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Geschichte der Völkerwanderung

Felix Dahn: Geschichte der Völkerwanderung - Kapitel 26
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Völkerwanderung
authorFelix Dahn
firstpub1880
year1997
publisherPhaidon Verlag
addressEssen
isbn3-88851-198-4
titleGeschichte der Völkerwanderung
created20051128
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Zehntes Kapitel
Diokletian

Eine der bedeutendsten Kaiserregierungen ist zugleich die dunkelste aller, weil unsere Spezialquellen plötzlich versiegen. Mit dem gänzlichen Aufhören der Historia Augusta verläßt uns auch, infolge der schon erwähnten Lücke, Zosimus. Da bleiben nur die allgemeinen Quellen, vor allem die Epilomatoren, welche für diese Zeit, deren Genossen der ältere Victor de Caesaribus und Eutrop selbst waren, jedoch bedeutender sind, und die Chroniken.Die wichtigsten der uns erhaltenen Chroniken sind:

1) Das Chronicon paschale, welches in einer Ausgabe vom Jahre 1616 unter dem, wiewohl unbegründeten, Titel Chronicum Alexandrinum erschien, daher häufig auch so zitiert wird. Dasselbe hat nach der gelehrten Vorrede des berühmten Du Fresne du Cange, der solches herausgab, zwei Verfasser (Bonn. Ausg. 11, S. 16). Die Arbeit des ersteren schloß mit dem Jahre 354. Der zweite führte dasselbe bis zum Jahre 624 weiter. Die Chronologie in diesem ist wunderlich verschoben, wie man namentlich aus der Vergleichung der Kaiserjahre mit den sehr authentischen und aus einer guten Quelle geschöpften Konsularfasten sieht; der Anfang der Regierung eines Kaisers fällt sehr oft viele Jahre später, als das im Jahre nach der Thronbesteigung angetretene Konsulat. Die Osterchronik hat das mit den meisten Byzantinern gemein: sie haben richtige Angaben über die Regierungsdauer der einzelnen Kaiser, aus denen sie aber eine im ganzen falsche Chronologie zusammensetzen. Auch muß man wissen, daß ihre Olympiaden julianische Schaltperioden sind: Ol. 1, 1 ist = 777 v. Chr., Ol. 195, 4 = 1 v. Chr., Ol. 196, 1 = 4 n. Chr. und so fort, so daß allemal das erste Olympiadenjahr im julianischen Kalender ein Schaltjahr ist. Doch ist meistens nicht dieses, sondern das Konsulatsjahr das maßgebende, wenn es sich darum handelt, eine unter einem mit widersprechenden Charakterismen begabten Jahre stehende Notiz ihrem wahren Jahre zuzuweisen. Von Constantin an sind die Indiktionsjahre ein leidlich sicherer Anhalt: die früheren imaginären Indiktionen sind durch Rückrechnung gefunden. – Dagegen enthält im Chron. Paschale die Ausfüllung des Gerüstes durch politische Notizen, welche dem Verfasser minder wichtig gewesen sein dürften als die kirchengeschichtlichen, in denen er sehr ausführlich ist, ungemein viel der gröbsten Irrtümer, wovon z. B. der Abschnitt über die Regierung von Carus und dessen Söhnen I, 510 der Bonn. Ausg. einen schlagenden Beleg gibt, indem er Carinus, den er zu des Carus Neffen macht, von den Persern gefangennehmen und ausstopfen läßt, was eine offenbare Verwechslung mit Valerian ist, der nach ihm in der Schlacht blieb. Numerian aber, fährt er fort, habe ihn gerächt und die Perser besiegt. Daraus folgt aber doch nicht die Unglaubhaftigkeit aller anderen Nachrichten, namentlich derjenigen ganz kurzen, bei denen das chronologische Moment das hauptsächliche ist.

Hierher gehören namentlich die Epochenjahre lokaler Ären, die durchweg von den Münzen bestätigt werden.

2) Die Chronik des Hieronymus.

Diese ist teils eine Übersetzung der griechischen Chronik des Kirchenhistorikers Eusebius, die bis zum Jahre 326 reicht, mit einigen Zusätzen des Verfassers, teils eine Fortsetzung desselben bis zum Jahre 379 (381). Das Original des Eusebius ist verloren, jedoch in einer erst in neuerer Zeit aufgefundenen armenischen Übersetzung erhalten, mit deren Benutzung Mommsen eine treffliche Abhandlung über die Quellen des Hieronymus geliefert hat. (Verhandl. d. phil.-hist. Klasse d. Ges. d. Wissensch. zu Leipzig 1850, S. 667 ff.)

Derselbe sagt von ihm: »Als Zeittafel taugt er wenig, als Exzerpierender hat er den Wert seiner Quelle.« Für Diokletians Zeit kann dies, da sich in dieser nach Mommsens gründlicher Erörterung kein Zusatz aus andern Quellen findet, lediglich der Kanon der Chronik des Eusebius, der, im Jahre 264 geboren, Zeitgenosse war, und für einzelne Nachrichten Eutrop gewesen sein.

