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Geschichte der Völkerwanderung

Felix Dahn: Geschichte der Völkerwanderung - Kapitel 17
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Völkerwanderung
authorFelix Dahn
firstpub1880
year1997
publisherPhaidon Verlag
addressEssen
isbn3-88851-198-4
titleGeschichte der Völkerwanderung
created20051128
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Drittes Kapitel
Die nächsten Nachfolger Marc Aurels und die Germanen

Von Marc Aurels Sohn und Nachfolger, Commodus, besitzen wir drei Biographien: die des Lampridius in der Hist. Aug., ein noch geringeres Machwerk als das Capitolins, wenigstens in dessen ersten fünfzehn Kapiteln, über M. Aurel.

Cassius Dio, der Zeitgenosse, begann (nach LXXII, c. 23) sein Geschichtswerk mit dem Leben des Commodus und ließ sich erst durch den Beifall, den dies fand, zu seinem ganzen großen Unternehmen bewegen. Bessere Wissenschaft als er konnte niemand haben. Ob aber der in die Zeitereignisse persönlich verflochtene Senator, der die eiserne Rute, ja das Henkerbeil über seinem Haupte selbst gefühlt, ganz ohne Haß, daher überall parteilos, geschrieben, ist eine andere Frage. Höchst mangelhaft ist jedenfalls Xiphilins Auszug: umständlich in Nebendingen, unvollständig in den Hauptsachen, strenge chronologische Ordnung, besonders aber psychologische Entwicklung nicht einmal anstrebend. Gerade durch dies alles nun zeichnet sich, in reinem Gegensatze zu Xiphilin, Herodian aus, dessen in einem Guß geschriebenes erstes Buch uns als würdiges Geschichtswerk, vom Stoff abgesehen, wohltuend entgegentritt. Nur redet er überall, selbst von dem, wobei Gewißheit nicht möglich war, zu positiv, spezialisiert Commodus' zahllose Untaten gar nicht und gibt, seinem Plane gemäß, nur Lebens-, nirgends Reichsgeschichte.

Gleichwohl können wir nur diesem und teilweise Dio folgen, dessen unzweifelhaft echte erste Worte bei Xiphilin (LXXII, c. 1) also lauten:

»Commodus war nicht bösartig geboren, sondern wie irgendein anderer gutartig (άκακος). In Folge großer moralischer und geistiger Schwäche und überdies Furchtsamkeit unterwarf er sich aber ganz seinen Umgebungen und ward von diesen, zuerst aus Unkenntnis des Besseren fehlend, zur Gewohnheit und dadurch endlich zu einem arg schwelgerischen und blutbefleckten (μιαιφόνον) Wesen getrieben.«

Diese Schilderung wird von Herodian vollkommen bestätigt, so daß darüber kein Zweifel möglich ist.

Besser als im unmittelbaren Umkreis des Tyrannen scheint es um die Verwaltung der Provinzen, namentlich der von Feinden bedrohten, und um den Heerbefehl gestanden zu haben. Die Donaugrenze ward nur in den ersten Jahren 182 und 184In Xiphilins, teilweise wenigstens, ziemlich chronologischem Auszuge wird der dakische Krieg in Verbindung mit dem britannischen, der nach Eckhel, p. 111, in das Jahr 184 fällt, jedoch vor diesem erwähnt. Nicht unmöglich, daß er noch mit dem markomannischen und den Friedensschlüssen des Jahres 181 in einigem Zusammenhang gestanden habe. Übrigens scheint sich das von den Historikern so arg geschmähte Friedenswerk des Commodus, weil von späterer Störung nichts berichtet wird, im Wesentlichen doch bewährt und bessere Frucht gebracht zu haben, als ein ins Unendliche fortgesetzter Vertilgungskrieg, dessen Zweck doch nie vollständig zu erreichen gewesen wäre. Schauplatz von Kämpfen, worin sich Albinus und Niger, die späteren Thronbewerber, gegen die Barbaren jenseits Dakiens großen Ruhm erwarben (Dio c. 8), was durch des Lampridius Nachricht (c. 13), nach welcher in Dakien selbst ein Aufstand ausgebrochen zu sein scheint, bestätigt wird. Nach Capitolin (Clod. Alb. c. 6) scheint es jedoch, daß der von Dio nur der Kürze halber in einer Phrase mit erwähnte Albinus jene Lorbeeren nicht an der Donau, sondern als Legat von Gallien am Rhein erfochten habe, da er die »Überrheinischen«, die unzweifelhaft in Gallien eingefallen waren, zurückgeschlagen habe. Viel wichtiger waren die Kriege in Britannien (nach 184) und in Afrika, welcher letztere (nach Eckhel p. 120 u. 123) in die Jahre 187 bis 190 gefallen sein muß. Überall aber triumphierten, unter tüchtigen Feldherren, Roms Waffen.

