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Geschichte der Völkerwanderung

Felix Dahn: Geschichte der Völkerwanderung - Kapitel 24
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Völkerwanderung
authorFelix Dahn
firstpub1880
year1997
publisherPhaidon Verlag
addressEssen
isbn3-88851-198-4
titleGeschichte der Völkerwanderung
created20051128
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Achtes Kapitel
Tacitus, Probus, Carus und dessen Söhne

Vom Jahre 275 bis 285

Schmerz über den Verlust ihres Führers, Erbitterung über das Verbrechen, Mißtrauen gegen ihre Generale, auf welche Verdacht der Teilnahme fiel, erfüllten das Heer. Sie wollten deren keinen: der Senat möge den Nachfolger ernennen. Dieser lehnte die gefährliche Ehre ab: das Heer aber beharrte und so verliefen unter dreimaligem Hin- und Herschieben gegen acht Monate, bis der Senat am 25. September (Fl. Vop. Tacitus c. 3) den der Anciennität nach ersten Senator (consularis primae sententiae), den würdigen, nach Zonaras p. 608 aber bereits fünfundsiebzigjährigen Tacitus zum Kaiser ernannte.

Der Senat schwelgte im Hochgenuß wiedererlangter Macht und schüttete seinen majestätischen Stolz bei diesem Anlaß gegen die ersten Städte des Reiches aus, als welche uns hierbei Trier, Aquileja, Mailand, Korinth, Athen, Thessalonich, Antiochien, Alexandrien und Karthago genannt werden.

Tacitus begab sich zur Armee, die anscheinend noch in Thrakien stand, und stieß sogleich auf Krieges Werk. Skythen, nach einer Münze mit der Inschrift: victoria gothica (s. Eckhel VII, p. 498) unzweifelhaft Goten, hatten sich von der Mäotis her an der Nordküste des schwarzen Meeres versammelt, unter dem Vorwande, mit Aurelian gegen die Perser ziehen zu wollen. Sie benutzten die mit jenes Tode eingetretene Muße, um auf eigene Faust zu heeren, wurden aber von Tacitus, teils durch guten Rat, teils durch Waffengewalt in ihre Heimat zurückgedrängt (Fl. Vopisc. Tac. c. 13), was jedoch (nach Zosimus c. 63) nicht vollständig gelungen zu sein scheint.

Im April 276 endete der würdige und verdiente, seiner Aufgabe aber schon den Jahren nach nicht mehr gewachsene Greis. Über Anlaß und Art seines Todes schwanken die Quellen: unzweifelhaft waren die Soldaten seiner überdrüssig: zweifelhaft ist es, ob er, was doch das Richtigste scheint, durch Mord fiel oder dem durch eigene Tötung zuvorkam.

Florianus, sein Bruder, betrachtete sich, weil der Senat Tacitus das Recht der Wahl seines Nachfolgers bewilligt habe, als Thronerben. Er ward auch in Rom, sowie von allen europäischen und afrikanischen Provinzen (Ägypten ward zum asiatischen Orient gerechnet) und ganz Kleinasien bis auf Kilikien anerkannt.

Im Orient aber befehligte, vielleicht schon von Aurelian ernannt, jedenfalls von Tacitus, der ihn des Reiches Hauptstütze nannte, Probus, ein Kriegsheld und Charakter ersten Ranges. Sein Heer rief ihn zum Kaiser aus und Florianus muß ihm sofort entgegen gezogen sein, denn in Kilikien trafen sich die Heere. Probus, der ungleich schwächer war, verzögerte die Entscheidung: die Begeisterung seiner Truppen für ihn scheint sich aber auch denen des Gegners mitgeteilt zu haben. Florianus ward nach kaum zwei Monaten von seinen Soldaten niedergestoßen (Fl. Vop. Flor. c. 1 und Probus c. 10; Zosimus c. 64).

Seiner Vorgänger Claudius und Aurelian würdig bestieg Probus den Thron.

Gleichen Vaterlandes wie jene war er doch etwas höherer Geburt: denn seine Mutter soll noch edlern Geschlechts gewesen sein als der Vater und dieser, unstreitig ein Guts- oder Gartenbesitzer in der Nähe von Sirmium, hatte es mindestens bis zum Tribun gebracht (Fl. Vop. Prob. c. 3 und Epit. Aur. Vict. c. 35).