Die Chronologie des Hieronymus in der besten Ausgabe desselben (im VIII. Bande der Ausgabe der Opera Hieron. durch Vallarsius), von Christi Geburt an, weicht um ein bis drei Jahre von der richtigen ab, was seinen Grund darin zu haben scheint, daß derselbe oder ein späterer Abschreiber sie mit der Regierungsdauer der einzelnen Kaiser in Verbindung bringen wollte, hierbei aber für die Bruchteiljahre volle rechnete. Von Tiber bis Claudius beträgt die Differenz ein Jahr, bei Domitian schon zwei Jahre, von M. Aurelius bis Septimius Severus nur ein Jahr, bei Severus Alexanders Tode wieder zwei Jahre. Philippus gibt er, statt ungefähr fünf, sieben Jahre Regierungsdauer, und setzt daher des Decius Regierung um vier Jahre zu spät an. Von Valerian bis Diokletian mindert sich der Fehler wieder auf drei Jahre. Man kann daher die von ihm angegebenen Jahre der christlichen Ära, die vor dem sechsten Jahrhunderte überhaupt nur eine gelehrte, nicht eine wirklich gebräuchliche war, auf keine Weise benutzen. Diese sind überhaupt lediglich eine Zutat des Hieronymus, oder gar nur eines späteren Abschreibers. Allein die stets angeführten Regierungsjahre des betreffenden Kaisers bestimmen dessen Zeitangaben.

Nach diesen berechnet aber stimmt die Einreihung der bei jedem derselben aufgeführten Ereignisse mit der richtigen Chronologie in der Hauptsache überein, wenn man eine Ausnahme macht. Nämlich die aus Eutropius entlehnten, sehr zahlreichen, durch wörtliche Übereinstimmung leicht kenntlichen Notizen können keine eigne Autorität beanspruchen. Hieronymus hat sie – ziemlich leichtfertig – unter beliebige Jahre versetzt, ohne dafür eine andere Quelle als den Eutropius zu haben; dieser nennt aber bekanntlich fast nie ein bestimmtes Jahr. Diesen Nachweis verdanken wir Mommsen in der angeführten Abhandlung, wo sich S. 673 mehrere schlagende Stellen dafür angezogen finden.

3) Die übrigen Chroniken, von denen Roncalli in seiner Ausg. Vetust. lat. scrip. Chronica, Padua 1787, fünfzehn aufführt, sind, soweit gleichzeitig, insgesamt, selbst die von Cassiodor, nur Ausschriften aus Hieronymus, daher nur für die spätere Zeit von 379 an von Interesse. Nur die dem Idatius beigelegten Fasten unter dem Titel Descriptio consulum haben selbständigen Wert.

Hinzu kommen die Kirchenväter und Panegyriker: erstere durch leidenschaftlichen Haß und eben solche Vorliebe in ihren Urteilen mindestens stets verdächtig, letztere, deren Lobhudelei rhetorische Phrase mehr gilt als historische Treue, ungenügender, als man von deren Sachkenntnis und Geist erwarten könnte.Die Panegyriken (jetzt nach der Ausgabe von Baehrens s. den Anhang):
  1. Claudii Mamertini Maximiniano A. dictus, vom 21. April 289
  2. Desselben Genethliacus Maximiniano A. d. vom Jahre 291 oder 292 (a).
  3. Eumenes pro restaurandis Scholis d. vom Jahre 296 oder 297 (b).
  4. Desselben Constantio Caesari de recepta Britannia am 1. März des Jahres 297.
  5. Incerti Maximiniano et Constantino AA. d. bei der Vermählung dieses letztern mit Max. Tochter Fausta vom Jahre 307.
  6. Eumenes Constantino A. d. vom Jahre 309 oder 310 (c).
  7. Desselben Gratiarum actio Flavensium Nomine vom Jahre 311.
  8. Incerti Constantino A. d. vom Jahre 313.
  9. Nazarius Constantino A. d. vom Jahre 321.

Dabei ist die Zeit folgender Reden zweifelhaft:

a) II. Genethliacus. Daß dieser nicht vor dem Jahre 291 gehalten worden, wird von allen Forschern anerkannt. Erwägt man aber die Fülle der dann zuerst erwähnten Ereignisse, namentlich (c. 16 u. 17) die Kriege der Barbaren unter sich in allen Teilen des Reichs, so wird es höchst unwahrscheinlich, daß diese alle in nur zwei Jahren von 289 bis 291 vorgefallen sein sollen. Auch erscheinen die Worte (c. 17, 1): Furit in viscera gens effrenata Maurorum, und ebenda (c. 4): Blemyes illi, ut audio, adversus Aethiopas quaerunt, quae non habent arma, wenngleich auf innere Zerwürfnisse bezüglich, doch den Beginn der Unruhen und des allgemeinen Aufstandes in jenen Provinzen anzudeuten, zu dessen Unterdrückung Maximian dahin abgehen mußte, was doch erst einige Zeit nach dem 1. März 293 geschehen konnte. Nun beruht aber der einzige Grund, weshalb diese Rede schon in das Jahr 291 gesetzt wird, darauf, daß der Ernennung der Cäsaren, die nach der gewöhnlichen Meinung am 12. März 292 erfolgte, darin keine Erwähnung geschieht (Jäger in seiner Ausgabe der panegyr. Nürnberg 1771, S. 102). Ganz abgesehen davon aber, daß letzteres Datum selbst nach den neuesten Forschungen unrichtig sein dürfte, würde dadurch deren Haltung im Januar und Februar 292 keinesweges ausgeschlossen sein. Sollte nun die von Schwarz in dessen prolegomena zu dieser Rede (s. Jägers Ausg. S. 98–108) S. 101 ausgesprochene Ansicht, Maximian habe seinen Geburtstag auf den des Herkules verlegt, der am 12. Februar gefeiert ward, begründet sein, so würde obiger Einwand sofort wegfallen.

