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Geschichte der Völkerwanderung

Felix Dahn: Geschichte der Völkerwanderung - Kapitel 28
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Völkerwanderung
authorFelix Dahn
firstpub1880
year1997
publisherPhaidon Verlag
addressEssen
isbn3-88851-198-4
titleGeschichte der Völkerwanderung
created20051128
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Elftes Kapitel
Die Staatsreform unter Diokletian und seinen NachfolgernDie Aufgabe der Geschichte kann nur darin bestehen, eine neue Verfassung ihren Grundzügen nach in möglichst lebendigem und klarem Bilde darzustellen, die Geschichte ihrer Entwicklung und das gesamte weitere staatsrechtliche und sachliche Detail gehört der Altertumskunde und der Rechtsgeschichte an.

Vgl. Tillemont, Gibbon (unzweifelhaft noch der Beste), Naudet (Changements dans l'administration de l'empire rome sous les regnes de Dioclet., Constant. etc. Paris 1817) und Manso (Leben Constant. d. Gr. Wien 1819).

Das Verdienstvollste, was wir über die diokletianisch-constantinische(Mommsens Darstellung reicht leider nicht so weit. D.) Staatsreform besitzen, sind die bewundernswürdigen Kommentare des Cujacius über einen kleinen Teil des justinianeischen und des Jac. Gothofredus über den ganzen theodosianischen Codex. Letztere sind ein Abgrund von Fleiß und Gelehrsamkeit, auch Verstand, nur das zu einem lebendigen Ganzen verbindende Band durch die Masse gehemmt, auch das rein sachliche Urteil hie und da mangelhaft.

Alle diese Forscher aber entbehrten noch einer neu aufgefundenen, erst im Jahre 1823 veröffentlichten Quelle, Lydus de magistratibus, die, obgleich verworren und häufig unklar, auch unstreitig nur mangelhaft herausgegeben, dennoch von großer Wichtigkeit ist, sowie eines unschätzbaren Hilfsmittels, der neuen Ausgabe der Notiatia dignitatum durch E. Böcking, Bonn 1839 bis 1853, ein deutschen Forscherfleiß ehrendes Werk, das namentlich in Beziehung auf alte Geographie einzig in seiner Art ist. Die Frage über die Zeit der Abfassung der Notiatia dignitatum ist nicht hierin, sondern in einer kleinen Schrift desselben Schriftstellers de N. D. utriusque imperii, Bonn 1834, behandelt. Dieselbe ist, unsrer entschiedensten Überzeugung nach, mit zweifelloser Richtigkeit auf das Ende des vierten und den Anfang des fünften Jahrhunderts bestimmt. Besonders beachtenswert ist das daselbst (S. 121) angeführte Urteil des trefflichen Schöpflin (Alsat. illust. I, p. 220 sqq. § 174). Hiernach ist kein Anlaß, tiefer auf die Sache einzugehen, wir würden jedoch deren Ursprung eher noch etwas früher als Böcking annehmen zu dürfen glauben, und vermuten, daß es eben die Reichsteilung gewesen sei, welche das Bedürfnis einer solchen Arbeit hervorgerufen habe.

Vgl. v. Bethmann-Hollweg im ersten Teile seines Handbuchs des Zivilprozesses, Bonn 1834, S. 19 bis 213; Burkhard, die Zeit Constantins d. Gr., Basel 1853.

Über drei jahrhundertelang hatte des Augustus Kunstwerk bestanden – die republikanische Form mit monarchischer Spitze. Von edlen Regenten geachtet, von geschickten, wie Tiber, als bequemes Werkzeug des Eigenwillens benutzt, von Tyrannen ignoriert, hatte die Scheinrepublik, in welcher der Senat als idealer Träger der Volkssouveränität figurierte, ruhig fortvegetiert. An grundsätzliche Änderung hatte noch kein Kaiser gedacht: die guten nicht, weil sie es nicht wollten, die schlechten nicht, weil sie es nicht der Mühe wert achteten, auch wohl das Geschick dazu nicht besaßen.

Eine Fortbildung des Räderwerks der Staatsmaschine in monarchischem Sinne hatte allerdings stattgefunden, doch sind wir von ihr, so weit sie nicht die neugeschaffenen kaiserlichen Behörden betraf, nur sehr unvollkommen unterrichtet.

Am meisten hat dafür so im Zivil als im Militär wohl der tätige und umsichtige Hadrian getan, der anscheinend zuerst geregelte stehende Bureaus, deren Geschäfte vorher meist Hausbediente – Freigelassene und Sklaven – des Kaisers und seiner Präfekten versahen, organisierte und Freigelassene darin anstellte (s. epit. Aur. Vict. c. 14, 11). Die wichtigste Änderung war unstreitig die Machterweiterung des kaiserlichen Konsistoriums, obwohl dies eigentlich doch nur einen engeren Ausschuß des Senats vorstellte.

