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Geschichte der Völkerwanderung

Felix Dahn: Geschichte der Völkerwanderung - Kapitel 19
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Völkerwanderung
authorFelix Dahn
firstpub1880
year1997
publisherPhaidon Verlag
addressEssen
isbn3-88851-198-4
titleGeschichte der Völkerwanderung
created20051128
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Wer die Römerkriege gegen die Germanen studiert hat, dem kann in der Tat nicht ein Zweifel über die Untunlichkeit eines tiefern Eindringens der Römer in Germanien nach der Varusschlacht beigehen: weshalb denn auch Tiber und Claudius sich entschieden dagegen aussprachen, wirklich auch in den 150 Jahren, von 16 bis 166, der Art nichts mehr vorgekommen ist, was in den Quellen, so dürftig sie zum Teil auch sind, unmöglich ganz verschwiegen, auch jedenfalls durch Münzen uns erhalten worden sein würde.

Dabei wird keineswegs bei den mehrfach vorgekommenen späteren Züchtigungskriegen der Römer jedes Vorgehen derselben gegen die Völkerschaften selbst geleugnet: wo es die Einbrüche räuberischer Gefolgscharen zu ahnden galt, wurden natürlich auch die Volksgebiete nicht geschont: aber von solchen raschen und kurzen Streifzügen zu Verheerung der nächsten Ansiedlungen kehrten sie früher wieder zurück, als die Germanen sich in gefahrdrohender Anzahl zu sammeln vermochten.

Wo die Worte und Tatsachen der Quellen nicht bestimmt auf große Volkskriege hinweisen, sind meist nur kleinere Streifzüge vorauszusetzen, zumal wenn die Quellen nur von Raub, Verheerung und Einbruch reden, z. B. Cass. Dio LIV, 20, ελεηλάτηδαν, Tac. XII, 27, latrocinia agitantes, und Capitolin (M. Anton. phil. c. 8) irruperant. Andererseits ist daraus, daß die Schriftsteller lediglich den Namen der Völkerschaft angeben, von welcher die Einfälle ausgegangen waren, für die Frage, ob diese durch die Gesamtvölkerschaft oder nur durch einzelne Gefolgsführer (oder Gaue D.) ausgeführt wurden, gar nichts abzunehmen, da eine so genaue Unterscheidung von Dio und den Kaiserbiographen nicht zu erwarten ist, Tacitus aber, wenn auch nicht durch nähere Bezeichnung der Urheber, doch durch die weitere Darstellung des Vorfalls den Zweifel hierüber meist selbst genügsam beseitigt.

Es finden sich nun (seit den Kimbrern und Ariovist D.) nur folgende von den Germanen ausgegangene größere Kriege ganzer Völkerschaften mit Rom erwähnt: der der Usipier und Tenchterer im Jahre 56 v. Chr. mit 430 000 Seelen, Weiber und Kinder eingerechnet (Cäsar d. b. g. IV, 4–15); der der Friesen in den Jahren 29 u. 58 n. Chr. (s. oben 1. Buch, 4. Kap.); der der Amsivarier im Jahre 59; der der vielen rechtsrheinischen Stämme bei dem Aufstand des Civilis und die Beteiligung Roms an dem Krieg der Brukterer gegen die Chamaver und Amsivarier.

Die Usipier und Tenchterer aber kamen schon, »um sich eine Heimat zu gewinnen«, nach Belgien, wo sie wider Erwarten Cäsar trafen, die Friesen unter römischer Klientel empörten sich zwar im ersten Falle nur gegen ungerechten Druck, wollten aber im zweiten ebenfalls unbebautes Land eigenmächtig einnehmen, dasselbe, dessen sich die aus ihren Wohnsitzen vertriebenen AmsivarierDer Umstand, daß Tacitus XIII, 56 die Amsivarier ganz vernichten läßt, während der Fortbestand dieses Volkes außer Zweifel ist, begründet vielleicht die Vermutung, daß keineswegs das Gesamtvolk, sondern nur der Gau des Bojocalus (mit seinen befreundeten Gauen D.) die aus der Heimat Vertriebenen waren. vergeblich zu bemächtigen suchten. Der Teilnahme der Germanen an dem Aufstand des Civilis ward eben schon gedacht, während die Römer im Fall der Brukterer, so weit wir diesen übersehen können, jedenfalls nur als Alliierte und Beschützer gegen deren Feinde sich einmischten.