Schon Valerians Scharfblick hatte des Probus Wert erkannt, indem er ihn vor der durch Hadrian geordneten Zeit zum Tribun und wenig Jahre später zum Befehlshaber der dritten Legion ernannte. Dafür befreite er einen Verwandten dieses Kaisers aus der Gefangenschaft der Quaden. Ebenso ehrten ihn die Folgenden. Unter Aurelian eroberte er Ägypten wieder und hatte wahrscheinlich nach des Kaisers Abzug im Jahre 273 die Reste jenes durch Firmus erregten Aufstandes, der sich nach Oberägypten und selbst nach Karthago verbreitet hatte, noch zu unterdrücken. Auch in Germanien hatte er früher ruhmvoll gefochten, da im Senat bei dessen Bestätigung von ihm gesagt ward: »seine Tapferkeit bezeugen die in unwegsame Sümpfe geworfenen Franken und die vom Rhein weit zurückgedrängten Germanen und Alemannen« (Fl. Vop. Prob. c. 4–9).

Mit fast übertriebener Unterwürfigkeit bat Probus den Senat, der ja Herr der Welt sei, auch es stets gewesen und ewig sein werde, um Bestätigung, die ihm auch mit der gewöhnlichen, diesmal aber verdienten Lobesfülle gewährt wurde (a. a. O. c. 11,12).

Sein erstes Geschäft war, Aurelians und des Tacitus Mörder zu bestrafen.

Schlimm stand es um diese Zeit in Gallien. Aurelians, des Gefürchteten, Tod mag für Alemannen wie Franken das Signal des Losbruchs geworden sein. Die Germanen, sprach der Konsul schon in der Senatsitzung des 25. September, als er des Tacitus Ernennung beantragte, haben, wie es heißt, die Rheinwehr gebrochen und die bedeutendsten und reichsten Städte eingenommen (Fl. Vop. Tac. c. 3 u. Prob. c. 13).Die Stelle lautet: Limitem transrhenanum Germani rupisse dicuntur: also den Limes jenseits des Rheins, jedenfalls hier die Neckarlinie, da der gesamte äußere Limes bei Aurelians nur kurzem Verweilen in der Gegend damals kaum wiederhergestellt gewesen sein dürfte. Wichtig aber, daß jener mindestens wieder römisch war.

Selbstredend hatten übrigens die Germanen, d. i. hier die Alemannen, nicht bloß den Neckar, sondern auch den Rhein überschritten, da die von ihnen eroberten urbes validae, divites et potentes im Wesentlichen nur jenseits desselben liegen konnten.

Dawider zog nun sofort Probus, kann indes kaum vor Anfang des Jahres 277 den Krieg begonnen haben.Im Cod. Just. (VIII, 56, 2) findet sich ein Rescript des Kaisers aus Sirmium vom Mai 277, wonach der Feldzug vor dem Juli kaum begonnen haben könnte, was jedoch bei der unerläßlichen Eile, welche die Rettung Galliens, das schon im Sommer 276 großenteils in den Händen der Germanen war, erforderte, mit der Geschichte kaum vereinbar sein dürfte.

Dasselbe scheint zwar durch das Datum des von Flav. Vop. (c. XI) erwähnten Senatusconsults vom 3. Februar, welches nur vom Jahre 277 sein kann, unterstützt zu werden, da dieses erst des Probus Bestätigung ausgesprochen zu haben scheint. Gegen dieses Datum hat aber Tillemont (Note 2, S. 1214) die erheblichsten Zweifel vorgebracht, denen vollständig beizupflichten ist. Es ist noch hinzuzufügen, daß der Tag genau derselbe des in Aurel. (c. 41) angeführten Senatsbeschlusses ist. Könnte nun nicht Vopiscus, der das Datum des erstern vielleicht zu notieren versäumt hatte, bei dessen Ergänzung aus dem Gedächtnis auf jenes frühere ihm noch erinnerliche gefallen sein? Überhaupt aber sind die Überschriften und Data der in die so viel späteren Sammlungen aufgenommenen Gesetze als eine unbedingt zuverlässige Geschichtsquelle nicht zu betrachten. Bei Redaktion der Gesetzbücher waren solche etwas Unwesentliches, weshalb in dieser Beziehung nicht immer mit skrupulöser Genauigkeit verfahren worden sein mag. Auch kann es Gebrauch gewesen sein, daß Rescripte in unwichtigern Fällen, wohin der des eben angeführten gehörte, vom Sitze der kaiserlichen Kanzlei aus auf Anordnung der Praefecti Praetorio, von denen gewiß einer daselbst zurückblieb, expediert und datiert und dem im Felde befindlichen Kaiser nur zur Vollziehung nachgesandt wurden.

Über den Krieg selbst ist eine kritische Vorerörterung nicht zu entbehren.

Mit unverkennbarer Sorgfalt hat Flav. Vop., der das Glück hat, auf ungleich schlechtere Vorgänger zu folgen, daher auch in seinen handgreiflichen Mängeln milder beurteilt zu werden, die öffentlichen Archive und Ephemeriden (Zeitschriften) benutzt. Einen militärischen Bericht kann er aber darin schlechterdings nicht gefunden haben, wie denn dergleichen wohl nur an den Kaiser oder dessen Stellvertreter gerichtet wurden.