Fortwährend hatte der Senat, wiewohl freilich nur unter besondern Umständen (s. oben) Kaiser abgesetzt, zweimal deren ernannt, Pupienus mit Baltinus und Tacitus, in allen Fällen aber deren Anerkennung und Bestätigung ausgesprochen.

So stand es unzweifelhaft noch unter Aurelian und Probus, die nach den Zeugnissen des Flav. Vopiscus (Aur. c. 26, 31; Prob. c. 11, 15 und Carus 1) mit dem Senat sich gut stellten. Auch ergibt sich nach demselben (Aurel. c. 20), daß damals noch eine bedeutende öffentliche Kasse unter dessen Verwaltung stand.

»Von des Probus Tod an,« sagt nun Aur. Vict. (de Caes., p. 37, 5), »galt nur noch die Militärgewalt und dem Senat ward das impenum (verfassungsmäßige Gewalt) und das Recht, den Fürsten zu ernennen (creandique jus principis) bis auf unsre Zeit (etwa 360) entrissen.«

Diese Phrase dürfte, wenn man sie noch auf Carus und dessen Söhne bezieht, unrichtig sein, da dieser, nach dem zuverlässigeren Fl. Vopisc. (Car. c. 5) sogleich an den Senat schrieb und sich dabei rühmte, diesem selbst anzugehören. Unzweifelhaft hat nun der Senat hierauf dessen und seiner Söhne Bestätigung ausgesprochen, was freilich, wie oft schon bemerkt ward, eine reine Formalität war.

Das Gewicht jener Äußerung, welche, weil sich Aurelius Victor darin noch auf seine Zeit beruft, nicht gänzlich unwahr sein kann, fällt daher lediglich auf Diokletians Regierungsantritt. Wenn gerade dieser aber, nach obigem, unter bisher nie erhörter Schonung und Milde erfolgte, so ist anzunehmen, daß der neue Kaiser die Formalität der Bestätigung mit Absicht nicht suchte und sich statt deren mit einer bloßen Anzeige begnügte.

Ungleich wichtiger als diese zweifelhafte Stelle ist das Zeugnis Eutrops, der, schon unter Constantin dem Großen Staatsbeamter, sowohl durch die beste Wissenschaft als durch die Unbefangenheit und Klarheit seines Urteils das meiste Vertrauen verdient. Dieser nun sagt (IX, 26):

»daß Diokletian zuerst im römischen Reiche mehr die Form des königlichen Brauchs statt der römischen Freiheit einführte« (qui imperio romano regiae consuetudinis formam magis quam romanae libertatis invexit).

Wir unterlassen durch Anführung anderer, minder entscheidender Stellen (wie z. B. Aur. Vict. de Caes. 30, 31, 32, 44 und 40, so wie Lactantius d. m. p. c. 7) die Ansicht:

daß Diokletian als der intellektuelle Urheber der großen Staatsreform gegen Ende des dritten Jahrhunderts zu betrachten ist, näher auszuführen, da wir uns bescheiden, daß ein sicherer Quellenbeweis namentlich für das Detail der Veränderung nicht möglich ist.

Diokletian war zwanzig Jahre lang Haupt und Seele des Gesamtreichs, mehr Regent als Feldherr und unstreitig ein seltener organisatorischer Kopf. Constantin der Große war sieben Jahre lang ein wesentlich beschränkter, dann zwar ein mächtigerer Teilfürst, erst in den letzten dreizehn aber Alleingebieter. Herrschsucht war seine Leidenschaft und als er sich die Welt unterworfen, suchte und fand er vor allem in großartigen Bauten und der Sorge für die neubegründete Hauptstadt und Kirche Befriedigung. Diokletian entäußerte sich der Herrschaft erst stückweise, dann gänzlich. Gewiß nun entspricht eine tiefe Planlegung, eine stille, allmähliche, geschickte Ausführung mehr dem beschaulichen Wesen dieses als dem gewaltigen stürmischen Tatendrange jenes Kaisers.

Gewiß hat Constantin die Ideen seines Vorgängers verfolgt, fortgebildet und so die neue Verfassung festgestellt: man hat sie daher nicht ohne eine gewisse Berechtigung dessen Werk genannt. Gleichwohl erkennen ältere und neuere Geschichtsschreiber, die so verfahren, ausdrücklich an, daß vieles, ja das Wichtigste, von Diokletian herrühre, wie Tillemont IV, S. 91 und 448, Gibbon V, v. Not. 71, 81, 99 und a. a. O. Manso, Leben Const. d. Gr., S. 103, 107 u. f. Burkhard, die Zeit Const d. Gr., S. 66–69.

