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Geschichte der Völkerwanderung

Felix Dahn: Geschichte der Völkerwanderung - Kapitel 30
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Völkerwanderung
authorFelix Dahn
firstpub1880
year1997
publisherPhaidon Verlag
addressEssen
isbn3-88851-198-4
titleGeschichte der Völkerwanderung
created20051128
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II. Der Militäretat

Der Darstellung der ein organisches Ganzes bildenden, neuen Heeresverfassung ist die der kaiserlichen Leibgarde zu Roß und zu Fuß, domestici et protectores, vorauszuschicken, denen zwei Comites, jeder Waffengattung einer, vorstanden. Dieselbe scheint näher dem Hof- als dem Militäretat gestanden zu haben. Sie war jedenfalls ein exemtes, durch große Privilegien begünstigtes Korps, mehr einer modernen Nobelgarde als einer aus der ordentlichen Rekrutierung hervorgegangenen Truppe vergleichbar und zwar aus zwei verschiedenen Elementen gebildet: einesteils nämlich aus bewährten verdienten Kriegern, die zur Belohnung darin aufgenommen worden. Wie hoch deren Sold gewesen sein muß, ergibt sich daher, daß nach einer allerdings späteren Verordnung vom Jahre 519 eine in diesem Falle anscheinend noch herabgesetzte bedeutende Bezahlung für den Eintritt zu leisten war (C. J. II, 7, 25 oder 8, 6). Andernteils wurden aber auch Jünglinge vornehmer Geburt darin aufgenommen, wie wir dies von Ammian selbst und dem von diesem (XIV, 10) genannten Hercolanus, Sohn eines vormaligen magister militum, erfahren. In letzterer Hinsicht mag die Garde an die Stelle derjenigen militärischen Bildungsschule getreten sein, welche jungen Leuten von Stande durch freiwilligen Eintritt in das Gefolge der kommandierenden Generale während der Republik und selbst noch in der Kaiserzeit eröffnet ward. Diese wurden nun großenteils, wie Ammian mit zehn Kameraden, auswärts kommandiert, teils in den Krieg, teils mit wichtigen Aufträgen in die Provinzen. Sie blieben dann immer Protektoren, d. i. Leibwächter, hörten aber auf domestici zu sein, was nur die am Hofe gegenwärtigen noch waren. Militärische Bedeutung scheint diese Garde, obwohl sie gewiß dem Kaiser in den Krieg folgte, nicht gehabt zu haben, wenigstens eine viel mindere, als die von Ammian so oft erwähnten Scholae Scutariorum et Gentilium. Ob der Ursprung dieses Korps auf die Kaiser Gordian und Philippus zurückzuführen ist, wie man (nach dem Chron. Paschale p. 501 und 502 Bonn. Ausg.) vermuten könnte, wagen wir nicht zu bestimmen. Gewiß ist, daß man vom einfachen Protektor unmittelbar zu hohen Staatsämtern befördert werden konnte, wie denn Jovian von der ersten Offizierstelle in diesem Korps (domesticorum ordinis primus, nicht comes) zum Thron berufen wurde. Insbesondere scheinen die Stellen der Comites, Kommandeurs beider Garden, besondere Vertrauensposten für die ausgezeichnetsten Männer gewesen zu sein, wie denn Diokletian vor der Thronbesteigung ein solcher war (Flav. Vop. Numer. c. 13). Nach der Not. dign. gehörten sie zur ersten Rangklasse, was an sich bei einem Hofamte nicht unwahrscheinlich ist, obwohl dies von Böcking, der sie nur für spectabiles hält (I, S. 262), aus sehr wichtigen Gründen als Irrtum dargestellt wird.

Wir kommen zu der allgemeinen Heeresverfassung.

Dürfen wir Zosimus (33) folgen, so entzog Constantin der Große zuerst den Praefectis Praetorio alle Militärgewalt und übertrug diese zwei Magistris militum und zwar dem einen über das Fußvolk, dem andern über die Reiterei. In dieser letzteren Sonderung war das politische Prinzip der Gewaltteilung auf die Spitze getrieben, aber auf eine unpraktische Weise, da der kommandierende General im Felde oder auch nur in der Nähe des Feindes doch immer beiderlei Waffen unter seinem Befehle haben mußte. Gewiß hat Constantin selbst auch auf letztere minderen Wert gelegt: wir finden daher bald nachher schon magistri beider Waffengattungen, utriusque militiae, erwähnt.

Näheres über die Constantinische Einrichtung wissen wir nicht. Wahrscheinlich ernannte er neben den vier Präfekten auch vier magistri militum, so daß, weil jeder derselben ursprünglich nur eine Waffengattung hatte, dessen Wirksamkeit sich über zwei Präfekturbezirke erstreckte.

Auch finden sich unter Constantius und Julian nur vier magistri militum (s. Böck. n. d. II, S. 210).

Zur Zeit der Abfassung der Not. dign. nach der Teilung des Reichs waren jedoch deren acht, und zwar im Orient fünf, nämlich zwei, und zwar jeder für beide Waffen, de praesesenti, d. i. am kaiserlichen Hofe,

einer für den Orient,
" " Thrakien,
" " Illyricum,

im Occident aber drei, als

einer des Fußvolks } de praesenti
" der Reiterei }
" der Reiterei in Gallien.

Wir erfahren aber aus Zosimus (IV, 27), daß erst Theodosius deren Zahl vermehrt habe, was sich hauptsächlich auf den Orient zu beziehen scheint.

Nach unserer Vermutung – denn die Quellen verlassen uns – blieb nach Verteilung der Militärgewalt unter vier selbständige Generalkommandos immer noch wegen der Gleichmäßigkeit der Organisation, der Versetzungen von einer Armee zur andern und sonst eine gewisse Zentralverwaltung unentbehrlich, welche unstreitig dem ersten magister militum am Hofe (de praesenti) übertragen ward. Dies bestätigt auch die Not. dign. des Occidents, in welcher sich die ursprüngliche Einrichtung am meisten erhalten zu haben scheint. Der magister militum des Fußvolks hat nämlich daselbst außer der gesamten Linieninfanterie an hundertsiebenundzwanzig numeris oder Parteien, Legionen und Auxilien überdies noch alle kommandierenden Generale in den Provinzen, mit Ausnahme der duces sequanicae (Schweiz und Burgund) und des tractus aremoricani (Bretagne und Normandie), wo aber nur Festungsgarnisonen angeführt werden, unter seinem Befehle. Der Magister equitum de praesenti kann dagegen nur das Generalkommando über die gesamte Reiterei, der Magister equitum Galliarum hingegen lediglich den Kriegsbefehl über die in Gallien selbst (ausschließlich Spaniens und Britanniens) stationierten Truppen an achtundvierzig Parteien Fußvolk und zwölf dergleichen Reiterei gehabt haben, so daß dessen Bezeichnung »Magister equitum« hier nur als Titel erscheint, den die Wichtigkeit seines Kommandos in dem größten und gefährdetsten Teile des Westreichs begründet haben mag.

Die Generale in den einzelnen Provinzen Galliens müssen daher auch lediglich dessen Kriegsbefehle, in Angelegenheiten des Generalkommandos, wie Avancements, Versetzungen, sowie der Militärgerichtsbarkeit hingegen dem ersten magister militum unmittelbar untergeben gewesen sein.

Den Orient zunächst bei Seite lassend haben wir nun die neue sehr eigentümliche Formierung des römischen Gesamtheeres darzustellen.

Im Westreich bestand das Gesamtheer,

A. so weit es unter dem Befehle der magistri militum aufgeführt wird:

1) an Fußvolk aus

a) achtundsechzig Legionen, als

aa) zwölf palatinae;

bb) achtunddreißig comitatenses;

cc) achtzehn pseudocomitatenses;

b) fünfundsechzig palatinischen auxiliis, d. i. Kohorten oder Bataillonen,

2) an Reiterei aus

a) zehn palatinischen vexillationes (Fähnlein);

b) achtunddreißig dergleichen comitatensischen, überhaupt also aus hundertsiebenundzwanzig Infanterie- und achtundvierzig Kavallerie-Parteien oder numeri, von denen jede einen besonderen Eigennamen führte, daher als selbständiger Truppenkörper zu betrachten ist.