Es mag Regierungsmaxime gewesen sein, solche, um der so häufigen Niederlagen willen, im Allgemeinen geheimzuhalten. In der Tat berichtet Vopiscus nur über die Ergebnisse, nirgends über den Verlauf des Krieges, ja er nennt nicht einmal die Spezialnamen der feindlichen Völker, die ihm nur Germanen und Barbaren sind, noch deren Anführer.

Dagegen ergibt der erste Blick auf Zosimus (c. 67 und 68), daß dieser eine ungleich vollständigere Quelle vor sich hatte. Wir haben selbst dessen geographische und ethnographische Unkunde schon mehrfach gerügt. Er beweist sie auch hier wieder, indem er nur von πόλεσιν εν Γερμανία redet, während es großenteils gewiß auch gallische waren: die Namen der Völker und ihrer Führer aber kann er, eben seiner eignen Unwissenheit halber, so wenig erfunden haben, als die militärischen Details.

Dazu ist er, bis auf obigen Mangel, ein, wo ihn die Quellen unterstützen, nicht geradezu verwerflicher Geschichtsschreiber. Er mag die Privatnachrichten eines Teilnehmers an jenem Kriege mittelbar oder unmittelbar benutzt haben.

Aus diesen Gründen verdient Zosimus Glauben, die Anzweiflung verdienter Forscher aber keine Billigung, wenn sie sich auf nichts andres gründet, als auf den Widerspruch seiner Angaben mit derjenigen Ansicht, welche sie selbst über die Sitze und Verhältnisse germanischer Völker um jene Zeit sich gebildet haben.

Nur auf der bekannten Militärstraße durch Pannonien, Noricum, und Rätien, südlich des Bodensees, kann Probus auf das linke Rheinufer gezogen sein. Hier teilte er seine Streitkraft in zwei Heere, ein oberes, das er selbst führte gegen die Alemannen, und ein niederes gegen die Franken, unter einem seiner Generale (Zosim. c. 67). Die Feinde schweiften in Sicherheit durch ganz Gallien umher, in dem sie bereits sechzig Städte erobert hatten. Indem sie Probus vom Rhein, ihrer Rückzugslinie, abschnitt und ihnen entsprechende kleinere Korps gegenüberstellte, mag es ihm gelungen sein, sie größtenteils zu vernichten und jene Städte, welche die Germanen sicherlich nicht alle besetzt, sondern wohl nur durch Schreck und Drohung in einer gewissen Unterwürfigkeit hielten, wieder zu befreien (Vopisc. c. 13).

Nach diesem ersten Erfolge ging der Krieg auf dem rechten Rheinufer weiter, der Rest der Alemannen ward über den Neckar und die schwäbische Alp (ultra Nierum fluvium et Albam(Nicht die Elbe! D.)) hinausgetriebenSalmasius, Tillemont (S. 1136) und Gibbon (S. 297) haben aus Alba, Albis die Elbe gemacht, ohne darüber nachzudenken, wie eine Verfolgung der Germanen über den Neckar und die Elbe hinaus möglich war. Selbst Luden (Anm. 28, S. 602) ist darüber unklar, und doch kannte und bezeichnete schon Ptolemäus (II, 11, § 7) die schwäbische Alp nördlich der Donau., reiche Beute gemacht und gewiß das ganze Zehntland wieder eingenommen. Hierauf scheint Probus das obere Heer einem seiner Generale anvertraut, sich selbst aber zu dem niedern gewandt zu haben, das unter seinem Führer die Franken bereits tüchtig geschlagen hatte.

In solcher Bedrängnis suchten und erlangten nun sowohl Franken als Alemannen die Hilfe von Stammgenossen. Burgunder und Vandalen zogen an den Rhein. Mit den Resten der Franken vereint war ihr Heer stärker als das römische. Angesichts dessen durfte Probus keinen Offensivübergang wagen. Es gelang ihm aber, einen Teil der Barbaren, von den Römern gereizt und verhöhnt, zum Übersetzen zu bewegen.

Dies kann nicht wohl der den Germanen bekannten Stellung seiner Hauptarmee gegenüber geschehen sein (da sie für so groben Fehler zu kriegskundig waren), sondern gewiß nur auf einem hierzu ersehenen Nebenpunkte, in dessen Nähe er angemessene Streitkräfte maskiert hatte.