Indes ist es eine unlösliche Frage, was und wieviel der neuen Einrichtungen diesem oder jenem Kaiser angehöre und wieweit sie überhaupt als neue Schöpfung oder nur als Fortbildung des Altbestehenden zu betrachten seien.

Welches waren die Gebrechen der römischen Staatsverfassung der ersten drei Jahrhunderte, wie sie vor allem in der Zeit des Verfalls, der letzten Hälfte des dritten, so schroff hervortreten?

Die Beibehaltung der republikanischen Form unter einem absoluten Monarchen war eine Täuschung, mit seltenem Geschick von August gesponnen, der den Schein der Freiheit ließ, um für sich und seine Nachfolger desto sicherer das Wesen der Macht zu gewinnen. In seinem Ursprunge damals durch die Zeit geboten war dies Motiv längst weggefallen und das leere Spielwerk mit einem republikanischen Schaugepräng ohne Sinn und Wirksamkeit hätte längst abgestellt werden können und sollen, wenn nicht die Ehrfurcht vor großen Erinnerungen edle und weise, Unfähigkeit zu Neugestaltung schwache und schlechte Herrscher von einer Neuerung abgehalten hätten, für die ein praktisches Bedürfnis nicht vorlag, da man auch in und mit jenen Formen nach Belieben regieren konnte.

Ein Monarch an der Spitze eines bloßen Bürgertums, dem er nach Stand und Sitte selbst angehört, über das er sich sogar durch das Zeremoniell wenig erhebt, der nächst den unentbehrlichsten Organen seiner Gewalt nur die Gesamtmasse der Untertanen fast unmittelbar unter sich hat, ist auf die Länge schwer möglich. Die Monarchie bedarf oben des Glanzes der Majestät, nach unten der Gliederung und Abstufung der Behörden, deren Tätigkeit das Oberhaupt leiten und beaufsichtigen, nicht aber unmittelbar regieren soll und kann. Wo die Hierarchie obrigkeitlicher Gewalten fehlt, ist fast nur eine Despotie möglich, die durch Großwesire regiert. So ward es in Rom, wo die Praefecti Praetorio nicht nur dem Volke, sondern bald auch den Herrschern selbst, die vergeblich allerlei Hilfsmittel dagegen anwandten, verderblich wurden.

Nicht minder anomal ist ein Staat ohne Volk. Wo kein Interesse, weder ein ideales noch materielles, kein Nationalgefühl die Regierten an die Regierung knüpft, keinerlei Zusammengehörigkeitsbewußtsein bei erstem lebt, da kann nur von Gehorsam des Volks aus knechtischer Furcht, nimmermehr von eigner freier Mitwirkung desselben für Staatszwecke, geschweige denn von Treue und Anhänglichkeit die Rede sein.

Verwandt hiermit, wenn auch immer noch wesentlich verschieden, ist das Verhältnis eines Gesamtstaats, der aus einem Aggregate verschiedenartiger Völker besteht. Da ergibt sich – und dies gilt heute noch – für die Regierung die Notwendigkeit, eine homogene Gesamtmasse zu schaffen, die von ihren Spezialkreisen losgerissen eben nur dem Gesamtstaate angehört und gewissermaßen die fehlende Gesamtnation vertritt. Dies sind Heer und Beamtenstand, aus deren Nachkommen, besonders denen des letzteren, wieder eine zahlreiche Klasse hervorgeht, die sich dem Allgemeinen verwandter fühlt, als den besondern Kreisen, woraus deren Vorfahren einst hervorgegangen sind.

Ein Heer freilich hatte Rom und in diesem hat sich auch, wie oft es sich zwar der Empörung, ja des Kaisermords schuldig gemacht, für würdige Herrscher und deren Dynastie mehrfach treue Anhänglichkeit geregt. Einer Staatsdienerschaft entbehrte es aber fast ganz: und dadurch der Kaiser selbst einer zahl- und einflußreichen, durch Bande der Dankbarkeit und Hoffnung an seine Person geknüpften Volksklasse, von welcher er, wenn auch nicht volle und selbstverleugnende Treue, doch sicherlich eine festere als von der übrigen Masse der Untertanen zu erwarten hatte.