Sein Nachfolger ward Pertinax, Schüler und Feldherr Marc Aurels. Da er streng gegen die zügellosen Prätorianer vorging, drangen am 26. März 193 zweihundert der wildesten dieser Garden in den Palast ein. Sowohl Widerstand als Flucht waren noch möglich: beides aber verschmähte er, vertrauend, durch die Majestät seiner Person und Gewalt der Rede die Aufrührer zu bändigen. Schon wichen sie beschämt zurück, als deren einer, nach Capitolin c. 11 ein Germane, der Tungre Tausius, Wort und Waffe gegen Pertinax erhebend, denselben niederstieß.

Volk und Senat jammerten: aber die Wehrlosen hatten nur den Willen, nicht die Macht zur Rache. Jetzt ließen die Prätorianer das Kaisertum durch die stärksten Schreier von der Mauer ihres befestigten Lagers, des Prätoriums, herab feilbieten. Sulpicianus, des Pertinax Schwiegervater, und Didius Julianus, ein übermäßig reicher Schwelger, feilschten darum.

Das Meistgebot des letztern, 25000 Sesterze (= 4125 Mark) für jeden einzelnen, und die Furcht vor des erstern Verwandtschaft mit Pertinax entschieden für Didius Julianus.

Der Senat huldigte der Gewalt, wie gewöhnlich: das Volk aber empfing ihn, als er sich öffentlich zeigte, mit Verwünschungen, Flüchen, ja Steinwürfen, und rief schon in den ersten Tagen im Zirkus den Legaten von Syrien, Pescennius Niger, als Retter und künftigen Herrscher zu Hilfe.

Drei Sterne standen, wie Dio (LXXIII, 14) sagt, um die Sonne Roms: Pescennius Niger in Syrien, Septimius Severus in Pannonien und Clodius Albinus in Britannien. Von diesen behauptete Septimius Severus den Thron.

Aber das Glück des Kaisers ward durch das Unglück des Vaters getrübt, da er seine schlechtgearteten Söhne, Antonin und Geta, mit glühendem Haß gegeneinander erfüllt sah. Teils um diese von Rom zu entfernen, teils um noch im hohen Norden späten Ruhm zu gewinnen, zog er im Jahre 208 nach Britannien, in das die Caledonier räuberisch eingefallen waren. Mit großem Menschenverluste durch den kleinen Krieg in Wäldern und Sümpfen bezwang er diese zwar im Wesentlichen, verstärkte und befestigte auch den Grenzwall (wahrscheinlich den südlichen Hadrians, nicht den nördlichen des Anton. Pius S. Lappenberg, G. v. E. I, S. 41), hauchte aber zu York am 4. Februar sein tatenreiches Leben aus.

Unheilvoll ward Severs sonst kräftige Regierung durch die Begünstigung und Nachsicht, welche er dem Werkzeug seiner Erhebung, dem Heere, namentlich den durch ihn aus einer Elite aller Legionen neugebildeten Prätorianern bewies (s. Herod. III, 8).

Dadurch ward der Grund zu jener verderblichen Periode der späteren Soldatenkaiser gelegt. Auch ward das seit Vespasian aus dreißig Legionen bestehende Linienheer von ihm durch drei Legionen, unter dem Namen der ersten, zweiten und dritten parthischen, verstärkt.

