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Geschichte der Völkerwanderung

Felix Dahn: Geschichte der Völkerwanderung - Kapitel 21
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Völkerwanderung
authorFelix Dahn
firstpub1880
year1997
publisherPhaidon Verlag
addressEssen
isbn3-88851-198-4
titleGeschichte der Völkerwanderung
created20051128
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Im achtzehnten Kapitel fährt nun Jordanis also fort:

Nach Ostrogothas Tod teilte dessen Nachfolger Kniva das Heer in zwei Teile, schickte ein Korps (nonnullos) zur Verwüstung der durch die nachlässigen Kaiser von Truppen entblößten Provinz Mösien ab und rückte selbst mit 10 000 Mann vor ad Novas (an der Donau auf dem rechten Ufer, eine Meile westlich des Einflusses des Iatrus). Von hier durch den dort kommandierenden Gallus abgetrieben, marschierte er nach Nikopolis am Iatrus, etwa fünf Meilen südlicher. Als ihm hier der Kaiser Decius entgegenrückte, zog sich Kniva in den nahen Hämus zurück und durch dessen Pässe gen Philippopolis (das heute noch diesen, von Philipp, Alexanders des Großen Vater, herrührenden Namen führt), zu dessen Belagerung er alles vorbereitete. Auch Decius überschritt nun, zum Entsatz der Stadt, den Hämus und kam bei Berroe, zehn Meilen nordöstlich von Philippopel an (das in den Vorbergen des Hämus am Slujudere, etwa 44° 16' nördl. Br. und 43° 28' östl. Länge gelegen haben soll). Hier stürzte sich Kniva mit den Goten wie ein Blitz auf ihn, und trieb, nachdem er das Heer zerstreut hatte, den Kaiser mit den wenigen, die entkommen konnten, wieder über die Berge nach Mösien zurück, wo Gallus als Verteidiger des Limes (Donau) mit zahlreichen Truppen stand. Hier sammelte Decius, selbst feindliche Scharen anwerbend, wiederum ein Heer. Kniva nahm indes das lange belagerte Philippopel mit vieler Beute ein und verband sich gegen Decius mit dem darin kommandierenden Priscus.

Als es zur Schlacht kam, ward sogleich des Decius Sohn, schon durch einen Pfeilschuß verwundet, getötet, worauf der Vater gesagt haben soll: »Traure Niemand! Der Verlust eines Soldaten schwächt den Staat nicht.«

Gleichwohl habe er, von Vaterschmerz ergriffen, sich auf die Feinde geworfen, um Tod oder Rache zu suchen, und sei, übereilt in eine mösische Stadt dringend, von den Goten umringt und getötet worden.

Wir lassen hierauf des Zosimus Bericht folgen, der (I, 23) also lautet:

»Da durch Philipps Verwahrlosung alles in größter Zerrüttung war, gingen die Skyten über die DonauZosimus nennt hier den Tanais (Don), der gegen hundert Meilen vom Kriegsschauplatz entfernt ist, wobei die Namensverwechslung außer allem Zweifel steht. und verheerten, Beute machend, die Umgegend Thrakiens.

Decius aber griff sie an, blieb Sieger in allen Schlachten, nahm ihnen die gewonnene Beute wieder ab und beabsichtigte nun, ihnen den Rückweg abzuschneiden und sie dadurch, zu Verhütung neuer Einfälle, gründlich zu vernichten. Nachdem er demgemäß den Gallus mit hinreichenden Streitkräften an der Donau aufgestellt hatte, rückte er mit dem Rest des Heeres den Feinden entgegen. In dieser günstigen Lage der Dinge wandte sich Gallus zu Verrat und Herrschaftsgelüsten und lud die Barbaren ein, sich mit ihm zur Hinterlist gegen Decius zu verbünden, worauf diese begierig eingingen, indes Gallus das Donauufer bewachte.

Die Goten stellten hierauf ihre Armee in drei Treffen, deren erstes durch einen Sumpf in der Front gedeckt war. Nachdem Decius viele derselben getötet, rückte das zweite vor. Nachdem auch dieses gewichen, ließen sich nur wenige des dritten in der Nähe des Sumpfes wahrnehmen. Hierauf bewog Gallus den Kaiser, auch diese sofort anzugreifen, worauf derselbe, des Terrains unkundig (das er wohl durch jenen rekognosziert glaubte), unvorsichtig einging, sogleich aber mit den Seinigen im Morast stecken blieb und, von den Barbaren allerseits beschossen, samt seinem Heer, von dem keiner entfliehen konnte, umkam.«

Aus Aurelius Victor (c. 29) wissen wir nur, daß Decius durch Verrat umkam, dessen Urheber er Brutus nennt, was entweder Irrtum oder ein Nebenname des Gallus gewesen sein muß, der auf dessen Münzen jedoch nicht vorkommt; auch führt derselbe die vorstehend aus Jordanis berichtete Erzählung von des jüngeren Decius früherem Tod an, welche letzterer vielleicht aus ersterem entlehnt haben dürfte.

Der zweite Victor in der Epitome bestätigt nur des Decius Tod in einem Sumpf.

Syncellus (Chronographie, p. 705 der Bonn. Ausg.) läßt Decius auf der Verfolgung der rückweichenden Goten bei der Stadt Abrytus, genannt Forum Terebronu, während der Nacht getötet werden. Letzteres läßt sich mit den andern Berichten vereinigen, da die Schlacht bis in den Abend hinein gedauert haben kann. Die genauere Lage des sonst unbekannten Abrytus aber ist nicht zu ermitteln.

