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Geschichte der Völkerwanderung

Felix Dahn: Geschichte der Völkerwanderung - Kapitel 16
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Völkerwanderung
authorFelix Dahn
firstpub1880
year1997
publisherPhaidon Verlag
addressEssen
isbn3-88851-198-4
titleGeschichte der Völkerwanderung
created20051128
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Zweites Kapitel
Die Ankunft der Goten in den Donau-Ländern

Es war unter der Regierung des Kaisers Caracalla um das Jahr 215, als ein neues Volk auf der Weltbühne auftrat – die Goten.

Vorher kaum gekannt schien es, gleich vielen andern, beinahe zu gleichzeitigem Erscheinen und Verschwinden in der Geschichte bestimmt zu sein.

Da plötzlich nach mehr als dreißigjährigem unberühmten Treiben durch Steppen und Wälder, aber auch in römischem Solddienste, tritt es in den Vorderkampf gegen Rom, indem es ein Heer mit seinem Kaiser vernichtet. Abgelenkt von diesem Ziele zwar ward es zunächst, indem ein gotischer Eroberer ein großes Reich vom Pontus gegen Norden hin gründete. Ja das Volk selbst schien vernichtet, als der Hunnensturm, von Chinas Marken heranbrausend, das neue Reich nieder-, und mit allen Ostgermanen auch die Goten, soweit sie nicht bei Rom Rettung fanden, sich unterwarf. Achtzig Jahre lang schwebte nun die Frage: ob Europa germanisch oder hunnisch werden sollte, ja sie schien entschieden, als die gewaltige Gottesgeißel zwanzig Jahre lang über der Menschheit schwang. Nach dem Untergang des Mongolenreichs erhoben sich aus dem Gewirre der Völker sofort auch wieder die Goten, deren westliche, zu den Römern entflohene Brüder dort inzwischen als höchst gefährliche Untertanen die Herren gespielt, einen zweiten Kaiser mit seinem Heere vernichtet, ja Italien und die ewige Roma selbst – die ersten unter den Barbaren – erobert hatten.

Aber nur für das Werk der Zertrümmerung, nicht zugleich für das des Wiederaufbaues (für die Dauer D.) war den Goten die erste Stelle beschieden, indem die Gestaltung der europäischen Zukunft vor allem den Franken zufiel.

(Desto unbestrittener ist der Vorrang der Goten in der Empfänglichkeit für die antike Kultur und in deren früher, eifriger Aneignung D.) Sie zuerst unter allen Germanen nahmen schon im vierten Jahrhundert das Christentum an, von ihnen zuerst ward das Idiom der Urväter zur Schrift- und Bildungssprache erhoben (aus ihrem Blut ging der friedlich große Herrscher hervor, der durch Weisheit und warme Begeisterung für die Antike alle Zeitgenossen weit überragte, der gefeierte von Dietrich von Bern der Heldensage, dessen Werk aber bald wieder untergehen mußte).

Da lebte Volk und Name nur in dem abgetrennten westlichen Zweige fort, einflußloser für Europa, weil in dessen abgeschlossenster Halbinsel.

Die Zeit der ersten Erwähnung der Goten am Pontus in den Quellen ist nicht zugleich die ihrer Ankunft, die viel früher erfolgt sein muß. Begegneten wir nun schon im Markomannenkriege Völkern, welche der großen Familie der Goten im weiteren Sinne angehörten, so ist hier unstreitig der geeignetste Ort, auf diese selbst überzugehen.

Hierbei tritt uns nun aber zuvörderst eine Meinung entgegen, welche durch das große Gewicht ihres Urhebers, J. Grimms, beinahe eine Macht geworden ist, die nämlich:

die germanischen Goten und die thrakischen Geten seien ein und dasselbe Volk gewesen.

(Diese Annahme ist durchaus unbegründet und heute fast ausnahmslos aufgegeben. Siehe den Exkurs im Anhang. D.)

Es sind vielmehr streng zu unterscheiden:

Die seit dem Zug des Darius Hysdaspis nach Thrakien (513 vor Chr.) bis zu Trajans Vernichtung ihres Reiches (106 nach Chr.) bekannten Geten in Thrakien.

Die germanischen Goten an der Ostsee, welche zuerst um das Jahr 215 an der untern Donau genannt werden.

Hiernach stoßen wir auf eine Vorfrage – die nämlich: welchen Glauben des Jordanis Geschichte vom Ursprung und den Taten der Geten (oder Goten) verdiene, – da wir in ihr die einzige Quelle über des Volkes frühere Schicksale besitzen.

Sein Werk ist nach der Zueignung nur ein Auszug aus den 12 Büchern Cassiodors, welche nach dessen eigenen Worten den Titel Gothorum Historia führten. Nur für drei Tage jedoch war ihm deren Lektüre gestattet: der Worte, sagt er, erinnere er sich nicht mehr, glaube aber den Sinn und die Tatsachen richtig inne zu haben (me integre tenere). Hinzugefügt habe er einiges aus griechischen und lateinischen Schriftstellern; Anfang, Ende und mehreres in der Mitte in eigener Darstellung beimischend.

