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Geschichte der Völkerwanderung

Felix Dahn: Geschichte der Völkerwanderung - Kapitel 22
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Völkerwanderung
authorFelix Dahn
firstpub1880
year1997
publisherPhaidon Verlag
addressEssen
isbn3-88851-198-4
titleGeschichte der Völkerwanderung
created20051128
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Sechstes Kapitel
Germanische Völkerverbindungen und Völkergliederungen gegen Ende des dritten Jahrhunderts

Vom Westen beginnend begegnen wir zunächst den Franken, dem größten Namen der Folgezeit.

In welchem Jahre derselbe zuerst erwähnt wird, ist ungewiß. Dies scheint auf der Peutingerschen Tafel zu geschehen, deren Ursprung oben auf die Zeit des Severus Alexander, der im Jahre 235 starb, gesetzt ward. So wohlbegründet aber diese Meinung sein mag, so folgt doch daraus keineswegs, daß jede spezielle Angabe des uns erhaltenen Exemplars, namentlich die einzelner Namen, unbedingt dem Urbilde entnommen sei. Die auf ihr vorkommenden Worte: »qui et Franci« und »Francia« könnten daher späterer Zusatz sein.

Dagegen führt Flavius Vopiscus im Leben Aurelians (Kapitel 6) an, daß derselbe als Tribun der sechsten Legion den in Gallien eingefallenen und dasselbe durchstreifenden Franken (Francos irruentes cum vagarentur per totam Galliam) eine solche Niederlage beigebracht habe, daß deren siebenhundert geblieben und dreihundert als Sklaven verkauft worden seien.

Die Zeit dieses Ereignisses ist unbekannt. Da Aurelian niederer Herkunft war, ist er gewiß erst nach dem dreißigsten Jahre Tribun geworden. Im Jahre 272 hat er nach Zosimus (I, 51) halbgraues Haar gehabt. Darauf gründet man (Tillemont III, Note 1 über Aur. p. 1189 Brüsseler Ausg. von 1712) die Meinung, er sei damals im sechzigsten Jahre gewesen, also 212 geboren, und setzt darnach jenen Sieg auf das Jahr 242, wogegen uns eine etwas spätere Zeit, etwa 244–246, wahrscheinlicher dünkt.

Unter allen Umständen aber kann jener tollkühne Einbruch in das Tiefinnere Galliens, wenn auch das Schweifen durch die ganze Provinz Übertreibung ist, nicht das erste Auftreten der Franken gewesen sein: wir können vielmehr nicht zweifeln, daß dies dem Vorgange der Alemannen näher gefolgt sei, und daher wahrscheinlich schon in des Severus Alexander Zeit 222 bis 235 falle.

Über die Entstehung der Franken ist viel gefabelt worden. Schmeichelei, Unwissenheit und bewußter Trug haben in späteren Jahrhunderten des Glanzes der Frankenherrschaft dieselben aus der Ferne, bald aus Maurungania jenseits der Elbe, bald aus Pannonien, ja sogar aus TrojaGregor v. Tours, Hist. Franc. II, 9, aber nur als Gerücht aus Pannonien, der Geogr. v. Ravenna I, 11 aus Maurungania und Tritthemius, Benedictiner-Abt des fünfzehnten Jahrhunderts, auf Grund des angeblichen Hunibald aus dem vierten Jahrhundert aus Troja. Letzteres ist offenbare bewußte Täuschung. S. Luden, Gesch. d. T. Volkes. II, S. 67 und 68. – Vergl. jetzt Zarncke, Trojanersage (im Anhang), und R. Schröder, die Herkunft der Franken, v. Sybels histor. Zeitschr. N. F. VII. und daselbst die ganze vortrefflich gesammelte und gewürdigte Literatur. als selbständiges mächtiges Volk herzu wandern lassen.

Die größte Mehrzahl der Forscher kennt nur zwei Meinungen, indem die Franken entweder ein Völkerverein oder Völkerbund mehrerer bekannter niederdeutscher Völkerschaften, der sich unter diesem Gesamtnamen gemeinschaftliche Verteidigung und gemeinschaftlichen Angriff gegen Rom zum Zweck gesetzt hatte, gewesen, oder aus den Gefolgschaften verschiedener deutscher Stämme entstanden seien, welche sich unabhängig von den Volksgemeinden, denen sie ursprünglich angehörten, in den eroberten Teilen des römischen Reiches niederließen und durch Fortsetzung ihrer Eroberungen die Grundlage des fränkischen Reiches bildeten.

(Die erste Meinung ist die richtige.S. oben II. Buch, 4. Kap.; hier nahm die erste Ausgabe, wie bei all diesen »Kriegsvölkern«, die oben bekämpfte zweite Ansicht an; sie folgte Eichhorn, D. St. u. R. Gesch. 1, § 21 c.)

(Die einzelnen germanischen Völkerschaften bestanden aus Gauen als selbständigen politischen Körperschaften.

Der Name Franken ist, wie der der Alemannen, Sachsen, ein Bundes- oder Gruppen-Name für eine in zwei- bis dreihundert Jahren natürlich nicht unverändert bestandene Verbindung verschiedener, im übrigen fortwährend getrennt gebliebener, germanischer Sonderstaaten.

Ein solcher »Bund« ist ohne irgendeine Zentralregierung denkbar, wie in früherer Zeit die Völkerschaft der Cherusker ebenfalls als bloßes Bündnis der Gaue ohne solche bestand (in pace nullus communis magistratus); Bundesfeldherren im Kriege mochten wohl vorkommen, galten aber germanischer Kriegführung und Zentrifugalität leider nicht für unerläßlich (Alemannen): bei den Sachsen begegnen wir etwas Ähnlichem, wie sich weiter unten ergeben wird. Bei einem solch lockeren Verhältnis ist es wohl zu begreifen, daß einzelne Gaue oder Völkerschaften desselben neutral bleiben, andere für, andere wider Rom kämpfen – das geschah, wie wir wissen, auch bei Alemannen (c. 358), schließt also durchaus nicht das gleiche bei dem gleichen Frankenverband aus: – kam es doch sogar in der ungleich kleineren Verbindung der Gaue einer Völkerschaft zur Zeit Armins ebenfalls vor. D.)