Noch darf hier ein Zeugnis des Ammianus Marcellinus nicht übergangen werden. Nachdem dieser die schwere Niederlage des Lupicinus durch die Goten (nicht lange vor der Schlacht bei Adrianopel im Jahre 378, in welcher Kaiser Valens blieb) berichtet hat, bemerkt er, um den Irrtum seiner geschichts-unkundigen Zeitgenossen, daß solche Unfälle früher nicht vorgekommen, zu berichtigen, bis auf die Kimbrern und Teutonen zurückgehend (XXX, c. 5) von den Goten weiterhin folgendes:

»Nachdem die Scharen skytischer Völker mit 2000 Schiffen durch den Bosporus (den thrakischen) und die Propontis geschifft waren, brachten sie uns allerdings zu Land und zu Wasser schwere Niederlagen bei, kehrten aber, nach Verlust des größten Teils der Ihrigen, wieder zurück. Im Kampf mit den Barbaren fielen die Kaiser Decius, Vater und Sohn.

Belagert wurden die Städte Pamphiliens, viele Inseln geplündert, Makedonien durch Feuer verheert, Thessalonich von der ganzen Menge umschlossen, und ebenso Kyzikus, Anchialus und zu gleicher Zeit Nikopolis, das Trajan als Siegesdenkmal gegen die Daken gründete, eingenommen. Nach vielen und grausen erlittenen und erteilten Niederlagen ward auch Philippopolis zerstört, in dessen Mauern, wenn die Jahrbücher wahr reden, 100 000 Menschen hingeschlachtet wurden. Zügellos schweiften die auswärtigen Feinde durch Epirus, Thessalien und ganz Griechenland. Als aber Claudius, der ruhmreiche Feldherr, zur Herrschaft gelangte und nach dessen frühem ehrenvollen Tode Aurelian, der Rächer der Unbilde, ihm folgte und sie vertrieb, blieben sie lange (per secula ist Phrase) unbeweglich, nur daß noch Räuberscharen, aber seltener und zu eignem Verderben, die Nachbargegenden heimsuchten.«

Ammian schreibt hier nicht die Geschichte seiner Zeit, worin er so zuverlässig ist, sondern schweift in einem historischen Rückblick auf frühere Ereignisse ab, bei welchen er auf Detailgenauigkeit überhaupt keinen Wert legte, daher auch streng chronologische Aufführungen derselben entweder nicht nötig erachtete oder aus eigner Unkunde darin fehlte, was bei den Geschichtsquellen der Alten, die genauer Zeitangabe meist entbehren, so leicht möglich war.

Offenbar nämlich gehört jener großartige Einfall zur See erst der spätern Zeit des Gallienus an, so daß des Decius Fall, welchen Ammian gleichwohl erst nachher erwähnt, diesem umgekehrt voraus ging. Ebensowohl könnte daher auch die wenngleich zuletzt aufgeführte Einnahme Philippopels dieselbe sein, welche Jordanis als schon unter Decius geschehen berichtet, was dadurch unterstützt wird, daß die Quellen einer solchen weiterhin nirgends gedenken.

Des Jordanis Hauptquelle, Cassiodors Geschichte der Goten, war nicht unbefangen, sondern Tendenzschrift, enthielt aber, soweit derselbe nicht mit Absicht verschwieg oder entstellte, reiches und treffliches Material. Diese hat Jordanis, zum Behufe seines Auszugs, nur drei Tage in Händen gehabt, und (da er von einem vollständigen, in solcher Zeit an sich unmöglichen Exzerpt derselben nicht spricht) im Wesentlichen gewiß nur aus dem Gedächtnis benutzt, die Lücken und Unsicherheiten seiner Erinnerung aus andern griechischen und lateinischen Schriftstellern zu ergänzen gesucht, dabei aber groben Mangel an Kritik bewiesen.

Zosimus war ein gebildeter Grieche und Staatsmann, da er zu der teils der zweiten, teils der dritten Rangklasse angehörigen Zivil- und Militärwürde eines Comes gelangt war. Er lebte unter Theodosius d. J. (der 450 starb) oder nach einer andern, jedoch anscheinend minder begründeten Meinung unter Anastasius (von 491 bis 518) und schloß seine Geschichte um das Jahr 410, war also über hundert oder mindestens gegen fünfzig Jahre jünger als Jordanis. Sein Werk in sechs Büchern: Neue Geschichten (ιστορίαι νέαι) beginnt im ersten Buche von Octavian bis Diocletian in äußerster Dürftigkeit, wird aber, je mehr er sich, im zweiten, dem vierten Jahrhundert nähert, um so reichhaltiger, daher zu einer der wichtigsten Quellen für dieses.

Die von Jordanis (c. 16) erwähnte Sendung des Decius gegen die Goten durch Philippus ist in keinem Fall mit der von Zosimus (c. 21) berichteten im Jahre 248 oder 249 identisch, da ersterer, nach Jordanis, wieder zurückgekehrt, nach letzterem aber, was auch sonst unzweifelhaft, sogleich zum Kaiser ausgerufen wird, vor allem aber auch zwischen 248 oder Anfang 249 und 250, wo der große Krieg gegen die Goten unzweifelhaft entbrannte, der von Jordanis im siebzehnten Kapitel erzählte Krieg zwischen den Gepiden und Goten, Ostrogothas Tod und Knivas Regierungsantritt keinen Raum finden könnten.