Ferner standen aber auch unter ihnen noch

3) nächst den hier zu übergehenden wichtigsten See- und Stromflotten viele praepositi, d. i. Befehlshaber kleinerer Truppenkörper, nämlich

a) fünf in zwei Provinzen Spaniens;

b) zwölf Praefecti Laetorum in Gallien, und

c) einundzwanzig dergleichen (von zwei sind die Namen ausgefallen) Gentilium in Italien, worauf weiter unten zurückzukommen ist.

B. So weit es nur unter dem Befehle der kommandierenden Generale in den Provinzen erwähnt wird:

Sämtliche milites limitanei, d. i. die Grenz- oder Provinzial-Miliz, die wir zunächst für beide Reichsteile im Allgemeinen betrachten.

Dies war eine alte, wahrscheinlich in ihren Anfängen bis auf August und Tiber zurückgehende, gewiß besonders durch Hadrian ausgebildete Einrichtung, die namentlich unter Severus Alexander erwähnt wird (s. Lamprid. A. Sev. c. 58), die wir jedoch erst aus einer Verordnung Justinians v. Jahre 534 (C. J. I, 27, 2, G. 8, abgedruckt in Böcking II, S. 157–161) genauer kennenlernen. Hiernach glich sie vollständig der österreichischen Grenzmiliz gegen die Türkei. Die an der Grenze aufgestellten Soldaten empfingen Land zur Bebauung, gründeten ohne Zweifel allenthalben einen eigenen Hausstand, hatten aber (zugleich in ihrem eignen Interesse) die Grenze zu verteidigen und waren dafür militärisch organisiert. Sie waren vorzugsweise aus Eingeborenen zu wählen, da es in gedachter Verordnung heißt: sic tamen ut si inveneris de provinciis idonea corpora de illis limitaneorum constituas (i. e. milites). Diese Grenztruppen waren es nun, die in den Gesetzen (s. weiter unten) als riparienses und castriciani oder castrensiani bezeichnet werden.

Dieselben scheinen indes, der Natur der Sache nach, mehr an ausgedehnten trockenen Grenzen als an großen Strömen, durch welche man gegen kleinere Raubzüge ohnehin mehr gesichert war, aufgestellt worden zu sein. Die Not. dign. ergibt an vielen Stellen deren Vorhandensein mit Sicherheit, wie denn z. B. in den afrikanischen Provinzen des Westreichs c. 23, 29 und 30, 38 praepositi limitum, und in c. 38 unter dem dux von Britannien ausdrücklich die linea valli (die Grenzmauer gegen die Caledonier) aufgeführt werden.

Ebenso finden sich unter den duces des westlichen Illyricum neunundfünfzig Regimenter (numeri) Reiter und zehn Bataillone Fußvolk, welche in der Linienarmee nicht vorkommen (was jedoch bei der Ungenauigkeit der Namenangaben, von denen einige fast die Angehörigkeit zur Linie vermuten lassen, nicht allenthalben mit voller Sicherheit zu behaupten ist). Ganz besonders aber sind gewiß die darunter begriffenen dreiundzwanzig dalmatischen Reiterregimenter dahin zu rechnen. Als deren Hauptquartiere sind zwar überall Festungen angegeben, deren Dienst aber hat sicherlich darin bestanden, das diesseitige Ufer, von einem festen Platze zum andern, fortwährend abzusuchen, wozu sie um so williger sein mußten, wenn ihnen die Uferstrecken zur Bebauung und Benutzung überlassen waren. Mit dieser Grenzhut standen nun die zu erwähnenden Platz- und Grenzkommandanten in enger Verbindung: doch scheinen diese hier und da, namentlich in Gallien und Britannien, auch Linientruppen unter sich gehabt zu haben.

Im Orient, wo es an tauglichen Eingeborenen häufig fehlen mochte, wurden nun auch Krieger aus andern Gegenden an der Grenze kolonisiert.

So finden wir daselbst unter dem Dux Thebaidos, dem Kommandierenden in Oberägypten, sechs numeri Reiter von Eingeborenen, indigenae; drei numeri auf Dromedaren Berittener, die gewiß ebenfalls eingeboren waren; sechs bis sieben, dem Namen nach aus Nachbarprovinzen, aber auch neun aus Völkern Westeuropas, namentlich germanischen, wie Franken, Alemannen, Juthungen und Quaden, die aus Kriegsgefangenen oder durch Vertrag ergebenen dedititiis oder geworbenen Söldnern oder Foederatis bestanden.

Diese Grenzmiliz durfte nun (wie auch Böcking n. d. II, 536 annimmt) von ihren Stationsorten und Ländereien nicht versetzt werden(Auch germanische Söldner bedangen sich wohl aus, nie über die Alpen geführt werden zu dürfen. Ammian Marc. XX, c. 4. D.), und dies, sowie der zugleich bürgerliche Charakter derselben, mag der Grund gewesen sein, weshalb sie dem eigentlichen, fortwährend mobilen Linienmilitär nicht beigerechnet, daher auch nicht dem für dieses verordneten Generalkommando, sondern nur den Kriegsbefehlshabern ihrer Provinzen untergeben waren. Indes mag von obiger Regel der Unversetzbarkeit der Grenztruppen in dringenden Fällen vom Kaiser abgegangen worden sein, da wir aus Fl. Vop. Aurel. (c. 38) ersehen, daß unter den bei einer Münzrebellion in Rom gebliebenen 7000 Mann auch riparienses und castriciani waren. Wir sind jedoch überzeugt, daß dies hauptsächlich nur bei den kriegerischeren und kriegslustigeren Illyriern (und Germanen D.) stattfand, die für solchen außerordentlichen Dienst dann gewiß auch besondere Löhnung empfingen.

Im Ostreich ergibt sich zuvörderst keinerlei Spur eines einem der beiden Magistri militum zugestandenen, zentralen Generalkommandos, obwohl die Existenz eines solchen nichts destoweniger kaum zu bezweifeln sein möchte, vielmehr werden nur aufgeführt:

A. Linie

Unter den
Magist. milit.
1) Reiterei 2) Fußvolk
Geschwader Palatinische Komitatenische Pseudokomit.
a) pal. b) kom. a) Leg. b) Aux. a) Leg. b) Aux. a) Leg. b) Aux.
de praesent. I. 5 7 6 18
de praesent. II. 6 6 6 17 1
p. Orient. 10 2 9 10
p. Thrak. 3 4 21
p. Illyr. 2 1 6 8 9
14 29 13 43 38 19 1

Hiernach bestand die Reiterei aus dreiundvierzig, das Fußvolk aber aus hundertundvierzehn selbständigen Truppenkörpern und zwar aus siebzig Legionen und vierundvierzig Kohorten (Bataillonen) Auxilien.

B. Grenzmiliz

Diese war im Orient unzweifelhaft weit bedeutender und zahlreicher, als im Occident, weil es in ersterem ungleich längere trockene Grenzstrecken gab, was durch Prokop (Hist. arcana Kap. 24, p. 135, Z. 7 und 8, Bonn. Ausg.) ausdrücklich bestätigt wird.

Wir finden daher auch unter dem Befehle der Provinzialbefehlshaber dort

hundertundachtzig Kavallerie- und

sechsundachtzig Infanterie-Parteien (numeri) aufgeführt, welche zur Grenzmiliz gehört haben müssen. Auch werden außerdem dreizehn Legionen hier verzeichnet, von denen nur vier sich in den Verzeichnissen des Linienmilitärs finden. Ob nun die fehlenden neun nur irrtümlich weggelassen sind oder aus welchem besonderen Grunde dieselben nicht zur Linienarmee gerechnet wurden, ist nicht zu ermitteln, doch können wir sie zur Grenzmiliz im engern Sinne dieses Wortes kaum zählen, würden daher für das Ostreich überhaupt neunundsiebzig Legionen anzunehmen haben.