Severus hinterließ das Reich seinen schon genannten Söhnen Antonin und Geta. Der älteste derselben, der ursprünglich nach seinem mütterlichen Großvater Bassianus hieß, empfing durch seinen Vater nach der Thronbesteigung, um ihn dem Volke zu empfehlen, und zur Tugend anzuspornen, die Ehrennamen Marcus Aurelius Antoninus. Aber die Nachwelt hat ihn fast nur mit einem seiner Spitznamen »Caracalla« bezeichnet, welcher ihm von einem bei der Armee und im Volk durch ihn eingeführten, langen talarartigen Gewande beigelegt ward.

Caracalla hatte schon seinem Vater kurz vor dessen Tode nachgestellt (Dio LXXVII, 14 und Herodian III, 15) jetzt war Tötung des Bruders und Mitherrschers Geta sein nächstes Streben. Er ließ ihn in den Armen der Mutter niederstoßen, die mit Blut bespritzt und selbst verwundet ward.

Sogleich in das Prätorium entfliehend stellt er den Brudermord als eine Notwehr dar, und versöhnt die Prätorianer durch ein Schweigegeld von 1650 Mark für den Kopf.

Alle Anhänger oder Diener Getas, 20 000 an der Zahl, Männer und Weiber mußten sterben (Dio LXXVII, 4 u. Herodian IV, 6). Bald aber, anscheinend noch in demselben Jahre 212, trieb ihn das böse Gewissen, die Stadt und in dieser die stummen Zeugen seiner Schandtat zu fliehen. Er ging zum Heere, um Soldatengunst buhlend, indem er diesen einerseits alles gestattete und an sie alles vergeudete, andererseits mit dem gemeinen Manne lebte, arbeitete und aß, jegliche Beschwerde und Entsagung desselben willig teilend. Das machte die Truppen ihm ergeben, deren Wohlwollen sein Genuß, deren rohe Umgebung ihm behaglich war.

Deshalb brachte er auch den ganzen Rest seines Lebens bei diesen zu und sah Rom, außer etwa bei kurzen Durchflügen (Eckhel p. 212 glaubt namentlich zu Anfang des Jahres 214), nicht wieder. Über seine Heerzüge im Westen schweigt Herodian, der ihn (IV, 7) sogleich an die Ufer der Donau gehen läßt, leider ganz, und Xiphilins Auszug ist durchaus verworren und unchronologisch.

Da jedoch (nach Spartian c. 5 in Verbindung mit Dio und Aur. Victor, s. weiter unten) feststeht, daß Caracalla im Jahre 212 oder Anfang 213 nach Gallien und Germanien zog, was auch durch dessen Münzen (s. Eckhel VII, p. 210 und 211) außer Zweifel gesetzt wird, so muß derselbe, da Herodians Angabe nicht zu bezweifeln ist, zunächst, unstreitig über Aquileja durch Noricum, an die Donau und von hier auf der Militärstraße nach Gallien gezogen sein.

Diese führte nach dem Itinerarium AntoninsDies ward unzweifelhaft zu Caracallas Zeit, wahrscheinlich auf dessen Befehl, verfaßt, ist jedoch bei späteren Abschriften, unter Berücksichtigung eingetretener Veränderungen, abgeändert und vermehrt worden. Die besten uns erhaltenen Handschriften desselben sind aus der Zeit Diokletians 285–305. S. Itiner. Ant. ed Parthei und Pinder, Berl. 1848. Vorr. S. VI und VII. Daß früher auch noch nördlichere Straßenzüge bestanden, welche sowohl von Reginum (Regensburg) als von Augsburg ab nördlich der Donau zwischen dieser und dem Limes hinliefen, sich bei Grinario vereinigten, und von da über Samolucene und Arae Flaviae nach Vindonissa auf die Südstraße führten, ist nicht zu bezweifeln. (Vergl. Stälin und die v. Sprunersche Karte der Germ. Magna.) Es ist jedoch anzunehmen, daß diese, weil im Itinerar Antonins nicht erwähnt, damals nicht mehr bestand. Unter allen Umständen hätte Caracalla sie damals nicht wählen können, weil sie, wo nicht bereits ganz in den Händen der Alemannen, doch wesentlich von diesen bedroht und (nach Vindonissa besonders) die weit längere war, welcher Ort doch, um nach Straßburg und Mainz zu gelangen, passiert werden mußte.

