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Geschichte der Völkerwanderung

Felix Dahn: Geschichte der Völkerwanderung - Kapitel 31
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Völkerwanderung
authorFelix Dahn
firstpub1880
year1997
publisherPhaidon Verlag
addressEssen
isbn3-88851-198-4
titleGeschichte der Völkerwanderung
created20051128
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III. Das Postwesen (cursus publicus)

Diese schon von August errichtete, von Trajan und Hadrian vervollkommnete, jedoch nur für den Staatsbedarf bestimmte Anstalt umfaßte eine Reit- und Fahrpost, von der jedoch das schwere Frachtfahrwesen zu Land und Wasser für Getreide, Bekleidungsgegenstände etc., das unter den betreffenden Finanzministerien stand, gesondert war.

Die oberste Aufsicht über dasselbe stand nach der Not. dign. dem Magister officiorum zu, unter welchem der Oberpostinspektor aufgeführt wird, was für spätere Zeit auch durch die Formel in Cassiodors Variar. (VI, 6) und Lydus (III, 21) bestätigt wird. Auch kam nur diesem und den Praefectis Praetorio in ihren Bezirken das Recht zu, Postpässe (synthemata, tractatoriae) auszustellen, auf deren Grund allein die Post benutzt werden durfte. Nur die beiden Finanzminister konnten dergleichen je nach ihrem Bedarf verlangen: für alle übrigen Militär- und Zivilbeamten war die Zahl der ihnen jährlich gestatteten Reisen mit Benutzung der Post (evectiones) je nach der Größe ihres Bezirks bestimmt, wie denn z. B. im Ostreiche dem Magister militum per orientem deren fünfundzwanzig, jedem der übrigen Magistri militum aber nur fünfzehn zukamen.

Bei jedem Amte findet sich in der Notitia des Ostreichs unter III. die Zahl der Evectionen, wobei jedoch die Ziffer in den Handschriften häufig nicht mehr leserlich war, angegeben, während in der des Westreichs jede Angabe darüber fehlt. (S. Böck. Not. dign. Vorr. p. XV.)

Wenn der Kaiser Senatoren oder Personen aus der Provinz zu sich berief (evocati), ward auch diesen sowie den zu Konzilien reisenden Bischöfen die dazu nötige Postfuhre gewährt.

Constantin der Große scheint seine Sorge für das Postwesen vorzüglich auf Abstellung der dabei eingerissenen zahlreichen Mißbräuche gerichtet zu haben, was aus den von ihm erlassenen zum Teil in die kleinlichsten Details eingehenden gesetzlichen Bestimmungen hervorgeht, z. B. daß man nur Peitschen, nicht Stöcke, zum Antreiben der Pferde gebrauchen dürfe. (S. C. Theod. VI, 29 de curiosis und VIII, 5 und Just. XII, 51.)

Unzweifelhaft waren außer dem allgemeinen Oberpostinspektor auch die im Lande stationierten curiosi zur Überwachung verpflichtet, ganz besonders aber nach Lydus (III, 22) der in den Kanzleien der Praefecti Praetorio angestellte princeps.

2) Das Rang- und Titelwesen.

In demselben Maße, in welchem Vaterlands- und Ehrgefühl bei den Römern sanken, steigerten sich Eitelkeit und Hoffahrt.

Constantin scheint die bis zur Manie gewordene Rang- und Titelsucht der Römer politisch verwertet zu haben, da wir nach der von Eusebius (Leben Const. d. Gr. IV, 1) darüber gegebenen Andeutung die neue Rangordnung im Wesentlichen auf ihn zurückzuführen haben. Die Titel selbst waren jedoch zum Teil wenigstens nicht neu, da die Senatoren namentlich schon früher als clarissimi bezeichnet wurden. (S. D. I, 9, 8. Hist. Aug. Heliogab. c. 4 und Aurelian c. 18.)

Anspornung des Diensteifers sowie der Gewinn des Fiskus durch die gewiß, besonders bei Gnadenverleihungen, sehr bedeutenden Sporteln war das Motiv der neuen Einrichtung.

Einen gewißermaßen exemten Rang außer und über der Beamtenhierarchie hatten die schon erwähnten Konsuln, Patricii und nobilissimi.