Der wahrscheinlichste Zusammenhang ist, daß Philippus, durch Besiegung der Carpen im Jahre 246 mutvoller geworden, die Subsidienzahlung an die Goten, die ja auch durch Petrus Patricius bezeugt wird, gekündigt oder doch geschmälert und bald darauf, da sich die Goten zu regen anfingen, Decius in einem außerordentlichen Auftrag an das Heer gesandt, dieser aber einige der zuchtlosen Soldaten mit Kassation bestraft habe, in dessen Folge diese zu den Goten überliefen. Um diese Zeit, etwa Ende 247 oder 248, mag aber auch der Krieg der Gepiden gegen die Goten ausgebrochen sein und letztere von den Feindseligkeiten gegen die Römer abgezogen haben, so daß diese erst im Jahre 250 wirklich begannen.

In der Geschichte des Kriegsverlaufs sind beide Schriftsteller im Wesentlichen übereinstimmender, als es auf den ersten Blick scheint.

Daß Jordanis die Goten stets siegen läßt, kann nicht auffallen, indes mögen andererseits auch die römischen Quellen, welche Zosimus benutzte, nicht unbefangen gewesen sein.

Dagegen wird – und das ist das Wesentlichste – der von Zosimus angegebene großartige Operationsplan des Kaisers, den Goten ihre Rückzugslinie abzuschneiden und sie dadurch vollständig zu vernichten, durch die von Jordanis angeführten Tatsachen vollkommen bestätigt. Mit strategischer Klugheit ließ er die Feinde durch den Hämus vor Philippopel ziehen, um sie dort sich schwächen zu lassen. Jordanis' Sieg der Goten bei Berroe mag höchst übertrieben sein. Philippopel aber, auf dessen feste Haltung Decius mit Grund rechnen durfte, ist nach Jordanis offenbar durch des PriscusDies war selbstredend nicht des Philippus Bruder, der im Orient kommandiert hatte und wahrscheinlich getötet, jedenfalls nach jenes Sturz außer Dienst war, sondern nach Aurelius Victor a. a. O. der Legat von Makedonien, Julius Priscus, dem dieser sogar die Kaiserwürde übertragen läßt, was, wenn überhaupt wahr, nur ganz ephemer gewesen sein könnte. Verrat übergegangen, was auch durch Aurelius Victor, obwohl dieser hierin etwas dunkel ist, bestätigt wird.

Die Geschichte der Entscheidungsschlacht wird in beiden Quellen verschieden, aber ohne inneren Widerspruch, berichtet. In des Zosimus ausführlicherem Bericht fällt es auf, daß ein Sumpf die Front der ersten Schlachtlinie der Goten gedeckt habe und doch wieder die dritte d. i. die Reserve (also im Rücken der ersten) in oder hinter einem Sumpf gestanden habe.

Das aber war ja eben die mit Gallus verabredete Hinterlist, daß Decius bei Aufstellung der beiden ersten Treffen zwischen zwei Sümpfen, durch das leichte Passieren oder Umgehen des vorderen sicher gemacht, von der Leidenschaft des Sieges fortgerissen und des Gallus verräterischer Meldung vertrauend, in den hinteren, ungleich gefährlicheren, sich stürzen sollte, worin er denn auch seinen Untergang fand.

(Für den Aufschwung des germanischen Angriffs sind unzweifelhaft der markomannische Krieg und die Zuwanderung der Goten eine entscheidende Steigerung, der Untergang des Decius mit seinem Heer ein bedeutsames Zeichen gewesen. D.)

Immer noch aber waren selbst um diese Zeit die Germanen der Kriegskunst Roms nicht gewachsen: nur im Verein mit dessen steigender innerer Verderbnis, Zuchtlosigkeit der Soldaten und Verrat der Führer, vermochten sie jetzt schon zu siegen. In anderem daher, nämlich in der Vielseitigkeit und Zahllosigkeit ihrer stets erneuerten Angriffe, gegen welche die römischen Grenzwehren und Streitkräfte unzureichend waren, äußerte sich deren Überlegenheit.

Dies selbst durch die glänzendsten Siege nicht aufzuhebende Mißverhältnis zwischen der Unermüdlichkeit des Angriffs und der aufreibenden Verteidigung war es, woran Rom bald immer tiefer sank: (diesen unermüdlich wiederholten Angriff aber bewirkte die Not, die stärkste aller Göttinnen. D.).

GallusÜber Gallus sind die Quellen teils ganz dürftig, teils widersprechend. Hinsichtlich der schwankenden Chronologie s. Eckhel, p. 364–365. erntete die Frucht seines Verrats, dem bald aber die verdiente Vergeltung erfolgte. Er schloß sogleich mit den Goten den schimpflichsten Frieden. Freier Abzug mit aller Beute und allen Gefangenen, unter denen von der Einnahme Philippopels her viele edle Römer waren, und ein jährlicher Tribut ward ihnen bewilligt, mit welchen Trophäen er – so tief war Rom gesunken – im Jahre 252 in die Stadt zurückkehrte. (Zosimus I, 24 u. 25.)

