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Geschichte der Völkerwanderung

Felix Dahn: Geschichte der Völkerwanderung - Kapitel 3
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Völkerwanderung
authorFelix Dahn
firstpub1880
year1997
publisherPhaidon Verlag
addressEssen
isbn3-88851-198-4
titleGeschichte der Völkerwanderung
created20051128
sendergerd.bouillon
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Einleitung

Man versteht bekanntlich unter der Zeit der sogenannten Völkerwanderung – (wobei man zunächst nur an germanische Stämme zu denken pflegt) – gemeinhin die Periode, welche mit der Aufnahme der vor den Hunnen flüchtenden Westgoten in römisches Gebiet anhebt, im Jahre 376, und mit der Entthronung des letzten weströmischen Kaisers, Romulus Augustulus, durch die germanischen Söldner im Jahre 476 schließt.

Richtig erfaßt, beginnt freilich diese Bewegung viel früher: – Vorgänge um die Mitte des zweiten Jahrhunderts (der Abzug der Goten von der Ostsee an das schwarze Meer) leiten sie bereits ein – und endet viel später: die wechselnden Schicksale Italiens, Spaniens, Dakiens, Germaniens und der Donauländer vom sechsten bis zur Mitte des neunten Jahrhunderts sind die letzten Wellenschläge dieser Flut: die Wiederaufrichtung des abendländischen Kaisertums, die Zusammenfassung aller deutschen Stämme durch Karl den Großen bilden erst deren Abschluß und Vollendung.

Auch war die Bewegung nicht nur von germanischen Stämmen getragen und veranlaßt: mongolische und slavische wirkten dabei mit, handelnd und leidend. Immer noch pflegt man über diese Erscheinung hinwegzueilen mit den wenig sagenden Worten: »die dunkeln, stürmischen Zeiten der Völkerwanderung, von denen wir keine nähere Kunde haben«.

Und doch sind jene Zeiten nicht so dunkel, die Stürme nicht so ununterbrochen, die Kunde, welche unmittelbare und mittelbare Quellen gewähren, nicht gar so gering.

Seit den Zeiten, da Tillemont und Gibbon ihre Gelehrsamkeit und ihren hell erratenden Geist diesen Forschungen zugewendet, hat unsere Kenntnis jener Periode, der Ausdehnung und der inneren Klarheit und Sicherheit nach, ganz außerordentlich gewonnen: die gereinigte Methode geschichtlicher Untersuchung, die tiefere Auffassung der Aufgaben und der Mittel der Geschichtsforschung in Sprache, Sage, Religion, Ethos, bildender und redender Kunst, Wirtschaft, Recht und Staat und Gesamtkultur, wie wir sie den Begründern der historischen Schule: Niebuhr, Wilhelm von Humboldt, den Gebrüdern Grimm, Karl Friedrich Eichhorn, Savigny verdanken, ist diesem Abschnitt der Weltgeschichte ganz besonders reich zum Segen gediehen. Zwar noch bleibt genug übrig von dem Reize des Geheimnisses, um den Forscher immer wieder an diese Aufgaben heran zu ziehen – die Geschichte ist wahrlich jenes verschleierte Bild, welches durch die halb sichtbaren Züge unwiderstehlich das suchende Auge fesselt.

Aber doch haben die vergleichende Sprachgeschichte, vergleichende Sagenforschung, vergleichende Rechts-, Religions- und Sitten-Geschichte, die junge Wissenschaft der Völkerpsychologie, die aus den Gräbern gestiegene nordische, keltische, etruskische Archäologie, ja auch die Geographie der Pflanzen und der Tiere, die Topographie, verbunden mit der Erforschung der Orts- und der Personennamen, – alle diese Disziplinen, zum Teil neu entstanden, zum Teil doch neu vereinigt, haben unsere Kenntnis von jenen dunkeln Zeiten bedeutend erweitert: wir fußen auf festem, für immer der Wissenschaft gewonnenem Boden in Fragen, welche nicht nur von Gibbon, welche auch von Grimm und Savigny und Eichhorn noch als unlösbare angesehen oder mit schwanken Hypothesen beantwortet wurden.