Noch ist die Verschiedenheit der Bezeichnung der Truppenkörper bei der Linie und der Grenzwehr hervorzuheben. Bei ersterer werden die der Reiterei alle als Vexillationes (Fähnlein), bei letzterer teils als equites (Reiter schlechtweg), teils als alae, teils als cunei aufgeführt; bei dem Fußvolk werden bei der Grenzwehr, außer den Legionen (im Orient) und Kohorten, auch bloße milites und auxilia mit dem Namen erwähnt, z. B. Not. or. c. 36, 37 und 39. Wir halten jedoch sämtliche Kavalleriekörper, mit Ausnahme der anscheinend schwächern cunei, etwa Doppelschwadronen, für Regimenter, sämtliche Infanterieabteilungen aber für Bataillone, da eine andere Formierung bei den Römern, außer der Legion, nicht üblich war.

Nicht minder werden in den asiatischen Provinzen diejenigen gesondert, »quae de minore laterculo emittuntur«, d. i. bei denen die Ernennungen – doch wohl nur der Kommandeure – in dem unter dem Quästor stehenden, kleinen Buche eingetragen wurden.

Hierüber werden aber in der Not. dign. unter den comites und duces in den Provinzen nächst den diesen untergebenen Truppenkörpern (numeris) noch zahlreiche praefecti und tribuni cohortium aufgeführt, die an sich wohl dem Linienmilitär angehörten, offenbar aber, teilweise wenigstens, auch mit der Grenzmiliz in Verbindung standen, daher hier besonders zu erwähnen sind. Sie bilden unzweifelhaft den dunkelsten Punkt der damaligen Militärverfassung, über den auch Böcking (der Bd. II, S. 536, 674, 983, 995 und 1016 weitläufig davon handelt) kein klares Licht zu verbreiten vermocht hat. Die Zahl derselben beläuft sich im Orient auf einundachtzig, im Occident, wo es weit mehr Festungen gab, auf hundertneunundsiebzig. Wir können darunter nichts anderes verstehen, als Stabsoffiziere, welche, von ihrem Truppenkörper detachiert, als Platz-, Ufer- (ripae I, S. 90–102) oder Grenzkommandanten oder zu einem sonstigen Zwecke nicht unter ihrem ordentlichen Chef, sondern unmittelbar unter dem Militärbefehlshaber der Provinz standen. Dies bestätigt sich dadurch, daß nicht selten dergleichen Präfekten in ganz andern Reichstheilen erwähnt werden als die Legionen, denen sie angehörten. So kommen z. B. in dem ersten Pannonien zwei Präfekte der Leg. decima gemina vor, welche unter dem magister militum des Orients in Asien stand (Not. dign. II, p. 99 und I, p. 27). Dasselbe gilt von der unmittelbar vor ihr erwähnten septima gemina, von der ein Präfekt nach II, p. 119 in der spanischen Provinz Gallaecien ein Kommando hatte. Die tertiani oder tertia italica stand nach II, p. 38 (vergl. 26) in Afrika, fünf Präfekten derselben aber nach p. 102 in Rätien. Die Vielzahl solcher von einer Legion, während doch jede nach Vegetius (II, 9) nur einen Präfekten gehabt haben kann (s. jedoch Anm.Vegetius wird dadurch äußerst unklar, daß er fortwährend die zu seiner Zeit bestandene Verfassung mit der älteren vermischt, worüber schon Justus Lipsius (de re milit. rom. I, dial. 11) klagt. Selbst im Gebrauche des Präsens und Imperfektums unterscheidet er nicht genau. In der angeführten Stelle (II, 9) ist jedoch offenbar von der Neuzeit die Rede, da dies Kapitel mit den Worten beginnt:

Sonst übertrug der Kaiser den Befehl über die Heere seinen aus den Konsularen genommenen Legaten, an deren Stelle nun die magistri militum getreten sind.

Hierauf fährt er so fort: Proprius autem judex erat praefectus legionis, habens comitivam primi ordinis dignitatem, qui absente legato (hier ist der kaiserliche Armeekommandant gemeint), tanquam vicarius ipsius potestatem maximam retinebat. Tribuni vel centuriones, ceterique milites praecepta ejus servabant. Hiernach stand also dem Präfekten das vollständige Kommando der Legion zu.

Daß sich dies nun auf die neue Zeit bezieht, erhellt, ungeachtet des Imperfekts erat und retinebat, daher, daß der Titel comes d. i. die dign. comitiva unzweifelhaft erst durch Constantin eingeführt wurde.

Dies läßt sich auch mit der früheren Verfassung, von der es als eine naturgemäße Wandlung erscheint, vollkommen vereinigen. Nach dieser war der Befehlshaber einer Legion stets ein Legat, aber nicht ein solcher des Kaisers unmittelbar (obwohl er gewiß immer von diesem ernannt wurde), sondern nur des das betreffende Heer kommandierenden Legaten. Der Legionschef mußte stets senatorischen Ranges sein, gewöhnlich praetorius, und konnte daher vor seinem wirklichen Eintritt in den Senat das Kommando nur pro legato führen.

Wir vermuten, daß schon die späteren Kaiser, mindestens von Septimius Severus an, von dieser Rücksicht auf die republikanische Form häufig abgewichen sind, mit der neuen Verfassung wäre sie völlig unvereinbar gewesen.

Nach Beck.-Marq. (III, 2. Abt., S. 360, 361), wo dies sehr gründlich behandelt wird, kamen nun auch früher schon praefecti legionum, aber nur als interimistische Befehlshaber einer Legion vor. »Später indes,« sagt er (in Anm. 45 zu S. 361), »heißt so der regelmäßige Kommandeur.«

Hieraus ergibt sich, daß jene Stelle des Vegetius auf die frühere Verfassung gerade gar nicht, sondern nur auf die spätere paßt.

Der Ausdruck praefectus aber bezeichnete nicht allein den Kommandeur einer Legion, sondern überhaupt einen höheren, zunächst nach dem dux folgenden Militärcharakter, weshalb denn auch viele mit besonderen Kommandos in Festungen und an den Grenzen betraute Offiziere diesen Titel führten, wobei für uns nur die fortwährende Benennung derselben nach einer Legion, obwohl sie außer aller Verbindung zu ihr standen, unverständlich ist. Sollte vielleicht, wovon uns aber keine Spur bekannt worden ist, unter den Legionen eine gewisse Rangordnung bestanden haben, so würde dies die Sache am einfachsten erklären.

Noch ist hier zu erwähnen, daß auf die Präfekten im Range die Tribunen und auf diese die praepositi folgten, welche ebenfalls Kohorten kommandierten, daher nach dem neueren Sprachgebrauche Stabsoffiziere waren (s. Veget. II, 12).

), beweist, daß dies für die abkommandierten Stabsoffiziere nur ein deren militärischen Rang bezeichnender Charakter war, wobei die fortwährende Benennung nach einer Legion durch irgendwelche dienstliche Rücksicht geboten gewesen sein muß.

Der mehrfach vorkommende Ausdruck praefectura statt praefectus scheint entweder auf einem zufälligen Wechsel des Ausdrucks in den Listen oder darauf zu beruhen, daß ein solches Kommando für den Augenblick von keinem wirklichen Präfekten, sondern nur von einem diesen vertretenden Offizier untergeordneten Ranges geführt wurde.

Übrigens kommen auch Praefecti alae (Kavallerieregimenter) und bloßer numeri oder militum im Allgemeinen vor, welche letztere wohl einen niedrigern Rang hatten.Wir können die Praefecti mit unseren Obristen, die Tribuni mit unseren Majors vergleichen.

Die häufig erwähnten Kohorten-Tribunen, eine geringere Charge als die der Präfekten, scheinen meist von den Auxilien abkommandiert gewesen zu sein.