Eroberung erfordert Einheit des Willens in Plan und Ausführung. Dazu war das vielköpfige Volksregiment der germanischen Gau-Republiken schlechterdings ungeeignet. (Darum trat Eroberung und Zusammenfassung erst ein, als an Stelle der Republiken Königreiche die Regel geworden, die Gaue meist zu Völkerschaftsstaaten zusammengeschlossen waren, welche nun zu Stammesbündnissen weiter gingen – wobei der Fortbestand einzelner Gaukönige und auch Gau-Republiken durchaus nicht ausgeschlossen ist. Falsch ist es, diese Bewegungen »Raubkriege« zu nennen, aus welchen dann »Eroberungskriege« geworden seien, wenn sich das durchstreifte Gebiet behaupten ließ. Gewiß hat es an Räubereien einzelner und ganzer Gefolgschaften nicht gefehlt, seit die Germanen den Reichtum der Natur und der Kultur in dem linksrheinischen Land kennengelernt. Und gewiß hatte die Kenntnis, welche solche Abenteurer in die Heimat zurückbrachten, die Wirkung mächtiger Lockung. Aber nicht vergessen dürfen wir, daß vom allerfrühesten Anfang an – von den Kimbrern und Teutonen – nicht Raub, sondern Land gesucht wird von den Germanen: Land fordern die Kimbrer von Rom: Ariovist will Land in Gallien, will dort sich und seine Gaue niederlassen, durchaus nicht mit dem erbeuteten Gold heimkehren. Dieses von Ariovist bis Chlodovech, von der Wanderung der Kimbrer bis zu der der Bayern und Langobarden immer wiederholte Verlangen nach Land für Weib und Kind und Unfreie und Herden war der treibende Grund der großen endlich erzwungenen Ausbreitungen: nicht Abenteuer und »Raubfahrten« von Gefolgen, die aus zwingenden Gründen der Not und der veränderten Verfassung erfolgenden Ausbreitungen ganzer Völker oder doch einzelner auswandernder Gaue, aber stets als Völker, nicht bloß als Krieger, haben die weltgeschichtlichen Veränderungen bewirkt.

So ward die Ausbreitung freilich zuletzt zur Eroberung, wo die Möglichkeit, das eingenommene Gebiet zu behaupten, sich ergab. Rom in seiner Stärke setzte diesem Andrang Schranken; mit Roms Schwäche mußte der nur unterdrückte, nie erstickte und durch die immer fortwirkende Ursache immer erneute Andrang endlich durchdringen.

Der markomannische Krieg war für die Donaulinie, was für den Oberrhein der alemannische, für den Niederrhein der fränkische Andrang. D.)

Dazu aber waren, wie gesagt, die Völker als kleine Einzelstaaten ungeeignet. Das zügellose Freiheitsgefühl der einzelnen hatte militärischer Zucht und Ordnung widerstrebt. Erst die gemeinsame dringendste Gefahr hatte jahrhundertelang auch nur zur notdürftigsten Unterordnung unter eine selbstbestellte Oberleitung für kurze Zeit zu bewegen vermocht. Sonst aber hatte von ihnen gegolten, was Tacitus (IV, 76) sagen läßt, »daß sie weder Leitung noch Kommando annähmen, sondern nach eigener Willkür handelten«Nam Germanos non juberi, non regi, sed cuncta ex libidine agere.: («im Frieden keine gemeinsame Obrigkeit auch nur der Völkerschaft!« sagt Cäsar. D.).

(In jener Zeit waren die Germanen noch zum Eroberungskrieg gegen Rom ganz unfähig gewesen. Später waren die Gefolgschaften zu »gewaltsamen Rekognoszierungen«, zur Aufklärung der Grenzverhältnisse freilich vortrefflich geeignet. D.) Dafür waren bei einem Volke, das »lieber durch Blut als durch Schweiß zu erwerben trachtete«, in der besitzlosen oder noch nicht besitzenden Klasse, nicht nur die zahlreichsten Elemente, sondern auch in dem für und durch die Raubfahrt ausgebildeten Gefolgsystem die zweckentsprechendste Organisation vorhanden. In dieser war GliederungGradus quin et ipse comitatus habet, judicio ejus quem sectantur., hingebende Treue der Genossen, daher auch Subordination, ohne welche selbst die Räuberbande nicht bestehen kann.

Gehen wir nun auf die Franken zurück, so waren diese ursprünglich kein Volk (sondern ein Völkerbund, eine Völkergruppe D.), wie in uralter Zeit die Sueben. Die Augenblicke ihrer Ruhe waren kurz, da die Franken dem Krieg nicht allein gegen Rom, sondern auch gegen Nachbarvölker nachgingen und in großer Zahl in römischen Sold traten.

Dies alles nun war an sich gar nicht neu, sondern schon seit Jahrhunderten bei den Germanen ebenso gewesen: das Neue war nur etwas Faktisches, d. i. der in Folge der Schwäche Roms fast nicht mehr unterbrochene Krieg und die sich bald daran knüpfende Eroberung.

Keineswegs aber entstanden daraus etwa Gesamtvölker der Franken und der Alemannen in dem Sinne von Einheitsstaaten, was vielmehr erst nach Jahrhunderten geschah: sondern größere oder kleinere Staatsverbände bestanden innerhalb des Bereichs obiger Gemeinnamen fort: wie wir dies am genauesten von den Alemannen, aber auch von den Franken wissen, die ja noch im sechsten Jahrhundert in die Hauptvölker (»Mittelgruppen« D.) der Salier und Ripuarier zerfielen.