Alle übrigen in den Quellen verzeichneten Feindseligkeiten gegen Rom dagegen, namentlich also die der Sugambrer im Jahre 53 v. Chr. Cäsar VI, 32–41), in den Jahren 35, 29 oder 30 und 16 v. Chr. (s. Cass. Dio LI, 21; LIII, 26; LIV, 20; LIII, 26), so wie die oben erwähnten, nicht minder die Stelle Capitolins Ant. pius c. 5 (Germanos et Dacos et multas gentes rebellantes contudit), die oben erwähnte Nachricht desselben (M. Ant. phil. c. 8): Catti in Germaniam ac Rhaetiam irruperant, die von Didius Julianus S. 165, sowie die Stelle Spartians (Pertin. c. 2), endlich die Stelle aus Capitolin (Clod. Alb. c. 6) lassen den Zweck der Germanen nicht deutlich genug erkennen, um sie als Völkerkriege behufs Ausbreitung zu charakterisieren: manche sind wohl bloße Raubfahrten.

(Immerhin aber zeigt diese Zusammenstellung, daß von der ersten Welle an – der kimbrisch-teutonischen – durch alle folgenden größeren Unternehmungen ganzer Völkerschaften ein gemeinsamer Zweck sich verfolgen läßt: »Land, Wohnsitze«, »neue Heimat« ist das Ziel aller dieser größeren Bewegungen: aus der Heimat verdrängt durch Hunger, Sturmflut, innere Kriege – deren Grund wiederholt als Grenzstreit bezeichnet wird –, angelockt durch das reichere, fruchtbarere, bereits angebaute Land der Kelten und Römer drängen alle diese Züge nach Westen und Süden: sie sind sämtlich die Vorläufer der großen Völker ausbreitung, die seit Mitte und Ende des zweiten Jahrhunderts an der Donau durch die Goten und die von ihnen gedrängten Donausueben (Markomannen und Quaden), ein Menschenalter später (c. 210) durch Alemannen, Franken, Sachsen am Rhein im gewaltig gesteigerten Maßstab über den Limes drängt.Hier liegt eine weitere Hauptabweichung von der ersten Auflage, welche hier Privatkriege der Gefolgschaften und Volkskriege unterschied und von der Entstehung der neuen Gruppen und deren »Wanderungen« ganz andere Auffassungen hatte. (D.) D.)

Der Raubanfall der Chatten im Jahre 50 hat aber später doch die Natur eines Volkskrieges durch rächenden Einfall der Römer in deren Gebiet angenommen oder anzunehmen gedroht, bis sie, zugleich vor den Cheruskern sich fürchtend, Gesandte und Geiseln nach Rom sandten.

Hatte sich nun auch unter Domitian bereits die beginnende Schwäche Roms den Germanen kundgetan, so muß doch dieser Eindruck durch die Größe und Tüchtigkeit seiner Nachfolger bald wieder verwischt worden sein.

(Mit dem markomannischen Krieg trat zuerst eine furchtbare Warnung an Rom heran: er verkündete den Anfang der gewaltsamen Völkerausbreitung über den Limes hinaus im neuen Stil: durch große Verbände, dauernde Staatenbündnisse, unter mächtigeren Königen. D.)

Gleichwohl begegnen diese Spuren um jene Zeit erst bei den östlichen, noch nicht bei den westlichen Völkern. Der Einfall der Chatten gleich nach M. Aurels Regierungsantritt in Germanien und Rätien, unstreitig also in das Zehntland, muß, weil dessen nicht wieder gedacht wird, bald wieder unterdrückt worden sein, wie wir dies auch von dem gegen D. Julianus (S. 164) und dem in Rätien und Noricum im Jahre 174 (S. 164), welcher dasselbe vielleicht auch betroffen haben könnte, mit Sicherheit wissen.

Dagegen ergibt sich für das Zehntland die dringende Vermutung, daß die Einwanderung jenseitiger Germanen infolge der fortwährend wachsenden Volksmenge derselben, wenn auch anfangs und lange Zeit nur in der Form friedlicher Unterwerfung (gleich bei Errichtung der Kolonie begonnen und D.) niemals aufgehört habe. Ob stets nur einzelne, oder hie und da ganze Gefolgschaften mit ihren Führern (auch einzelne Gaue oder Gauteile D.) sich daselbst niederließen, ist unbekannt, letzteres aber stark zu vermuten.

Friedensstörungen im Zehntlande und Rätien werden aber von Commodus bis zum Tode des Septimus Severus von 180 bis 211 nicht erwähnt, vielmehr lassen die von letzterem während seines Aufenthaltes im Orient im Jahre 200 (Trib. pot. VIII) errichteten Meilensäulen, von denen sich zwei im Donautal und dessen Umgebungen und eine bei Issny gefunden haben (Stälin Nr. 219, 220 und 243, S. 52 und 54), auf einen wohlgeordneten Zustand Rätiens schließen.