Man kann diese Gebrechen der römischen Monarchie indes mehr für theoretische als praktische halten, hat aber mindestens zuzugeben, daß deren Wirkung, wenn auch gewiß eine tiefe, doch nicht so schlagend und verderblich hervortrat, als das Tyrannenunwesen, das freilich wieder mehr oder minder aus der isolierten wurzellosen Stellung des Monarchen im Staate hervorging. Wo der Thron eben nur auf der Person, auf dem augenblicklichen Besitzer der Macht beruhte, deren Ausübung in dem unermeßlichen, am Rhein wie am Euphrat, an der Donau wie am Nil so schwer bedrohten Reiche, notwendig unter viele Feldherren zersplittert werden mußte, wie nahe lag da für diese der Gedanke der Anmaßung des Zepters neben dem Schwert.

Aber nicht allein der Ehrgeiz der Führer, auch Mißstimmung und Geldgier des nach einem »Donativum« lüsternen Heeres, jede Parteileidenschaft, selbst zufällige Aufregung in einer Provinz weckte das Aufstandsgelüst und lenkte es auf irgendeinen General, der dann, weil der bloße Verdacht mitwissender Teilnahme schon unabwendbare Todesstrafe zur Folge hatte, zur Selbstrettung gezwungen war, zu vollenden, was er, wenn auch nicht aus Treue gegen seinen Herrn, doch aus Besonnenheit vielleicht nimmermehr gewollt hatte. Ja die bloße Furcht vor einer verwirkten Strafe konnte den Schuldbewußten bestimmen, in der Empörung noch Rettung zu suchen, wie jenen Bonosus nach Flavius Vopiscus (Bon. c. 15). Man hat (Manso in der Beilage IV zum Leben Const. d. Gr. über die dreißig Tyrannen unter Gallienus) die Empörung gewissermaßen als ein Korrektiv der Despotie, als ein Heilmittel der Völker gegen diese darzustellen versucht. Das ist aber ein Irrtum, der durch das einzige Beispiel des Postumus nicht gerechtfertigt werden kann.

Immer war die Empörung ein schweres Unheil, nicht nur für den unmittelbar bedrohten Kaiser, sondern auch für die betreffende Provinz. Ströme vergossenen Bürgerblutes, die Vergeudung großer, hart erpreßter Summen, der versäumte Schutz gegen feindliche Raubfahrten, daher steigende Verwüstung des Landes durch äußere wie durch innere Feinde, schließlich ein grausames Blutgericht über wirkliche oder vermeinte Anhänger des Besiegten waren die unausbleiblichen Folgen jedweder Empörung, selbst der gelungenen.

Diokletian hatte die Zeit der sogenannten »dreißig Tyrannen« selbst erlebt – was Wunder, daß dieser Greuel wie ein Gespenst vor seiner Seele stand?

Eng verwandt mit all dem eben Bemerkten war endlich der Mangel einer geordneten und gesicherten Thronfolge.

Wie aber war all diesen Gebrechen abzuhelfen? Die moderne beschränkte Monarchie, wie sie sich in England im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert entwickelte, war im Untergange der alten Welt unmöglich, ein gewisser Absolutismus unvermeidlich. Gleichwohl mußte das Ideal einer tiefdenkenden Politik etwas jener Ähnliches anstreben: die naturgemäßen Fundamente einer geordneten Monarchie mußten erkannt, aufgesucht und derselben so weit tunlich unterbreitet werden.

So das Bedürfnis und die Aufgabe. Untersuchen wir nun, was zu deren Erfüllung geschah.

Das erste war die Teilung nicht des Reiches, aber der Regierung.

Ein Herrscher konnte, wo von allen vier Himmelsgegenden her Krieg wütete oder doch drohte, nicht mehr genügen.

Indem aber die Tüchtigsten zu Mitregenten gewählt wurden, ward nicht nur für des Reiches Schutz am besten gesorgt, sondern zugleich der Versuchung zur Empörung die Spitze abgebrochen, da der Kaiser freiwillig gab, was glücklichsten Falls der Frevel erringen konnte. Für andere als die zur Regierung berufenen Feldherren aber erschwerte die fortwährende Nähe eines legitimen Herrschers jedweden Aufstand, die bereite Unterstützung des Gefährdeten durch seine Mitherrscher dessen Gelingen. Nur durch die Insularlage erhielt sich Carausius: Diokletians Weisheit aber machte ihn durch vorübergehende Anerkennung eines fünften Regierungsbezirks unschädlich.

Zwei Majestäten (Auguste) und zwei Cäsaren: das war Diokletians Plan, dadurch zugleich aber die Thronfolge geregelt, da letztere, jüngere Männer, an die Stelle der ersteren zu treten bestimmt waren. Unstreitig war es sein Wunsch, daß auch das Beispiel seiner Thronentsagung nach zwanzig Jahren, wozu er nicht minder Maximian bewog, bei seinen Nachfolgern Nachahmung finden möge, wodurch der bei jedem Todesfalle unvermeidlichen Erschütterung und Störung vorgebeugt worden wäre. An der Sicherheit der Ausführung aber muß schon sein eigener Tiefblick gezweifelt haben.