Der Plan gelang vollkommen. Die übergesetzten Feinde wurden niedergehauen oder gefangen, der Rest – das noch jenseitige Heer – bat um Frieden, den der Kaiser auch gegen Rückgabe aller Beute und Gefangenen gewährte. Diese ward aber von den Germanen nur unvollständig ausgeführt, was den Kaiser (der schon während der Verhandlung über den Rhein gegangen sein und günstige Positionen, namentlich für seine starke Vorhut leichter, aus dem Orient mitgebrachter Truppen gewonnen haben wirdDiese Voraussetzung wird durch den Erfolg gerechtfertigt, da die rückweichenden Germanen von den Römern in der Regel sonst nicht zu erreichen waren.) sehr erbitterte und zu neuem Angriffe reizte, der mit einem glänzenden Siege endigte.

Großer Verlust der Feinde an Toten und Gefangenen, unter denen ihr Führer Igillus selbst war. Die Gefangenen wurden in Britannien kolonisiert, wo sie sich später bei einem Aufstande dem Kaiser nützlich erwiesen (Zosim. c. 68).

Der Schauplatz dieser Kämpfe wird in der Gegend des Mains nördlich des Odenwalds zu suchen sein.

Den Alemannen anscheinend zogen die von Zosimus (c. 67) erwähnten Logionen (Lygier), etwa von der Oberpfalz her, zu Hilfe. Auch diese wurden auf das Haupt geschlagen und deren Führer Semno mit seinem Sohne gefangen.

Der gegen Rückgabe aller Gefangenen und Beute geschlossene Friede, wohl mit einem Bündnis, wodurch auch Semno nebst Sohn seine Freiheit erhielt, endigte diesen Feldzug. Zeit und Ort erhellen aus der Quelle nicht mit Sicherheit. Kommandierte jedoch Probus selbst, wie es nach dem Wortlaute (c. 67) allerdings scheint, gegen die Logionen, so kann dies nur nach dem Kriege mit den Burgundern und Vandalen geschehen sein, was auch mit der Art und Weise, wie Zosimus des Kampfes gegen erstere – wiewohl in einem frühern Kapitel – gedenkt, nicht unvereinbar zu sein scheint. Der Kriegsschauplatz dürfte etwa zwischen Donauwörth und Ingolstadt zu suchen sein.

Das Gesamtergebnis dieser für die Germanen, von denen der Kaiser jeden Kopf mit einem Goldstücke bezahlte, so vernichtenden Kriege hat nun Probus dem Senate in dem bekannten Imperatorstile im Wesentlichen mit folgenden Worten angezeigt:

»Dank den unsterblichen Göttern, versammelte Väter, weil sie Euer Urteil über mich bekräftigt haben. Unterworfen ist, so weit es sich dehnt, ganz Germanien. Neun Könige verschiedener Völker lagen flehend vor meinen, vielmehr vor Euren Füßen. Für Euch pflügen nun alle Barbaren, für Euch säen sie und streiten mit uns gegen die innern Völker.

Viermalhunderttausend Feinde haben wir niedergehauen, 16 000 Bewaffnete haben sie uns überlassen, siebzigKein Widerspruch mit obigen sechzig: denn diese lagen nur in Gallien im weiteren Sinne links des Rheins, Probus spricht aber hier vom Erfolge des gesamten Krieges: die übrigen zehn müssen daher im Zehntlande gesucht werden, was Salmasius in seiner Anm. zu d. St. und Luden Anm. 23, S. 501 nicht erkannt haben. der edelsten Städte wurden ihren Händen entrissen und fast alle Provinzen Galliens befreit.

Der Feinde gesamte Beute ist wieder erlangt und mehr als das an neuer gewonnen.

Gallische Felder werden durch die Rinder der Barbaren bearbeitet. Zu unserer Ernährung weiden die Herden mannigfacher Völker. Ihre Stuten werden für die Fohlenzucht unserer Reiterei bedeckt.

Mit dem Getreide der Barbaren angefüllt sind unsere Speicher. Mit einem Worte: nur Grund und Boden haben sie noch behalten, alles übrige ist unser.«

(Diese Worte sind sehr lehrreich. Denn so viel rhetorischer Bulletinstil hier vorliegt, – fest steht, daß die zum Frieden gebrachten Germanen nicht nur als Viehzüchter, daß sie mindestens ebensosehr als Ackerbauer für das Reich geschätzt wurden, das infolge der tiefen wirtschaftlichen Schäden schon jahrhundertelang an Getreide Mangel litt, obwohl es die fruchtbarsten Länder dreier Erdteile umschloß. Man sieht, der Ackerbau wird jetzt im innern Germanien so eifrig getrieben – die Not zwang die wenig Willigen – und so zahlreich, daß die Steuerpflicht der Landschaften zwischen Rhein, Main, Neckar, Donau, der schwäbischen Alb (sogar für Rom) als ins Gewicht fallend dargestellt werden mochte. D.)