Schon seit Mitte des ersten Jahrhunderts – also schon fünfzig Jahre nach Tacitus – muß sich derjenige Zustand vorbereitet haben, der uns im Jahre 212 und 213 in dem Kampf Caracallas mit den nun unter dem Namen der Alamannen erscheinenden Germanen zuerst plötzlich entgegentritt.

(Den Blicken der Römer entrückt, vollzog sich seit einem Menschenalter, etwa um die Zeit des Markomannenkrieges, 160 bis 210 im Innern Deutschlands die Neubildung der Gruppen, welche wir in der Einleitung geschildert haben: es geschah hier nur spät dasselbe, was schon viel früher bei den Goten, es geschah in etwas anderer, aber ähnlicher Umbildung, was auch bei den jetzt davon ergriffenen Völkern schon früher, nur in anderer Mischung und Scheidung, geschehen war.

Der Name »Gothi« hatte schon vor fünfhundert Jahren eine Gesamtheit von Völkern umfaßt: Ost-, West-Goten, Vandalen usw., unter welchen allen in geschichtlicher Zeit kein Staatenbund, Bundes- oder gar Einheitsstaat bestand.

Der Name »Sueben« hatte ebenfalls schon vor mindestens zweihundert Jahren viele Völkerschaften in wenigstens sakraler Gemeinschaft umschlossen: zwischen dem Gesamtnamen Sueben und dem der Einzelvölkerschaft (z. B. Semnonen) hatte es aber damals schon Mittelstufen gegeben: örtlich bezeichnet »Markomannen«, welche wohl viele Völkerschaften umfaßten, ebenso »Hermun-duren« »Groß- oder Gesamt-duren«.

Die Markomannen waren nach Böhmen und noch östlicher gezogen und zeigten gerade damals durch die Tat, welche Kraft die Geschlossenheit gewähre.

Auch die Namen: »Friesen«, »Sachsen«, »Chauken« (unter den Ingvaeonen, wie Sueben, Markomannen, Hermunduren unter Herminonen) hatten schon vor Jahrhunderten viele Völkerschaften sakral, wohl auch bündisch, bezeichnet.

Es gab natürlich auch jetzt noch »Sueben« – bis ins sechste Jahrhundert erhielt sich der Name – aber, aus unbekannten Gründen – vor allem wohl wegen räumlicher Veränderungen (z. B. Abzugs der Markomannen und Quaden weit nach Osten) – genügte der alte suebische Verband, der ja politisch immer nur sehr locker gewesen war, den Bedürfnissen der Gegenwart (zumal dem gemeinsamen Kampf am Rhein) im Westen nicht mehr: neue Verbände bildeten sich unter alten suebischen Nachbarn, neue Verbände am Niederrhein unter Istvaeonen.

Genauer gesagt: wie durch die oben geschilderte Völkerausbreitung im Inland Gaue zum Staat der Völkerschaft zusammenflossen, traten auch Völkerschaften, die nun unmittelbare Nachbarn geworden waren, in näheren, dauernden, auch politischen Verband mit neuen, diesen Verband ausdrückenden Namen: Ala-mannen »Gesamt-mannen«, die Her-mun-duren »Groß-duren« nannten sich nur mehr Duren, die Franken gemeinsam von der Freiheit (nicht von der Waffe, der Francisca, die umgekehrt von der Nation den Namen erhielt. Ein solches Volk oder Völkerbündnis der Alemannen usw. bildete nun durchaus keinen Staat, nur einen sakral und politisch vereinten Staatenbund: es wiederholt sich genau der alte Völkerschaftsverband, nur in quantitativ größerem Umfang: dem pagus entspricht jetzt die Völkerschaft: es ist ein Staatenbund von Völkerschaften wie die Völkerschaft ein Staatenbund von Gauen gewesen war: regelmäßig, aber nicht notwendig, gemeinsam nach außen handelnd, noch ohne Volkskönig im Frieden, nur einen Herzog oder zwei (Chnodomar, Serapio) im Krieg wählend: einzelne Könige und Völkerschaften des Völkerbündnisses bleiben neutral, andere unterwerfen sich, andere führen Krieg gegen Rom – so im vierten Jahrhundert die Alemannen im größeren, ganz wie im ersten die Cherusker im kleineren Maße.