Die oberen Klassen der Staatsdienerschaft waren nun folgende:

1) Die Illustres, welche in zwei oder mehrere Unterabteilungen zerfielen.

a) Die Praefecti Praetorio, die der beiden Hauptstädte, die magistri militum und der Oberkammerherr, von denen die drei ersteren unter sich, wenigstens nach einem Gesetze vom Jahre 372, nach dem Dienstalter rangierten, was im Jahre 422 auch auf den Oberkammerherrn erstreckt ward. (C. J. XII, 4, 1 und V, 1.)

b) Die vier Staatsminister, von denen jedoch wiederum der Mag. officiorum und der quaestor den Finanzministern vorgingen (C. Theod. VI, 8 und 9, 1); unter beiden Kategorien entschied das Dienstalter.

2) Die Spectabiles.

Die Not. dign. führt sie in folgender Ordnung auf:

a) die comites domesticorum et protectorum, wenn diese nicht illustres waren;
b) den primicerius sacri cubiculi } Hofchargen
c) den castrensis sacri palatii }
d) den primicerius notariorum;
e) die magistri scriniorum, Unterstaatssekretäre;
f) die Prokonsuln von Asien, Afrika und Achaja;
g) die Vicarien, unter denen der comes orientis und praefectus augustalis im Orient die ersten waren;
h) die kommandierenden Generale in den Provinzen, unter denen die comites den duces vorgingen.

Ob deren Rangordnung unter sich die vorstehende, der Not. dign. entnommene war, oder ob einige derselben, etwa b) c), so wie d) und e), unter sich nach dem Dienstalter rangierten, wissen wir nicht, halten aber ersteres für wahrscheinlicher.

3) Die Clarissimi, und zwar

a) die Consularen }
b) die Praesides } Statthalter der Provinzen;
c) die Korrektoren }
d) die cubicularii;
überdem alle Senatoren.

4) Die Perfectissimi, von denen nur die Provinzialstatthalter des Westreichs mit dem Titel praesides in der Not. dign. erwähnt werden, während diese im Ostreiche ebenfalls clarissimi sind und sogar den Korrektoren vorgehen.

Indes scheint gerade das Perfectissimat häufig auf Nachsuchen, gegen gewiß bedeutende Zahlung, verliehen worden zu sein. (S. C. Just. XII. Tit. 33 de perfectissimatus dignitate, wobei man sich hüten muß, die Bestimmung, daß sie diese Ehre nicht venali suffragio (einflußreicher Beamten) erkauft haben dürften, auf die hergebrachte Zahlung von Sporteln an den kaiserlichen Fiskus zu beziehen.)

5) Eine fünfte Klasse, von der wir jedoch nichts Näheres wissen, scheinen die Egregii gebildet zu haben.

Da ein Gesetz vom Jahre 364 (C. J. XII, 32) den römischen Rittern den zweiten Grad nach dem Clarissimat anweist, so ist zu vermuten, daß diese egregii waren. Ein besonderer Titel war der des comes, der zwar mit einigen Ämtern regelmäßig verbunden war, wie mit denen der Finanzminister, der Befehlshaber der domestici und protectores, der Mitglieder des geheimen Rates, des comes orientis und mehreren der wichtigsten Militärkommandanten in den Provinzen, doch aber auch als bloßer Titel verliehen worden sein mag. Es gab drei Rangklassen der comites, über welche wir jedoch nur unvollständig unterrichtet sind.

Vorstehendes gründet sich allenthalben auf die Not. dign. als die einzige vollständige und sichere Quelle; wir ersehen jedoch, daß seit Constantin die gewöhnliche Erscheinung der Steigerung der Titel auch im römischen Reiche stattgefunden haben muß, indem Ammian (XXI, 16 zu Anf.) bemerkt, daß noch unter Constantius bis 361 die kommandierenden Generale in den Provinzen nur perfectissimi gewesen seien.

Bei dem häufigen Ämterwechsel selbst in den höchsten Stellen behielten die aus dem aktiven Dienst scheidenden Rang und Titel bei und hießen dann vacantes.