Darüber ist ein Zweifel nicht möglich, daß das Zehntland mit seinen größtenteils germanischen Bewohnern nicht nur vollständig wieder erobert, sondern auch der Limes, die alte Grenzwehr wieder hergestellt und neu befestigt ward. Dies beweisen zwei, wenn auch nur abgerissene Bemerkungen unseres Vopiscus (Prob. c. 13 a. Schl. und 14 zu Anfang), wo er sagt:

»Den römischen Städten gegenüber legte er befestigte Lager im barbarischen Gebiete an, die er mit Besatzungen versah« und

»Den Besatzungen jenseits des Rheins gab er Land, errichtete Häuser und Magazine für sie, und setzte ihnen Getreidelieferungen aus.«

Nur ist nicht anzunehmen, daß dies alles sofort nach dem Kriege, während des Probus Anwesenheit im Lande, geschah, da es zu Ausführung seiner Anordnungen selbstredend längerer Zeit bedurfte.

Die 16 000 Rekruten verteilte Probus, gewiß nicht bloß (wie Vop. c. 14 sagt), um die Barbarenhilfe zu verstecken, sondern um sie durch Vereinzelung ungefährlich zu machen, in Abteilungen von fünfzig bis sechzig Mann unter die Legionen und Auxilien.

Auch in Rätien stellte Probus Ordnung und Ruhe vollständig wieder her, und zog darauf im Jahre 278, wohl erst im Sommer – dies war das Los römischer Kaiser – vierhundert Meilen weit in den Krieg des Ostens.

Die nun in Vopiscus (c. 16) folgende Stelle verstehen wir, auf Anm.Fl. Vopisc. sagt c. 16: Tetendit deinde per Thracias, atque omnes Geticos populos fama rerum (d. i. Probus Kriegstaten) territos, et antiqui nominis potentia pressos, aut in deditionem, aut in amicitiam recepit; und c. 18: ad Thracias rediit et centum millia Bastamarum in solo romano constituit, qui omnes fidem servarunt. Sed cum et ex aliis gentibus plerosque pariter transtulisset, id est ex Gepidis, Gautunnis (Greuthungis) et Vandalis, illi omnes fidem fregerunt etc.

Diese Stelle verstehen wir also:

Die Bastarnen und wahrscheinlich auch noch andre Völker, die seit Jahrhunderten, zunächst dem Getenreiche, dann seit Trajan den Römern, jedoch mit innerer Unabhängigkeit, unterworfen gewesen waren, mochten sich unter oder neben den nun in dem alten Dakien herrschenden Goten unbehaglicher als vormals unter römischer Oberherrschaft fühlen. Von des Probus großem Kriegs- und Tatenrufe mehr noch ergriffen als erschreckt, obwohl ihnen vielleicht auch mit Angriff gedroht worden sein kann, und von der Erinnerung früherer Macht und Stellung (antiqui nominis potentia) erfüllt, gaben sie des Kaisers Wunsche, das römische Gebiet besser zu bevölkern und den dafür zugesicherten günstigen Bedingungen Gehör. Ausgeführt konnte dies aber, der Goten halber, nur dann werden, wenn des Kaisers diesen imponierendes Heer zur Hand war und darum erfolgte es erst bei dessen Rückmarsch durch Thrakien im Jahre 279. Ob hierbei wirklich ein Kampf mit den Goten, welche den Auswanderern vielleicht nachsetzten, stattgefunden habe, ist mit Sicherheit nicht zu bestimmen, obgleich Eckhel (p. 505) eine Münze mit der Inschrift »Victoria Gothica« anführt, welche sich vielleicht jedoch auch auf die Besiegung einer im römischen Gebiete plündernden Freischar beziehen könnte. Daß übrigens c. 16 getici populi überhaupt, c. 18 nur Bastarnen, vielleicht weil diese die Mehrzahl bildeten, erwähnt werden, kann gegen unsere Ansicht ebensowenig beweisen, als daß von den neuen Bewohnern Dakiens auch andere, aus andern Gegenden desselben, wie Gepiden, Ostgoten und Vandalen, zur Auswanderung verlockt wurden (was sich durch deren ungenügende Wohnsitze erklärt. D.).