Der Monarch sollte ferner nicht mehr ein bloßer Bürger, sondern mit dem Glanze der Majestät geschmückt, eine geheiligte Person sein.

Die Formen des Verkehrs mit ihm, Tracht, Titel, alles ward geändert. An die Stelle der früher gemeinüblichen Begrüßung durch Umarmung (Salutation) trat nun demütige Kniebeugung (Adoration). Prunkvolles Zeremoniell, orientalische Etikette sonderten den Souverän von seinen Untertanen. Er heißt nun der geheiligtste Imperator (sacratissimus), durch »göttlich« und »Gottheit« wird er und was ihm angehört bezeichnet.

Schon in den ersten sechs Zeilen der von Mamertin (am 21. April 289) auf Maximian gehaltenen Lobrede wird die Verehrung des geheiligtsten Imperators der der Götter gleichgestellt und von der Veneration seiner Gottheit (veneratio numinis tui) gesprochen.

Der einfache Purpurmantel verschwindet. Das Diadem, die weiße mit Perlen geschmückte Binde, deckt die Stirn des Kaisers, den schwere, prachtvolle, bis auf die Schuhe herab mit Edelgesteinen und Perlen gestickte Gewände von Seide und Goldstoff umhüllen (Eutrop IX, 26).(Die Mosaiken von Ravenna aus dem sechsten Jahrhundert zeigen Justinian in dieser Kaisertracht. D.)

»Imperator«, früher nur Vorname und Ehrenauszeichnung, jedoch allmählich bereits schwankenden Sinnes, wird nun reiner Amtstitel, der Kaiser nunmehr aber zugleich noch »unser Herr«, dominus noster (D. N. auf den Münzen) genannt, was vordem, wie noch Tiber sagte, nur das Verhältnis zum Sklaven kennzeichnete.

Nicht kleinliche Eitelkeit, Hoffart und Prachtliebe allein kann den Mann dazu bewogen haben, der nach so vielen Siegen erst im neunzehnten Jahre seiner Regierung – und zwar glanzloser als einer seiner Vorgänger – triumphierte und dann freiwillig die Muße des Landlebens mit dem Throne vertauschte.

Es war ihm kein leerer Tand, sondern eine tiefsinnige Berechnung des Einflusses, den die äußeren Zeichen der Majestät auf die Gemüter ausüben.

Die ganze Macht republikanischer Erinnerungen heftete sich an das alte heilige Rom. Indem Diokletian dies als Residenz verließ, ja absichtlich mied, brach er zugleich mit allen Formen der Vorzeit. Ob, wann und in welcher Zahl er noch Senatoren zu sich berief, wissen wir nicht: der Senat selbst aber hörte auf, zu sein, was er gewesen, von dem Augenblick an, wo der Kaiser nicht mehr in den Senat kam, sondern dieser zum Kaiser kommen mußte.

Die bemerkten Maßregeln: Teilung der Regierung, Sicherung der Thronfolge, Umkleidung des Monarchen mit vorher unbekannter Majestät, das Aufgeben der alten Residenz und der Bruch mit den republikanischen Formen, insgesamt mehr politischer als administrativer Natur, sind unbestritten Diokletians Werk. (Vergl. Eutrop IX, 26.)

Es ist fast undenkbar, daß der Tiefblick dieses Herrschers nicht auch die Notwendigkeit erkannt habe, die monarchische Spitze zugleich auf den Unterbau einer angemessenen Behördenverfassung zu gründen und durch einen von dem Kaiser abhängigen, daher mehr oder minder an dessen Person geknüpften Beamtenstand zu schaffen. Die Quellen denken allerdings nur der Abschaffung der weiter unten zu erwähnenden Frumentarier (Aur. Vict. d. Caes. 39, 44), der Teilung der großen Provinzen in viele kleinere, der Ernennung mehrerer Praefecti Praetorio und der Vicarien derselben, der Magistri (unstreitig militum) und der Vervielfältigung der Beamten überhaupt (Lactantius d. m. p. c. 7).

Schon aus diesen wichtigen Neuerungen aber, welche der weitern Behördenverfassung zum Teil als Grundlage dienten, läßt sich abnehmen, daß letztere in der Hauptsache wenigstens dessen Werk gewesen sei, da wir größtenteils dieselben politischen Motive darin erkennen, aus welchen die anderen bemerkten Neuerungen hervorgingen.