Durch die nach Mannerts gründlicher Untersuchung (s. die Ausg. der Münchener Akad. d. Wissensch. v. 1824, S. 14) unter Severus Alexander verfaßte Peutingersche Tafel steht ebenfalls fest, daß es keine andere Militärstraße nach dem linken Rheinufer gab, als über Vindonissa. Doch findet sich auf dieser die eben erwähnte Nordstraße von Reginum nach Vindonissa noch angegeben, die daher in der späteren Ausgabe des Itinerars, als nicht mehr zu benutzen, weggelassen worden sein muß.

Mühlenhoff über die Weltkarte und Choreographie des K. Augustus, Kiel 1856, S. 4 und 5 nimmt an, die Peutingersche Tafel sei erst nach 271, jedoch auch nicht viel später, verfaßt. Indes haben uns dessen Gründe, welche im Wesentlichen darauf beruhen, daß gewisse Namen, die sich auf ihr finden, erst später in der Geschichte vorkommen, nicht überzeugt: denn wer kann behaupten, daß ein Volksname erst um die Zeit entstanden sei, wo er in unsern dürftigen Quellen über das dritte Jahrhundert zum ersten Male erwähnt wird? Unter allen Umständen würde aber unsere Behauptung, daß Caracalla damals nur auf der angegebenen Südstraße nach Gallien marschieren konnte, dadurch auf keine Weise entkräftet werden.

von Augsburg über Kempten (Campodunum) nach Bregenz und von da auf der Südseite des Bodensees über Windisch (Vindonissa) und Augst (Augusta Rauracorum) nach Straßburg (Argentoratum).

Wenn nun in Dio (LXXVII, 14) zunächst des Zusammenstoßes mit den Kennen (Cenni), einem keltischen Volke, gedacht wird, welche nach Xiphilins freilich etwas unklarem Auszuge mit so beispielloser Erbitterung gegen Caracalla fochten, daß er Schein und Namen des Sieges wie den freien Rückzug nach Germanien um Geld von ihnen habe erkaufen müssen, so scheint dieser in der alten Geschichte und Geographie sonst völlig unbekannte Name ein unlösliches Problem zu bieten. Nun findet sich aber in den von Peyresius herausgegebenen Fragmenten des Dio »Chatten«, statt »Kennen« (und man wird daher in den erbitterten Kämpfern die neben den Alemannen wohnenden Chatten erblicken dürfen. D.)Die erste Ausgabe hielt an den Kennen als einem keltischen Bergvolk bei St. Gallen fest und nahm daher eine andere Route der römischen Bewegungen an. (D.)

Caracalla marschierte wohl von der Donau her, also durch Rätien, nach Gallien und Germanien und stieß bei diesem Marsch auf die Alemannen und Chatten. Denn waren diese Feinde damals bereits in das Zehntland, sei es in dessen zu Gallien (Germania prima) oder Rätien gehörigen Teil, eingedrungen, so erforderte schon die militärische Vorsicht, für diesen Marsch die sicherste Straße zu wählen, welches unzweifelhaft die über Kempten und Vindonissa war.

Gleichzeitig nämlich und auch nachher noch erwähnt derselbe Schriftsteller, wiewohl unter dem auf verderbter Lesart beruhendem Namen: »Alambanen« die Alemannen, welches Volk hiernach im Jahre 213 zuerst auf dem Plane erscheint, wobei die Nachricht, daß Caracalla an allen hierzu geeigneten Stellen Kastelle, denen er zum Teil von sich abgeleitete Namen gabDas Ignorieren und Verspotten dieser Namen durch die Eingeborenen rief eine der häufigen Anwandlungen von Rach- und Morddurst Caracallas hervor, indem er deren unter friedlichem Vorwande versammelte Jugend verräterisch umzingeln und niederhauen ließ (Dio LXXVII, 13). So überwog der Haß des Moments seine sonstige Vorliebe für die Germanen, aus denen er seine Leibwache, unter dem Namen der »Löwen« bildete, deren Häupter er sogar aufgefordert haben soll, wenn ihm Böses begegne, sogleich in Italien einzufallen und nach Rom vorzudringen. (Dio LXXVIII, 6.), gegen sie anlegte, für spätere Beachtung von Wichtigkeit ist.