Unter allen Umständen halten wir den Anfang des Jahres 292, wo nicht gar 293, für wahrscheinlicher.

b) Die Einweihungsrede der Schule zu Autun wird von allen auf das Jahr 296, von Manso sogar (Leben Const. d. Gr. S. 283) auf das Jahr 295 gesetzt.

Abgesehen davon, daß es unwahrscheinlich ist, Constantius werde seinen Magister sacrae Memoriae, einen Unterstaatssekretär, der nicht weniger als 300 000 HS., selbst unter großer Reduktion des Münzwertes mindestens 30 bis 36 000 Mark, jährlichen Gehalt empfing, gerade vor dem britannischen Feldzug oder während dessen entlassen haben, so beweist die Stelle c. 18, wo er Britannien mit der in alter Zeit aus dem ägäischen Meere plötzlich aufgetauchten Insel Delos vergleicht, namentlich in den Worten: haec ipsa (i. e. Britannia) quae modo desinit esse barbaria unwiderleglich, daß jene Rede erst nach der Wiedereroberung Britanniens gehalten worden ist.

Auch ergibt sich (aus c. 21,2), daß Galerius damals schon im persischen Kriege begriffen war, seinen Hauptsieg aber, worin alle übereinstimmen, noch nicht erfochten hatte.

Daß aber jener Krieg nicht vor dem Jahre 296 begonnen habe, wird ebenfalls allgemein anerkannt. So auffällig daher auch ein solches Übersehen seitens aller bisherigen Herausgeber und Forscher ist, so halten wir es doch für zweifellos, daß der fragliche Panegyricus, bei dem Constantius übrigens nicht selbst gegenwärtig war, in keinem Falle vor der letzten Hälfte des Jahres 296 gesprochen worden sein kann. Man hat dann anzunehmen, daß Constantius den Eumenes nach der Wiedereroberung Britanniens im Frühjahr 296 und der inzwischen im Wesentlichen erfolgten Wiederherstellung Autuns dahin absandte, um die Einrichtung und Einweihung der neuen Schule zu leiten. Ein völlig sicheres Argument dafür, daß er, wie allgemein angenommen wird, der am 1. März 297 gehaltenen Lobrede de recepta Britannia (IV) vorausgegangen sei, findet sich aber darin nirgends, obwohl dies durch die Abwesenheit des Kaisers bei Haltung das Paneg. III wahrscheinlich wird.

c) Die Zeit des Panegyricus VI ist mit Sicherheit nicht zu bestimmen. Offenbar hat Manso a. a. O. S. 291 darin Recht, daß die Stelle c. 20, 3 auf Maximians Tod (im Jahre 310) hindeute. Andrerseits ist Tillemont (S. 568) beizustimmen, wenn er es unerklärlich findet, daß diese die faktischen Vorgänge bis zur Belagerung und Übergabe Marseilles so vollständig angebende Rede damit schließe, ohne des erneuerten Aufstands und Mordversuchs des alten Maximian auch nur mit einem Worte zu gedenken. Sollte jene Stelle daher nicht vielleicht ein späterer Zusatz bei Veröffentlichung dieser Rede sein können?

Was über Diokletian vorhanden ist, hat Tillemont mit ungemeiner Gründlichkeit und Gibbon, der gerade hierin vortrefflich ist, mit so viel Geist zusammengestellt, daß wir in allem, was die äußeren Ereignisse seiner Regierung betrifft, im Wesentlichen ihnen folgen können, wenngleich in Nebensächlichem deren Darstellung hier und da der Berichtigung und, was Gibbon betrifft, der Vervollständigung bedarf. Andrer neuerer Hilfsmittel wird an den betreffenden Orten gedacht werden. (S. den Anhang.)

Die wichtige Staatsreform im Innern, die von ihm ausgegangen ist, behalten wir uns im folgenden Kapitel darzustellen vor.

Diokles – denn so hieß er nach dem Namen seiner Mutter und seiner Geburtsstadt Dioklea in Dalmatien – war niedriger Herkunft. Gibbon sucht die verschiedenen Angaben der Quellen über letztere dahin zu vereinigen, daß nicht er selbst (Aur. Vict. Epit. 39, 1), sondern nur sein Vater ein Freigelassener des Senators Anulin und nachher Schreiber gewesen sei, was sehr wahrscheinlich ist. Als Kaiser nannte er sich, römischer lautend, Diokletianus.

Diokletian war kein Held wie seine letzten vier Vorgänger, ja Lactantius (de mortibus persec, c. 7, 8, 9) nennt ihn sogar furchtsam. Der Kirchenvater aber ist nicht unbefangen und ein Krieger solcher Herkunft hätte bei offenbarer Mutlosigkeit nie so hoch steigen können. Unzweifelhaft aber war es nicht Tapferkeit, sondern die seltenste anderweitige Brauchbarkeit und geistige Tüchtigkeit, der er seine Erhebung verdankte. Seit Menschengedenken war keine Thronumwälzung so harmlos verlaufen als diese.