Der Ansicht, welche in den Franken nur Gefolgschaften erblickt, steht unter anderm auch entgegen, daß in den Quellen mehrfach das bekannte Gebiet der niederdeutschen Völker als »Francia« und die dortigen Völker selbst als »Franci« bezeichnet werden. (S. die bei Ledebur, Volk und Land der Brukterer S. 249 u. folg., gesammelten Stellen.) Die Zeit, aus welcher die Namen der Peutingerschen Tafel herrühren, ist freilich unbekannt und die übrigen Zeugnisse gehören einer merklichDas jüngste derselben ist des Eumenes paneg. Constantino Aug. dictus vom Jahre 310., zum Teil viel späteren Zeit an: daher wird die Zeit des Ursprungs der Franken nur annähernd zu bestimmen sein. Nachdem diese mächtig und den Römern furchtbar geworden – was Wunder, daß hauptsächlich (denn auch die Völkerschaften, ja einzelne Gaue, werden, wie sich später ergeben wird, noch erwähnt) nur noch diese genannt wurden. Keins jener Quellenzeugnisse bezweckt, wie A. Quadratus über die Alemannen, von der Entstehung der Franken, von deren nationalen und politischen Verhältnissen an sich zu handeln: nur deren Sitze und sie selbst werden gelegentlich als Feinde Roms erwähnt. Ebenso unzweifelhaft ist, daß in späterer Zeit jene alten Völkerschaften insgesamt im Namen und Reich der Franken aufgegangen sind. Wann und wie dies geschehen (jedenfalls allmählich und unmerklich), wie lange dieselben überhaupt noch eine Sonderexistenz behauptet haben, ist kaum mehr zu ermitteln.

Wenn nun auch die niederdeutschen Völkerschaften sich in der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts, unbeschadet ihrer im übrigen fortdauernden Sonderexistenz, zu einem Staatenbunde vereinigt haben, so zeigt doch die Geschichte, daß keineswegs der ganze Bund als solcher den Offensivkrieg gegen Rom begonnen und Jahrhunderte hindurch fortgeführt hat, (vielmehr oft nur einzelne Völkerschaften oder Gaue oder mehrere einzelne Gaue oder Völkerschaften verbunden, während andere neutral blieben, etwa auch, von den Römern unterworfen, zur Waffenhilfe oder doch zur Neutralität gezwungen wurden: und massenhaft traten einzelne Franken in römischen Kriegsdienst und Zivildienst als Offiziere, Beamte, auch in Rotten als Söldner. D.).

Wir schließen diese Betrachtung mit der Bemerkung, daß es nicht wohl möglich ist, die Gleichartigkeit des Ursprungs der Franken mit dem der Alemannen zu bezweifeln, unsere Meinung über letztere aber nicht nur durch das ausdrückliche Quellenzeugnis eines Zeitgenossen, des Asinius Quadratus, sondern auch durch das spätere Vorkommen mehrerer, voneinander ganz unabhängiger Sonderkönige der Alemannen bestätigt wird, (wodurch die Existenz eines Einheitsstaates, auch eines Bundesstaates, nicht aber eines lockeren Staatenbundes ausgeschlossen ist. D.).

Ein Unterschied ergibt sich darin, daß wir die Alemannen gleich bei ihrem ersten Auftreten unter Caracalla schon im Besitze des eroberten Zehntlandes finden, von den Franken zuerst aber lange Zeit noch nur räuberische Einfälle in das römische Gebiet jenseits des Rheins berichtet werden: so daß wir, wie sich weiter unten ergeben wird, das römische Klientelgebiet der Bataver (und teilweise wohl auch der Friesen auf dem rechten Rheinufer) als die erste Stätte bleibender Eroberung derselben anzusehen haben.

Aus welchen Völkerschaften die Franken ursprünglich herstammten, ist mit Genauigkeit nicht zu ermitteln: hauptsächlich gewiß aus Sugambrern, Chamavern, Attuariern und Amsivariern, doch waren auch Bataver, Friesen (? D.), Brukterer, Chatten darunter.

Boranen und Urugunden nennt Zosimus (an den schon oben abgehandelten Stellen) in Verbindung mit Carpen (S. 194) und Goten als Raubfahrer nach Europa und Asien und zwar an letzterer Stelle als γένη, Geschlechter, Stämme (nicht έθνη, Völker), die an der Donau seßhaft seien, welches letztere sich jedoch nicht bloß auf Boranen und Urugunden, sondern auf alle vier Namen bezieht.

Diese Benennungen kommen nun in keiner andern Quelle, weder in einer früheren noch späteren, wieder vor, außer daß Gregor von Neucäsarea (in der bei Zeuß S. 694 angeführten Stelle) unter denselben Raubfahrern Boraden erwähnt.

Zeuß a. a. O. und folg. nimmt an, beide Völker, Boraden und Urugunden, seien mit den Goten aus nördlicheren Gegenden an die Küste des Pontus gekommen, und bringt diese mit ähnlichlautenden Volksnamen in Verbindung, als mit den Urgiern (Ου̃ργοι) des Strabo (VII, p. 306), den Phrugundionen und Bulanen des Ptolemäus (III, 5), woselbst sie allerdings gleich nach den Goten erwähnt werden, sowie den Urogen und Sorosgen des Priscus (ed. Bonn. p. 158 und 159). Irrtümer in Namen sind Zosimus, der die Donau Tanais, die Chauken, wie sich später ergeben wird, Quaden nennt, allerdings zuzutrauen; wir würden daher Zeuß, wenn sich die Angaben der übrigen Quellen irgendwie mit dessen Ansicht vereinigen ließen, gern beipflichten. Allein die Phrugundionen des Ptolemäus in der Nähe der Goten an der Weichsel können nicht wohl die Urgier, die Strabo hundertundfünfzig Jahre früher im äußersten Osten der Geten jenseits der Jazygen am Pontus erwähnt, gewesen sein, und die von Priscus zweihundert Jahre später genannten Urogen und Sorosgen sind offenbar skythisch-sarmatische, d. i. asiatische Völkerschaften, was sich leicht weiter ausführen ließe.