Neue Einfälle der Barbaren, wohl der in den Gotenfrieden nicht mit eingeschlossenen oder sich unter Vorwänden davon lossagenden, trafen das unglückliche, zugleich durch die Pest verheerte Mösien. Da suchte Aemilianus, der Befehlshaber daselbst, zunächst mit aller Anstrengung den tiefgesunkenen Mut der Soldaten wieder aufzurichten, überfiel hierauf plötzlich eine Schar der Feinde, hieb sie größtenteils nieder und verfolgte sie in ihr Land (gewiß nur über die Donau), wo er unvermutet anlangend deren noch viele vernichtete.

Infolgedessen ward er gegen Ende Juli 253 oder Mitte Oktober dieses Jahres von seinem Heer zum Kaiser ausgerufen, worauf er sogleich nach Italien marschierte, wo er gegen Ende des Jahres angelangt sein soll. Gallus zog ihm nicht nur selbst entgegen, sondern berief auch den bereits unter Decius erwähnten Valerianus aus Gallien zu Hilfe. Doch war dieser noch nicht heran, als sich die Heere schon bei Interamnae (dem heutigen Terni, etwa zehn Meilen von Rom) trafen. Da erntete Gallus, was er gesäet. Seine eignen Soldaten, obwohl an Zahl dem Feind überlegen, ihren Herrscher aber verachtend, stießen ihn mit seinem Sohne nieder und gingen zu Aemilianus über. Schon aber rückte Valerianus mit den gallischen und germanischen Legionen aus Rätien heran, da ward auch Aemilianus, weil er nach Zosimus »mehr militärisch als kaiserlich« regierte, von seinen eignen Truppen getötet.

So gelangte Valerian, dem sogleich alles zufiel, zur Herrschaft.

Als Beweis von des Jordanis Unwissenheit in allem, wo er nicht abschrieb, sei hier noch angeführt, daß er am Schluß des neunzehnten Kapitels nach des Gallus Tod sogleich Gallienus den Thron besteigen läßt, also Valerians so merkwürdige sechsjährige Regierung völlig ignoriert.

Über die nun folgende Regierungszeit des Valerian und des Gallienus sind, wie schon der alte Mascov sagt, die Quellen gerade so verworren, wie die Zustände des Reichs in dieser Periode.

Willig erkannte der Senat Valerian, in dem sich edle Geburt mit hohem Verdienste vereinigte, etwa im April 254 als Kaiser an.

Die Lage des Reiches war sehr übel. Aufgeregt durch die Deciusschlacht drängten von außen allerseits die Barbaren heran, im Westen Franken, Alemannen, Markomannen, von Norden her die Goten, denen sich stammverwandte und fremde Völker als Raubgenossen anschlossen, von Osten her der Sassanide Sapor mit unermeßlicher Heeresmacht. Dazu im Innern die Pest.

Da erschien Teilung der Aufgabe die nächste Pflicht. Valerian übertrug seinem bald zum Mitherrscher ernannten vierunddreißigjährigen Sohne Gallienus den Befehl in Europa, vor allem die Abwehr der Germanen vom Rhein, gegen welche derselbe in Begleitung des Vaters noch im Jahre 253 selbst schon im Feld gestanden hatte.

Ungleich dringender war die Gefahr in Osten, wo der Verlust herrlicher Provinzen, vielleicht ganz Asiens zu drohen schien. Darum behielt der Kaiser die Abwehr Sapors, daneben aber gewiß auch die Oberleitung des Ganzen, namentlich die Wahl der Provinzialstatthalter und Feldherren, sich selbst vor.

In den nächsten zwei Jahren schien der Sohn seine Aufgabe besser zu erfüllen, als der Vater.

Unterstützt durch den ausgezeichnet tüchtigen Postumus, welchen Valerian ihm als leitenden Ratgeber beigegeben hatte, und durch Aurelian, aus dem damals schon die künftige Größe hervorleuchtete, beschirmte er im Wesentlichen die Rheingrenze, schlug die Eindringlinge und nahm wohl sogar einen Teil des bereits von den Alemannen besetzten Zehntlandes, wahrscheinlich bis zum Neckar, an welchem die Festungen hergestellt wurden, wieder ein. Aber als die Feinde, gewiß meist Markomannen und Alemannen, auch in Italien einbrachen, war Gallienus dem Widerstände mit seinem geschwächten Heere nicht mehr gewachsen. Einige Ruhe gewann er durch Vertrag, indem er von dem Markomannenkönig Attalus, gegen Abtretung eines Teils von Oberpannonien, den Frieden und die Hand von dessen Tochter Pipa einhandelte, die von dem an als zweite Gemahlin, geliebter, aber nicht so geehrt als die Kaiserin Salonina, ihm zur Seite stand.

Auch im Norden scheint die Abwehr der Barbaren von der Donau im Wesentlichen wenigstens gelungen, das jenseitige Dakien aber, wo nicht ganz, doch größtenteils schon in deren Händen gewesen zu sein.Es findet sich in den Quellen dieser Zeit keine Spur, daß die Herrschaft der Römer damals noch über die Donau hinaus sich erstreckt habe. Doch ergibt sich aus den Berichten über Aurelian, daß dieser bei Aufgebung der Provinz Dakien die römischen Bewohner weggeführt habe. Wahrscheinlich waren daher die festen Plätze Siebenbürgens, das den Römern wegen seiner Goldbergwerke so wichtig war, nebst den nächsten Umgebungen noch in deren Besitz. In keinem Falle kann diese Frage übrigens durch die vage Äußerung Eutrops IX, 8, der von Gallienus' Zeit sagt: Dacia amissa est, für entschieden angesehen werden, da aus allgemeinen Phrasen der Epitomatoren niemals mit Sicherheit auf die Richtigkeit der daraus abzuleitenden Details geschlossen werden kann.