Indes hört hier fast jede Sicherheit auf: wir lernen die neue Administrativverfassung nur als etwas Fertiges und zwar großenteils aus viel späteren Quellen kennen: der notitia dignitatum vom Ende des vierten oder Anfang des fünften Jahrhunderts, dem Theodosianischen Kodex vom Jahre 438, dem Justinianeischen vom Jahre 528–534 und aus des Lydus etwas späterem Werke de Magistratitus.

Müßig daher ist jede eingehende Detailerörterung über den Ursprung dieser oder jener Einrichtung: genug, daß wir Diokletian, der gewiß aber auch vielfach an schon Bestehendes knüpfte, und nächst ihm Constantin als die Schöpfer derselben zu betrachten haben.

Grundprinzip der neuen Einrichtungen und zugleich entschiedener Bruch mit der republikanischen Überlieferung ist die gänzliche Trennung der Zivil- und Militärgewalt, die gewöhnlich auf Grund von Zosimus (II, 32 und 33) Constantin allein zugeschrieben wird.

Es liegt auf der Hand, daß diese sowohl dem Kaiser als dem Volke heilsam war.

Daß der Statthalter von Provinzen, die zum Teil große Königreiche unserer Zeit umfaßten, ungleich mächtiger und dadurch dem Souverän gefährlicher war, wenn ihm nicht allein die gesamte Armee, sondern auch sämtliche Gerichts-, Polizei- und Finanzbehörden untergeben waren, daher vor allem die reichen Geldmittel des Landes zu Gebot standen, bedarf kaum der Erwähnung, da letztere insbesondere jedem Empörer, der vor allem die Soldaten zu gewinnen hatte, unentbehrlich waren.

Wir haben daher in dieser Teilung recht eigentlich das sicherste Vorbeugungsmittel gegen das Tyrannenunwesen zu erblicken.

Nicht allein ward die gefährliche Macht der Provinzialstatthalter dadurch heilsam beschränkt, sondern jedem derselben damit zugleich ein Wächter zur Seite gestellt.

Auch erlangten dadurch die Provinzialen Schutz gegen die so häufigen Bedrückungen durch Übermut und Raubsucht der Soldaten und Offiziere, da sie nicht mehr allein die zweifelhafte Abhilfe des Generals, sondern nun auch die Vertretung des Zivilstatthalters dagegen in Anspruch nehmen konnten. Umgekehrt hatte aber auch dieser bei Verhängung grober Unredlichkeiten die Kenntnisnahme und Anzeige seines Militärkollegen zu scheuen. Überhaupt aber mußte, der Natur der Sache nach, durch die Teilung der Macht die Leichtigkeit des Mißbrauchs verhindert werden.

Nur aus Haß gegen Constantin kann es daher erklärt werden, wenn ein sonst so achtbarer Schriftsteller wie Zosimus umgekehrt diese Einrichtung tadelt, obwohl man andrerseits zugeben muß, daß die Einheit der Gewalt, wenn man deren Träger als Beamtenideale auffaßt, was sie freilich in der Regel nicht waren, auch ihre Vorzüge haben konnte.

In der Terminologie allein dauerte die Einheit des Staatsdienstes fort, indem dieser auch fernerhin durch »Militia« bezeichnet, der militärische aber durch den Zusatz »armata«, bewaffneter, unterschieden ward.

Im engern Sinne aber bedeutete Militia (auch militia cohortalis) den Staatsdienst in den Kanzleien der Praefecti Praetorio und der Provinzialstatthalter und bildete so den Gegensatz zu dem der Zentralverwaltung d. i. in den Bureaus der kaiserlichen Ministerien und Hofchargen, Officia palatina, Aula, palatium. Es ist dieser Unterschied auch auf das römische Kaisertum deutscher Nation und von diesem auf deutsche Territorien übergegangen, indem man diejenigen Beamten, welche in den höchsten kaiserlichen und landesherrlichen Stellen unmittelbar fungierten, durch das Prädikat: Hof, z. B. Hofrat, Hofsekretär, auszeichnete.