Spartian (c. 10) erwähnt nur im Allgemeinen, daß Caracalla, wegen Besiegung der Alemannen, den Beinamen alamannicus angenommen, was durch dessen Münzen jedoch nicht bestätigt wird (s. Eckhel, p. 222), Aurelius Victor aber sagt (c. 21) von ihm:

»Die Alemannen, ein sehr zahlreiches Volk, wunderbar zu Roß fechtend, besiegte er am Mainfluß.«

Diese wichtige Tatsache wird auch durch die (von Eckhel, p. 210, beschriebenen) Siegesmünzen dieses Jahres, auf deren einer der Revers die Victoria Germanica enthält, und durch den auf den Münzen d. J. zuerst erscheinenden Beinamen Germanicus außer allen Zweifel gesetzt.

Xiphilin erwähnt hierbei noch den Heldenmut der gefangenen chattischen und alemannischen Frauen, welche, jenen kimbrischen gleich, den Tod der Sklaverei vorzogen und zum Teil ihre eigenen Kinder töteten, so wie der während Caracallas Verweilen in dortiger Gegend an ihn gelangten Gesandtschaften vieler, selbst an der Nordsee und Elbmündung sitzenden germanischen Völker, welche ihre Freundschaft für Geld angeboten hätten. Als er hierauf eingegangen, hätten sich noch zahlreiche (συχνοί) andere ihm genähert, die alle mit Krieg gedroht, alle aber durch Gold abgefunden worden seien – eine Nachricht von großer Wichtigkeit, deren nähere Würdigung wir uns für eine spätere Stelle vorbehalten.

Vom Rhein wandte sich Caracalla entweder noch im Jahre 213 oder Anfang 214 wieder zur Donau und zog durch Dakien nach Thrakien, wo er in der Nähe Makedoniens den ersten Akt seiner Alexander-Komödie aufführte, die er von da an mit kindischer Narrheit fortspielte, wobei er unter anderm die alte makedonische Phalanx in Tracht und Bewaffnung jenes Jahrhunderts wieder herstellte. Von da zog er, wie es nach Herodian (IV, 8) scheint, nach Hellas herab, von wo er nach Pergamus in Kleinasien übersetzte, zunächst Trojas Ruinen aufsuchend, dann durch Bithynien nach Nikomedien, wo er den Winter 214 bis 215 verbrachte, und endlich nach Antiochien, wogegen (Dio LXXVII, 16) denselben sogleich aus Thrakien über den nicht ohne Gefahr passierten Hellespont nach Troja übergehen läßt.Die kritische Erörterung beider Stellen und der Versuch, sie zu vereinigen, würde müßig sein, da der Anfangs- und Endpunkt des Zuges aus Europa nach Asien, Thrakien und Troja und die Überfahrt zur See bei beiden Schriftstellern feststehen.

Auf diesem Marsch nun war es, wo Caracalla, nach der schon angeführten Stelle Spartians (Carrac. c. 10) auf GotenAus Spartians Worten a. a. O. quos ille, cum ad Orientem transit, devicerat folgern zu wollen, daß Caracalla die Goten etwa zur See getroffen habe, würde ganz irrig sein, da man damals unter Orient nicht die nahe kleinasiatische Küste, sondern Syrien mit den angrenzenden Ländern verstand. stieß und diese in zufälligen Scharmützeln besiegte, so daß auch dies Volk, das gewaltigste aller Germanen, unter ihm zuerst in der Geschichte (d. h. in diesen Gegenden D.) genannt wird. Diese Begegnung könnte stattgefunden haben 1) in Europa und zwar in Thrakien auf der über Philippopel und Adrianopel nach Byzanz führenden Militärstraße (der jetzt noch allein benutzten); 2) in Kleinasien, und zwar a) zwischen Troja und Nikomedien, b) zwischen Nikomedien und Ankyra in Galatien, von wo die Straße nach Syrien scharf südlich abbiegt.