Auf den Insignien der Provinzialfeldherren (s. w. u.) sind die zu ihrem Bezirke gehörigen festen Plätze in der Not. bildlich dargestellt. Wir finden deren im Orient hundertfünfundvierzig, im Occident hundertundsechzig, überhaupt also dreihundertundfünf angegeben, sind jedoch überzeugt, daß darunter viele teils irrtümlich, teils absichtlich weggelassen sind, wie denn z. B. bei dem wichtigen tractus argentoratensis des Oberrheins, der sogar unter einem comes stand, das einzige Straßburg bemerkt ist. Wenn Gibbon aber (c. 17 nach Not. 133) mit Bezug auf die Notitia deren Gesamtzahl auf fünfhundertdreiundachtzig angibt, so ist dies allerdings ein grober Irrtum, der nur dadurch erklärt werden kann, daß man die auf den Insignien der magistri militum verzeichneten Schilder der unter ihnen stehenden Truppenkörper (bei dem M. pedit. praes. des Occid. allein hundertzweiundzwanzig) zu den Festungen mitgezählt hat. Da wir jedoch die klassische Ausgabe der Not. von Böcking[ verwenden], der nur die alte und mangelhaftere des Pancirolus vor sich hatte, so mag dies Versehen zum Teil wenigstens auf des letzteren Rechnung fallen.

Die Befehlshaber gewisser Grenzstrecken, deren es z. B. in den drei Provinzen Afrika, Mauretanien und Tripolis sechsunddreißig gibt, werden stets als praepositi bezeichnet.

Wenden wir uns zur erläuternden Beurteilung dieser Kriegsverfassung, so ist zuvörderst zu bemerken, daß unsere Hauptquelle teils wegen Verstümmelung der Handschriften, teils an sich unzweifelhaft unvollständig und mangelhaft ist. Bei einzelnen Provinzen, z. B. Orient Kap. 28, Occid. Kap. 26, 27, 28, fehlen die näheren Angaben ganz, bei Kap. V, VI und VII des Occidents stimmt letzteres, welches nur die Verteilung der in V und VI aufgeführten Truppenkörper unter die verschiedenen Hauptprovinzen angeben soll, mit ersteren wenigstens nicht genau überein (s. Böck. n. d. II, S. 221 und 274), ja in Kap. VII werden unter B. und D. comites von Illyricum und Spanien erwähnt, die sich in der ganzen Notitia nicht finden, was Böcking hinsichtlich des ersteren dadurch erklärt, daß dazu in der Regel einer der drei dortigen duces ernannt worden, was aber bei Abfassung des Werkes eben noch nicht geschehen sei, bei Spanien aber, wo auch nicht einmal ein einziger dux erwähnt wird, offenbar auf einem ursprünglichen oder später verschuldeten Fehler beruht.

Auch in die Namen der Truppenkörper haben sich hie und da sicherlich Ungenauigkeiten eingeschlichen. Doch dürfte dies alles auf die Hauptsache kaum von erheblichem Einfluß sein.

Was nun die neue Gliederung der Armee in palatinische, comitatensische und pseudocomitatensische Truppen betrifft, so erkennen wir darin im Wesentlichen nichts als einen Ausfluß des der ganzen neuen Organisation des Staatsdienstes zu Grunde gelegten Rangklassensystems. Anfeuerung des Ehrgeizes der Dienenden durch Aussicht auf Beförderung und Erhöhung des Einflusses des Herrschers durch Belohnung treuer und guter Dienste war dessen Motiv, welches einer Zeit, in der Gesinnung und Ehrgefühl sehr geschwächt waren, wohl entsprechen mochte.

Das palatinische Heer nun, das an Legionen nur ungefähr 1/6 der Stärke des gesamten zählte, an Infanterie-Auxilien hingegen, was wir sogleich erklären werden, sogar stärker war, und an Kavallerie gegen ¼ bis ⅓ des Totalbestandes betrug, war ein ausgedehntes Gardekorps, keineswegs aber zur Leibwache des Kaisers (s. oben), oder zum Palastdienste, sondern lediglich dazu bestimmt, um im großen Kriege mit dem Herrscher selbst oder dessen Vertreter gegen des Feind zu ziehen, wie ja ähnliches, wiewohl bei minderer Stärke der Garden, auch heute noch stattfindet.

Das comitatensische Heer scheint seinen Namen daher zu haben, daß es stets in comitatu, d. i. im Geleit der magistri militum oder deren Stellvertreter sein sollte.

Das pseudocomitatensische hatte offenbar den mehr stationären Zweck der Grenzverteidigung und zwar da, wo es zugleich eine Grenzmiliz gab, derselben zum Soutien zu dienen. Dies erhellt daher, daß in Thrakien, das keine Grenze berührte, keine Legion dieser Gattung sich befand. Von sechzehn derselben im Westreich (bei zwei fehlt die Angabe der Stationierung) standen zehn in Gallien, das der Grenzsoldaten entbehrte, drei in Illyricum, zwei in Italien, wozu auch Rätien gehörte, und eine in Afrika. Böcking sagt darüber gar nichts, sondern verweist dafür nur auf Gothofredus zu Cod. Th. VII, 1.1, 1.18, der zwar eine Ahnung, aber keinen klaren Begriff von der Sache hat. Wir erklären die Worte des von letzterm a. a. O. erwähnten Gesetzes vom Jahre 400, das auch in C. Just. XII, 25, 14 aufgenommen ist, so: Nicht allein von den palatinischen und comitatensischen Numeris sollte kein Soldat ohne kaiserliche Genehmigung zu andern versetzt werden, sondern auch nicht einmal von den pseudocomitatensischen Legionen oder von den ripariensibus, castricianis ceterisque. Hiernach sind diese letzteren Kategorien unter den pseudocomitatensischen Legionen nicht bereits mit inbegriffen, wie Gothofredus meint, welchesfalls es deren besonderer Erwähnung gar nicht bedurft hätte, werden vielmehr als eine besondere Kategorie von diesen unterschieden, bezeichnen daher unzweifelhaft die Grenzmiliz und die ihr etwa beigegebenen detachierten Abteilungen anderer Truppen.

Den Namen pseudo comit. erklären wir dadurch, daß diese mehr stationären Truppen nur uneigentlich (fälschlich) zum Comitat oder Gefolge der magistri militum gerechnet werden konnten.

Der Rangklassenunterschied dieser Heeresteile äußerte sich nun teils in höherer Löhnung, was wir freilich aus den Quellen selbst nicht wissen – da sich I. 10, tit. 1, VII, des Theod. Codex nur auf einen solchen zwischen den Actuarien (Regimentsquartiermeistern) der pseudocomitat. im Gegensatz zu denen der übrigen bezieht –, aber gleichwohl nicht bezweifeln können, teils in günstigeren Garnisonsorten, daher auch wohl in minder angestrengtem Dienste und mutmaßlich auch in sonstigen Privilegien.

Im Orient standen sämtliche palatinische Legionen bis auf eine einzige in Illyricum (wohl auch zur Deckung der Hauptstadt), unmittelbar unter den Magistris militum de praes., also gewiß in der Nähe der Residenz, teilweise vielleicht in derselben, während im Westreich von zwölf dergleichen acht in Italien, nur drei in Afrika und eine in Gallien stationiert waren.

Unter Auxilien verstand die Republik bekanntlich die von den Bundesgenossen gestellten Hilfstruppen, im Gegensatze zu den nur aus römischen Bürgern bestehenden Legionen. Die erste, mit republikanischen Formen kokettierende Kaiserzeit behielt den Namen bei, wandte ihn aber teils auf die in den Provinzen ausgehobene Landwehr, teils auf geworbene Söldner, meist Ausländer, besonders Germanen an. In der neuen Militärverfassung scheinen nur noch Söldner, aber in weit größerer Anzahl sich zu finden. Die Landwehr mag allmählich eingegangen sein, indem sowohl die kolonisierte Grenzmiliz, als die Läten und Gentilen etwas von ihr völlig Verschiedenes waren. Der Grund davon liegt im Westen wenigstens nahe.