Diese unsere ganz neu aufgestellte Erklärung nimmt also kein neues Bildungsprinzip an: vielmehr wird nur ein uraltes neu auf größere Massen angewendet als früher. Dies scheint ein sehr wichtiger Vorzug unserer Auffassung: sie ist nicht genötigt, in dem Leben der Germanen und den öffentlich rechtlichen Verbindungen Neues und Unerhörtes plötzlich auftauchen zu lassen: ohne alle Schwierigkeit erklären sich die neuen Bildungen als den alten, nur quantitativ vergrößerten Formen entsprechend. Und auch diese Veränderung trifft nur die Zusammensetzung der Glieder, nicht den Umfang der Gesamtheit: die Völkerschaft eines Chnodomar oder doch die mehreren Gaue einer solchen waren allerdings kopf- und landreicher als der Gau Armins gewesen war: aber dem Raume nach hatte sich der alte Verband der Sueben viel weiter gedehnt und viel zahlreichere Völkerschaften hatte er umfaßt als jetzt die Gruppe der Alemannen, Franken usw. Daher war auch die Kopfzahl der Sueben größer als die der Alemannen, so viel dichter auch seither die Bevölkerungen geworden. D.)

Da der in keinem Fall bedeutende Alemannenkrieg unter Caracalla mit der Schlacht am Main endigte, kann der Hauptangriff nicht von den Hermunduren, sondern nur von den nördlich des Mains sitzenden westgermanischen Völkern ausgegangen sein, unter denen die Chatten zweifellos das größte waren, deren Gebiet gleichwohl nicht über 300 bis 400 Quadratmeilen umfaßt haben kann. Dieses gerade war aber den Römern von Mainz – dem Hauptstützpunkt des oberrheinischen Heeres – und Arctaunum (Arx Tauni? Homburg) her vor allen andern leicht zugänglich.

Ein Teil der Chatten, d. i. einzelne Gaue dieses Volkes, kann unter den Alemannen begriffen gewesen sein, das Gesamtvolk um deswillen nicht, weil es später unter den Franken ganz aufgeht.Dies hier schon zu beweisen, würde der späteren Geschichte vorgreifen, weshalb hier nur auf Zeuß, S. 328, 341, 346 und 347, sowie auf v. Ledebur, Land und Volk der Brukterer, S. 129 u. folg., 251 und 267 verwiesen wird. Die Hermunduren wurden die »Thüringe«.

(Ein durch Vereinigung mehrerer Völkerschaften (civitates) entstandener Staatenbund kann eine sehr lockere Bundesverfassung haben; es stehen verschiedene voneinander unabhängige Könige der Völkerschaften und Gaue (reges, reguli, regales, Amm. Marc. XVI, 12 und XVIII, 2, sowie Flav. Vopisc. Prob. c. 14) neben einanderIn der Schlacht gegen Julian bei Straßburg führten zwei Völkerschaftskönige (potestate excelsiores ante alios reges) den Oberbefehl als gekorene Herzöge. (D.); von allgemeinen Volksschlüssen verlautet nie etwas: so sehen wir, daß bei den Alemannen (wie später bei den Sachsen im Kampf gegen Karl den Großen) nicht einmal alle Gaue und Völkerschaften zu gemeinsamer Kriegführung verpflichtet waren: ganz freundschaftlich verkehren die mit Rom in Krieg begriffenen Könige mit einem mit Rom Verbündeten. D.)

Dies gilt wenigstens von dem Hauptvolk im Rhein- und Neckartal: über die als Teile der Alemannen vorkommenden südlichen Lenzgauer (Lentienses) und die suebischen Jutungen sind wir nicht näher unterrichtet. (Völkerschafts- und Gauversammlungen fanden natürlich statt. D.)

Wir sehen erst kurz vor der Frankenherrschaft die Alemannen zu einer Volkseinheit unter einem König vereinigt.

Hauptstelle über Entstehung der Alemannengruppe wird immer die bekannte Stelle des Asinius Quadratus bleiben, welche Agathias, der zu den zuverlässigsten Byzantinern gehört (I, 6), mit folgenden Worten anführt:

»Die Alemannen sind, wenn wir dem Asinius Quadratus folgen dürfen, einem Italiener, der die germanischen Angelegenheiten auf das Genaueste niedergeschrieben hat, zusammengelaufene und gemischte Menschen: und dies bedeutet auch ihr Name.«οι δὲ ’Αλαμανοὶ είγε χρη̃ ’Ασιννίω Κουαδράτω έπεσθαι, ανδρὶ ’Ιταλιώτη, καὶ τὰ Γερμανικὰ ες τὸ ακριβὲς αναγραψαμένω, ξυγκλυδές εισιν άνθρωποι καὶ μιγάδες, καὶ του̃το δύναται αυτοι̃ς η επωνομία.