Desto schlimmer stand es damals (254–256) im Osten vermöge der Fortschritte Sapors. In dieselbe Zeit fallen die gotischen Raubfahrten nach Kleinasien, die unten ausführlich zu berichten sind.

Das Jahr 258 fügte zu den schon vorhandenen Übeln, dem äußeren Feind und der Seuche, noch ein drittes: Empörung und Bürgerkrieg. Ingenuus, der Legat von Pannonien, ließ sich zum Kaiser ausrufen, ward aber von Gallienus, der flugs vom Rhein herbeieilte, geschlagen, und auch dessen Nachfolger in der Usurpation, Regalian, bald getötet. Kaum aber hatte jener den Westen verlassen, als sich ein tüchtigerer Mann wider ihn erhob, Postumus, den er aus Eifersucht durch Zurücksetzung erbittert haben mochte. Von dem rückkehrenden Kaiser sogleich bekämpft, oft geschlagen, aber nie überwunden, behauptete dieser zehn Jahre lang das Kaiserreich des Westens, wozu außer Gallien noch Spanien gehörte, bis er von seinen eignen Leuten, weil er ihnen die Plünderung von Mainz versagte, im Jahre 257 niedergestoßen ward. Die Quellen nennen ihn den Retter Galliens: aber nicht ganz mit Grund, weil dies während des Bürgerkrieges von dem äußeren Feind gewiß schlimmer heimgesucht ward, als wenn Postumus, in Treue beharrend, alle Kraft nur der Verteidigung zugewendet hätte.

Sein Empörungswerk durch des Gallienus Besiegung zu vollenden und zu legitimieren hat Postumus nie vermocht. In seinem Gebiet mag er geachtet, ja geliebt worden sein: die Kraft zu erfolgreichem Widerstand haben ihm nur germanische Söldner, vor allem Franken, gewährt.

In demselben Jahr 258 zog Valerian, um das unglückliche Bithynien von den plündernden und sengenden Goten zu befreien, nach Kleinasien zurück, fand sie jedoch nicht mehr und begab sich zu einer Beratung mit seinem Unterfeldherrn nach Byzanz. Bald darauf brach die Pest auf das Furchtbarste in seinem Heer aus und Sapor überzog wieder römisches Gebiet. Valerians letzte Schicksale sind in Dunkel gehüllt: wir wissen nur, daß er im Herbst 260, unzweifelhaft durch Verrat, von Sapor gefangengenommen wurde und bis an sein unbekanntes Ende in schmachvollen Fesseln blieb.

Das wirkte wie eine Wiederholung der Deciusschlacht. Gleichzeitig brachen die Franken in Gallien, die Alemannen durch Rätien, die Markomannen durch Noricum in Italien, die Goten mit ihren Raubgenossen in Mösien, Thrakien, Makedonien und Asien ein. Jene griffen die Armee, welche der zitternde Senat zum Schutze Roms rasch improvisiert hatte, gar nicht an, sondern begnügten sich, Ober- und Mittelitalien zu plündern, woraus sie endlich gegen Ende 261 der über die Alpen herbeieilende Gallienus wieder vertrieb.

Im Jahre 265 nahm der durch Gallienus bedrängte Postumus Victorinus als Mitregenten an. Gegen beide erhob sich aber im Jahre 267 Lälianus, der, von Postumus geschlagen, nach dessen Tode doch zur Herrschaft gelangt, nach wenigen Monaten von seinen eignen Leuten wieder getötet ward. So blieb Alleinherrscher des Westens Victorinus, den bald darauf ein Privatfeind niederstieß. Nun machte seine Mutter Victorina, ein so tüchtiges als intrigantes Weib, welche die Soldatengunst zu gewinnen gewußt hatte, die Kaiser des Westens, indem sie zuerst Marius, einen gemeinen Haudegen, Schmied seines Handwerks, und, als dieser bald ermordet ward, einen vornehmen Römer, den Senator Tetricus, dazu erhob, der die Macht bis zu Aurelians Regierung behauptete.

In derselben Zeit fielen die Heruler und Goten in Thrakien und Makedonien ein, wurden zwar, zu Lande und zur See geschlagen, nach Asien verdrängt, setzten aber bald wieder von da nach Griechenland hinüber, das sie diesmal fürchterlicher als je verwüsteten, Athen, Korinth, Argos und Sparta, die einst so blühenden Städte, in Brand steckend. Auf dem Rückzuge mit ihrer Beute aber wandte sich das Glück, indem der geschickte Feldherr der Athener, der Historiker Dexippus, ihnen eine tüchtige Niederlage beibrachte, welche der inzwischen zur Hilfe herbeigeeilte Gallienus noch vollendete, indem er einen Teil ihres Heeres an der Grenze Thrakiens und Makedoniens niederhieb.

Dies aber war die letzte seiner Taten.

Der gegen die »Tyrannen« des Westens bei Mailand stehende Aureolus, einer der tüchtigsten Feldherren, der Gallienus bisher die größten Dienste wider jene geleistet hatte, pflanzte nun auch die Fahne des Aufruhrs auf. Im Flug eilte der Kaiser herbei. Aber die Ersten der Generale, seiner überdrüssig, verschworen sich gegen ihn. Man läßt ihm melden, der Feind rücke heran: ungestümen Eifers sprengt er, fast unbegleitet, diesem entgegen, trifft aber auf die Mordschar, deren Führer, der dalmatische Reiteroberst Cecrops, ihn niederstößt. Dies geschah im März 268.