Unsres Bedenkens ist diese Erklärung beider Stellen die einzig zulässige, namentlich aber darüber, daß unter Thracias eben nur die Provinz Thrakien zu verstehen sei, gar kein Zweifel möglich, weil die Schriftsteller jener Zeit die alte geographische, nicht politische Bezeichnung Thrakien für die Norddonauländer am Pontus, mit alleiniger Ausnahme von Pomponius Mela II, 2, überhaupt nicht mehr kennen, ja schon Strabo für seine Zeit jenen weiten Landstrich nur als das Getenland, Ptolemäus III, 8 aber als Dakien bezeichnet. Der von Vopisc. gebrauchte Plural Thracias kann sich entweder darauf beziehen, daß Thrakien zu seiner Zeit schon in sechs kleinere Provinzen geteilt war (s. Beck.-Marq., röm. Alt. III, S. 120) oder auf bloßer Ungenauigkeit des Ausdrucks beruhen, in keinem Falle aber gegen unsre Erklärung irgend etwas beweisen.

uns beziehend, also, daß Probus von Thrakien aus mit den vormals zum Getenreich gehörigen Völkerschaften in Ostdakien, wegen deren Übersiedlung in römisches Gebiet, jene Unterhandlungen anknüpfte, welche im Jahre 279 (nach c. 18) zum Vollzuge gelangten.

Nachdem er mit Persien Frieden geschlossen, ging er im Jahre 279 nach Thrakien zurück.

Hier ward nun die im vorigen Jahre eingeleitete Übersiedlung von 100 000 halb sarmatisierten Bastarnen, die im römischen Gebiete Land empfingen, sowie mehrerer Volkshaufen rein germanischen Blutes bewirkt. Fl. Vopiscus nennt (c. 18) Gepiden, Gautunnen (d. i. Greuthungen) und Vandalen als solche, Zosimus (c. 71) aber Franken.

Ist ersteres nach den Sitzen jener Völker wahrscheinlicher, so können doch auch Franken dabei und letztere absichtlich in dem ihrer Heimat so fernen Thrakien kolonisiert gewesen sein.

Die Bastarnen wurden ruhige Untertanen: die echten Germanen aber desertierten bald auf abenteuerliche Raubfahrt, indem sich jene Franken, nach Zosimus, einiger Schiffe bemächtigten, darauf Griechenland in Schrecken setzten, in Sizilien Syrakus mit großem Blutvergießen einnahmen, in Afrika landend zwar durch herbeigezogene Truppen zurückgeworfen wurden, endlich aber dennoch ganz Westeuropa umschiffend in ihrer Heimat angelangt sein sollen. Dasselbe sagt kürzer Vopiscus von seinen Völkern, von denen, nachdem sie fast die ganze Welt, d. i. das Reich durchschweift und mehrfach geschlagen worden, einige wenige doch endlich ruhmvoll wieder in das Vaterland zurückgekehrt seien.

Die Namen sind gleichgültig, an der Sache selbst ist nicht zu zweifeln – ein neuer merkwürdiger Beweis für den Wagemut der Germanen.Eumenes (Panegyrikus IV, Constant. C. § 18), der nur einige zwanzig Jahre später schrieb und die Rückkehr durch den Ozean ausdrücklich bestätigt, sagt: paucorum ex Francis captivorum incredibilis audacia. Dem Panegyristen aber ging rednerischer Effekt über Detailgenauigkeit, dieselben können daher recht gut auch aus jenen 16 000 gezwungen gestellten Hilfstruppen gewesen sein, wie Tillemont (S. 1138) annimmt.

Noch im Jahre 279 wahrscheinlich triumphierte Probus zu Rom, mit unerhörter Überreizung römischer Schaulust. Der Zirkus ward zum Wald umgeschaffen und darin auf einmal eine Unzahl von Straußen, Sauen, Rot- und Damwild, je tausend Stück jeglicher Art, losgelassen und dem Publikum preisgegeben.

Das Jahr 280 mag über Unterdrückung der Empörungen des Saturnius im Orient und des Proculus und Bonosus in Gallien und Germanien, die anscheinend zusammenhielten, vergangen sein. Letztere schlug der Kaiser in Person. Bemerkenswert ist, daß Proculus, obwohl fränkischen Stammes, bei seinen Landsgenossen, die Probus fürchten mochten, keinen Anhang gefunden. Er selbst hatte früher mit Glück gegen die Alemannen (unstreitig unter Probus) gekämpft, indem er sie, ihr eignes Verfahren nachahmend, im kleinen Kriege aufrieb.Die hierbei etwas gedankenlos hingeworfene Äußerung des Vopiscus (Proculus c. 13): Alemannos, qui tunc adhuc Germani dicebantur, hat keinen andern Sinn, als daß man die Alemannen damals häufig noch unter dem Gesamtnamen Germanen mit inbegriffen habe, wie er dies in des Probus Leben selbst getan hat. Denn es steht fest, daß deren Spezialname bereits seit Caracalla bekannt und vielfach in Gebrauch war.