Diejenigen aber, welche, ohne ein Amt bekleidet zu haben, nur den Titel eines solchen erhielten, was, wie wir oben sahen, selbst bei dem des Magister officiorum möglich war, hießen honorarii.Naudet, s. Anm. III. partie, chap. 3, art. 2, p. 69, behandelt merkwürdigerweise diese Ranggliederung der Staatsdiener unter der Überschrift noblesse und meint, Constantin der Große würde eine wesentliche Lücke in seinem monarchischen Systeme gelassen haben, wenn er nicht einen Adel errichtet hätte. Es bedarf kaum der Erwähnung, daß sich letzteres doch nur auf einen Geburtsadel beziehen könnte und diesen hat auch Naudet nach der letzten Z. v. p. 70 und 84 offenbar vor Augen, indem er p. 84 sagt: »Dieser Adel ward mehr durch den Gebrauch, als durch ein ausdrückliches Gesetz erblich.« Es scheint überflüssig, einen solchen Irrtum, zu dessen Verteidigung nicht ein einziges Quellenzeugnis angeführt wird, näher zu beleuchten. Umgekehrt hat die Monarchie vielmehr jederzeit in dem Dienstadel ein Gegengewicht gegen den Geburtsadel zu schaffen gesucht.

3) Die Insignien.

Jeder höhere Beamte erhielt bei Antritt seines Amtes eine oder mehrere Tafeln unstreitig aus Holz oder Metall, auf denen wesentliche Attribute seines Amtes in Farben gemalt waren, welche in den Handschriften der Notitia großenteils und zwar ebenfalls bunt nachgebildet und aus der Böckingschen Ausgabe in Holzschnitt zu ersehen sind, weshalb wir, von deren näherer Beschreibung absehend, nur bemerken, daß auf denen der Landesbehörden überall die betreffenden Diözesen oder Provinzen, durch weibliche Figuren dargestellt, bei den Magistris militum die Wappenschilder der ihnen untergebenen Truppenkörper, bei den comites und duces die ihnen anvertrauten festen Plätze abgebildet, auf denen letzterer aber auch besondere Kennmale ihrer Bezirke, z. B. Gebirge, Flüsse (Nil und Jordan), die ägyptischen Pyramiden, ja selbst bezeichnende Tiere mit angebracht sind.

Diese Schildereien, welche jedoch nur bei den Beamten der ersten Rangklassen den Namen Insignien führten (Böcking I, p. 262), wurden in den Amtslokalen der betreffenden Beamten aufgehängt und bei feierlichen Gelegenheiten vorgetragen.

Die in der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts getroffene Einrichtung, den von den Städten erwählten Defensoren (Vertretern der Städte in Prozessen, Syndiken) mittelst deren Bestätigung durch den Kaiser oder den Praefectus Praetorio ein höheres Ansehen zu gewähren, und dadurch ein gewisses Recht, ihre Orte gegen Widerrechtlichkeiten der Statthalter und anderer, besonders fiskalischer Beamten zu verteidigen, war eine wohlwollende und weise Maßregel (v. Bethm.-Hollweg, S. 127–129).

Die nach der neuen Staatsreform dem Senate, den Konsuln und Praetoren verbliebene Wirksamkeit, worüber sich in unseren Hilfsmitteln nichts findet, war offenbar politisch völlig null, obwohl man Schein und Form sorgfältig schonte. Merkwürdig ist das Gesetz von Valentinian und Theodosius vom Jahre 384 (C. J. I, 16 ,1), wonach es bei schwerer Strafe verboten wird, sich mit Umgehung des Kaisers und seiner Behörden an den Senat zu wenden. Die Novelle Justinians 62 vom Jahre 537 (in der Beckschen Ausgabe: vergl. Bethm.-H., 8. 116) beweist, daß die nicht im Staatsdienste angestellten Senatoren damals völlig unbeschäftigt waren, weshalb sie den Gerichtssitzungen des kaiserlichen Consistorii in Appellationssachen beiwohnen sollten.

Wie die Prätoren in Rom noch eine beschränkte Gerichtsbarkeit behielten, so mag auch den Konsuln noch eine unerhebliche Wirksamkeit zugestanden haben, z. B. das Recht solenner Freilassung von Sklaven, dessen Fortdauer durch die Aufnahme in den Cod. J. (I, 10) verbürgt wird.

Das Bild der neuen Staatsreform ward in obigem vollendet, das Urteil über deren Wert darf nicht fehlen.

Dafür verlassen uns die Quellen gänzlich, weil die unbefangenen, die Epitomatoren, darüber wenig, fast nur Subjektives, meist lobend erwähnen, die christlichen aber ebensowenig als deren Gegenbild Zosimus ihrer leidenschaftlichen Befangenheit halber Beachtung verdienen.