Münzen des letzten Vandalen-Königs Gelimer mit der Circascription: »Gleilamer Vandalorum et Alanorum Rex«, bei Triest gefunden, bestätigen uns die angezweifelte Richtigkeit von Angaben Prokops über die Titel der Asdingen; aus dem Torfmoor des Sundewitt gräbt man ein Fahrzeug, welches uns bis auf Nagel und Öse genau das Raubschiff der Seekönige vor Augen stellt; aus der Zisterne zu Guarrazar im fernen Spanien hebt man den Königsschatz der Westgoten mit siebzehn Weihekronen, welche das Heer auf der Flucht aus der verlorenen Schlacht bei Xerez de la Frontera am Guadalete vor den verfolgenden Reitern Taliks im tiefen Brunnen, bessere Tage hoffend, barg; die Sprachvergleichung des Gotischen mit dem Persischen, Griechischen, Slavischen, Keltischen lehrt uns, wie der Germane schon vor der großen Völkerscheidung in Mittelasien mit dem Falken den Reiher gebeizt; die aus den Seen und Flüssen von den trocknenden Sonnenstrahlen aus der Feuchte emporgehobenen Pfahlbauten mit den gespaltenen Röhrenknochen der Torfkuh, mit der bitteren Schlehe und Waldbeere, mit dem Steinbeil und Hirschhorndolch lehren uns, wie die Kelten und unsere hochgewachsenen Ahnen mit dem blitzenden Bronzeschwert in der Hand vom Kaukasus die Donau aufwärts vorschreitend ein älteres Volk viel niedrigerer Kulturstufe vorfanden, das scheu vor ihnen nach Norden und Westen auswich, ohne die Pfahlburgen zu verteidigen – denn man findet nur Kinderleichen, nicht die Skelette der abwehrenden oder stürmenden Krieger in dem verkohlten Gebälk. – Und mit willkommener Ergänzung fällt hier die Flüsterstimme der Sage ein, welche zu berichten weiß von einem kleinen, scheuen, kümmerlichen Volk der Zwerge, das vor den Menschen, d. h. den Germanen, in seine Schlupfwinkel in Wasser und Moor entweicht. Die Zustände Islands im zehnten Jahrhundert zeigen uns, wie wohl auch früher aus dem Verband bloßer Gemeinden ein Staat erwachsen sein mag, mit Vollversammlungen für das Ganze und für die Einzelgaue, ein Freistaat, von alten Großgeschlechtern regiert, bis ihre Zwietracht, Ehrgeiz abenteuernder Männer, welche in fremder Könige Dienst treten, den freien Staat der Bauern der Königsherrschaft unterwerfen.

Die altbayerische Bauersfrau im Chiemgau, welche lieber als in der weihrauchdumpfen Dorfkapelle draußen im Walde vor dem Eichbaume kniet, in dessen Rinde sie die Marke des Hofes geritzt und mit roten Vogelbeeren das Bild der Himmelskönigin gesteckt, indessen ihre Kinder den Waldquell hinab Rindenschifflein, mit Wachslichtern besteckt, als »Lebensschifflein« schwimmen lassen, Glück und Unheil? Langes Leben und frühen Tod aus dem Geschick der kleinen Flotte deutend – sie lehren uns den Wald- und Quellen-Kultus unserer Ahnen verstehen und Verbote, welche schon im sechsten und siebenten Jahrhundert die Konzilien erlassen gegen solchen Aberglauben von Westgoten und Sueben, Burgundern und Langobarden, Franken und Hessen, Sachsen und Friesen, Bajuvaren und Alemannen.

Dies war voranzuschicken über den Begriff der Völkerwanderung und die mannigfaltigen Quellen der neueren Forschung für ihre Erkenntnis.

Wir erörtern nun:

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