Solange hier Roms Feinde, die Germanen, undiszipliniert waren, mochte auch eine Landwehr unter römischen Führern gegen sie anwendbar sein. Nachdem jene aber die Kriegskunst von Rom und teilweise in römischem Dienste selbst gelernt hatten, konnten solchen Feinden nur noch wohlgeschulte Linientruppen entgegengestellt werden.

Wir möchten glauben, daß das Prinzip: die Legionen müßten aus römischen Bürgern bestehen, deren Kreis ja seit Caracalla über das ganze Reich verbreitet war, wenigstens bis zur Zeit der Notitia als Regel niemals offiziell und allgemein aufgegeben, nur in der Praxis mehr oder minder davon abgegangen worden sei. Lediglich unter den pseudocomitatensischen Legionen finden wir Not. or. c. 6 Fortenses auxiliarii und c. 8 Timacenses auxiliarii, sowie Namen, wie c. 8 armeniacae und transtigritani, welche deren durchgängige Bildung aus barbarischen Söldnern annehmen ließen, wenn eine derartige Konjectur auf Grund der Benennung allein überhaupt gestattet wäre. Dabei ist aber vor allem auch die damalige Rekrutierungsweise in das Auge zu fassen, welche man fast als eine Art von Stellvertretungssystem bezeichnen könnte. Eine gewisse Rekrutenzahl ward wie ein Geldbetrag auf die Steuerpflichtigen ausgeschrieben und repartiert, wobei Ärmere für einen Mann zusammengeschlagen wurden.

Größere Grundbesitzer stellten wahrscheinlich geeignete Kolonnen, andere bedienten sich der Vermittlung der dazu angestellten Rekrutenhändler. Daß diese Einrichtung wesentlich zur Verschlechterung der römischen Miliz beigetragen habe, wie man gemeiniglich annimmt, dürfte nicht (? D.) richtig sein, wenn nur bei der Annahme der Rekruten mit strenger und sorgfältiger Auswahl verfahren ward, wie man dies nach Vegetius (I, 7) unter tüchtigen Kaisern wenigstens vorauszusetzen hat. Waren nun auch die Einzelnen für ihre Person nicht römische Bürger, was wir namentlich von den Colonen nicht glauben, so vertraten sie doch Bürger und waren mindestens Freie.

Die Auxilien aber – hundertundacht in beiden Reichen – waren bei dem Fußvolke insgesamt nur palatinische, da wir das einzige pseudocomitatensische, welches in der Not. or. unter dem Mag. milit. II. vorkommt, mit Pancirolus für einen Irrtum halten, obgleich Böck. (S. 205) anderer Meinung ist. In der Tat scheint ein einziges Vorkommnis der Art an sich höchst unwahrscheinlich und wird dies um so mehr dadurch, daß der betreffende magister de praes. außerdem nur palatinische Truppen unter sich hatte. Daß sämtliche Infanterieauxilien palatinische waren, erklärt sich einfach dadurch, daß man durch die Vorzüge des palatinischen Dienstes die Söldner, auf welche man, ihrer Bravour wegen, gerade den größten Wert legte, mehr anlocken wollte.

Anders war es bei der Reiterei, für welche schon in der letzten Zeit der Republik besondere Aushebungsmaßregeln erforderlich gewesen waren.

Wurden hierzu zwar auch geeignete Untertanen genommen, wie z. B. die so häufig erwähnten Dalmater (was gerade bei diesem Gebirgs- und Küstenvolke übrigens auffällig erscheint) und Mauren, so doch gewiß auch von jeher alle Ausländer, die man irgend erlangen konnte; wir glauben daher nicht zu irren, wenn wir den größten Teil der einundneunzig Reiterregimenter der Linie für Fremde halten.

Bei diesen, für welche Söldner vielleicht leichter anzuwerben waren als zum Dienste zu Fuß, gab es daher auch in beiden Reichen sowohl palatinische (vierundzwanzig an der Zahl) als comitatensische (siebenundsechzig).

Im Allgemeinen war übrigens der Dienst bei den Auxilien leichter, als bei den Legionen, weshalb sogar römische Bürger zum Teil freiwillig bei ersteren eintraten.

Es unterliegt keinem Zweifel, daß bereits durch Diokletian das römische Heer bedeutend verstärkt wurde, ja Lactantius (d. m. p. c. 7) behauptet sogar, daß jeder der vier einzelnen Teilherrscher eine weit stärkere (longe majorem) Armee als die frühere des Gesamtreiches gehabt habe, was wir jedoch, da er es als Tadel ausspricht, für übertrieben halten. War indes schon für die erste Kaiserzeit die völlige Unzulänglichkeit des Gesamtheeres gegen so zahlreiche Feinde offenbar, so war es doch unstreitig ein grober militärischer Fehler und die größte Schwächung der Gesamtmacht, bei irgendeinem großen Kriege die Truppen Hunderte von Meilen weit, vom Euphrat zur Donau und Rhein oder umgekehrt marschieren zu lassen, wie dies, nach unsrer Darstellung, von M. Aurelius bis Probus fortwährend geschehen mußte. Indem aber Diokletian das Reich unter vier Regenten teilte, was die Translozierung der Truppen aus einem Teile in den andern noch wesentlich erschweren mußte, hat er sicherlich auch dahin gestrebt, jedem die für seinen Bezirk erforderlichen Streitkräfte selbständig beizugeben.

Gleichwohl erscheinen die Zahlen der Notitia (mindestens hundertachtunddreißig Legionen, hundertundacht Bataillone Fußvolk und einundneunzig Reiterregimenter, welche nach der alten Etatsstärke die Parteien der beiden letzten Kategorien nur zu fünfhundert Mann gerechnet – obgleich deren auch zu tausend darunter waren – gegen 950 000 Mann ergeben würden) so kolossal, daß alle früheren Forscher fast unwillkürlich auf Annahme einer Verminderung der Legionsstärke geführt wurden. Als Beweis wird dafür auch Ammian (XIX, 2, 14) angeführt, nach welchem die in Amida eingeschlossenen sieben Legionen und einige andere Soldaten nebst den Ortsbewohnern und den dahin Geflüchteten überhaupt nur etwas über 20 000 Mann gezählt hätten.

Allein der Effektivbestand eines Truppenkörpers im Felde ist nicht dessen etatsmäßiger: der Rückzug nach Amida war ein höchst tumultuarischer, bei dem die Einziehung detachierter Mannschaften, namentlich aus andern Festungen, nicht möglich war: auch sagt Ammian nicht, ob sich seine Angabe auf die Zeit vor oder auf die nach den beiden furchtbar blutigen Stürmen bezieht, die er vorher berichtet: vor allem aber ist jede in den Handschriften mit Zahlen geschriebene Summe, wie die obige, stets unsicher, da so leicht ein X wegbleiben oder aus XL XX werden konnte. Wenn aber Gibbon (c. 17 vor Note 132) hiernach die Stärke der Legion nur zu tausend bis fünfzehnhundert Mann annimmt, was ein gänzlicher Bruch mit deren Bestimmung als Armeedivision gewesen wäre, so halten wir dies (obgleich ihm fast alle andern gefolgt sind, mindestens ein motivierter Widerspruch dagegen uns nicht bekannt geworden ist) für so einleuchtend militärisch und historisch unwahrscheinlich, daß es kaum weiterer Ausführung bedarf. Abgesehen von dem bei einer so hochwichtigen Neuerung kaum denkbaren Schweigen sämtlicher Geschichtsquellen wird diese Frage durch Vegetius de re milit., der bekanntlich in der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts unter Valentinian schrieb, außer allem Zweifel gesetzt. Dieser gebraucht nicht nur in dem ganzen Kapitel 6 des II. Buchs, worin er den Etat der Legion zu sechstausendeinhundert Mann Fußvolk und siebenhundertsechsundzwanzig Reiter angibt, fortwährend das Präsens, sondern erwähnt auch (I, 17), daß die beiden, martiobarbuli genannten illyrischen Legionen, welche von Diokletian und Maximian unter dem Namen Joviani und Herculiani über alle Legionen erhoben worden, sechstausend Mann (unstreitig in runder Zahl und ohne die zugehörige Reiterei) stark gewesen seien. Entscheidend ist ferner das 3. Kapitel des II. Buchs mit der Überschrift: quae causae exhauriri fecerint legiones, worin entwickelt wird, daß infolge der Nachlässigkeit früherer Zeiten der naturgemäße Abgang bei den Legionen durch neue Aushebung nicht wieder regelmäßig ergänzt worden sei.