Niemand ward des Lebens, ja selbst der Freiheit, der Güter und Würden beraubt und die Welt atmete froh auf, als sie dem Blutvergießen, der Verbannung und der Konfiskation bei solchem Anlaß ein Ziel gesetzt sah. In Rom hatte Carinus neben sich seinen Praefectus Praetorio Aristobul zum Konsul ernannt: Diokletian, an jenes Stelle tretend, behielt den ersten Beamten seines Feindes als eignen Kollegen bei.

Wir behandeln zuerst die Zeit vom Jahre 285 bis zur Ernennung der beiden Cäsaren im Jahre 293, aber überall nur die Geschichte des Westens.

A. Vom Jahre 285 bis zum Jahre 293.

Es ist kaum zu bezweifeln, daß des gefürchteten Probus Ende der Anfang eines neuen Einbruchs der nimmer rastenden Alemannen und Franken war. Dafür spricht, daß Carus sogleich seinen unstreitig kriegerischen Sohn Carinus nach Gallien absandte. Nach Mamert. Paneg. Maximian. A. scheint zwar der Zeitpunkt, da alle barbarischen Völker ganz Gallien den Untergang drohten, erst später, etwa 286, eingetreten zu sein, wir sind aber überzeugt, daß schon bei Diokletians Antritt nicht nur der sogleich zu erwähnende innere, sondern auch der äußere Feind dringend zu fürchten war.

Darum war es eine der ersten Regierungshandlungen des weisen Diokletian, sich zum Schutze des Westens einen Mitherrscher, seinem Haupte den Arm eines tapferen Schwertes beizugesellen.

Seine Wahl fiel auf Maximianus, einen alten Freund und Landsmann, rohen Krieger ohne Weisheit und Milde, der aber alle Fehler eines solchen Naturells durch die seltene Treue und Fügsamkeit, die er Diokletian bewährte, mindestens diesem gegenüber, wieder gutmachte. Beider Verhältnisse – Geist und Kraft – kennzeichnet sich auch dadurch, daß Diokletian nach Jupiter sich Jovius, Maximian aber Herculius nannte (Aur. Vict. de Caes. c. 39, 18). (Über Zeit und Form dieser Erhebung s. Anm.Tillemont nimmt nach der gründlichsten Erörterung (IV, Note 5, S. 500–504) an, daß Maximian, was auch Eutrop (IX, 20) bestätige, im Jahre 285 zum Cäsar, 286 aber zum Augustus ernannt worden sei. Gibbon folgt ihm: auch scheinen die Gründe allerdings überzeugend. Man muß aber solchesfalls auch annehmen, daß zwei im Cod. Just, vorkommende Rescripte vom Jahre 285 (V, 71, 8 und VI, 34, 2, letzteres sogar vom Monat Januar 285) falsche Überschriften führen, da sie Impp. Dioclet. et Maximian. A. A. überschrieben sind. Obwohl dies nun allerdings dadurch veranlaßt worden sein kann, daß die Sammler die spätere Doppelzeichnung ohne Prüfung auch auf frühere Rescripte übertrugen, so steht doch auch wieder der Mangel an Münzen, worin Maximian als Cäsar aufgeführt wird, Tillemonts Meinung entgegen, da die einzige dieser Art bekannte sich, nach Eckhel (VIII, p. 16), wahrscheinlich auf Galerius Maximilianus bezieht. Gewiß ist nur, daß Diokletian sogleich nach des Carinus Tod im Jahre 285 Maximian nach Gallien, wo eines Herrschers Gegenwart so dringend Not tat, absandte, und es ist ziemlich gleichgültig, unter welchem Titel dies geschah. Tillemonts Chronologie verwickelt sich auch in der folgenden Note über die Zeit der Unterdrückung der Bagauden (S. 505) durch die Rücksicht auf die christliche Martyrologie, welche nach einer Quelle des siebenten Jahrhunderts das sogenannte Martyrium des h. Mauritius auf den 22. September 286 setzt.

Wir behaupten nicht, daß die Geschichte von der Niederhauung einer ganzen von Diokletian abgesandten Legion völlig erdichtet sei, halten diese aber für Entstellung und Übertreibung eines ungleich unwichtigern Vorganges, können mindestens nicht begreifen, wie man das von einem so späten Schriftsteller angegebene Datum, das an sich etwas Gleichgültiges war, nur um deswillen für unfehlbar ansehen kann, weil dieser ein christlicher ist, während wir doch bei den Profanhistorikern, selbst bei den besten, so viel chronologische Irrtümer finden.

)

Schon zu Cäsars Zeit (d. b. Gall. VI, 13) war der Zustand der untern Volksklasse in Gallien ein sehr gedrückter, der Sklaverei ähnlicher (paene servorum habetur loco). Während der Zeit der keltischen Freiheit gereichte ihr die gegenseitige Eifersucht der Häupter und Mitglieder des Adels zu einigem Schutze. Unter Roms Herrschaft konnte sie solchen nur bei der Regierung finden. Mochte dieser immer schon, zumal unter schlechten Kaisern und Statthaltern, ein mangelhafter gewesen sein, wie hilflos mußte der arme Landmann insbesondere seinen harten Grundherren während jener zwanzig Jahre von 254 bis 274 preisgegeben sein, als ganz Gallien der stete Schauplatz germanischer Einbrüche und des Bürgerkrieges zwischen dem Kaiser und den Tyrannen des Westens war.