Nachdem Zosimus (c. 20), wo er zum ersten Mal der jenseits der Donau wohnenden Nordvölker gedenkt, nur die Carpen (s. oben) genannt hat, spricht er Kap. 23, 26, 28 u. 29 von den Skythen (griechische Gesamtbezeichnung jener Völker im Allgemeinen, weshalb auch in der Bibel (Brief an die Kolosser 3, 11) Ungriechen und Skythen den Griechen und Juden gegenübergestellt werden), sagt aber schon Kap. 27: die Goten, Boranen, Urugunden und Carpen fielen wiederum (αυ̃θις, obwohl er dieselben vorher noch nicht erwähnt hat) verheerend in Europa ein.

Die wichtigste dieser Stellen ist Kap. 26, worin er folgendes anführt: »Indes Gallus sorglos die Regierung führte, setzten die Skythen zuerst die ihnen benachbarten Völker in Schrecken; allmählich dann in ihrem Zug vorrückend verheerten sie alles bis zum Meer, so daß keins der den Römern unterworfenen Völker unverheert blieb, und jede durch Mauern nicht geschützte Stadt, aber auch viele der befestigten von ihnen eingenommen wurden.«Selbstredend sind hier nur die Völker und Städte Dakiens, insbesondere des östlichen, gemeint.

Dieser Bericht würde sinnlos sein, wenn man ihn nur auf die Ereignisse der ersten 1½ Jahre von Gallus' Regierung – denn im Sommer 253 wurden die Skythen wieder aus dem römischen Gebiete vertrieben (s. oben) – beziehen wollte.

Gibt doch, ohne bis auf Caracalla, Severus Alexander und Maximin (unter welchen letztern, nach Dexippus, der große skythische Krieg begann) zurückzugehen, die Kriegsgeschichte klare Funde, von deren Einfällen, Eroberungen und Siegen nicht nur in Dakien, sondern selbst in den altrömischen Provinzen Mösien und Thrakien. Wie hätte Zosimus, nachdem er im 23. Kapitel die Deciusschlacht berichtet, im 26. den Anfang der skythischen Einbrüche in die Zeit von Gallus setzen können?

Desto wichtiger wird diese Stelle, wenn wir darin nur einen kurzen – freilich etwas ungeschickt eingewebten – Abriß der Geschichte des Wachstums der gotischen Macht überhaupt erblicken.

Die Urbewohner des von den Goten eingenommenen Landes am Nordrande des Pontus westlich der Mäotis waren Skythen oder SarmatenIn der Regel nur verschiedene Bezeichnungen eines und desselben Hauptstammes (s. Plinius d. Ält. IV, 12 und Zeuß, S. 283), obwohl man solche bisweilen auch als Spezialnamen für verschiedene Zweige desselben Volkes gebraucht haben dürfte., die von ersteren meist verdrängt, teilweise aber auch unterworfenKeine Unterwerfung römischer Art, nur eine gewisse politische Unterordnung mit Erhaltung nationaler Selbständigkeit. Regelmäßig mußten die Unterworfenen Land abtreten und Tribut zahlen. sein dürften, wohin wir namentlich einen Teil der Alanen und Roxalanen zu rechnen haben.

Von hier drangen jene, der Natur der Sache, wie der Geschichte zufolge, gen Westen vor.

Hier stießen sie zuerst auf thrakische Völker jenseits des Tyras oder Dnjestr, denen wir auch die Tyrigeten (am Tyras) lieber als den Sarmaten zuzählen möchten (vergl. jedoch Zeuß, S. 279–281).

Den Dnjestr in seinem mittleren oder unteren Lauf überschreitend gelangten sie in den östlichen Teil der römischen Provinz Dakien (Bessarabien und Moldau). Hier mögen die Völker großenteils nur in einem ziemlich losen Untertänigkeitsverhältnis zu Rom gestanden haben. Gewiß waren diese daher die von Zosimus erwähnten »benachbarten«, wider welche die Goten ihre Überlegenheit wandten, und sie, ohne jedoch deren nationale Unabhängigkeit zu vernichten, meistens dahin brachten, mit ihnen gegen Rom zu halten.

Dieser Teil Dakiens war es denn auch besonders, wo sie, nach Zosimus, alle Städte, bis auf einen Teil der befestigten einnahmen, welche letztere wohl meist von den Römern besetzt gewesen sein mögen.

So weit müssen die Goten aber bereits gewesen sein, als sie stärkere und wiederholtere Angriffe auf die römischen Provinzen jenseits der Donau richteten, was doch erst in den letzten Jahren von Severus Alexander, besonders aber unter Maximin und Gordian geschehen zu sein scheint.

Erst im 28. Kapitel läßt Zosimus (obwohl dessen Chronologie nie zuverlässig ist) nun anscheinend im Jahre 203 die Skythen auch nach Asien übersetzen.

Im 31. Kapitel nennt er die Boranen, Goten, Carpen und Urugunden. Er bemerkt von ihnen, daß sie keinen Teil Italiens und Illyricums unverwüstet gelassen hätten, da sich ihnen Niemand entgegengestellt habe, was nach der Reihenfolge seiner Erzählung, die freilich stets unsicher ist, in das Jahr 254 fallen würde.