Daß aber die faktische Unvollzähligkeit eines Truppenkörpers etwas ganz anderes ist als die normative Herabsetzung der Etatsstärke desselben, bedarf nicht erst der Begründung. Über die Quantität der faktischen Verminderung, die gewiß eine sehr verschiedenartige war, ist keine Schätzung möglich: wir sind indes überzeugt, daß die Stärke einer Legion durchschnittlich kaum unter viertausend Mann herabgesunken sein und das Übel unter Diokletian und Constantin dem Großen geringer gewesen sein dürfte, als unter des letztern Nachfolger Constantius, besonders aber zur Zeit der Abfassung der Notitia noch größer war. Daß man bei der Teilung des Reichs übrigens auch die Legionen geteilt habe, möchte, obwohl zum Teil dieselben Namen in beiden Reichen vorkommen, doch wohl nicht anzunehmen sein. Interessant ist die Angabe des Agathias (V, 13, p. 305 der Bonner Ausgabe) vom Jahre 558, daß die römischen Streitkräfte nicht so, wie sie unter den früheren Kaisern waren, geblieben, sondern auf eine völlig ungenügende Zahl herabgesunken seien.

»Denn während deren etatsmäßige Stärke auf 645 000 Mann sich belaufen sollte, betrug sie damals kaum 150 000.«

Ob sich aber obiger Solletat, dessen Angabe einer Zeit von hundertundsechzig Jahren nach der bleibenden Reichsteilung angehört, auf östliche und westliche oder nur auf ersteres allein bezieht, wie man logisch annehmen sollte, ist eben so unsicher, als ob auch die kolonisierte Grenzmiliz, die Justinian ja für Afrika erst wieder errichtet hatte, darunter begriffen ist. Wir halten jedoch letztere für ausgeschlossen, wenngleich bemerkt wird, daß ein Teil jener 150 000 Mann (wie aber jeder Zeit der Fall war) in den Grenzprovinzen stehe.

Hätte Agathias an jener Stelle nur den Solletat derjenigen Reichsteile, welche damals Justinian unterworfen waren (wozu bekanntlich aber auch Italien und Afrika gehörten), vor Augen gehabt – wie an sich unzweifelhaft das Richtige wäre –, so müßte der Gesamtetat beider Reiche zur Zeit der Notitia allerdings zwischen 900 000 und 1 000 000 Mann betragen haben.

Noch ist zu bemerken, daß, wenn man die Legionen der Notitia als vollzählig annehmen wollte, die in besondere Körper (numeri) formierte Linienreiterei allerdings nur etwa 1/20 des Fußvolks betragen haben würde. Wie aber das Verhältnis ersterer Waffe zu letzterer in Rom stets ein geringeres war als in den modernen Heeren, so ist auch zu erwägen, daß, wie wir nach obigem aus Vegetius (II, 9) ersehen, auch damals noch die Legionsreiterei bestand, demnächst auch alle Kriege an den Grenzen geführt wurden, in der Grenzmiliz nach Vorstehendem aber die Kavallerie überwiegend war.

Endlich haben wir noch der gerade für die germanischen Verhältnisse so wichtigen laeti und gentiles zu gedenken, welche Böck. n. d. II, p. 1044–1093 mit ausgezeichneter Gründlichkeit behandelt.

Sorge für Vermehrung der Bevölkerung überhaupt und der streitbaren insbesondere mußte, wie schon oft bemerkt ward, für jeden denkenden Herrscher Roms als die dringendste Staatsraison erscheinen. Mit Recht rühmte sich daher Tiberius schon unter August, 40 000 Sugambern und Sueben auf römisches Gebiet verpflanzt zu haben. (Tacitus II, 26; Sueton Octav. 21; Eutrop VII, 9.) Fortwährend mochte in diesem Geiste, namentlich durch Kolonisation des römischen Zehntlandes, gewirkt werden. Wie großartig, sowie unter welch günstigen Bedingungen M. Aurelius die massenhafte Aufnahme von Germanen verschiedener Völker in das Reich betrieb, ward früher entwickelt. (Ebenso Probus.) Gewiß aber haben die für das zweite und dritte Jahrhundert so dürftigen Quellen uns nur die wichtigsten Momente solcher Übersiedlung, nicht aber den ruhigen Fortgang derselben im Kleinen offenbart. Dasselbe geschah mit Westgermanen wiederum im Jahre 288 oder 289 durch Maximian, wobei in Eumenes (Pan. IV. Constantio d. c. 21) zuerst der Name »laetus« für diese Ansiedler erscheint, durch Constantius um das Jahr 294, so wie durch Galerius mit Carpen und Bastarnen.

Wir kommen nun auf die Fragen: Wer waren diese Ansiedler und in wie weit war deren Übertritt ein freiwilliger oder erzwungener? Wodurch unterschieden sich die laeti von den früheren Kolonisten? und woher rührt der Name laeti?

Kriegsgefangene, die der einzelne römische Soldat machte, wurden dessen Eigentum als Sklaven, worüber dem Staate, wenn er sie diesem nicht abkaufte, keinerlei Recht zustand. Größere Trupps, die sich dem kommandierenden General im Felde freiwillig ergaben, wurden nach dem Kriegsgesetz Staatssklaven, servi publici. Wir erfahren nirgends mit Sicherheit, halten aber für möglich, ja für wahrscheinlich, daß auch solche zum Teil, gewiß aber dann unter härteren Bedingungen denn andere, als Kolonisten namentlich unter die Grenzmiliz des Orients aufgenommen wurden, wo wir in der Not. I, p. 68–96 vierzehn germanische Truppenkörper, darunter außer den schon oben genannten auch Sachsen, Vandalen und Goten finden.

In vielen Fällen wahrscheinlich, der Masse nach in den bedeutendsten, erfolgte die Verpflanzung auf römisches Gebiet durch freien völkerrechtlichen Vertrag, wie wir dies von der unter M. Aurelius gewiß wissen, aber auch von den 100 000 Bastarnen, die Probus überführte, anzunehmen haben.

Häufig aber geschah diese gewiß auch durch Kapitulation im Felde, wenn die Germanen, strategisch umzingelt, eine bedingte Ergebung dem Verzweiflungskampf auf Tod und Leben, namentlich dem Verluste von Weib und Kind, Gut und Habe, vorzogen. Dahin möchten auch den von Eumenes (Pan. 4, c. 8 und 9) berichteten Fall, wo alle Barbaren ungeachtet des Verstecks der Wälder mit Weib und Kind »der Gottheit des Constantius sich zu ergeben gezwungen wurden« (tuae divinitati sese dedere cogerentur), rechnen, wenn gleich diese Phrasen mehr eine unbedingte Unterwerfung andeuten.

Ganz unzweifelhaft endlich gingen aber auch außerordentlich viele Germanen zu den Römern über, nicht nur Unzufriedene und Verbannte, sondern auch bloße Abenteurer, welche die willige Aufnahme in den Kolonistenverband lockte, wie denn, nach Dio (LXXI, 20), die Germanen sich über die Aufnahme von Überläufern durch die römischen Grenzbefehlshaber beschwerten.

Bei allen Ansiedlern obiger Kategorien verstand sich die Militärpflicht derselben und ihrer Nachkommen, als Folge der römischen Unterherrschaft, von selbst, bedurfte auch einer besonderen Sicherstellung um weniger, da der eigene Trieb der Germanen zu den Waffen drängte.

Wohl aber mag hierin im Laufe der Zeit, als spätere Generationen immer mehr zu römischer Sitte und Verderbnis übergingen, ein der Regierung bemerkbarer unliebsamer Wandel eingetreten sein.

Wir wenden uns zur zweiten Frage.