Unter den Neueren sagt Bethmann-H., nachdem er den Zustand der Auflösung des Reichs lebendig geschildert (S. 23): »In der Tat war unter solchen Umständen nur Heil in dem verständigen Willen eines Einzelnen und dieser fand sich erst in der Person Diokletians, dann Constantins des Großen, deren kräftigen und zeitgemäßen Reformen, wenngleich sie das Übel in seinem Grunde nicht zu heben vermochten, ohne Zweifel das römische Reich seine Erhaltung für noch zwei Jahrhunderte zu danken hatte, welchen Tadel sie auch erfahren haben.«Die Zeitgenossen leiten Gebrechen und Fall des Reiches davon her: die christliche Partei, z. B. Lactanz, klagt Diokletian, die heidnische, z. B. Zosimus, Constantin den Großen als deren Urheber an. Damit stimmt auch Niebuhr (Vorl. über röm. Gesch. III, S. 289, 290 und 293), nicht minder Naudet in einer recht guten Stelle am Schluß seines Werkes (p. 300–302), so wie Burkhardt, der (S. 326) Diokletian einen der größten römischen Imperatoren, den Retter des Reichs wie der Zivilisation und den scharfsinnigsten Beurteiler seiner Zeit nennt, vollkommen überein, während andere, selbst Gibbon und Manso, entweder gar kein oder doch kein erschöpfendes Gesamturteil abgeben, Niebuhr aber, bei warmem Lobe Diokletians, sich über die neue Verfassung nicht näher äußert.

August hatte meisterhaftes Geschick in Gründung der Monarchie in republikanischem Gewande bewiesen: nahe hundertundfünfzig Jahre nach ihm trat in Hadrian ein kluger und umsichtiger Fortbilder derselben auf dieser Grundlage, d. i. ohne alle politische Änderung auf, dessen Werk sich wohl nützlich bewährt haben mag, den am innersten Lebensmarke der damaligen Monarchie nagenden Krebs aber nicht zu beseitigen vermochte.

Unter Gallienus erreichte dieser den Höhepunkt der Zerstörung. Große Kriegshelden, wie sie Rom seit Trajan nicht gekannt hatte, hemmten zwar den äußern Feind: gegen den inneren aber waren sie machtlos, ja fielen selbst dem Kaisermorde zum Opfer, der in Rom zur Regel geworden war, da von zwanzig Kaisern seit Commodus nur vier ihm entgingen, die drei letzten Decius, Claudius und Carus aber unstreitig auch nur dadurch, daß sie nach bereits einem bis zwei Jahren den natürlichen oder Schlachtentod starben. Wahrlich das Übel war furchtbar, als sich nach ungefähr wieder hundertundfünfzig Jahren ein Mann fand, dessen Tiefblick dasselbe in seiner Wurzel erkannte, dessen Geist und Kraft durch eine neue politische Schöpfung die Monarchie rettete, indem er ihr eine wahrhaft monarchische Grundlage unterbaute.

Durch ihn ward für mehr als ein Jahrhundert – der Wirkung für weitere Zeit, im Ostreich namentlich, nicht zu gedenken – der Tyrannen-Greuel größtenteils, der Kaisermord aber fast ganz gebannt.

Die von Lactanz (d. m. p. c. 7) wider Diokletians Staatsreform erhobenen Anklagen der Verstärkung der Armee, Zersplitterung der Provinzen in kleine Teile und Vervielfältigung der Beamten zerfallen in nichts.

Erstere war ein längst und dringend vorhandenes Bedürfnis, durch dessen nur zu späte Abhilfe endlich dem äußeren Feinde einigermaßen gewehrt, Ruhe und Ordnung im Innern gesichert ward.

Was sind ferner Provinzen von immer noch fünfhundert bis tausend und mehr Quadratmeilen gegen die Departements und Verwaltungsbezirke wohlgeordneter neuerer Staaten?

Das Wachstum der Beamtenzahl und Schreiberei ist allerdings ein Übel, aber ein unvermeidliches des Staatslebens. Hat doch selbst in unsern Tagen die einfachste Verwaltung der zivilisierten Welt, das englische Selfgovernment, im Polizei- und Armenwesen dem nicht entgehen können.

Nicht die Zahl der Beamten an sich, sondern nur die der unnützen, mindestens entbehrlichen begründet einen Tadel. Wie weit ein solcher damals gerechtfertigt gewesen, können wir nicht beurteilen, müssen aber anerkennen, daß das Rom jener Zeit noch weit hinter den Zuständen der unsrigen in solcher Beziehung zurückblieb.