Die angebliche allgemeine Verwüstung Italiens muß indes Übertreibung sein und sich höchstens auf Raubfahrten einzelner Piratenführer von den illyrischen Küsten aus beschränken, da Einfälle zu Lande über die julischen Alpen fast undenkbar sind, von Norden her zu jener Zeit vielmehr wohl nur die anwohnenden Alemannen und Markomannen in Italien einbrachen.

Hierauf fährt Zosimus nun also fort:

»Die Boranen versuchten auch den Übergang nach Asien. Dies bewirkten sie leicht durch die Bewohner des Bosporus (der Krim), die ihnen, mehr aus Furcht als freiem Willen, Schiffe gaben, auch die Überfahrt leiteten. So lange daselbst, in der Folge von Sohn auf Vater, Könige herrschten, beharrten diese, teils aus Treue, teils wegen der günstigen Handelslage ihrer Häfen, teils wegen der Geschenke, die sie jährlich von den Kaisern empfingen, in der Abwehr (διετέλουν είργοντες) der nach Asien übersetzen wollenden Skythen. Als aber, nach dem Untergang des königlichen Geschlechts, einige Unwürdige und Verächtliche die Regierung führten, gestatteten diese, aus Furcht für sich, den Skythen den Durchzug nach Asien, und führten sie sogar auf ihren eigenen Schiffen hinüber, welche sie dann wieder heimkehrend mit zurücknahmen.«

Auch dieser Bericht bezieht sich wiederum, wie der im 26. Kapitel, nicht allein auf den damaligen speziellen Fall, ist vielmehr nur eine hier eingeflochtene allgemeine Erzählung der Art und Weise, wie jene Völker den Übergang nach Asien ins Werk setzten. Hat doch Zosimus kurz vorher in demselben Kapitel schon einen früheren ähnlichen Einfall der Skythen in Asien berichtet.

Wir glauben sogar nicht zu irren, wenn wir annehmen, daß es selbst den früheren bosporanischen Königen nicht vollständig gelungen sein dürfte, allen Raubfahrten nach Asien Einhalt zu tun. Eine Schar kühner Abenteurer fiel mit Blitzesschnelle in das Land einDies war nicht bloß über die Landenge bei dem jetzigen Perekop, sondern auch vom Asowschen Meer her über die Landenge von Arabat möglich., und warf sich, große Städte und alle Orte eines zu besorgenden stärkeren Widerstandes vermeidend, auf eine unbefestigte Hafenstadt, deren Bewohner dann gewiß froh waren, sich durch zeitweilige Überlassung von Schiffen, wofür vielleicht sogar ein Beuteteil versprochen wurde, von der Plünderung loszukaufen.

Mit dem 32. Kapitel beginnt nun die eigentliche Spezialgeschichte der Ereignisse jener Zeit in folgendem:

»Von den alles, was ihnen vor die Faust kam, ausplündernden Skythen zog ein Teil nach der Mitte der ihnen gegenüberliegenden Küste (etwa in die Gegend von Sinope), die aber stark befestigt war, ein anderer Teil griff Pithyus (an der Ostküste des Pontus im heutigen Imeretien, 43° 10' nördl. Br.) an, das durch eine starke Mauer geschützt war und einen trefflichen Hafen hatte. Der dortige Befehlshaber Successianus aber trat ihnen mit seinen Truppen entgegen und schlug sie in die Flucht.

Fürchtend, daß die Besatzungen der übrigen Festungen, dies wahrnehmend, in Gemeinschaft mit jenem gegen sie sich wenden möchten, rafften sie alle Schiffe zusammen und kehrten, nach starkem Verlust, mit der größten Gefahr in die Heimat zurück.

Froh der Errettung hofften die Küstenbewohner bereits, daß jene Räuber nicht wiederkehren würden. Als aber Valerian den Successian zum Praefectus Praetorio ernannte und zu Wiederherstellung Antiochiens dahin berief, fielen die Skythen in Schiffen der Bosporaner aufs neue in Asien ein, behielten aber diesmal die Schiffe bei sich zurück. Sie landeten in der Nähe des Dianentempels am Phasis, welchen sie vergeblich einzunehmen suchten, und zogen darauf wieder nordwärts nach Pithyus.

Kap. 33: Mit Leichtigkeit ward dies jetzt eingenommen und jeder Besatzung beraubt, worauf sie weiter schifften. Bei der großen Menge von Fahrzeugen, die durch ruderkundige Gefangene bedient wurden, und der günstigsten Seefahrt während des nun eingetretenen Sommers kamen sie vor Trapezunt (etwa vierzig Meilen von Pithyus) an. In diese große und volkreiche Stadt hatte sich zu der Besatzung noch eine zahllose Menge Volks geflüchtet.

Die Belagerung begann, die Einnahme dieser durch eine doppelte Mauer geschützten Stadt aber schien kaum im Traum möglich. Als die Skythen jedoch die Sorglosigkeit und Schwelgerei der Garnison wahrnahmen, die nicht einmal die Mauern mehr ordentlich besetzte, schafften sie Nachts dazu vorbereitetes Holzwerk heran und erstiegen in geringer Zahl an einem zugänglichen Orte die Mauer. So ward die Stadt genommen, indem die Besatzung im panischen Schrecken der Überrumpelung teils aus den Toren flüchtete, teils niedergehauen ward. Unsäglich war die Beute an Geld und Gefangenen, da sich die Umwohner der ganzen Landschaft dahin geborgen hatten. Tempel und Gebäude, wie alles, was zur Verschönerung und Großartigkeit gereichte, ward zerstört.