Über die Bedeutung der Namen des Ptolemäus sind wir ganz anderer Meinung, als der so hochverdiente Zeuß, der im gegenwärtigen Fall doch vielleicht das Nächste über dem Entfernten übersehen haben dürfte.

Uns dünkt nämlich das wahrscheinlichste, daß jene Urugunden nichts anderes gewesen sind als Burgunden, von denen sich eine Waffengenossenschaft, ein Gau oder ein sonstiger Zweig den auswandernden Goten angeschlossen hatte. Vielleicht können dies sogar die von Ptolemäus erwähnten Phrugundionen gewesen sein, welche sich schon vorher vom Hauptvolk etwas abgesondert und auf slavischem Boden niedergelassen hatten. In der Tat wird diese Vermutung durch die Stelle bei Jordanis (c. 17), nach welcher der Gepidenkönig Fastida (s. oben) die Burgundionen auf das Haupt geschlagen habe, unterstützt: denn daß die ursprünglich in dem heutigen Westpreußen seßhaften, erst unter Probus in der Nähe des RheinsDie Zweifel, welche Zeuß, S. 447, gegen diese Örtlichkeit erregt, werden seiner Zeit weiter unten erörtert werden., sowie im vierten Jahrhundert in Südfranken und Nordschwaben wieder auftauchenden Burgunden in der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts nicht mit den Gepiden in Siebenbürgen zusammengestoßen sein können, liegt auf der Hand.

Der Name der Boranen bietet die nächste Verwandtschaft mit dem schon oft erwähnten Volke der Buren, was die Vermutung begründet, daß jene von Zosimus erwähnten Boranen vielleicht eine diesem Volke angehörige Waffengenossenschaft gewesen sein könnten.

Allerdings ist dies alles nur Konjectur, die erstere aber jedenfalls eine sehr ansprechende. Mit beiden stimmt übrigens auch Schaffarik I, S. 411 und 422 überein.

Die Heruler, zur gotischen Gruppe gehörig (wie außer Prokop ihre mit den gotischen oft identischen Eigennamen bezeugen D.), waren eins der beweglichsten Völker jener Zeit, das sich auf doppelte Weise von andern germanischen unterschied: einerseits nämlich durch besondere Gewandtheit und Raschheit im Kriegsdienste (weshalb alle Heere, selbst späterer Zeit, ihre leichten Truppen aus ihnen zogenJord. c. 22, dem hierin, weil die Heruler noch zu dessen Zeit vielfach als Söldner dienten, Glauben beizumessen ist., andererseits durch größere Unzuverlässigkeit, Rohheit und Wildheit, da sie sogar zu Prokops Zeiten (b. Goth. II, 14) noch Menschenopfer gehabt haben sollen (wie übrigens auch Franken und Alemannen D.). Sie erscheinen überall: an der Mäotis, in Pannonien, Noricum und im fernen Norden sowie raubfahrend in Kleinasien und in Spanien. Fest steht nur, daß ihr ursprünglicher Sitz an der Ostsee gewesen und eine Abteilung derselben den Goten von da zum Pontus gefolgt sein muß.

Ob aber ihr Ursitz im Osten oder Westen des baltischen Meeres zu suchen sei, darüber schwanken die Forscher, indem sie bald (Wilhelm, Germ. S. 272 u. J. Grimm, G. d. d. Spr. S. 325 u. 465), ersteres annehmend, auf die Hirri des Plinius (IV, 13) zurückgehen, während andere (Zeuß, S. 476) darin nur die von Tacitus und Ptolemäus genannten Suardonen und Pharadeinen wiederfinden. Wir können nicht umhin, die erstere Ansicht für die wahrscheinlichste anzusehen, treten jedoch in allem übrigen Zeuß bei, dessen Abhandlung über die Heruler von der anerkennenswertesten Gründlichkeit zeugt. Beide Ansichten lassen sich jedoch füglich dahin vereinigen, daß die Heruler ursprünglich allerdings östlich der Weichsel saßen, infolge des Drängens und Schiebens aber, welches nach Abzug der Goten durch das Vorrücken der Slaven längs der Ostsee stattfand, sich weiter westlich zogen, da wir deren spätere Seßhaftigkeit auf der kimbrischen Halbinsel (nach Zeuß, S. 478) nicht bezweifeln mögen. Nicht unwahrscheinlich ist es aber auch, daß bei dieser Gelegenheit ein Teil derselben nach Schweden ausgewandert ist, wo sie späterhin ebenfalls vorkommen (s. Zeuß, S. 479 und 482). Jedenfalls muß dies Volk ursprünglich viele volkreiche Gaue gezählt haben, da es, unerachtet der vielen Zersplitterungen und Schwächungen, namentlich in den Kriegen fremder Völker, in seinen späteren Sitzen immer noch bedeutend erscheint.

Man hat behauptet, die Heruler seien gar kein Volk, έθνος, sondern nur Kriegerscharen, γένη, gewesen (F. H. Müller, die deutsch. Stämme. Berlin 1840. S. 298): ein bloßes Wort ohne Feststellung des Begriffs. Meint man damit, die Heruler seien ein neu entstandenes »Kriegsvolk« gewesen, wie man Alemannen und Franken gefaßt hat, so ist dies (abgesehen von der Unnahbarkeit dieses Begriffes überhaupt D.) schon mit ihrer räumlichen Verbreitung über so verschiedene und entfernte Gegenden nicht zu vereinigen.