Hatte sich unter Aurelian und Probus der Zustand vielleicht etwas gebessert, wie mag er sich unter Carinus, der selbst ein Vertreter des Frevels, nicht der Gerechtigkeit, war, wieder verschlimmert haben.

Die Verzweiflung des höchsten Elends, das nichts mehr zu verlieren, nur zu gewinnen hat, trieb zum Aufruhr, der aber in diesem Falle doch nur dadurch Halt und Zusammenhang erhielt, daß ein Paar ehrgeizige Römer, von Herrschaftsgelüst ergriffen, Amandus und Aelianus, sich an die Spitze stellten und mit ihren Haufen das flache Land plünderten, ja selbst die Städte bedrohten. Man nannte die Aufständischen Bagauden, eine im fünften Jahrhundert wiederkehrende Bezeichnung, deren Etymologie unsicher ist.

Gegen diese zog nun sofort, wohl schon im Jahre 285, Maximian, der durch Waffen und Milde den Aufstand mit Leichtigkeit dämpfte. (Eutr. IX, 20; A. Vict. de Caes. c. 39, 16; Mam. Paneg. I. Maxim. A. 9, 4; Incerti Pan. V. Maxim. et Constan. § 8.)

Darauf wandte er sich gegen die äußeren Feinde, indem, nach der schwülstigen Phrase des Rhetors (Mam. I, 5) sämtliche barbarische Völker ganz Gallien mit Untergang bedrohten. Unzweifelhaft waren diese nicht nach, sondern schon vor den Bagauden, mindestens während der Kämpfe mit diesen, im Felde erschienen. Im einzelnen erwähnt nun Mamertin a. a. O. nur der Burgundionen, mit denen schon Probus am Rheine focht, und Alemannen, welche der Kaiser mehr durch Klugheit als durch Gewalt bezwungen, indem ihnen ihre eigene große Anzahl(Abermals ein Zeugnis für deren nach schweren Verlusten immer neu anwachsende Zahl. D.) verderblich geworden und in Folge von Abschneidung der Lebensmittel Hunger und Seuche bei ihnen ausgebrochen, daher aber deren Bewältigung leicht geworden sei.

Nahe liegt hier der Gedanke, der Führer der Burgunder, welchen sich die Alemannen angeschlossen, habe, des kleinen Raubkrieges, in welchem letztere es zu solcher Virtuosität gebracht, noch unkundig, mit zu großer Masse operiert (? D.), welche er, da nach der allgemeinen Defensivmaxime jener Zeit alles Landvolk mit Vieh und Lebensmitteln in feste Städte oder sichere Verstecke flüchtete, nicht genügend zu ernähren vermochte.

Hierauf griff Maximian mit wenigen Kohorten eine jedenfalls nur kleinere Schar von Chaibonen (und Herulern) an und schlug sie dergestalt auf das Haupt, daß kein Flüchtling übrig blieb, der Weibern und Kindern in der Heimat die Trauerkunde überbringen konnte, wobei Mamertins Posaune den Kaiser alles persönlich tun läßt. (Paneg. I, c. 5.)

Die Übertreibung liegt auf der Hand: das Ereignis aber ist höchst wichtig, da hier unstreitig Völker, die später unter dem Namen der Sachsen vorkommen, zuerst nach Westen vordringend in der Geschichte erscheinen. Mamertin nennt sie ihrer Kraft nach die ersten, ihren Wohnsitzen nach die letzten aller Barbaren.

Diese lagen nun unstreitig zwischen Elbe und Ostsee, wo Tacitus (G. 40) schon Avionen nennt, während Mamertin selbst an einem andern Orte (Paneg. genethlic. II, c. 1) dieselben als Cavionen bezeichnet. Wegen der HerulerDie Heruler zählen zu den Goten, nicht zu den späteren Sachsen. Die Sachsen aber senden später immer häufiger ihre gefürchteten Raubschiffe in die französischen Ströme: dies ist wohl nicht die erste ausgeführte Raubfahrt einer später zu den Sachsen gehörigen Völkerschaft, nur die erste genauer berichtete. (D.) auf S. 220 verweisend, bedarf es kaum der Erwähnung, daß die daselbst erwähnten östlichen mäotischen damals nicht in Gallien aufgetreten sein können.

Wir haben es daher hier wohl mit den nordischen Herulern, Raubfahrern von der See her, zu tun, welche, an der belgischen Küste gelandet, von Maximian mutmaßlich schon tiefer im Innern betroffen und aufgerieben wurden.

In allen diesen Kämpfen hatte sich der Menapier Carausius hervorgetan. Da um dieselbe Zeit Franken und Sachsen (Eutrop. IX, 21) den ganzen Kanal von der Bretagne bis zur Rheinmündung raubfahrend durchschwärmten, übertrug der Kaiser diesem, der früher als Steuermann und Schiffskapitän auf Handelsschiffen gedient hatte, wohl schon zu Anfang des Jahres 286 den Befehl. Carausius aber vollführte sein Werk zu eigenem Nutzen.