Nur eines, was darauf unstreitig mit einwirkte, der fortwährende Beamtenwechsel, war an sich betrachtet unzweifelhaft ein großer Übelstand.

Dies war eine Erbschaft der Republik, in deren Anfängen zu Erhaltung der Freiheit, später, als sie zum Weltstaate erwuchs, zu Bereicherung der Großen bei Verwaltung der Provinzen eingeführt und beibehalten. August erkannte das Übel und half ihm tunlichst ab, indem er die Legaten, für seine Provinzen wenigstens, auf unbestimmte Zeit ernannte und sie länger amtieren ließ. Tiberius und alle späteren Kaiser, mindestens die verständigen, scheinen ihm hierin gefolgt zu sein.

Selbst die Praefecti Praetorio fungierten in der Regel wohl so lange als sie nicht gefährlich schienen, was durch Spartian (Hadrian. c. 8) bestätigt wird, wonach dieser Kaiser seinen Praefecten Tatian nicht entlassen konnte, weil dieser nicht darum nachsuchte.

Wie es damit in der neuen Verfassung gehalten wurde, wissen wir, mit Ausnahme des in den Bureaus eingeführten, in der Regel einjährigen Austritts aus der bekleideten Stelle, nicht genau, können aber teils hieraus, teils aus den uns erhaltenen Verzeichnissen der prätorianischen und Stadt-Präfekte, teils aus der großen Zahl der in den Quellen erwähnten vacantes und sonst mit Sicherheit abnehmen, daß kaum ein Beamter bis zum Ende seines Lebens oder seiner Kräfte fortdiente, sondern eine fortwährende Erneuerung hergebracht war. Nur bei den Unterstaatssekretären und den obersten Bureaubeamten, wie den Cornicularien, Commentariensen usw. sind wir eine längere Amtsdauer zu vermuten geneigt

Männer wie Diokletian und Constantin der Große hätten einen so unvernünftigen Grundsatz, dessen Entstehungszeit wir freilich nicht genau kennen, nicht aufkommen lassen, ja selbst nicht beibehalten können, wenn sie nicht von dessen Notwendigkeit überzeugt gewesen wären.

Er wurzelte in der Verderbnis der Zeit. Bei den hohen Beamten waren es mehr die politischen Umtriebe, bei den niederen mehr Betrug und Bestechung, gegen die man sich dadurch tunlichst sichern wollte.

Schwerer wiegt der Vorwurf des fiskalischen Druckes.

Allerdings müssen sich die Einnahmen des Staats, im Gegensatze zum Privathaushalte, nach den Ausgaben richten, daher auch damals für die notwendigen, durch die Reichstheilung erhöhten Bedürfnisse, unter denen die für die verstärkte Armee und vier Hofhalte die bedeutendsten waren, die Mittel zu beschaffen waren. Wir sind auch überzeugt, daß die Steuerlast jener Zeit, ihrem Betrage nach, die der modernen Staaten noch keineswegs erreichte: aber nicht deren absolute Höhe, sondern deren Verhältnis zur Steuerkraft bedingt den Druck. Letztere aber mag im Verfalle des Reichs, namentlich bei den Landbewohnern, unglaublich gesunken gewesen sein.

Wohl sind nun sowohl Diokletian als Constantin auch von streng genommen unnötigen Ausgaben, beide von Baulust, letzterer überdies von übergroßer Freigebigkeit, nicht freizusprechen; man darf aber nicht vergessen, daß diese Leidenschaften, die man gerade bei sonst vorzüglichen Herrschern nicht selten findet, doch würdigerer Art und mehr nur relativ als absolut tadelnswert sind. War übrigens das Verlassen der alten Residenz Rom nach obigem an sich eine weise Maßregel, so konnte freilich die Gründung neuer in Nikomedien, Karthago, Mailand und Trier ohne bedeutende Neubauten nicht ins Werk gesetzt werden. Die Verlegung der des Orients nach Konstantinopel wird später gerechtfertigt werden.

Unzweifelhaft aber mag das Bedürfnis regelmäßiger Einziehung und tunlichster Erhöhung der Steuern schon damals den Geist gehässiger Fiskalität hervorgerufen haben. Fortwährende Steuerrevisionen und die unwürdigste Industrie in Aufsuchung neuer und Beiziehung absichtlich beseitigter oder verborgener Steuerobjekte waren deren Ausfluß (vergl. Gibbon c. 17 vor Not. 174 mit Bezug auf C. Theod. XIII, 11, 1).