Ganz außerhalb der Behördenhierarchie standen folgende Würden oder vielmehr Titel:

a) Der Consul, der das Prädikat gloriosus, ruhmvoll, führte und die Ehre, dem Jahre seinen Namen zu verleihen, mit dem starken Aufwande für Festspiele bei Antritt seiner Würde bezahlen mußte. In letztern, vor allem aber in der eingeführten Zeitrechnung, lag auch der Hauptgrund, weshalb diese historische Reliquie unangetastet blieb. Der Konsul hatte den Rang über den Praefecti Praetorio und den Vorsitz im Senat, aber keinerlei weitere nennenswerte AmtsgewaltDie feierliche Emanzipation von Sklaven und wohl noch einiges andere verblieb ihm., sogar der Beisitz im kaiserlichen Konsistorium, geheimen Rate, scheint ihm von Amts wegen nicht weiter zugestanden zu haben.

b) Das Patriciat: ursprünglich Geburtsadel, das Constantin aber nur als persönliche Auszeichnung namentlich an die höchsten Staatsbeamten, wie Präfekten und Magistri militum verlieh und das solchesfalls nicht minder den Vorsitz vor den Praefecti Praetorio gewährte (s. Zosimus II, 40 und spätere Gesetze im Codex Justinian. XII, 3, 3 bis 5, da der Theodos. VI, 2 nichts Wesentliches darüber enthält).

c) Das Nobilissimat: eine von demselben für die Prinzen von Geblüt ersonnene, wahrscheinlich ebenfalls auf besonderer Verleihung beruhende Ehrenauszeichnung.

Wir gehen nunmehr

I. auf den Ziviletat

über und zwar

A. auf die Landesverwaltung

An deren Spitze standen:

Vier Praefecti Praetorio in ihren Bezirken und zwar

a) der für den Orient (praef. praet. per orientem) zu Konstantinopel.

Dieser umfaßte fünf Diözesen:

aa) die des Orients mit fünfzehn Provinzen;

bb) Ägypten mit fünf, später sechs Provinzen;

cc) die asiatische (Asiana) mit zehn Provinzen;

dd) die pontische mit zehn Provinzen;

ee) Thrakien mit sechs Provinzen.

Überhaupt also sechsundvierzig Provinzen.

b) Der für Illyricum (das östliche, jetzt türkische, welches durch den Drinus, jetzt Drinna, Grenzfluß zwischen Serbien und Bosnien, vom westlichen geschieden ward) zu Sirmium mit zwei Diözesen:

aa) Makedonien mit sechs Provinzen, welche die gesamte griechische Halbinsel bis auf einen Teil Makedoniens umfaßten;

bb) Dakien (Neudakien) mit fünf Provinzen.

c) Der für Italien zu Rom mit vier Diözesen:

aa) das nördliche Italien mit sieben Provinzen; wozu auch die beiden Rätien gehörten;

bb) das südliche mit zehn Provinzen, einschließlich Sizilien, Sardinien und Korsika;

cc) Illyricum (das jetzt österreichische, mit Bosnien, Herzegowina, Montenegro und einem Teile Bayerns) mit sechs Provinzen;

dd) Afrika mit sieben Provinzen.

d) Der für Gallien (praef. praet. Galliarum) zu Trier mit drei Diözesen,

aa) Spanien (Hispaniarum) mit den Balearen sieben Provinzen.

bb) Die sieben Provinzen (septem provinciarum) Frankreich, Schweiz, Belgien und das linke Rheinufer mit siebzehn Provinzen;

cc) Britannien mit fünf Provinzen.

Dies ergibt für die Präfekten

des Orients 5 Diözesen 46 Provinzen
Illyricums 2 " 11 "
Italiens 4 " 30 "
Galliens 3 " 29 "
Überhaupt also: 14 Diözesen u. 116 Provinzen.

Ausgenommen von den Präfekturbezirken waren aber die Städte Rom und später Konstantinopel, so daß hier noch

e) der Stadtpräfekt von Rom und

f) der von Konstantinopel, die den Praefectis Praetorio völlig gleichgestellt waren, zu erwähnen sind.

Ebenfalls unmittelbar in des Kaisers Namen (sacra vice) wurden ferner die prokonsularischen Provinzen verwaltet, nämlich

g) Asien, d. i. Lydien, Carien, mehrere Inseln und der Hellespont mit den Hauptorten Smyrna und Ephesus und

h) Afrika mit Karthago, wodurch sich die Gesamtzahl der Provinzen auf hundertundzwanzig steigerte.

Eine dritte prokonsularische Provinz Achaja mit dem Sitze Korinth, stand dagegen unter dem Praefectus Praetorio des östlichen Illyricum.

Die gedachten Prokonsuln waren auch an Rang und Macht niedriger gestellt als die sechs Präfekten.

Diese hat man als Vizekönige zu betrachten. Kommen dergleichen in späterer und neuerer Zeit nur in entlegenen Reichsteilen vor, so mochte damals der ungeheure Umfang des römischen wohl die Anstellung mehrerer kaiserlichen Stellvertreter rechtfertigen.