Asinius Quadratus lebte (wie Uckert, Geogr. d. Gr. u. Römer, Weim. 1843, Th. III, S. 306, mit Bezug auf Suidas, Stephan von Byzanz und von neueren Valesius annimmt [vergl. Teuffel, S. 892 und die Literatur daselbst]) unter Alexander Sever (nach Capitolin, der ihn [Verus c. 8] als Scriptor belli parthici zitiert, wahrscheinlich Anfang des dritten Jahrhunderts). Sein Hauptwerk führt den Titel Ρωμαίων χιλιάς (χιλιαρχία, χιλιετηρίς), d. i. tausendjährige Geschichte Roms: er muß also die Säkularfeier unter Philippus im Jahre 247 erlebt haben. Wenn Suidas sagt, das Werk habe bis auf Alexander, Sohn der Mammäa, gereicht, so bezieht sich dies wahrscheinlich auf jenes zweite über die Partherkriege, das gerade durch den parthischen Krieg von Severus Alexander veranlaßt worden sein mag.

Derselbe war also unter allen Umständen Zeitgenosse der Anfänge der Alemannen. (Seine Aussage steht nun durchaus nicht der Annahme entgegen, daß eine Gruppe von Sueben, die »zusammen gewandert«, d. h. durch Nachbarschaft, gemeinsame Kriegsgefahr und alte Verwandtschaft verbunden war, sich mit diesem Namen bezeichnete, der eben ihre Zusammengehörigkeit, ihre Zusammenfassung bezeichnete: »die All-Männer, Gesamt-Männer, Bundes-Männer«.

Ganz ähnlich gebildet ist »Ala-mannida«, die Allmende: d. h. das Land das allen Männern, der Gesamtheit der Märker, zur Nutzung gehört, im Gegensatz zum Sondereigen. D.)

Obwohl die Namen der Völker in der Regel gewiß nicht selbst gewählt, sondern von andern denselben beigelegt worden sind (s. v. Wietersheim, z. Vorgesch. d. Nat., S. 87), so ist dies doch von denjenigen, welche gewissermaßen auf künstlichem Weg, d. i. durch Verein von Volksteilen alter Völker zu einem neuen Gesamtvolke entstanden sind, kaum anzunehmen.

Diese beruhten auf absichtlicher Einigung und mit eben dieser wird zugleich dem Bedürfnis der Unterscheidung der neuen Gemeinheit von den ältern durch Annahme eines besondern Eigennamens genügt worden sein, möge dies nun durch ausdrücklichen Volksschluß oder allmählich durch Gewohnheit geschehen sein.

(Übrigens hat sich in diesen Staatenbündnissen zum Teil nur der zentripetale Zug oder der Zug nach Vergrößerung des Raums und der Angehörigenzahl des Staats fortgesetzt und gesteigert, welcher überhaupt den germanischen Staat von der Sippe zur Gemeinde, von der Gemeinde zum Gau, vom Gau zur Völkerschaft, von der Völkerschaft zur Gruppe, zum Staatenbund von Völkerschaften geführt hatte. Bei den Franken können wir, Dank Gregor von Tours, im hellen Licht der Geschichte zusehen, wie ein fränkischer Gaukönig die andern Gaukönige beider Mittelgruppen, der salischen und der ripuarischen, hiermit die beiden Völkergruppen (als selbständige) beseitigt und sich zum König des ganzen Frankenstammes macht. Bei Sachsen und Friesen wissen wir ebenso bestimmt, daß hier der Stamm, der Staatenbund, zu einer Einheit sich nicht zusammenfaßte: was wesentlich eine Folge davon war, daß hier die alte republikanische Verfassung erhalten blieb, kein Königtum aufkam: hier nahm die gleichwohl nicht fehlende zentripetale Bewegung den Verlauf, daß die alten Staaten, d. h. die Gaue mehr zur Bedeutung von großen Gemeinden herabsanken und das Staatliche statt in dem fehlenden König in der »Landesversammlung« der sächsischen und friesischen Gaue hervortrat.

Wo wir aber die Zusammenfassung der Völkerschaften solcher Gruppen unter monarchischer Spitze finden, da werden wir annehmen dürfen, daß sie sich auf gleichen oder doch sehr ähnlichen Wegen vollzogen habe, wie in dem Fall, dessen Werdegang wir verfolgen können, wie bei den Franken.

Hermunduren und Markomannen waren Mittelgruppen des herminonischen Zweiges, des suebischen alten Bundes: viele Gaue, vielleicht viele Völkerschaften umfaßten sie.