Am verwerflichsten war der freilich bequeme Grundsatz, daß die Mitglieder der städtischen Kurien, die Decurionen, persönlich für die Steuern ihrer zahlungsunfähigen Mitbürger haften mußten. Darum strebten dieselben auf jede Weise sich dieser Last zu entziehen, indem sie sich durch Erkauf von Titeln über ihr Amt zu erheben oder Soldaten und später Geistliche zu werden, aber auch der Ehre ihrer bürgerlichen Stellung sich unwürdig zu machen, ja selbst in Flucht und Versteck Rettung suchten, wogegen die Gesetzgebung einen fortwährenden Kampf zu führen hatte (s. C. Theod. XII, 1 und Just. X, 31).

Gerecht und löblich dagegen war die von Diokletian verordnete Aufhebung der Grund- und etwaigen sonstigen Steuerfreiheit Italiens (Aur. Vict. d. C. c. 39, 31).

Auch die Senatoren, die vorher wahrscheinlich auch hinsichtlich ihrer auswärtigen Besitzungen befreit waren, wurden nun beigezogen. Wir vermuten, ohne dies jedoch verbürgen zu wollen, daß ihnen die Ehrenrücksicht bewiesen wurde, sie nicht der gemeinen, sondern einer besonderen Steuer zu unterwerfen. Sie hatten den follis senatorius, der wahrscheinlich persönlich war, und den census glebalis von allen ihren Grundstücken, welche sie bei deren Verlust genau angeben mußten, zu entrichten (Cod. Theod. VI, 2).

Ungemein mag vor allem die Last der Steuer durch Mißbrauch, Unredlichkeit und Druck bei deren Erhebung gesteigert worden sein. Der Diebstahl der Beamten ist auch für den Herrscher selbst ein großes Übel: leider aber, wenn die Pest der Verderbnis diesen Stand einmal ergriffen hat, ein selbst dem besten Willen fast unheilbares. An Maßregeln und Gesetzen dawider hat es auch in Rom nicht gefehlt.

Das Schlimmste war die Anwendung von Schlägen und Folter gegen Steuerrestanten, die, wenn auch nicht dem direkten Befehl, doch einer höchst verdammenswerten Connivenz der Herrscher zur Last gelegt werden muß. Mögen auch Lactanz (c. 21), der von Galerius, und Lydus (III, 54), der (in freilich viel späterer Zeit) von dem Praefaectus Praetorio Cappodox unter Justinian spricht, aus Haß übertrieben haben, so ist doch an der Sache ganz zu zweifeln unmöglich, ja Zosimus (II, 38) erwähnt dies selbst von Constantins des Großen Zeit im Allgemeinen.

Ein großer und zwar gewiß durch die Staatsreform wesentlich vermehrter Übelstand war ferner die Sportelhäufung jener Zeit, die wir aus einer viel späteren Zeit wenigstens daher ersehen können, daß Lydus, freilich vom Praefectus Praetorio, seinem Verwandten, begünstigt, schon im ersten Jahre seiner im einundzwanzigsten Jahre begonnenen Amtierung sich 1000 aurei (der aureus zu 1/72 röm. Pfund, also über 12 000 Mark) auf redlichem Wege (σωφρόνως) durch Sporteln erwarb (Lydus III, 27), wobei man indes zu berücksichtigen hat, daß in der Regel nur größere und wichtigere Sachen vor den Praefectus Praetorio gelangten. Immer höher auch stiegen die Gebühren. Ein Anstellungs- oder Aufrückungsrescript (probatoria), das der Bureauofficiant in der Regel alle zwei Jahre zu lösen hatte, kostete anfänglich fünf, unter Justinian zwanzig aurei (Lyd. III, 67). Selbst die höchsten Beamten bezogen dergleichen, hatten aber gewiß auch beträchtliche selbst an den Fiskus zu zahlen.

Wir kommen nun zu unserm bis zum Ende dieses Kapitels verschobenen Schlußurteil über Diokletian, indem wir nur noch dessen Christenverfolgung dem Nachstehenden vorbehalten.