Von Bonosus ist zu erwähnen, daß Aurelian ihm früher Hunila, eine Gotin königlichen Geschlechts (virgo regalis) vermählt hatte, eine von sieben vornehmen Gotinnen, die, wahrscheinlich unter Claudius gefangen, auf Staatskosten anständig unterhalten wurden.

Auch schonte Probus der Witwe und Kinder des Rebellen, gewährte ersterer sogar Pension und äußere Ehre. Wir dürfen hierin kluge Berücksichtigung der Stellung und Würde des germanischen Adels erblicken. (? D.)

Im Jahre 281 rüstete Probus zum Kriege mit Persien und fiel, wie Aurelian, durch Mörderhand schon auf dem Wege dahin, unweit Sirmium. Seine eigenen Truppen, der übermäßigen Anstrengungen für öffentliche Arbeiten müde, welche anscheinend durch die große Sommerhitze noch drückender geworden sein mögen, stießen ihn nieder.

Fl. Vopiscus, der nicht Sallust, Livius und Tacitus, sondern nur Sueton und seine nächsten Vorgänger nachahmen zu wollen erklärt (Prob. c. 2), beweist geringen historischen Takt durch sein Urteil über Probus, den er, als den Besten der Besten, ohne weiteres über Trajan und M. Aurelius stellt. Aber ein großer Mann war derselbe allerdings, ja in einer Beziehung, als Volkswirt, unzweifelhaft einer der größten der römischen Herrscher. Wunderbar: nachdem er nahe ein Vierteljahrhundert lang ohne Rast nur das Kriegshandwerk betrieben, entwickelt er auf einmal, zur Gewalt gelangt, schon als Befehlshaber in Ägypten, einen Eifer, eine Begeisterung für Zwecke des Friedens, für Eroberungen im Innern, von der die Geschichte Roms kaum ein Beispiel kennt.

Er war voll Eifers nicht allein für gemeinnützige Bauwerke, was nichts Neues gewesen wäre, sondern auch für Verbesserung der Schiffahrt, Kultur von Wüstungen, Mehrung der Bevölkerung und vor allem für Förderung des Weinbaus, für welchen er das Interesse aus den väterlichen Gärten mitgebracht haben mochte. (Vop. Prob. c. 9, 18, 20 und 21. Aur. Vict. de Caes. 37, 3. Epit. c. 37, 3 und Eutrop. c. 9, 18.) Den Weinbau hatte, wie den des Ölbaumes, die Republik für den Westen mindestens zum Monopol Italiens gemacht: seit Domitian ward er einzelnen Orten durch Spezialprivilegien gestattet, Probus zuerst gab ihn nicht allein frei, sondern ließ auch sofort großartige Rebenpflanzungen, zum Besten der Provinzialen, durch die zu Winzerarbeiten kommandierten Soldaten ausführen.

Nicht unwahrscheinlich ist, daß auch der Rhein (d. i. dessen linkes Ufer) und die Mosel damals zuerst mit dem Schmucke versehen wurden, der seit anderthalb Jahrtausenden ihr Stolz ist.

Hat Probus wirklich gesagt, wie Vop. (c. 20) anführt, die Soldaten dürften ihr Brot nicht nutzlos verzehren, ja: »die Republik wird deren hoffentlich bald gar nicht mehr bedürfen«, so beweist dies die Reinheit, aber auch die Verblendung seiner edlen Leidenschaft für den Segen friedlicher Zwecke.

Noch vor des Probus Tode verläßt uns leider Zosimus, der beste Geschichtsschreiber jener Zeit, von dem der Schluß des ersten und der Anfang des zweiten Buchs, die Zeit von etwa 281 bis 305 umfassend, verloren sind.

Das Heer rief Carus, den Praefectus Praetorio, zum Kaiser aus – einen Mann, der seines Herrn Wahl gerechtfertigt hat. Unsicherer HerkunftVopiscus Car. 4, die zuverlässigste Quelle, scheint die Angabe, daß er aus Illyricum gewesen, für die richtigste zu halten. Nach den beiden Victor war er aus Narbo (Narbonne) in Gallien, vielleicht, wie Salmasius annimmt, mit Narona in Illyricum verwechselt. war er gleichwohl Senator. (Vop. c. 4.)

Er ernannte sofort seine Söhne Carinus und Numerianus zu Cäsaren.

Der Tod des gefürchteten Probus scheint die Barbaren allenthalben zum Losbruche gereizt zu haben, weshalb er Carinus, den ältern und kriegerischesten der Söhne, nach Gallien sandte.