Sehen wir nun im sechsten Jahrhundert einen König der Thüringe herrschen, mit dessen Ermordung der ganze Stamm den Franken unterworfen wird, so werden wir vermuten dürfen, daß ein hermundurischer Gaukönig sich zum König seiner Völkerschaft und sein Geschlecht sich allmählich durch Gewalt oder Vertrag zum Königshaus für alle hermundurischen Gaue und Völkerschaften gemacht hatte, während gleichzeitig der Name »Hermunduren« durch den neueren »Thüringe« verdrängt wurde. Sehen wir etwa ein Menschenalter später einen dux der Bajuvaren herrschen (fünf Geschlechter ihm sehr nahe stehen), mit dessen Unterwerfung der ganze Stamm den Franken unterworfen wird, werden wir vermuten dürfen, daß ein markomannischer Gaukönig sich zum König seiner Völkerschaft und sein Geschlecht sich allmählich durch Gewalt oder Vertrag zum königlichen für alle markomannischen Gaue und Völkerschaften gemacht hatte – (jene fünf Geschlechter sind vielleicht durch vertragsmäßige Unterwerfung vor Ausrottung geschützte alte gaukönigliche gewesen), während der Name »Markomannen« durch den neueren »Bajuvaren« verdrängt wurde. Das ist ebensowohl möglich in dem Fall, daß das agilolfingische Geschlecht ein alt-bajuvarisches war, das erst nach seiner Erwerbung des Stammkönigtums von den Franken unterworfen und zum herzoglichen herabgedrückt wurde als in dem Fall, daß dasselbe ein fränkisches, von den Franken bei Unterwerfung des Stammes und der fünf Gaukönige eingesetztes war.

Auch bei den Alemannen hat sich offenbar die gleiche Entwicklung vollzogen: zur Zeit Julians c. 360 mehr als sieben Völkerschafts- und Gaukönige nebeneinander: zur Zeit Chlodovechs ein König der Alemannen, nach dessen Tod der Stamm sich unterwirft. Dabei ist übrigens möglich, daß der bei Tolpiacum Erschlagene doch nicht alle alemannischen Gaue beherrscht hatte – vielleicht nicht die später durch Theoderich in Rätien angesiedelten und geschützten: jedenfalls aber die allermeisten, alle den Franken nächst gelegenen.

Nicht um Nordisches und Angelsächsisches mit Südgermanischem und Westgermanischem zu konfundieren, nur der Analogie willen sei verstattet zu erinnern, daß ganz ebenso bei den Angelsachsen die Heptarchie durch einen der sieben Könige in Monarchie verwandelt wird, daß in Norwegen König Harald Harfagr an Stelle der zahlreichen Gaukönige sein Volkskönigtum aufgerichtet hat.Die erste Ausgabe ließ diese neuen Gruppen sämtlich als sogenannte »Kriegsvölker« aus bloßen Gefolgschaften entstehen. D.)

Nach dieser Abschweifung zur Hauptsache zurückkehrend, nehmen wir an, daß diejenigen neuen Völker, welche jetzt gegen Rom in der Geschichte auftraten, im Wesentlichen insgesamt aus zusammengeschlossenen alten Völkerschaften hervorgegangen sind. Ward dies bezüglich der Alemannen vorstehend erwiesen, so wird dasselbe auch für die Franken, auf die wir weiter unten kommen werden, vorauszusetzen sein.

Man hat also bei all diesen nicht an eine lediglich durch Gleichheit des Zwecks zusammengelaufene ungeordnete Mehrheit von Gefolgsherren, Gefolgen, Bandenchefs und Abenteurern zu denken: (vielmehr lag alte Verwandtschaft, freilich auch wohl neue Nachbarschaft zu Grunde. D.).(Lächerlich ist die Ableitung von der »Ale« als Nationalwaffe! Die Franziska hat von den Franken den Namen erhalten, nicht die Franken von der Waffe. D.) Die langen Messer der »Sachsen« kommen unter diesem Namen zuerst in den britischen Chronisten Gilda und Nennius um die Hälfte des fünften Jahrhunderts vor. S. Lappenberg, G. v. England, S. 67 und 68.

In neuerer Zeit finden sich zwar viele Beispiele von Übertragung fremdländischer Namen für militärische und sonstige Kleidungsstücke in andere Sprachen, z. B. Dollmann, Tzako, Tzapka, Burnus; für Herleitung solcher Namen von den Staaten und Orten (die jetzt an die Stelle der Völker getreten sind) des Ursprungs aber würden nur etwa Brandenburgs (Uniformverzierung) und die Waffe Bajonett zu erwähnen sein.

Die nun verbundenen Völkerschaften und Gaue traten aus dem Gau- und Völkerschaftsverbande, dem sie angehörten, nicht heraus, (sondern als fortbestehende kleinere Einheiten nur in den größeren Verband ein: wie die vierunddreißig Staaten des deutschen Bundes durch den Eintritt in diesen Bund und Namen nicht aufgehört hatten, Staaten zu sein. Erst spät ward der lockere Staatenbund der Alemannen usw. zum Einheitsstaat. D.).