Wir waren anfangs überzeugt, daß die meiste Wahrscheinlichkeit für die Gegend unter 2 a) spreche, weil, um nach Thrakien zu gelangen, die sorgfältig bewachte Donau und der Hämus zu passieren waren, während die von Truppen fast entblößteNach der früheren Dislokation standen nur in dem weit südlicheren Kappadokien zwei Legionen gegen Armenien, während die Nordküste, besonders die westliche, von keinem Feinde bedroht war. Desto entschiedener waren seit dem markomannischen Krieg die Donaugegenden gefährdet und deshalb stark besetzt. Nordküste Kleinasiens von der Krim aus so leicht zu erreichen war. Nach Zosimus' ausführlichem Bericht über die gotischen Raubfahrten in Kleinasien unter Gallienus (s. weiter unten) dürfen wir jedoch diese Ansicht mit einiger Sicherheit nicht mehr festhalten. Wenngleich aber Zosimus (I, 31) anführt, daß der Zug durch die Krim den Goten in früherer Zeit verwehrt und erst um die damalige (256) möglich geworden sei, so schließt dies doch immer nicht aus, daß es einer einzelnen kühnen Raubschar auch früher ausnahmsweise schon gelungen sein könne, auf diesem Wege nach Asien überzusetzen.

Man könnte sogar annehmen, eben jener Vorgang im Jahre 215 habe Rom veranlaßt, die bosporanischen Fürsten durch Geldzahlung dahin zu bringen, daß sie den Goten den Weg durch die Krim nach Kleinasien versperrten.

Indes bleibt dies alles Konjectur, die Wahrheit ist nicht zu ermitteln.

Unter allen Umständen wird durch jene Berührung Caracallas mit den Goten erwiesen, daß letztere schon längere Zeit zuvor am Pontus angelangt sein mußten, da ein Vordringen derselben von der Mäotis bis über Donau und Hämus oder gar durch die Krim nach Asien nicht das Werk einiger Jahre nur gewesen sein kann. Unsere bereits S. 150 [?] entwickelte Ansicht über die Art und Weise, sowie über die Zeit der Niederlassung der Goten in ihrer neuen Heimat erhält also auch hierdurch wiederum Bestätigung

Bald darauf, am 8. April 217, ward er ermordet. Der Mörder, ein von Caracalla schwer beleidigter Centurio, ward von einem germanischen oder skythischen Reiter aus dessen Leibwache (vielleicht einem Goten) auf der Flucht getötet.

In der innern Verwaltung zeichnete sich der Tyrann neben der formlosesten Brandschatzung der Vornehmen vor allem durch Einführung neuer und Erhöhung der alten indirekten Steuern aus, indem er die Erbschaftssteuer der römischen Bürger sowie die Sklaven-Freilassungssteuer von 5 auf 10 Proc. steigerte, und bei ersterer zugleich die bisherige Befreiung der nächsten Intestaterben aufhob – eine Maßregel, die jedes Privatvermögen im Erbfall dezimierte.Dies wurde jedoch von dessen Nachfolger Macrinus wieder aufgehoben (Dio LXXVIII, 12). Um diese Einnahme zu steigern, erteilte er allen Peregrinen im Reich das römische Bürgerrecht, da diese als solche sonst von der Erbsteuer frei geblieben sein würden, wobei er selbstredend deren bisherige Grund- und Personalsteuer unverändert beibehielt. (Dio a. a. O. c. 9.)

So wurde diese Maßregel, die an sich eine gerechte gewesen sein würde, vor allem ein Akt fiskalischen Druckes. Über deren Umfang und Wirkung wissen wir nichts Näheres, müssen aber mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß sie sich auf Colonen und andere Landbewohner, welche zwar Freiheit der Person, aber nicht des Eigentums besaßen, nicht erstreckte. Jedenfalls hatte dieselbe auch nur die Natur eines Generalprivilegiums für die damals Lebenden, nicht aber die einer gesetzlichen Aufhebung der bisherigen verfassungsmäßigen Klassenunterschiede für alle Zukunft. Daher wurden Ausländer, welche später erst einwanderten, oder Colonen, welche sich später emanzipierten, wiederum Peregrinen und, wenn sie in Städte latinischen Rechts zogen, latinische Bürger.

Über germanische Verhältnisse ist aus Caracallas Regierung noch nachzuholen, daß er nach Dio (LXXVII, 20) die befreundeten Markomannen und Vandalen zu entzweien wußte und den angeklagten König der Quaden, Gajobomarus, töten ließ, wodurch die Fortdauer des ofterwähnten Klientelverhältnisses bestätigt wird.

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