Über die Alanen nebst den Rox(ss)alanen, die uns schon im markomannischen Krieg (s. oben), sowie unter Gordian und Valerian (s. oben, 2. Buch, Kap. 5) begegneten, könnte man ein Buch schreiben: selbst Zeuß, S. 280–282 u. 700–706, hat bei der größten Gründlichkeit und Klarheit die Frage noch nicht ganz erschöpft. Der Grund solcher Unsicherheit liegt in dem fast gänzlichen Mangel an ethnographischem Unterscheidungsvermögen und Interesse der AltenEs bedarf kaum der Erwähnung, daß dies in dem Mangel und der Unzugänglichkeit literarischer Hilfsmittel, vor allem in der Schwierigkeit, aus der Quelle selbst zu schöpfen, das ist, von den wilden Völkern unmittelbar etwas über deren Ursprung und Verwandtschaft zu erfahren, seinen natürlichen Grund hat. Sind wir doch selbst heute über die Ethnographie des innern Afrika wenig aufgeklärter. Nur wenn jedes Jahrhundert seinen Herodot gehabt hätte, würden wir selbst über die Ostvölker klarer sein., da sich für Völkerkunde, außer bei Herodot und Tacitus, sehr selten der Sinn findet. Hat doch selbst Ammianus Marcellinus, der Beste seiner Zeit, durch die förmliche Abhandlung, die er (XXXI, 2) über die Alanen liefert, mehr verwirrt als aufgeklärt, wobei er freilich selbst über die geographische (weit mehr noch ethnographische) Verwirrung klagt (geographica perplexitas).

Die Alanen waren, vermutlich aus dem innern Asien nach Westen wandernd, am nördlichen Abhang des KaukasusNach den von Zeuß, S. 703 a. Schl. und 704 gesammelten, zum Teil sprachlichen Beweisstellen sollen sich Reste der Alanen in den Osseten, die sich selbst Arier nennen, heute noch im Kaukasus finden. zwischen dem kaspischen und schwarzen Meer sitzen geblieben. Daß hier in historischer Zeit deren Heimat war, hat Zeuß S. 700 u. 701 außer Zweifel gesetzt, unter dessen Beweisstellen namentlich die aus Josephus de bello Jud. VII, 7 als die früheste bedeutend erscheint. (Daß sie dem germanischen Stamm nicht angehörten, s. Dahn, Könige der Germ. I, S. 261.) Amm. Marcell. (XXXI, 2), der und dessen Waffengenossen sie vielfach selbst gesehen haben müssen, sagt:

»Die Alanen sind fast alle von schlankem, hohem Wuchs (procori) und schön, ziemlich blonden Haars (crinitus mediocriter flavis), schreckend durch die, wenn auch gemäßigte, Wildheit des Blicks, behend in leichter Bewaffnung – (das würde alles auf germanische Art passen; aber nun kommt schwerwiegend der Schluß D.): – den Hunnen fast in allem gleich, jedoch in Nahrung und Lebensart zivilisierter (mitiores).«

Vergleicht man damit, was derselbe Schriftsteller unmittelbar vorher von der Hunnen scheußlicher Mißgestalt sagt, so kann man an der Verschiedenheit der Rasse beider nicht zweifeln. (Nur Teile der Alanen haben sich später mit Germanen, zumal Goten, verbunden und vermischt. D.) Von jenem Sitz aus hat sich nun aber der Eroberungstrieb dieses Volkes zunächst hauptsächlich wohl über das anstoßende, von Sarmaten durchzogene Steppenland im Norden ausgebreitet. Wenn daher Ammian vorher sagt,

»daß die Alanen die durch häufige Siege geschwächten Nachbarvölker nach und nach in die Geschlechtsverwandtschaft ihres Namens gezogen hätten (ad gentilitatem sui vocabuli traxerunt), wie die Perser,« so heißt dies: gleichwie der Name des herrschenden Stammes der Perser auf viele andere ihnen unterworfene Völker ausgedehnt worden sei, so sei dies auch bei den Alanen geschehen. Hat sich nun auch in dessen weitere Ausführung dieses Satzes Unwissenheit und mehr noch Halbwisserei eingemischt, so ist doch an der Wahrheit im Wesentlichen ebenso wenig zu zweifeln als daran, daß die Alanen im Steppenland sich ausbreitend, mit Sarmaten gemischt, notwendig selbst zu halben Sarmaten werden mußten.

Wichtiger ist für uns deren gleichzeitiges Vordringen nach Westen, was jedoch nur durch einzelne Abteilungen derselben geschehen zu sein scheint. (Diese vermischten sich mit Goten, zumal Vandalen. D.)

Schon im Jahre 70 n. Chr. fielen Roxalanen, welche dem Namen nach nur ein Zweig des Hauptvolkes gewesen sein können, nach Tacitus (Hist. I, 79) plündernd in Mösien ein und im markomannischen Kriege finden wir (2. Buch, Kap. 1, c) beide wiederum als Waffengenossen der Germanen wider Rom.

Die Ankunft der Goten (d. h. die von Nordwesten her, von der Ostsee c. 150 D.) mag die Alanen in ihrem Hauptsitz am Kaukasus nicht betroffen haben: gewiß aber werden nicht nur deren Schutzhörige, sondern auch der westlich des Don heimatliche Teil dieses Volkes selbst der Oberherrlichkeit dieser mächtigen Einwanderer unterworfen worden sein oder sich ihnen angeschlossen, vermischt haben.

Amm. Marc. führt an einer frühern Stelle (XXII, 8) zwischen Dnjestr und Donau, also innerhalb der vormaligen Provinz Dakien, ausdrücklich europäische Alanen und Kostoboken an. Wir beziehen Ersteres besonders auf die Roxalanen, von welchen wir nach jenem Einfall in Mösien annehmen müssen, daß sie schon Dekebalus und nach dessen Sturz den Römern unterworfen gewesen seien, im markomannischen Kriege zwar gleich den Kostoboken sich empörten, im Frieden aber wieder unter die alte Botmäßigkeit zurückkehrten, wie namentlich aus der S. 134 angeführten Stelle Dios (LXXI, 20) hervorgehen dürfte. Daß sie fortwährend in einem Untertanenverhältnis zu Rom blieben, scheint auch aus Treb. Pollio (30 Tyr. c. 10Autoribus Roxalanis, consentientibusque militibus, et timore provincialium, ne iterum Gallienus graviora faceret, interemtus est.) sich zu ergeben, wonach der Tyrann Regalianus im Interesse des Gallienus auf deren Veranlassung getötet wird. Wären jene Roxalanen nämlich fremde geworbene Söldner gewesen, so hätte man sie, dem römischen Brauch zufolge, gewiß nicht dort gelassen, sondern in eine von ihrer Heimat entferntere Provinz gesandt, weshalb wir dieselben als einheimische ausgehobene Auxilien zu betrachten haben.