Sie machten die kaiserlichen Gesetze bekannt und erließen in geeigneten Fällen selbst Edikte für ihren Bezirk. Von ihnen fand keine Berufung an den Kaiser, sondern nur der Weg der Bitte, Supplikation statt, welche ebenso wie das Restitutionsgesuch gegen deren Urteile bei dem Präfekt selbst angebracht werden mußte.

Sie hatten Gewalt über Leben und Tod, durften aber nach einer späteren Verordnung (C. Just. I, 54, 4) an Geld nicht über fünfzig Pfund Gold (etwa 45 000 Mark) strafen.

Über deren Rang verbreitet sich Lydus (II, 9) ausführlich. Sie mußten von allen niedrigern Ranges durch Kniebeugung geehrt werden, was sie nur durch Umarmung erwiderten: der Kaiser selbst ging ihnen am Eingange des Palastes zu Fuß entgegen.

Die Präfekten hatten in jeder Diözese einen Stellvertreter, Vicarius mit Ausnahme der Diözese Dakien, die von dem des östlichen Illyricum unmittelbar verwaltet worden sein mag, und der des zur Präfektur Italien gehörigen westlichen Illyricum, für welche beiden freilich die militärische Gewalt überhaupt wichtiger war, als die zivile. Der Präfekt der großen Diözese Orient führte den besonderen Titel Comes Orientis und der im Range nachfolgende Ägyptens den noch von August herrührenden praefectus Augustalis. Beide gingen im Range den übrigen Vicarien vor, welche insgesamt der zweiten Rangklasse der spectabiles angehörten. Für Rom war überdies ein besonderer Vicar der Stadt angestellt, der teils unter dem Stadtpräfekt stand, teils aber auch als Vicar des Präfekts von Italien die vorstehend unter c) bb) bemerkten zehn Provinzen Italiens zu beaufsichtigen hatte (s. Notit. occid. c. 18, S. 80, S. 63 und Bethm.-Hollw. S. 86).

Die Provinzialgouverneure waren

a) Prokonsuln, drei an der Zahl, spectabiles, von denen jedoch, wie bemerkt, nur der von Achaja unter dem Präfekten stand.

b) Konsulare siebenunddreißig.

c) Präsidenten (praesides) einundsiebzig und

d) Korrektoren fünf.

Die drei letzten Kategorien gehörten der dritten Rangklasse der clarissimi an.

Alle diese hießen und waren ordentliche Richter, teils erster Instanz für alle einen gewissen Betrag überschreitende Rechtssachen, sowie für Personen und Güter eximierten Gerichtsstandes ohne Unterschied, teils höherer Instanz, indem sie über den städtischen, in geringfügigeren Gerichtssachen kompetenten Gerichten standen.

Von den ordentlichen Richtern b) c) und d) ward nach gewissem nicht genau zu ermittelndem Unterschiede, teils an den Vicar, teils an den Praefectus Praetorio unmittelbar appelliert (s. Bethm.-Hollw. S. 79).

Dasjenige, was die moderne Geschäftssprache im Gegensatze zur Justiz mit Verwaltung bezeichnet, mag, wie früher in ganz Deutschland und jetzt noch in manchen Landen, als ein Nebenzweig der Rechtspflege großenteils von den Richter-Beamten behandelt worden sein.

Der Mitwirkung dieser Reichs- und Provinzialbehörden in Finanzsachen wird später gedacht werden.

Die Vicare und Provinzialstatthalter wurden vom Kaiser selbst, unstreitig jedoch auf Vorschlag des Präfekten ernannt, unter dessen Disziplinargewalt sie standen, so daß diesem selbst deren Absetzung und Ernennung provisorischer Substituten zustand (s. Bethm.-Hollw. S. 76). In Gegenwart des Präfekten hörte die Amtsgewalt der Vicare ganz auf (s. ebenda S. 78), was sich jedoch nicht auf den Aufenthaltsort, sondern nur auf die persönliche Teilnahme beider an derselben Verhandlung beziehen kann.

Gleichwohl berichteten die Vicare unmittelbar an den Kaiser und sandten auch diesem die Berichte der Provinzialstatthalter ein, was wir jedoch auf gewisse dazu bestimmte Fälle einschränken möchten.

Wie umfänglich die Rechtspflege dieser Behörden war, ergibt sich daher, daß bei dem Gerichtshofe des Praefectus Praetorio des Orients hundertundfünfzig, bei dem Vicar zu Alexandrien fünfzig und dem des comes orientis vierzig Advokaten angestellt waren.

Von den Bureaus (Officia) derselben wird bei Darstellung der kaiserlichen die Rede sein. Nach einem Gesetze vom Jahre 386 (C. Th. I, 12, 15) sollte kein Vicar mehr als dreihundert bei ihm Angestellte (Apparitores) haben.

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