Aus welchen Völkerschaften speziell aber die jetzt Zusammengeschlossenen bestanden, läßt sich mit Sicherheit nicht vollständig bestimmen.

Daß auch Chatten unter den Alemannen waren, ist kaum zu bezweifeln.

Wie hätten die Gaue dieses kriegerischen Grenzvolkes, das in der Zeit römischer Kraftfülle so häufig in das Zehntland einbrach, sich eben jetzt, da sich das Verhältnis gerade umzukehren begann, von dem erobernden Angriff auf die blühende Provinz ausschließen sollen?

Dasselbe ist wohl von den Mattiakern, die chattischen Stammes waren und sich ersteren schon bei der Belagerung von Mainz angeschlossen hatten, vorauszusetzen.

Daß sich besonders Usipier und Tenchterer unter den Alemannen befanden, ist nicht zu bezweifeln. Man sieht sie wohl mit Recht (Zeuß, S. 305) als eine Grundlage des alemannischen Vereins an, was durch das gänzliche Verschwinden ihrer Namen in der Geschichte unterstützt wird.

Die oben erwähnten wundervoll zu Roß Kämpfenden (mirifice ex equo pugnantes) des Aurelius Victor. 21 waren wohl gerade Tenchterer, deren besondere Tüchtigkeit im Reitergefecht schon Cäsars Zeit erprobt sah.

Wenn man (Zeuß, a. a. O.) aus der Stelle in Nazarius (Panegyr. Const. d. Gr. 18), wo nach Aufzählung mehrerer germanischer Völker zuerst die mutmaßlich zu den Franken Gehörigen und zuletzt Alemanni, Tubantes, genannt werden, folgert, daß wahrscheinlich auch die Tubanten unter die Alemannen geflossen seien, so mag auch dies für dieses Volk ganz richtig sein. (Von dem Gesamtvolk der Tubanten aber ist, nach dessen Sitz an der Vecht in Holland, vielmehr deren späteres Aufgehen unter den Franken (? D.) anzunehmen, worauf weiter unten bei Erörterung obiger Stelle zurückzukommen sein wird.)

Daß die Alemannen fast ausschließlich Sueben waren, ist zweifellos.

Wir schließen dieses Kapitel mit einem Überblick der Kriegsereignisse unter Caracalla (die freilich fast nur auf Vermutungen beruhen. D.).

Der Angriff mag von Nord und Nordosten vielleicht in zwei Kolonnen erfolgt sein, der Limes etwa im Odenwalde zwischen Main (Miltenberg) und Jaxt und zugleich etwas südlicher überschritten und mit Eroberung schwächerer Befestigungswerke verknüpft gewesen sein. Der rasche von allen früheren Fällen so wesentlich verschiedene Erfolg dürfte durch Einverständnis mit im Zehntlande bereits angesiedelten Germanen, die sich den Alemannen anschlossen, gesichert worden sein. Das Hauptheer rückte nun wahrscheinlich ins Hessenland vor, wo sich die Chatten anschlossen, indem wir Annäherung beider Völker daher vermuten, daß Dio (a. a. O.) die Alemannen unmittelbar mit letzteren in Verbindung setzt.

Nach Dios Worten (c. 13): »Indem die Chatten Caracalla den Namen des Sieges für vieles Geld verkauften, gestatteten sie ihm, sich nach »Germania zu retten« (ες τὴν Γερμανίαν αποδωθη̃ναι), muß man schließen, derselbe habe sich auf der weiterhin völlig gesicherten Straße zu seinen Truppen auf dem linken Rheinufer in der Germania prima zurückgezogen, weil er nur da in voller Sicherheit war. Denkbar ist aber freilich auch, daß er, da man die unmittelbare Fortsetzung des Kriegs bis zur Schlacht am Main vorauszusetzen hat, schon von Vindonissa aus den Rhein bei Tenedo (Thiengen) überschritt und von da auf der frühern Militärstraße über JuliomagusSollte dies nicht von den Juliern, vielleicht sogar schon von Drusus, als er im Jahre 15 oder 14 vom Bodensee herzog, gegründet worden sein? Die oben angeführten Namen der heutigen Städte sind übrigens nicht völlig gesichert. (Stühlingen), Brigobanne (Bräunlingen-Hülingen) nach Arae Flaviae (Rothweil) und Samulocene (Rothenburg), von da aber weiter im Neckartal herabzog.

Daß übrigens die Alemannen zuletzt, vielleicht durch neuen Zuzug aus der Heimat verstärkt, absichtlich Stand hielten, ist nicht zu bezweifeln, da die Germanen von den Römern außerdem sicherlich nicht einzuholen gewesen wären.