Landung und Raub behinderte er gar nicht, lauerte jedoch den heimkehrenden Schiffen geschickt auf, nahm ihnen die Beute ab und behielt diese dann, größtenteils wenigstens, für sich. Als der Kaiser, dies wahrnehmend, dessen Tötung befahl, nahm er gegen Ende des Jahres 286 oder zu Anfang 287 den Purpur und bemächtigte sich Britanniens (Eutrop. IX, c. 21). Die dort stehende Legion und die Auxilien unterwarfen sich ihm: sein Gold, ebenso gewiß aber auch sein Ruf und seine Persönlichkeit führten ihm zahlreiche Barbaren zu. Vor allem vermehrte er durch Neubau seine Flotte und bildete diese zu hoher Überlegenheit über die römische aus. (Eumenes Paneg. V; Constant. Caes. c. 12.)

Maximian machte die größten Anstrengungen zu dessen Unterdrückung. Am 21. April 289 sagt Mamertin in seinem wahrscheinlich zu Trier gehaltenen ersten Panegyricus c. 12: schon seien die im Lande während des ganzen Jahres 288 erbauten Flotten auf allen Flüssen, durch die Gnade der Götter begünstigt (als ob die Wässer im Frühjahr nicht naturgemäß anschwollen), zur See gelangt, so daß dem Piraten, wenn ihn nicht die Erde oder ein Seestrudel verschlinge, keine Zuflucht mehr bleibe. Aber der Erfolg beschämte den Prahler. Wissen wir auch über den Krieg (aus Eutrop. IX, c. 22) nur, daß er fruchtlos versucht worden (bella frustra tentata), so können wir hiernach doch nicht zweifeln, daß jene großartige Flotte nichts erreicht hat.

Gewiß ist, daß Diokletian und Maximian mit dem Anmaßer bald darauf, man vermutet im Jahre 290, Frieden schlossen, und ihn als Mitkaiser für Britannien anzuerkennen sich genötigt sahen (Eutr. a. a. O. u. Aur. Vict. c. 39, 39), was durch seine zahlreichen Münzen bestätigt wird, worin er jene als Brüder (fratres) aufführt.

Die Geschichte des Carausius, der ein kraftvoller Mann gewesen sein muß, wird dadurch anziehend, daß England hier zum ersten Male in der stolzen Rolle einer für ganz Europa uneinnehmbaren Seefestung auftritt, die es zwar später gegen sächsische, dänische, normannische Kraft nicht zu behaupten vermochte, schon seit dem sechzehnten Jahrhundert aber wiederum so glänzend eingenommen hat. Gibbon spricht darüber vortrefflich.

Finden wir einen ferneren Anklang an die spätere Geschichte darin, daß Carausius, wie sich weiter unten ergeben wird, den Hafen von Boulogne, wie die Engländer so lange Zeit Calais, auf der gallischen Küste inne hatte, so ist kaum zu zweifeln, daß ihm dies als Friedensbedingung, wogegen er dem Seeraub entsagte, zugestanden ward.

Über die Ereignisse der Jahre 287 und 288 im Westen wissen wir nur folgendes:

Die germanischen Waffen können, obiger Niederlagen unerachtet, Gallien nicht verschont haben, da Mamertinus in gedachtem Panegyricus (I, c. 6) von unzähligen Schlachten und Siegen in der ganzen Provinz, und dabei namentlich von einem am 1. Januar 287 – dem Tage, wo Maximian sein erstes Konsulat antrat – und zwar in der Nähe von Trier (nach den Schlußworten) erfochtenen berichtet.

Auch mag deren Vertreibung aus der Provinz endlich gelungen sein, da Mamertin schon Kap. 7 den Rheinübergang Maximians erwähnt und dabei in der Lobhudelei so weit geht, zu versichern, »daß dieser zuerst unter allen Kaisern der Welt bewiesen habe, wie Roms Grenze so weit reichet als dessen Waffen.« Und dies sprach er im siebenten Jahre nach dem Tode des großen Probus, des wahrhaftigen Germanenbezwingers (von Drusus und Germanicus zu schweigen! D.).

Diese Offensive scheint mit einer gleichen des von Osten her anrückenden Diokletian kombiniert worden zu sein, da dieser gleichzeitig (c. 9) in Rätien über die Donau ging, wobei die Imperatoren sich vorübergehend vereinigten. Der Feldzug muß zu einem Friedensschluß geführt haben, da (nach c. 10) der König Gennobaudes sein Reich zurück, ein zweiter, Esatech (welches Stammes? doch wohl alemannischen D.), Geschenke empfing. Unstreitig ist dieser Krieg der nämliche, von welchem Eumenes (Paneg. Constant. Caes. c. 2), der daran selbst teilnahm, handelt: er erwähnt dabei eines gefangenen Königs und der Verwüstung ganz Alamaniens von der Rheinbrücke bis zu dem Donauübergange bei Guntia, Günzburg (im M. S. steht statt Guntiensem Contiensem). Letzterer erfolgte sonach drei Meilen unterhalb Ulm nicht in altgermanisches, sondern in altrömisches Gebiet diesseits des Limes.

Was war nun des ganzen Krieges (welchen Mamertin Scipios Übergang nach Afrika im zweiten punischen Kriege und Alexanders Zuge nach Indien gleichstellt) Ergebnis? Etwa die Wiedereroberung des über zweihundert Jahre lang in unbestrittenem römischen Besitze verbliebenen Zehntlandes, wie diese noch vor kurzem Probus so glorreich vollführt hatte? Gewiß nicht: wie dies jener Friede, das beredte Schweigen der Lobredner und die Geschichte der Folgezeit außer allen Zweifel setzen.