Er selbst züchtigte zunächst die Sarmaten, d. i. Jazygen, die unerachtet der Nähe des Heeres in römisches Gebiet einfielen, denen er 16 000 getötet und 20 000 Gefangene beiderlei Geschlechts abgenommen haben soll (Vop. Car. c. 8 u. 9), was aber schwerlich (wie Gibbon Kap. XII, Nr. 71 annimmt) in einer einzigen großen Schlacht, sondern mittelst eines strafenden Einfalls in deren Gebiet geschehen sein mag, wobei von der Zahlen- und Zeitangabe (paucissimis diebus) noch die gewöhnliche Übertreibung abzurechnen ist.

Hierauf brach Carus, des Probus Absicht gemäß, mit dem schon marschbereiten Heere nach Persien auf, nahm Mesopotamien wieder und bemächtigte sich selbst der Hauptstadt Ktesiphon, sowie des nahen Coche (Eutr. IX. 18). Indem er aber weiter vordrang, ward er bald darauf in seinem Zelte vom Blitz erschlagen oder starb mindestens während eines furchtbaren Gewitters (Fl. Vopisc. Car. c. 8), was mit der Gewalt eines üblen Vorzeichens auf die Gemüter wirkte und das Aufgeben des so ruhmreich begonnenen Krieges und den Rückmarsch zur Folge hatte.

Seine Söhne Carinus und Numerianus wurden ohne Widerspruch als Kaiser anerkannt.

Letzterer, der den Vater begleitet hatte, ward auf dem Rückmarsche durch seinen eigenen Schwiegervater Aper, den Praefectus Praetorio, getötet. Das zusammentretende Heer rief hierauf Diokletian zum Kaiser aus, dessen erste Tat Apers Niederstoßung war (wobei des Vopiscus Großvater zugegen, er selbst aber damals, weil er zwanzig Jahre später schon zu schreiben begann, unstreitig bereits geboren war).

Carinus, der Kaiser des Westens, der um dieselbe Zeit verschwenderische Spiele in Rom gab, war nicht gemeint, sich die Herrschaft entreißen zu lassen.

Er brach sogleich wider Diokletian auf, hatte aber vorher noch den Sabinus Julianus, welcher nach der Herrschaft trachtete, zu bekämpfen, der in einer Schlacht bei Verona blieb.

Carinus war, obwohl kriegstüchtiger, im übrigen ein würdiges Ebenbild des Commodus und des Caracalla, wie Vopiscus und Eunapius (I, p. 99 d. Bonn. Ausg.) weitläufig berichten, hinzufügend, daß der Vater selbst bereits an dessen Beseitigung und Ersetzung durch den verdienten Constantius Chlorus, der damals in Dalmatien befehligte, gedacht habe.

Die Heere der Nebenbuhler trafen sich in Mösien, die Entscheidung aber verzögerte sich, da die oft schon bewährte höhere Kriegstüchtigkeit der Truppen des Westens jener der orientalischen oder doch aus dem Orient kommenden Diokletians die Waage gehalten haben mag. Nach mehreren Schlachten fiel jedoch Carinus besiegt bei Margus, unweit des jetzigen Belgrad, wogegen er nach der Epitome des Aurelius Victor (c. 38) von seinem Heere verraten und verlassen worden sein soll.

Die Todeszeit sowohl des Carus als seiner Söhne ist mit Sicherheit nicht zu ermitteln.

Am wahrscheinlichsten ist, wie auch Tillemont (III, S. 1165) annimmt, daß Carus im Dezember 283 starb, da sich noch ein Rescript im Namen desselben und seiner Söhne vom 15. Dezember 283 findet (Cod. Just. V, 71, 7). Dem scheint zwar das gleichzeitige Gewitter entgegenzustehen, indes kann ein solches, zumal im Süden, doch auch im Winter stattgefunden haben. Da die römischen Spiele (ludi romani), welche zwischen dem 4. und 19. September stattfanden (siehe Becker-Marcq., röm. Alt. IV, S. 491), nach Fl. Vop. Carin. c. 1 in Carinus und Numerians Namen im Jahre 284 gegeben wurden, so kann Numerians Tod um diese Zeit in Rom noch nicht bekannt gewesen sein.

Nach dem Chronicon Paschale p. 510 der Bonn. Ausg. soll nun Numerian zu Perinth in Thrakien getötet, Diokletian aber am 17. September in dem nahen Chalkedon zum Kaiser ausgerufen worden sein. Daß das kaiserliche Hauptquartier bereits an der europäischen Küste war, während sich das Gros der Armee noch auf der asiatischen befand, ist leicht möglich. Des Carinus Tod kann, wegen des vorausgegangenen längeren Kampfes, wohl erst in das Jahr 285 gesetzt werden.

Für dieses hat damals eine doppelte Konsulatswahl stattgefunden, nach des Carinus Tod aber nur die von Diokletian veranstaltete Geltung behauptet.

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