Ebenfalls den europäischen, den Goten unterworfenen oder mit ihnen verbundenen Alanen müssen nun auch diejenigen angehört haben, welche bei Philippopel in Thrakien mit Gordian fochten.

Alte, innige Verbindung macht die Ehe zwischen den Angehörigen beider Völker sehr wahrscheinlich, von der wir das erste Beispiel schon um Marc Aurels Zeit finden, indem der Gote Micca eine Alanin heiratete (s. aber oben ? D.). Dergleichen Verbindungen kamen nach Tacitus (II, 46) auch bei den Bastarnen vor: aber gerade das Hervorheben dieses Umstandes läßt es als Ausnahme von der Regel erscheinen. Ungleich wichtiger ist nach Jordanis (c. 50) der Vorgang in dessen Verwandtschaft selbst, nach welchem dessen Großtante, eine Alaninv. Sybel, de fontitus libris Jordanis de Or. et Act. Get., S. 8 hält zwar Jord. selbst für einen Goten, auf Grund der Stelle c. 60 am Schl.: »Nec me quis in favorem gentis praedictae, quasi ex ipsa originem trahentem, aliqua addidisse credat etc.« Allein der Umstand, daß dessen Großvater Pelia als Notar bei dem König der Alanen, Candax, und Jordanis selbst in gleicher Weise wahrscheinlich bei einem späteren Könige dieses Volks angestellt war, auch dessen Vater Alanovomuth hieß, sprechen so dringend für die alanische Nationalität von des Jordanis Familie, daß wir, ganz abgesehen von dem wenigstens bei einem Schriftsteller solcher Latinität wohl möglichen Zweifel, ob sich jenes quasi nicht bloß auf originem trahere beziehe, also nur gewissermaßen gotischen Ursprung bedeute, allerdings der Meinung sind, Jordanis habe durch ipsa gens nicht das Spezialvolk der Ostgoten, sondern nur den Hauptstamm, welchem er auch die Alanen beizählte, bezeichnen wollen. Unter allen Umständen aber würden die Verwaltung der höchsten Vertrauensposten an einem alanischen Hofe durch Goten und jener einem Goten gegebene alanische Name die innigste Verbindung zwischen beiden Völker beweisen., den Andax, Sohn der Andala, einer Gotin aus dem edlen Blute der Amaler, heiratete.

Die Innigkeit der künftigen waffengenossenschaftlichen und politischen Verbindungen zwischen den Alanen und rein-germanischen Völkern, namentlich den Goten, wird sich aus dem Fortgang unserer Darstellung noch vielfach ergeben.

Diesem allen zufolge sind wir der Ansicht, daß das Gesamtvolk der Alanen ursprünglich dem germanischen Stamme (nicht D.) angehörte, dessen Hauptteil jenseits des Don, weil nicht bloß die Abstammung, sondern auch Landesbeschaffenheit und erziehende Geschichte die Nationalität bestimmen, halb sarmatisch ward (während dessen westliche europäische Außenzweige durch jahrhundertelanges Verweilen unter Germanen sich einigermaßen germanisierten. D.).

Es war keine Art des Krieges, durch welche das unglückliche Rom unter Valerian und Gallienus nicht heimgesucht worden wäre: der große Krieg durch Sapor, der Bürgerkrieg durch die Tyrannen im Innern, namentlich Postumus, endlich der unablässige Andrang der Germanen gegen Rhein und Donau.

Die ganze Weltgeschichte kennt nichts, was jenen Fahrten der Germanen zu vergleichen wäre. Heerhaufen von oft nur 5-, 6- bis 10 000 Mann schiffen von der Krim dreißig bis vierzig Meilen weit nach Kleinasien über, durchziehen kreuz und quer viele Monate, ja Jahre lang unbehindert einen Raum von Tausenden von Quadratmeilen, erobern, plündern, verbrennen die größten Städte, selbst befestigte mit Hunderttausenden von Einwohnern, und kehren endlich mit unermeßlicher Beute an Geld, Kostbarkeiten und Gefangenen in die Heimat zurück.

Am allermerkwürdigsten ist die oben berichtete Raubfahrt der Heruler im Jahre 267, die in zwei Weltteilen spielt. Über Donau und Hämus brechen sie in Thrakien und Makedonien ein, weichen, zu Land und See geschlagen, nach Asien zurück, kehren aber von da über Meer wieder, verwüsten sengend und brennend ganz Griechenland mit seinen Städten unsterblichen Namens, erleiden zwar auf dem beutebeladenen Heimzug einige Niederlagen, schlagen sich aber dennoch in ihrem Rest, weder durch Waffen noch durch Gebirge und Strom behindert, wieder bis in das Vaterland durch.

Scheint dies mehr Fabel als Geschichte und steht es doch, im Wesentlichen mindestens, zweifellos fest, so drängt sich uns das Bedürfnis der Erklärung solcher Möglichkeit auf.

(Wir finden diese in höchster Heldenschaft auf germanischer und in stark zunehmendem Verfall der Machtmittel auf römischer Seite. D.)

Die Germanen waren von der wunderbarsten Leichtbeweglichkeit. Jene Raubfahrten können im Wesentlichen, weil es dafür immer mehr oder minder der Passage zu Schiff bedurfte, nur durch Fußvolk ausgeführt worden sein. Dies aber wetteiferte ja in Schnelligkeit und Ausdauer mit der Reiterei, da selbst in deren Attacken jedem Kämpfer zu Roß einer zu Fuß, häufig wenigstens, beigegeben ward. Wie konnten die schwerfälligen Legionen, zumal in Gebirgsländern, wie Kleinasien und Griechenland, solche Feinde erreichen, wenn diese nur der geregelten Schlacht, worin die römische Kriegskunst ihnen überlegen war, ausweichen wollten?