Ja man sprach, in schmählichem Vergessen der Vergangenheit, gar nicht mehr von der römischen Provinz, sondern nur noch von »Alemannien« und ließ dies, nach jenem strafenden Verwüstungszuge, großenteils wenigstens in ruhigem Besitze der Alemannen und Juthungen: (diese sind nicht mehr Räuber, sondern Bauern in diesem Lande – bald, fünfzig Jahre später, sogar auf dem linken Rheinufer: in dieser Zeit hat das lang versuchte Vordringen der Germanen an und über den Rhein in der Absicht dauernder Niederlassung einen starken Fortschritt erzwungen. D.).

Dawider ist auch nicht einzuwenden, daß Mamertin in seiner zweiten zu Anfang Februar 292 (s. Anm. 210) zu Maximians Geburtstage gehaltenen Rede (II. Pan. genethl. c. 5, 4) nächst den in der Mitte des Barbarenlandes (in media barbaria) errichteten Trophäen vorübergehend auch der Vorrückung des Limes nach einer plötzlichen Niederlage der Feinde gedenkt, da die Sprache der Übertreibung zumal in so abgerissenen Phrasen kein sicheres Anhalten bietet, bleibende Behauptung der gesamten früheren Provinz aber ganz andern Ausdruck gefunden hätte. (Vergl. hierüber weiter unten.)

Die Franken scheinen schon vor dieser Zeit das alte römische Klientelgebiet in Batavien besetzt und daselbst, vielleicht auch über einen Teil der alt-friesischen Gaue sich verbreitend, eine selbständige Herrschaft gegründet zu haben. Die Nähe der See und die Mithilfe ihrer neuen Untertanen ließen ihnen den Seeraub, wobei man, die Grenzbesatzungen umgehend, an der gelegensten und unerwartetsten Stelle einfallen konnte, vorteilhafter erscheinen als die Einbrüche zu Land (Eutr. IX, c. 21; Mamert. II, Pan. genethl. c. 7, 2), obwohl sie, so lange Carausius für Rom focht, auch zur See nicht selten hart gezüchtigt worden sein mögen.

Noch im Jahre 288, mindestens vor dem April 289 ward jedoch durch einen der Generale Maximians auch zu Lande ein Vorteil über sie erfochten, wobei (Pan. I, c. 11, 4) jenes Volk zwar nicht genannt, aber durch den damals fast technischen Ausdruck des trügerischen (lubrica fallaxque) deutlich bezeichnet wird. Das römische Heer muß dabei bis zur Seeküste vorgedrungen sein, da (a. a. St. unter 7) von dem an dieser vergossenen Blute der Feinde die Rede ist.

Auf denselben Vorgang dürften sich Mamertins Worte (im II. Panegyr. c. 5, 4) beziehen: »ich übergehe die mit ihrem Könige um Frieden bittenden Franken.«Es ist ein aus Mangel an geographischer Anschauung hervorgegangener arger Irrtum des verdienten Tillemont, wenn er unter den pan. II, 5, 4 erwähnten Königen der Franken die im pan. I, 10, 2 genannten Könige Genobon und Esatech versteht, deren am letztern Orte bei dem Feldzuge in Alemannien gedacht wird, bei welchem doch ein fränkischer König sein Land, wie I, 10, 2 bemerkt wird, nicht verlieren und zurückerhalten konnte, indem das Gebiet der Franken bei der an letzterer Stelle genau beschriebenen Operationslinie gar nicht berührt ward. Auch wird in Pan. II, 5, 4 jener fränkischen Könige gar nicht in Verbindung mit den hopaea Germanica und dem limes Raetiae hostium promotus (d. i. dem alemannischen Feldzuge), sondern erst später nach zwei Zwischensätzen gedacht. Nicht minder wird die durch Maximian bewirkte Kolonisation von Laeten (laeti, welcher später zu erörternde Ausdruck hier zum ersten Male vorkommt) im Gebiete der Nervier und Trierer, obwohl sie erst in Eumenes (Paneg IV. Constant. vom Jahre 297 c. 21) erwähnt wird, eine Folge desselben gewesen sein. In der Tat scheint hiernach jener Krieg mit den Franken sehr erfolgreich gewesen und von dem Lobredner nur um deswillen so schwach betont worden zu sein, weil Maximian dabei nicht persönlich mitwirkte.

Von Diokletian erfahren wir nur, daß er um obige Zeit (288) Sarmatien, d. i. das Jazygen-Land, wahrscheinlich auf dem Rückmarsch von Rätien verwüstete (Mam. Pan. genethl. II, c. 5, 4; 7, 1 und 16, 1), was eine wegen Räubereien verwirkte Züchtigung voraussetzen läßt.

Die Ereignisse der Jahre 289 bis mit 292 sind der Gegenstand eben dieser zu Maximians Geburtsfeier gehaltenen Rede.

Unwichtig ist dabei die, wie man glaubt, im Jahre 290 stattgehabte feierliche Zusammenkunft beider Kaiser zu Mailand (Paneg. II, c. 11), aus welchem Orte sich indes ergibt, daß der Westen des Reichs, wohin sich Diokletian dazu begab, damals gefährdeter gewesen sein muß als der Osten.

