allem dauernden Sicherheit gegen äußere Feinde zu erfreuen gehabt. Die Maßregel, welche Zosimus so bitter schmäht, war sonder Zweifel nichts anders als die Bildung der oben abgehandelten pseudocomitatensischen Legionen. Ein Teil der Linienarmee, ungefähr derselbe, der später die palatinischen Truppen umfaßte, deren Stärke in Buch 2, 11. Kap. angegeben ist, mag von jeher in oder bei den Hauptstädten des Reichs in der Nähe der Herrscher und kommandierenden Generale stationiert gewesen sein, der Rest derselben aber, vielleicht nahe drei Viertel, nur an der Grenze in Festungen und Lagerburgen gelegen haben, teils um den Grenzdienst unmittelbar zu versehen, teils um der kolonisierten Grenzmiliz zum Soutien zu dienen. Aus diesem mußten nun aber selbstredend die Hauptstreitkräfte für jeden großen Krieg entnommen werden, deren Zusammenziehung bei solcher Zerstreuung schwierig und aufhältlich war, während andererseits bei deren Abmarsch die Entblößung der Grenze sichtbarer hervortrat.

Hier traf nun Constantin die Einrichtung, den größten Teil derselben, wie Zosimus ausdrücklich sagt (nach der Not. dign. etwa zwei Drittel), von der Grenze zurück, mehr in das Innere zu verlegen, welche man nun comitatenses nannte, den kleinern aber, die pseudocomitatenses, allein zu bleibender Grenzbewachung zu bestimmen.

Dies mochte der durch furchtbare Züchtigungen und den Schreck seines Namens gesicherte Zustand der Grenze damals gestatten, während handgreifliche militärische und disziplinare Rücksichten eine stärkere Konzentrierung der Linienarmee empfahlen.

Des Zosimus weitere Gründe, welche nur den Beweis liefern, daß ihm jedes militärische Urteil abgeht, hier zu erörtern, würde müßig sein. Waren namentlich die Bewohner größerer Städte den Bedrückungen der Soldaten ausgesetzt, so mußten es doch vorher die der kleineren Städte und des platten Landes ungleich mehr gewesen sein.

Der fiskalische Druck, als dessen Urheber und weiteren Erfinder Lactantius (d. m. p. c. 7 u. 23) Diokletian und Galerius, Zosimus aber (II, 38) Constantin anklagt, ward bereits oben erwähnt und im Wesentlichen zugestanden. Daß auch Constantin, als er zur Befriedigung seiner Baulust und übergroßen Freigebigkeit ungeheurer Summen bedurfte, dawider vielleicht nicht so energisch eingeschritten sein mag, als eines guten und weisen Herrschers Pflicht erfordert hätte, würde zu tadeln sein. Ihn allein und vorzugsweise aber des fiskalischen Druckes anzuklagen, ist um so ärgere Verblendung oder Unwissenheit, da gerade umgekehrt Constantin durch ein an das ganze Volk erlassenes Edikt oder Manifest (C. Just. X, 19, 2) die Anwendung von Kerker, Schlägen oder andern Zwangsmitteln gegen Steuerrestanten, »welche die Unverschämtheit der Richter erfunden«, verboten und die Beitreibung auf die noch heute üblichen Exekutionsmittel beschränkt hat, wie denn auch Aurelius Victor (c. 41, 4) ihm Unterdrückung der fiskalischen Plackereien nachrühmt. Ja er soll sogar nach Eusebius (V. C. IV, 2) die Grundsteuer um ein Vierteil ermäßigt haben, was, wenn auch vielleicht entstellt und übertrieben, doch unmöglich ganz unwahr sein kann. Mag dessen unerachtet, besonders in der spätern Zeit, wohl noch mancher Mißbrauch vorgekommen sein, so ist doch mindestens das Verschweigen obigen Gesetzes durch Zosimus unverantwortlich.

(Schwerer wiegt ein anderer Vorwurf: Julian beschuldigt ihn Amm. Marc. XXI, 10), zuerst massenhaft Barbaren, zumal Germanen, in den höchsten Zivil- und Militärdienst des Reiches befördert zu haben: das war freilich die Barbarisierung des Reichs von Innen heraus, die Anerkennung, daß die Römer dem Reich nicht mehr genügten: aber er hat nicht angefangen, nur vielleicht gesteigert, was nicht mehr zu vermeiden war und was auch Julian tat und tun mußte. D.)

Aufzählung und Kritik von Constantins Gesetzen gehört nicht hierher. Eutrop sagt darüber (X, 8) im Allgemeinen: »Gesetze gab er viele, einige gut und billig, mehrere überflüssig, einige hart.«

Dies ist in der Tat richtig. Besonders das Jahr 320 zeichnet sich hierin aus, in welchem er außer dem vorstehend gegen die Greuel des römischen Gefängniswesens schritt. (C. J. IX, 4, 1–3.)

Auch was er zu Gunsten armer Schuldner und zur Erleichterung letztwilliger Verfügungen sowie zum Besten der natürlichen Kinder (aus Nov. 89 zu folgern) verfügte, zählt hierher.

Wahrhaft drakonisch dagegen ist das Gesetz gegen gewaltsame Entführung von Jungfrauen und Ehefrauen (C. Th. IX, 24 u. 25), das Todesstrafe und Vermögensentziehung nicht nur für den Entführer, sondern auch für alle Mithelfer desselben verordnete, ja selbst die Entführte ihres elterlichen Erbes beraubte.

Wir haben darin einen Ausfluß kaiserlicher, unstreitig durch prägnante Fälle gereizter Laune zu erblicken.

Überhaupt war er gegen alle Keuschheitsvergehen streng: auf unerlaubten Umgang einer Herrin mit ihrem Sklaven setzte er einfache Todesstrafe für erstere, den Flammentod für letztern. (C. Th. IX, 9 1. un. u. Just. IX, 11.) Die nach römischer Sitte erlaubten Konkubinate verbot er gänzlich (C. J. V, 26).

Auch anderes ging aus christlicher Anschauung hervor: wie z. B. das Gesetz wegen beinahe gänzlicher Abschaffung der Strafen der Ehelosigkeit (C. Th. VIII, 16).

Daß Constantin gleichwohl Diokletians gesetzgeberische Tätigkeit nicht erreicht, ward bereits oben bemerkt.

Wir kommen zum Schluß seiner Geschichte.

Am 25. Juli 335 beging Constantin zu Konstantinopel die dreißigjährige Feier seiner Regierung, zu welcher Eusebius seine noch vorhandene Lobrede auf ihn hielt.

In der Osterwoche 337 erkrankte der Kaiser und starb am letzten Pfingstfeiertage, d. i. den 22. Mai desselben Jahres zu Nikomedien, nachdem er kurz vorher daselbst die heilige Taufe empfangen.

Keiner seiner Söhne war um ihn: der nächste derselben, Constantius, den er herbeirief, kam erst nach seinem Tode an.

Seine Regierung brachte er auf dreißig Jahre, neun Monate und zwei Tage, sein Lebensalter (angenommen, daß er am 27. Februar 274 geboren ward) auf dreiundsechzig Jahre, zwei Monate und fünfundzwanzig Tage.

So lange hat, außer Augustus, dem Gründer der Monarchie, kein römischer Kaiser vor und nach ihm regiert.

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