Nachdem sie hierauf noch die Umgegend plündernd und verheerend durchstreift hatten, zogen sie in einer großen Menge von Schiffen wieder heim.«

Wir haben hier den Verlauf der Geschichte durch die chronologische Erörterung zu unterbrechen.

Valerian kann nicht vor Mitte des Jahres 256 das von Sapor eingenommene und zerstörte Antiochien wieder besetzt, also kaum vor dem Herbst dieses Jahres den tapferen Verteidiger von Pithyus nach dem neunzig bis hundert Meilen entfernten Antiochien berufen haben. Überdies läßt die Gefahr, welche die Skythen bei der Rückfahrt von dem verunglückten Raubzug erlitten, auf das Einbrechen der Äquinoktialstürme schließen. Der zweite Feldzug fiel, wie Zosimus ausdrücklich anführt, in den Sommer.

Hieraus ergibt sich nun für den ersten mit Sicherheit das Jahr 256, anscheinend dessen letztere Hälfte, für den zweiten aber das Jahr 257.

Kap. 34: »Da die den Heimgekehrten benachbarten Skythen die mitgebrachten Reichtümer erblickten, ergriff sie die Begier gleicher Wagnis.

Sie ließen durch Gefangene und gedungene Lohnarbeiter (wahrscheinlich aus der Krim oder von andern Küsten) Schiffe bauen. Dennoch beschlossen sie, sich nicht wie die Boranen einzuschiffen, da der Weg lang, schwierig und die Gegend bereits zu verwüstet war, zogen vielmehr den Landweg vor. (Dies geschah offenbar, weil sich der Schiffbau bis über die Jahreszeit der Schiffahrt hinaus verzögert hatte.)

Mit Einbruch des Winters zogen sie daher zu Lande der linken Küste des Pontus entlang bei Istrus, Tomi und AnchialosDaß sie, wie Zosimus sagt, diese Städte zur Rechten gelassen, muß Irrtum sein, da es zwischen diesen Hafenplätzen und dem Meer sicherlich keine Straße gab. vorbei bis zu der Bucht von Philea (etwa sieben Meilen nordwestlich von Byzanz). Erfahrend, daß sich die dortigen Fischer mit ihren Fahrzeugen in den Sümpfen versteckt hätten, brachten sie es durch Verhandlung dahin, daß diese sich stellten und ihre Scharen über die Meerenge zwischen Byzanz und Chalkedon führten.

In Chalkedon selbst und dem am Eingang des Hafens gelegenen Tempel befand sich eine den Angreifern weit überlegene Besatzung.

Diese zog aber teilweise, unter dem Vorwande, dem vom Kaiser gesandten Feldherrn entgegen zu gehen, aus der Stadt heraus, teils ward sie von solcher Furcht ergriffen, daß sie auf die erste Nachricht des Anzugs der Feinde nach allen Seiten hin flüchtete.

So nahmen die Barbaren Chalkedon ohne irgendeinen Widerstand ein und machten die reichste Beute an Geld, Waffen und anderem Geräte.

Kap. 35: Von hier zogen sie nach dem großen, blühenden, durch Reichtum und Überfluß aller Art berühmten Nikomedien. Obwohl aber dessen Bewohner auf die erste Kunde der Gefahr mit allen Schätzen, die sie fortbringen konnten, geflohen waren, erstaunten die Barbaren doch über die Masse der noch vorgefundenen, und überhäuften den Chrysogonus, der sie zu dieser Unternehmung bewogen hatte, mit den größten Ehren.

Nachdem sie hierauf Nikäa, Eios, Apamea und Prusa auf völlig gleiche Weise heimgesucht hatten, rückten sie vor Kyzikus. Da sie aber den Fluß Rhyndakus wegen eingetretener Hochflut (unstreitig also im Frühjahr) nicht passieren konnten, gingen sie zurück, verbrannten Nikodemien und Nikäa, und traten, ihre Beute auf Wagen und Schiffe verladend, den Heimweg an.

So endete der zweite (eigentlich der dritte) Feldzug.

Kap. 36: Valerian, die Verwüstung Bithyniens vernehmend, wagte keinem seiner Feldherren eine Hilfsarmee anzuvertrauen, sandte daher nur Felix zum Schutz von Byzanz ab und marschierte selbst von Antiochien nach Kappadokien, von wo er, nach Erschöpfung der berührten Städte, wieder zurückkehrte.«

Hier finden wir nun Zosimus plötzlich, von seiner bisherigen guten Quelle verlassen, wieder in die gewohnte Dürftigkeit und Verwirrung zurückfallend, ersehen aber, daß sich Valerian von Kappadokien aus zu einer großen Musterung und Beratung mit seinen Feldherren nach Byzanz begab, wodurch denn, weil wir genau wissen, daß dies im Jahre 258 geschah, die Chronologie der vorhergehenden Ereignisse noch mehr gesichert wird.

Gewiß gewährt dieser Bericht ein lebendiges Bild sowohl der hohen Unternehmungskühnheit der Germanen, als der kaum glaublichen Zuchtlosigkeit und Feigheit der römischen Truppen, wo nicht ein Mann altrömischen Geistes, wie Successian, sie führte.

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