Ungleich bedeutender sind die (c. 16 und 17 erwähnten) Zerwürfnisse der Germanen unter sich. Der Redner sagt dabei im Wesentlichen folgendes:

»So groß, Imperatoren, ist euer Glück, daß sich nun die Barbaren überall untereinander selbst zerfleischen und vertilgen, und die im sarmatischen, rätischen und überrheinischen Gebiet erlittenen Niederlagen verdoppeln und erneuen. Heiliger Jupiter und Herkules, endlich habt ihr die Tollheit des Bürgerkriegs unter jene Völker geschleudert, die vom äußersten Osten bis zum äußersten Westen in ihr eignes Blutvergießen stürzen.«

Darauf fährt er wörtlich also fort:

»Die Goten vertilgen gründlich die Burgunder. Für die Besiegten waffnen wieder die Alemannen. Die Thervingen, ein andrer Teil der Goten, durch Mannschaft der Thaifalen unterstützt, kämpfen gegen Vandalen und Gepiden. Die Burgundionen haben die Äcker der Alemannen eingenommen, aber sie haben sie zu ihrer Niederlage gewonnen. Die Alemannen haben das Land verloren, aber sie nehmen es wieder. O große Macht unsrer Gottheit.«

Diese Stelle bedarf mehrfacher Erläuterungen.

Die Zeile 1 erwähnten Goten sind wohl Ostgoten, weil die Thervingen, d. i. Westgoten, mit ihren westlichen Nachbarn Gepiden und Vandalen besonders erwähnt werden.

Die Burgunder sind die oben behandelten östlichen (? D.), welche damals in der Nähe der Ostgoten gesessen haben müssen.

Der Name des den Burgundern zu Hilfe kommenden Volkes Alemannen ist unzweifelhaft irrig(Die Schwierigkeiten sind hier sehr groß. Wie einerseits Goten, andrerseits Burgunder und Alemannen Nachbarkriege sollen haben führen können, ist unverständlich: die »östlichen« Burgunder sind ein bloßer Notbehelf: es gab nicht zweierlei Burgunder. Eine bloße Vermutung ist folgende Annahme, die aber den sonstigen, namentlich auch den späteren Verhältnissen (noch Valentinian hetzt die Burgunder auf ihre West-Nachbarn, die Alemannen) entspricht und die Stelle erklären würde. Die Goten, welche die Burgunder besiegen, sind ein von Osten die Donau herauf gewandelter Volksteil – eine erste Bewegung der Art, welche später die (gotischen) Vandalen an den Rhein führte. Nach Besiegung der Burgunder durch die von Osten andringenden Goten sehen sich der Burgunden westliche Nachbarn, die Alemannen, bedroht und waffnen gegen die angreifenden Goten, zugleich in eignem wie in der Burgunder Interesse. Nach Abwehr der gotischen Angreifer geraten Burgunder und Alemannen selbst in einen der häufigen Kriege um Grenzland, wie sie das Ausbreitungsbedürfnis unablässig hervorrief. – Diese Auffassung ist wenigstens möglich und nicht unwahrscheinlich. »Vertilgt« sind die Burgunder durch den gotischen Angriff so wenig, daß sie alsbald den volkreichen Alemannen ihre Grenzländer wegnehmen können. D.), und wahrscheinlich Fehler eines Abschreibers, der aus Alanen (? D.), eine Abkürzung vermutend, die ihm bekannten Alemannen machte. Darüber sind alle Forscher von Valesius (Paneg. Vet. ed. Jäger zu d. Stelle S. 199) bis Zeuß (S. 466) einig. Wie konnten auch die zweihundert Meilen von den Ostgoten entfernten Alemannen den Krieg gegen erstere aufnehmen, während Alanen (s. oben) allerdings in der Nähe ersterer heimisch waren.

Darauf, daß Mamertin bald Burgundiones, bald Burgundios nennt, ist kein Wert zu legen.

Das Außergewöhnliche, die Bedeutung und selbst wohl die Gleichzeitigkeit dieser Kämpfe dürfte mehr oder minder Übertreibung des Alles für seinen Zweck ausbeutenden Rhetors sein.

Die Zerwürfnisse der Germanen im ersten Jahrhundert (s. oben 1. Buch, 5. Kap.) sind uns bekannt, weil wir für diese Zeit Tacitus haben. Für das zweite und dritte fehlen uns alle Quellen über die innern Zustände Germaniens: deshalb wissen wir auch nichts von deren Kriegen unter sich, welche naturgemäß niemals ganz aufgehört haben, (vielmehr jetzt bei der notwendig versuchten Ausbreitung aller Völkerschaften erst recht häufig geworden sein müssen; wenige Jahrzehnte später erzählt Ammian wiederholte Angriffe der Ostnachbarn der Alemannen auf diese, daher deren beständiges Vordringen nach Westen: sie wurden selbst von Osten her gedrängt. D.). Nur von den Ostvölkern erfahren wir aus Jordanis (c. 17) die Kriege der Gepiden zuerst mit den Burgundern und dann mit den Goten.

Die wichtigsten Ereignisse der Jahre 289 und 290, die Niederlage zur See durch Carausius und der Frieden mit ihm, werden von den Lobrednern ihrem Charakter treu verschwiegen.

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