Was er als Kaiser und Schöpfer einer neuen Ära, nicht der Abwendung, aber langer Hinhaltung des Verfalls für das römische Reich gewesen, ward oben bereits entwickelt. Nur dessen, nicht aus den Quellen, sondern bloß aus den Münzen selbst ersichtlichen, hochwichtigen und segensreichen Verbesserung des Münzwesens, für welches er von plattierter Bronze zur Silberprägung zurückkehrte, ist hier noch zu gedenken (Coner in Paulys Enzyklopädie).

Für dessen allgemeine gesetzgeberische Tätigkeit gibt der dem corpus legum (ed. Hänel II, Lips. 1860) beigefügte index legum einen merkwürdigen Beleg, indem darin über zwölfhundert Gesetze aus Diokletians einundzwanzig Jahren, nur dreihundertneunundfünfzig aber aus den fünfundzwanzig Jahren Constantins des Großen von 312 bis 337 aufgeführt werden.

Allerdings mag ihn dieser Eifer bisweilen auch zu Fehlgriffen verleitet haben, wovon das Taxedikt vom Jahre 301, welches uns durch die Inschrift von Stratonikea in Karien erhalten worden ist, einen merkwürdigen Beleg gibt. Er sagt darin ungefähr: Nachdem es uns gelungen, mit großer Anstrengung den äußeren Frieden herzustellen und den Räubereien der Barbaren ein Ziel zu setzen, erfordert das Wohl des Gemeinwesens, daß wir es auch gegen die abscheulichsten inneren Übel – Wucher und Raubsucht schützen. Was das eigne Menschengefühl, wie lange man dies auch gehofft, nicht bewirkt hat, das müssen wir nun, die wir die Väter des Menschengeschlechts sind, durch Gesetz ins Werk richten. Darauf folgt in achtzehn Kapiteln die genaueste Bestimmung der höchsten zulässigen Preise für alle nur denkbaren Lebensmittel und Waren, sowie für alle, sowohl gemeine, als gewerbsmäßige Arbeiten, deren Überschreitung durch Mehrforderung bei Todesstrafe verboten ward.S. Mommsen in den Verhandl. d. k. Ges. d. W. zu Leipzig, phil.-histor. Klasse m. Bd. v. J. 1851, S. 1–80, 383–400. Hänel, corp. leg. I, 175–180. Dureau, de la Malle Economie politique des Romains I. Burkhardt. Zeit Constantins des Großen, S. 70.

Ein Irrtum sicherlich, aber aus warmer Fürsorge entsprossen, um so entschuldbarer in einer Zeit, da die Volkswirtschaftslehre fast noch ein unentdecktes Land war.

Der Erfolg brachte, nach Lactanz (c. 7), der hier wohl Wahrheit, wenn auch mit Übertreibung berichtet, die Enttäuschung; der Markt verödete aus Furcht, die Teuerung nahm zu und das Gesetz mußte, nach vielem fruchtlos vergossenen Blute, wieder aufgehoben werden.

Von dem Menschen Diokletian wissen wir aus den Quellen wenig, da sich das Lob der Epitomatoren mehr auf den Herrscher bezieht. Aurelius Victor (c. 39, 46) tadelt sein Benehmen gegen Freunde, erklärt dies aber aus politischer Vorsicht. Der giftgeschwollene Lactanz nennt ihn zwar (c. 7) den Erfinder von Verbrechen und Erzeuger von Übeln (scelerum inventor et malorum machinator), setzt aber doch (c. 9 a. Schl.) hinzu, daß er so lange mit dem höchsten Glücke regiert habe (d. i. neunzehn Jahre lang), bis er seine Hände mit dem Blute der Gerechten (d. i. Christen) befleckt habe, was auch Eusebius (Kirch.-Gesch. VIII, 13) hervorhebt.

Negativ aber sind diese Schmäher von Bedeutung, weil sie außer dem Zusammenscharren von Geld (avaritia), übertriebener Baulust und Christenverfolgung nichts gegen ihn vorzubringen wissen.

Diokletian muß von imponierender Persönlichkeit gewesen sein: denn was anderes hätte der Generale und des Heeres Wahl auf einen unbedeutenden Feldherrn so niederer Herkunft lenken können? Dafür bürgt auch der Gehorsam, den er da, wo vorher Auflehnung und Empörung an der Tagesordnung gewesen, über zwanzig Jahre lang willig fand, vor allem die Fügsamkeit des wilden Maximian unter dessen Willen.

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