Wenn der Ausdruck laetus zuerst bei den unter Maximian im Gebiete der Trierer und Nervier angesiedelten Germanen vorkommt, liegt nicht nur der Gedanke, daß der neue Name auch eine neue Stellung bezeichne, sondern auch der weitere sehr nahe, hierin eine der vielen und wichtigen Neuerungen zu erkennen, welche Rom Diokletians tiefer politischer Einsicht zu verdanken hatte.

Vermutlich fand dieser nun angemessen, den Zweck solcher Kolonisation – tüchtige Soldaten zu gewinnen – dadurch fester zu sichern, daß den Ansiedlern die Ländereien nicht zu vollem Eigentum, sondern nur zu erblichem Nießbrauche, gewissermaßen als Sold für den Kriegsdienst, daher nur auf so lange verliehen wurden, als diensttüchtige Erben dafür vorhanden waren, ein Verhältnis, das wir in seinen Detailwirkungen freilich nicht genau kennen: unstreitig war eine gewisse Schollenangehörigkeit (glebae adscriptio) damit verbunden; der Läte durfte sein Grundstück, gleich dem römischen Colonus, nicht eigenmächtig verlassen (Böck., p. 1069).

War sonach die rechtliche Stellung der Läten von der der frühern Kolonisten, die in alle Rechte und Pflichten der Provinzialen traten, wesentlich verschieden, so fragt es sich, woher der neue Name entstand?

Darüber ist viel geschrieben worden: man hat ihn herleiten wollen von dem deutschen Leute, von laetus, fröhlich zum Kriegsdienste, und ledig: ja sogar ein besonderes keltisches Volk oder mindestens ein keltisches Wort, welches den Colonat überhaupt bezeichne, daraus gemacht. Böcking und mit ihm viele finden den Ursprung in dem Namen der halbfreien Klasse der Germanen, welche Tacitus G. c. 25 als liberti bezeichnet, während die spätern Quellen, namentlich die Volksgesetze solche lidi, liti, lazzi nennen, für welche Namen im Salischen Gesetze auch letus und laetus vorkommt.(Es gibt keine völlig genügende Erklärung. Laz = träge = Knecht? Lazzi = Belassne, auf der Scholle Belassne? Da Laz auch extremus, letzter Äußerster (s. Schade, althochd. Wörterbuch, s. h. v.) heißt, könnte man denken an die an den Grenzen Wohnenden? Letztere Vermutung, obzwar auch nur Vermutung, wäre sachlich und sprachlich wenigstens nicht unmöglich, wie die meisten älteren sind. D.) (Böcking, p. 1050.)

Dies würde die beschränkte, dem Staate gegenüber nicht vollkommen freie, bürgerliche Stellung der neuen Ansiedler mit einem ihnen bekannten und bezeichnenden Ausdrucke charakterisieren. An eine Unterordnung derselben unter Private ist aber dabei auf keine Weise zu denken.

Daher sind die von Eumenes (in dem ged. Paneg. IV. c. 8 und 9) gebrauchten (S. 274, 275 wiedergegebenen) Phrasen entweder nach dessen bekannter Schreibart überhaupt nicht buchstäblich oder nicht von Läten, sondern von wirklichen an die Provinzialen verkauften Sklaven oder auch so zu verstehen, daß den zu ersterer Klasse gehörenden Kolonisten bei Anweisung zwar wüstliegender, aber immer noch in ideellem Privateigentum befindlicher Ländereien die Entrichtung eines gewiß sehr mäßigen Zinses an deren Eigentümer auferlegt wurde.

Waren wir bis hierher im Wesentlichen mit Böcking allenthalben einverstanden, so kommen wir nun auf einen Punkt, worin wir ihm nicht unbedingt beipflichten können. Derselbe sagt nämlich in seiner zweiten Abhandlung über die Gentilen, nachdem er sich in der über die Läten selbst nicht bestimmt darüber ausgesprochen hat, p. 1082 Anm. 10: »Die große Mehrzahl derer, welche in der Eigenschaft als Läten in das römische Reich aufgenommen worden, sind vorher in ihrer Heimat auch dergleichen, d. i. Liten gewesen.«

Dies kann, weil er sich auf irgend ein Zeugnis dafür nicht beruft, nur Meinungssache sein, auf deren Begründung wir näher einzugehen haben.

Gewiß hat derselbe Recht, wenn er dabei die Klasse freiwilliger Überläufer auf römisches Gebiet vor Augen hatte, weil man voraussetzen darf, die Gedrücktesten im Volke werden am meisten geneigt gewesen sein, die Heimat zu verlassen. Nicht anzunehmen ist aber, daß deren Anzahl diejenige der andern Kategorien übertroffen habe, welche im Kriege, sei es im Wege wirklicher Gefangennehmung sowie durch Kapitulation (S. 323) unstreitig zu Tausenden auf einmal zur Ergebung gebracht wurden, indem eine Übersiedlung auf Grund freien Vertrags, wie jene unter M. Aurelius, auch wohl unter Probus, in den Quellen wenigstens nicht weiter vorkommt.

Niemand aber wird behaupten, daß die Mehrzahl der germanischen Heere aus Liten bestanden habe, da es der Freien höchste Pflicht, aber auch schönstes Vorrecht war, die Kriege ihres Volks zu kämpfen. Dies gilt auch von den Franken, denen die unter Maximian und Constantius übergesiedelten Läten wesentlich angehörten, und von den Alemannen, von welchen später im Jahre 370 zahlreiche Kriegsgefangene in das römische Gebiet verpflanzt wurden.

Die ganze Klasse der Halbfreien oder Hörigen bei den Germanen kann nur aus freigelassenen Sklaven oder, was als deren Hauptquelle zu betrachten ist, aus besiegten Vorbewohnern eroberter Länder entstanden sein, denen man ihren Grund und Boden unter dem Obereigentum eines Herrn zur Bebauung gegen Zins beließ. Möglich nun, daß die batavischen Völkerschaften, als sich die Franken in deren Gebiet niederließen, einem solchen Hörigkeitsverhältnisse unterworfen worden seien. Wahrscheinlich ist dies aber auf keine Weise, weil die Franken in ihrem Anfang gewiß nur den Krieg gegen Rom vor Augen hatten, dafür aber die freie Waffengenossenschaft der so heldenmütigen, kriegsgeschulten Bataver(Diese bildeten vielmehr selbst den Hauptteil der Frankengruppe. D.) (man denke an des Civilis Aufstand) ihnen ungleich wichtiger sein mußte, als die Herrschaft über Unterdrückte. Mag dabei auch den Franken eine Art von politischer Suprematie zugestanden haben, so hatten sie doch keinen Grund ein Volk zu knechten, dessen Seekunde allein sie die Möglichkeit der für sie so ergiebigen Piraterei verdankten.

Unsere Meinung ist nun, daß die Frage: welcher Klasse der Germanen die Mehrzahl der römischen Läten ursprünglich angehört habe? eine für moderne Forschung überhaupt unlösliche ist. Unstreitig haben die verdienten Männer (wohin auch Zeuß S. 580 gehört), welche obige von uns bekämpfte Conjectur aufgestellt haben, sich dabei nur durch den Namen Läten leiten lassen, welcher aber viel natürlicher einer absichtsvollen Beilegung durch die Römer als einer selbstverständlichen oder freiwilligen Fortführung durch die Germanen zuzuschreiben sein dürfte, welcher letzteren schon der wichtige Grund entgegensteht, daß ja ihr neues Verhältnis im römischen Staate ein von dem alten heimatlichen wesentlich verschiedenes und im Ganzen, weil sie keinen Privaten als Herrn über sich erkannten, ein viel freieres war (vergl. die von Böck. selbst p. 1049 zitierte Stelle von Waitz, das alte Recht der salischen Franken, Kiel 1846, S. 99).