Nicht minder außerordentlich war die Tollkühnheit des germanischen Wagemuts.

Unsere Quellen entbehren bis auf Amm. Marcellinus jeder militärischen Details, erst durch letzteren lernen wir einige Züge der Art kennen, z. B. die der germanischen Legionen in der Verteidigung von Amida (Amm. Marc. XIX, 5). Was bedarf es aber auch der Beschreibung, wenn Taten reden? Hin und her Segeln auf dem gefährlichsten Meer Europas mit höchst unvollkommener Nautik, Angreifen von Ländern mit dichter tausendfach überlegener Bevölkerung, von Festungen mit bloßen Händen, Vordringen weiter und immer weiter bis auf mehrere Hunderte von Meilen von der Heimat in das Tiefinnerste des Feindeslandes hinein, scheinbar jeder Möglichkeit der Heimkehr beraubt – das in der Tat ist Tollkühnheit, deren Gipfel wir in dem zuletzt zu erwähnenden Frankenzug durch Frankreich und Spanien nach Afrika erblicken werden.

Wohl förderte der germanische Götterglaube solche Todesverachtung. Trugen doch nach diesem die Walküren die Seelen der in der Schlacht Gefallenen nach Walhall, wo Kriegsruhm und Zechgelage ihrer harrten. Aber der Schlachtentod war das kleinste der Übel: wie viele verschlang ruhmlos das Meer, wie schauderhaft vor allem das Los der Verwundeten, die dem Sturmfluge der Genossen nicht mehr folgen konnten!

Ein Mittel blieb ihnen in der höchsten Verzweiflung – sich an Rom zu verkaufen. Standen 1000 Germanen, bis auf den letzten Mann zu fechten und zu sterben entschlossen, 10 000 Römern gegenüber, so erhielten sich Letztere 1000 bis 2000 ihrer eigenen Truppen und gewannen noch 1000 der tapfersten Krieger der Erde, wenn sie ihre Feinde, deren Treue man solchesfalls stets gewiß sein konnte, in römischen Sold nahmen.

Ist es aber, fragen wir, nach dieser Darstellung denkbar, daß solche Züge aus bloßem Mutwillen ausgeführt wurden? (Es drängte der Hunger, die Not. Weiber in sehr großer Zahl begleiteten die Wanderer – nach der Schlacht von Naissus wurden so viele gotische Weiber gefangen, daß auf jeden Soldaten zwei oder drei als Beuteteil fielen. Das waren also nicht bloß Räuber oder Gefolgen, sondern wandernde Volksteile – wie einst die Kimbrer und Teutonen. Allerdings mochte bei glücklicher Heimkehr der Sieger die Beute zu neuem Eindringen locken. D.)

So wird von Zosimus (I, 32) ausdrücklich erwähnt, daß der Reichtum, welchen die Skythen von der zweiten Raubfahrt heimgebracht hätten (s. oben), deren Landesgenossen zu jener dritten, bei welcher Nikomedien mit vielen andern Städten eingenommen wurde, veranlaßt habe. (So wirkten die Schilderungen, welche die aus dem Gotenkrieg heimkehrenden langobardischen Söldner von dem Reichtum und der Fruchtbarkeit Italiens in der Heimat verbreiteten, vielleicht zum Entschluß der Einwanderung von 568 mit. D.)

Von der Virtuosität der Germanen für den Raub- und Wanderkrieg wenden wir uns zum Gegenbilde und stoßen dabei zuerst auf den Mangel an tüchtigen, oft auf die Erbärmlichkeit der vorhandenen Truppen auf römischer Seite. Roms Schicksal beinahe während Valerians und Gallienus' ganzer Regierungszeit war Krieg von außen und im Innern.

Im Westen gehorchten über zwanzig Millionen Menschen, von Rom abgefallen, Postumus, gegen den selbst fortwährend eine starke Armee nötig war: im Norden war die ganze Donaulinie zu schützen: den ganzen Osten hatte Odenat zur Abwehr des gewaltigen Sapor inne.

Selbstredend reichte der Kern der Armee, die Legionen, schon für diese Aufgaben kaum zu: das Innere mußte daher auf eine schwache Polizeimiliz und Landwehr (Auxilien) beschränkt sein. Welchen Schlages diese in dem unkriegerischen Kleinasien waren, beweisen die erzählten Einnahmen der festen Städte Trapezunt und Chalkedon, deren Verteidiger in panischer Furcht zum Teil schon vor dem Anrücken der Goten schimpfliche Flucht ergriffen. Auch an tüchtigen Generalen und Offizieren mag es außerhalb des Linienheeres gefehlt haben: denn wo sich, wie Successian in Pithyus, noch ein echter Römer fand, da ging es doch anders.

Aber noch ein Umstand muß zu Erklärung jener wunderbaren Erfolge berücksichtigt werden, nämlich der gänzlich passive, ja zum Einverständnis mit dem Feinde geneigte Geist der Bevölkerung (in Asien: anders später in Gallien, Spanien, Noricum. D.).

Bei den Reichen waltete gewiß eifrige Bemühung, Leben, Freiheit und Schätze zu retten, aber Mangel an Mut und Kraft, die in Wohlleben und Üppigkeit erstickt waren, ja in einzelnen selbst niederträchtiger Landesverrat aus Rache oder Ehrgeiz. Bei dem kräftigsten Teile des Volkes, dem gedrückten Landvolke, hingegen herrschten sicherlich meist Apathie und Gleichgültigkeit. Von Nationalgefühl und Liebe zum Vaterlande – sie hatten ja keins – war nicht die Rede, wenig zu verlieren und das Wenige leicht zu ersetzen:

Welche Antriebe waren da für aufopfernde Abwehr, für begeisterte Landesverteidigung vorhanden? Bei einmütigem Widerstande, namentlich auch durch tunlichste Abschneidung der Verpflegung, hätten die Wanderer und Eindringlinge der Überzahl erliegen müssen. An solchen aber dachten die Bewohner nicht, wohl aber daran – unter der Firma der Feinde selbst mit zu rauben, wie dies in der angeführten Stelle Gregor von Neucäsarea anführt.