Der Sieg mag keineswegs ein entscheidender gewesen, muß aber doch für jetzt die Vertreibung der Alemannen mindestens aus dem westlichen Zehntland zur Folge gehabt haben. Dies beweisen nämlich die von Caracalla gesetzten Meilenzeiger, von denen sich auf dem rechten Ufer des Oberrheins noch zwei aus dem Jahre 213 gefunden haben (Stälin S. 35, 36 u. 97), seine Fürsorge für die Wasserstadt Baden, die unter ihm wahrscheinlich den Beinamen Aurelia annahm (s. Stälin S. 67) und mehr noch die von ihm nach Dio (c. 13) an allen geeigneten Orten angelegten Festungen und Kastelle, was doch alles sicherlich erst nachNach dem Wortlaut Xiphilins könnte letzteres vielleicht zweifelhaft erscheinen: sowohl die Natur der Sache aber als das weitere Anführen, daß die Barbaren sich über die den Kastellen von ihm beigelegten Namen lustig gemacht hätten, sprechen entschieden für deren spätere Anlegung. Beendigung der Feindseligkeiten geschehen ist. Letzteres aber führt uns auf die Vermutung, daß es vor allem die nach den vorgefundenen Spuren mit so besonderer Sorgfalt geschützte Neckarlinie war, welche Caracalla damals möglichst zu befestigen suchte, was wiederum den Schluß begründen könnte, daß die vollständige Vertreibung der Alemannen auch aus dem jenseits des Neckars gelegenen Zehntlande, sowie die gründliche Züchtigung und Wiederunterwerfung der rebellischen Untertanen daselbst ihm nicht gelungen sei, wie dies auch dessen Charakter, der mehr auf Schein als Wesen kriegerischer Leistung gerichtet war, vollkommen entsprechen dürfte.

Erst nach völlig hergestellter Waffenruhe, als er vielleicht in Mainz sein Hauptquartier hatte, dürften sich auch die von Dio (c. 15) erwähnten Gesandtschaften selbst der entferntesten germanischen Völker bei ihm eingefunden haben, von denen die ersten unter der Form des Bündnisses (φιλίαν αιτου̃ντες) Geld empfingen; worauf viele andere, als sie dies vernommen, mit Krieg drohend nachfolgten, mit denen er sich insgesamt, fast wider deren Willen, vereinigte, indem sie dem Glanze des Goldes nicht widerstehen konnten, zumal er ihnen echtes zahlte, während die Römer nur verfälschtes von ihm empfingen.

Beweist diese wichtige Stelle Caracallas Jämmerlichkeit, so ergibt nicht minder die fast gleichzeitige, mit Kriegsdrohung begleitete Absendung so vieler Gesandtschaften selbst der entferntesten Stämme einen Umschwung bei den Germanen, ein gemeinsames Vorgehen, da die ganze frühere Geschichte einen Vorgang dieser Art nicht kennt. (Dies erklärt sich aus dem Zusammenschluß der Gaue zu Völkerschaften, der Völkerschaften zu Bundesvölkern und aus der jetzt größeren Häufigkeit königlicher Leitung der äußeren Politik. D.) Solche Wandlungen im Völkerleben lassen sich freilich nicht chronologisch feststellen: es war aber der Beginn derjenigen Zeit, als deren Wendepunkt der Markomannenkrieg zu betrachten ist – der Zeit nämlich, da die Germanen der Hammer, Rom der Amboß wurde. (Innere Gründe also, Verfassungsveränderungen als Folgen der Übervölkerung und der hierdurch herbeigeführten Völkerausbreitung haben auch diese Erscheinung der beginnenden sogenannten »Völkerwanderung« herbeigeführt. D.)

Die weiteren Schicksale der Alemannen des Zehntlandes gehören nicht hierher: doch ist des Zusammenhangs halber hier schon zu bemerken, daß der friedliche Zustand des letzteren im Wesentlichen von 213 bis zu Anfang der dreißiger Jahre, also gegen zwanzig Jahre, fortgedauert haben muß, wie wir aus den unter Heliogabals und Severus Alexanders Regierung gesetzten Meilensteinen sehen (s. Stälin S. 33, 34, 36 u. 97). Da diese aber insgesamt in der Umgegend von Baden-Baden gefunden worden sind, während die des Septimius Severus der östlichen Linie des Grenzwalls und Isny im Osten des Bodensees angehören, so wird dadurch obige Vermutung, daß nur das westliche ZehntlandÜber den Limes in Württemberg jetzt besonders E. Herzog in den würt. Jahrbüchern für Statistik und Landeskunde 1880. II, 1, S. 81–123. wiederum in gesicherten römischen Besitz gelangt sei, mehr bestärkt als widerlegt.

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