Unbestritten endlich kommen unter dem Namen Läten nur Westgermanen, meist gewiß Franken und Bataver, vor, da in deren Verzeichnisse Not. occ. p. 119–122 wenigstens nur diese beiden Völker und überdies noch TeutonicianiEs würde ganz irrig sein, aus diesem Namen Teutoniciani auf ein damaliges schon Bekanntsein des erst im neunten Jahrhundert hervortretenden Gesamtnamens der Germanen Teutonici (s. Zeuß, S. 63/4) schließen zu wollen. Dürfen wir eine Vermutung wagen, so ist es folgende:

Zwischen Elbe und Ostsee waren den Alten Teutonen und Teutonoarier bekannt (s. Zeuß, S. 133 und 146/7). Ebenda war noch die Heimat der von Maximian besiegten, von der See her in Belgien eingefallenen Chaibonen (Avionen), welche wir daselbst als zu den Sachsen gehörig bezeichnet haben.

Mit diesen können nun leicht auch Teutonen, ihre Nachbarn, ausgezogen und aus Gefangenen jene durch denselben Kaiser kolonisierten Laeten hervorgegangen sein, welchen wir in der Notit. wiederum begegnen.

genannt werden. Doch sind die meisten der zwölf lätischen Truppenkörper überhaupt nicht nach ihrem Ursprunge, sondern nach den Stationsorten in Gallien, z. B. bei den Lingonen, Nerviern und Arvernern genannt, wobei hervorzuheben ist, daß dieselben größtenteils im Innern Galliens lagen und nur einige derselben in dem zweiten Belgien und Germanien, wiewohl immer noch in merklicher Entfernung von der Grenze.

Wir kommen nun auf die Gentilen, welche Böcking p. 1080 bis 1093 mit gleicher Ausführlichkeit behandelt: er hebt zuvörderst hervor, daß dieser Ausdruck hier nicht in dem spätern allgemeinen Sinne von Heiden, sondern in dem besonderen technischen gebraucht wird, in welchem er eine gewisse Klasse zum Kriegsdienste verpflichteter Kolonisten bezeichne. Die in der Not. occ. p. 119 und 120 aufgeführten neunzehn Abteilungen derselben heißen insgesamt gentiles Sarmatae, nur drei andre, welche mit einer Partei Läten unter demselben Präfekten in Gallien standen, werden vorher Nr. 2, 3 und 12 als gentiles Suevi erwähnt.

Unbestritten nimmt derselbe nun an, daß die Römer unter dieser Benennung niemals Westgermanen, sondern nur teils wirkliche Sarmaten, d. i. meist Jazygen, teils andre Ostgermanen verstanden haben, von welchen letztern jedoch nur Sueben und zwar in Verbindung mit Läten (gentilium Suevorum) p. 120 unter Nr. 12, wahrscheinlich aber auch Nr. 10, wo Suevorum nur ausgefallen ist, und Nr. 14, p. 122 Taifalen (Praef. Sarmatarum Gentilium et Taifalorum Gentilium) genannt werden.

Vielleicht ist indes der Ausdruck Sarmaten hier nur ein mehr oder minder willkürliches Appellativ, veranlaßt dadurch, daß die ersten Ansiedler dieser Kategorie wohl meist aus Jazygen bestanden, die Römer aber an ethnographische Genauigkeit, die ihnen höchst gleichgültig war, dabei gar nicht gedacht haben. Gewiß waren namentlich auch Bastarnen und Carpen, die nach obigem in so großer Zahl auf römisches Gebiet verpflanzt wurden, unstreitig aber außer den Taifalen auch Vandalen, Gepiden und Angehörige anderer Völker der großen Gotenfamilie darunter (vergl. Fl. Vop. Prob. c. 18 und oben), welche man im Allgemeinen auch »Skythen« nannte, was wiederum von Sarmaten häufig nicht streng unterschieden ward.

In den besonders genannten Sueben haben wir Alemannen, Juthungen und Quaden, wohl auch Markomannen zu vermuten.

Was nun das Rechtsverhältnis der Gentilen betrifft, so erklärt dies Böcking (p. 1083, Z. 2 und 1084 letzte Z.) dem der Läten teils für beinahe, teils für völlig gleich, scheint aber gleichwohl (p. 1083 Z. 6, p. 1086 Z. 8 von unten und p. 1089 Z. 8) anzunehmen, daß darunter gar nicht in der Heimat Freie, sondern nur Sklaven der betreffenden Völker gewesen seien.

Mit ersterem vollkommen einverstanden gestehen wir, die letztere angebliche Verschiedenheit nicht begreifen zu können. Offenbar gründet ich diese lediglich auf die vom Anonymus Valesii und Ammian erwähnten Sarmatae servi, welche doch im Jahre 334, nachdem sie ihre Herren vertrieben, die vollste Freiheit erlangt hatten: und die Gentilen der Notitia können in der Tat nicht vor dem Jahre 334 ausgehoben worden, daher höchstens Nachkommen früherer Servi gewesen sein.

Böcking bemerkt auch selbst, daß unter den Gentilen auch Sueben und Taifalen gewesen, hält (p. 1083, Anm. 11) Gaupps Ansicht, daß bei den suebischen Völkern überhaupt keine Liten gab, für richtig, und erkennt mehrfach an, daß Besiegte und dediticii (die sich durch Kapitulation ergeben hatten) zu Gentilen gemacht worden seien, welche doch unmöglich alle Sklaven gewesen sein können.

Nicht minder fühlt derselbe sehr wohl, daß seine Behauptung auf die Scholae Gentilium, die an beiden Höfen unter dem Magister officiorum standen und nach so vielen Stellen Ammians (s. Böck. Not. dign. I, p. 235 und II, S. 270) ausgezeichnete Elitekorps waren, keine Anwendung leiden könne, will diese daher von den Sarmaten-Gentilen streng gesondert wissen. Da aber andere Gentilen als diese beiden Kategorien in den Quellen nirgends vorkommen, so müssen wir doch unbedingt die der Garde (Schola) für auserlesene Mannschaften aus den letztern halten, können daher auch in diesen nicht bloße Sklavenbanden voraussetzen.

Die Kaiser Arcadius, Honorius und Theodosius verordnen im Jahre 405 (s. Böck. p. 1092), daß über die Appellationen nicht nur des Präfekten, sondern auch der Gentilen selbst nur in des Kaisers Namen (sacrum examen) durch den Prokonsul entschieden werden solle. Ist es wahrscheinlich, daß ein solches Privilegium zugunsten vormaliger Sklaven erteilt worden sei?

Daß die Gentilen, wenn sie mit Läten zugleich in Erwähnung kommen, stets nach solchen genannt werden, erklärt sich einfach daher, daß erstere, wie Böcking selbst (p. 1085) ausführt, ein späteres Institut sind, kann mindestens für die niedrigere persönliche Qualität der Gentilen nichts beweisen.

Die Verordnung der Kaiser Valentinian und Valens endlich (welche Böck. p. 1087 übrigens für seine Meinung auch nicht anführt), wodurch die Ehen zwischen Gentilen und Provinzialen bei Todesstrafe verboten werden, spricht offenbar mehr für die freie Geburt als für den Sklavenstand ersterer, weil letzterenfalls die eigene Abneigung wider solche Verbindung stärker gewesen sein würde. Mit Recht hält derselbe das Motiv zu dieser merkwürdigen Vorschrift für ein rein politisches, was wir schärfer dahin bestimmen möchten, daß man die barbarische Nationalität dieser Ansiedler möglichst rein erhalten(Vielmehr umgekehrt die römische Nationalität der Provinzialen. Siehe Könige VI, S. 81. Westgoth. Studien: »Ehehindernisse«. D.), und deren allmähliche Romanisierung verhüten wollte, welche sie teils verweichlicht, teils in römische Provinzialinteressen und politische Parteiungen verflochten haben würde.

Daß in jener Verordnung nicht zugleich der Läten gedacht wird, auf welche das gedachte Verbot nach dessen Aufnahme in den Theodosianischen Codex jedoch wohl ebenfalls Anwendung gefunden hat, erklärt sich am einfachsten dadurch, daß die Spezialfälle, welche es hervorriefen, eben nur bei Gentilen vorgekommen sein mögen.

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