Wir sind sogar überzeugt, daß die Germanen ihre durch Verluste gelichteten Scharen bisweilen auch durch Eingeborene wieder verstärktenAuch in einer an sich unkriegerischen Bevölkerung finden sich stets einzelne Tüchtige und Tapfere. Auch mag es an Raubgesindel dort nicht gefehlt haben. Streitbar waren nämlich die Galater und Isauner, welche letztere freilich entfernter wohnten. unter denen sich gewiß viele finden mochten, welche das aktive Räuberleben dem passiven Beraubtwerden vorzogen: (zahlreiche entlaufene Sklaven, oft selbst gotischer oder sonst germanischer Abkunft, mochten sich anschließen. D.). Insbesondere muß dies bei der letzten Raubfahrt im Jahre 267 vorausgesetzt werden, indem es kaum denkbar ist, daß die zu Land und Wasser geschlagenen, nach Asien geflohenen Heruler von dort aus, ohne angemessene Verstärkung, jenen neuen furchtbareren Einfall in Griechenland hätten wagen können.

In Vorstehendem war nur von den Goten und andern Ostvölkern die Rede: die Einbrüche der Westgermanen sind damals noch für weit unerheblicher anzusehen. Die Stärke der Scharen, der Raum, den sie plündernd durchzogen, und die Zeit, welche sie darauf verwandten, waren viel kleiner. Die Rheingrenze war aber auch besser verteidigt, die gallische Bevölkerung zum Widerstände viel fähiger und geneigter.

Die Einbrüche in Italien im Jahre 261 sind, wenigstens deren wesentlichster, weil bis Ravenna vordringend, von den Markomannen (Alemannen? D.), denen sich wahrscheinlich aber auch Scharen anderer Völker angeschlossen hatten, ausgegangen. Sicherlich hätte sich ein König solchen Schlages wie Alarich durch die vom Senat improvisierte Armee von seinem Ziele – Rom – nicht ablenken lassen. Teils die Besorgnis vor dem in Waffen immerhin tüchtigen Gallienus in ihrem Rücken, teils die lockendere und dabei gefahrlosere Gelegenheit, das offene Land mit seinen reichen Städten und Villen auszurauben, mag die Germanen damals bewogen haben, nicht über den Apennin vorzudringen.

Das fabelhafteste Ereignis jener Zeit bleibt aber der Zug der Franken, welchen Aurelius Victor (de Caes. 33) in folgenden Worten beschreibt:

»Fränkische Völker (Francorum gentes) verheerten Gallien, bemächtigten sich Spaniens, verwüsteten und plünderten beinahe gänzlich die Stadt Tarragona und gingen endlich, nachdem sie rechtzeitig noch Schiffe erlangt, zum Teil nach Afrika über.«

Dasselbe bestätigt Eutrop (IX, 8) und Orosius (V, 41; VII, 22), beide indes nur Germanen im Allgemeinen nennend, letzterer überdies aber mit dem entscheidenden Zusatze:

»daß zu seiner Zeit noch (etwa hundertundfünfzig Jahre später) in den Trümmern großer Städte kleine und arme Sitze vorhanden seien, welche als Zeichen solches Elends die alten Namen bewahrten, unter denen auch wir in Spanien unser Tarragona zum Tröste des neuen Jammers aufzuweisen haben.«

An der Wahrheit nach diesem Berichte eines AugenzeugenDerselbe war jedenfalls Geistlicher zu Tarragona zu Anfang des fünften Jahrhunderts. der Reste der Zerstörung zu zweifeln, ist in der Tat unmöglich, müßig daher (wie Luden G. d. t. V. II, Buch IV, Kap. 5, S. 101 tut), von Unwahrscheinlichkeit zu sprechen. Die Erwähnung der Franken durch Aurelius Victor allein verliert auch dadurch nicht an Glauben, daß die beiden anderen Quellen nur den Gemeinnamen Germanen brauchen.

Wir erklären uns die Sache so:

Ein stärkeres fränkisches Heer drang durch Belgien im Westen Galliens, der, weil scheinbar nicht gefährdet, von Truppen entblößt war, so weit vor, daß es schließlich, durch in seinem Rücken zusammengezogene überlegene Streitkräfte von der Heimat abgeschnitten, nur noch im weitern Vorrücken Ausweg fand. Von der Hetzjagd einer Verfolgung dieser Unerreichbaren absehend mag man hierauf deren unvermeidlich scheinende Vernichtung den Befehlshabern des innern Landes überlassen haben, was den Franken jedoch hinlängliche Muße gab (– zwölf Jahre behaupteten sie sich im Lande! (Orosius V, 41), bis sie endlich nach Afrika übersetzten, wie dies später in größerem Maßstab von den Westgoten zweimal versucht, von den Vandalen ausgeführt ward. D.). Ihr Schicksal in Afrika ist unbekannt.

Wahrlich: in Kriegern solchen Schlages waren die Werkzeuge zu Roms Zertrümmerung schon in der zweiten Hälfte des dritten Jahrhunderts gegeben: nur die Einheit des Willens, nur der Geist, sie zu gebrauchen (und der zwingende Druck der Not d. h. des Ungenügens der alten Heimat für die wachsende Volksmenge D.) fehlte noch. Das erhielt Rom noch über ein Jahrhundert lang; um so sicherer, als nach Gallienus eine lange Reihe großer oder doch tüchtiger Kaiser den hinsterbenden Lebensfunken noch einmal zu frischem Aufflackern zu beleben wußte.

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