Nicht mit Jordanis, sondern mit Cassiodor, dem Gelehrten und Staatsmanne, haben wir es daher im Wesentlichen zu tun.

Dessen Werk aber war vor allem (s. den Anhang) eine politische Tendenzschrift zu dem doppelten Zwecke:

den Goten die echte Abstammung Athalarichs, Theoderichs Tochtersohn, aus dem Geschlechte der Amaler recht klar,

den Römern aber die gotische Herrschaft dadurch annehmlicher zu machen, daß diesem Volk eine noch ältere und ruhmvollere Geschichte, als selbst die römische, beigelegt wurde: (auch Römer und Goten als altbefreundet darzustellen D.).

Cassiodor wollte dies dadurch bewirken, daß er den Gemeinnamen Skythen, unter welchem ethnographische Unkunde auch die Goten fortwährend noch häufig begriff, mit Geschick für sich benutzend, alle Großtaten, welche Geschichte und Sage seit Jahrtausenden von den »Skythen« verkündet hatten, auf die Goten übertrug. Da jedoch dies Mittel nur etwa bis gegen fünfhundert Jahre vor Chr. ausgereicht haben würde, nahm er zu Ausfüllung der siebenhundertjährigen Lücke noch die Geschichte der Geten zu Hilfe, welche, ursprünglich ebenfalls zu den Skythen gerechnet, wegen Namensähnlichkeit und Gleichheit der Sitze noch viel leichter für Goten ausgegeben werden konnten.

Um aber die Goten mit dem mythischen Ruhmesglanze der Skythen schmücken zu können, mußten erstere notwendig schon seit Jahrtausenden in dem alten Skythenlande nördlich des Pontus gesessen haben. Dies verstand sich aber, wenn sie einmal Skythen waren, von selbst: es wäre daher ein Fehlgriff gewesen, die Geschichte der Skytho-Goten mit deren Zuwanderung von der Ostsee zu beginnen, wenn nicht die Tatsache wahr und deren Erwähnung um deswillen notwendig gewesen wäre, weil die Erinnerung daran im Volke noch fortlebte, namentlich durch die Volkslieder und des AblaviusSiehe darüber die Dissert. Schirrens, der ihn nicht für den Konsul dieses Namens hält. Geschichtswerk (Jord. c. 5) erhalten worden war.

Cassiodor berichtete also hierin im Wesentlichen die Wahrheit, nahm aber, seiner Tendenz wegen, keinen Anstand, dies vor noch nicht siebenhundert Jahren erfolgte Ereignis viel weiter zurückzuschieben, was um so unbedenklicher schien, da er jede Zeitangabe wegließ, nur der Geschichtskundige daher die Zeit aus den nachfolgenden Tatsachen kombinierend zu ergänzen vermochte.

Cassiodor schrieb nur in soweit Unrichtiges, als dies durch den politischen Zweck seines Werkes geboten war, verdient aber in allem übrigen vollen Glauben, weil er als hochgestellter römischer Staatsmann und vertrauter Ratgeber gotischer Könige die besten Quellen haben konnte, durch eben jenen Zweck aber zur Wahrheit verpflichtet war, indem jede Abweichung in demjenigen, was sich kontrollieren ließ, die Glaubhaftigkeit und Wirksamkeit seiner ganzen, so geschickt angelegten Darstellung notwendig geschwächt, ja vernichtet haben würde.

Sollte es aber nicht, wird man einwenden, überaus schwierig, wo nicht unmöglich gewesen sein, schon aus Cassiodors Büchern selbst, wären sie uns erhalten worden, die Grenzlinie zwischen Wahrheit und Unwahrheit zu ermitteln? Wie ist dies nun vollends aus des Jordanis Werke möglich, da wir nicht einmal wissen, was von letzterem und was von ersterem herrührt?

Darauf ist zu erwidern, daß dies doch ziemlich leicht ist, weil man die Absicht in der Regel sofort merkt, andere Quellen und das historische Urteil aber einen ziemlich sicheren Prüfungsmaßstab gewähren.

Von Jordanis selbst haben wir nun nach der schon gedachten Zueignung anzunehmen, daß er fast nur aus griechischen und römischen Quellen, also nicht viel aus gotischer Überlieferung, hinzufügte, im Wesentlichen aber, wie auch dessen neueste Kritiker annehmen, nur Cassiodor nachschrieb.

Unentwirrbar aber wird es immer bleiben, ob und inwieweit das Chaos von Fabeln und Unwissenheit, welches des Jordanis Werk kennzeichnet, im einzelnen schon Cassiodor oder nur ihm selbst zur Last falle. So unzweifelhaft nämlich die Ankunft der Goten aus Scanzia, die Zurückführung derselben auf die Skyten und Geten von Cassiodor selbst herrühren, so war doch dessen Werk gewiß mit Geschicklichkeit verfaßt, während Jordanis, indem er nur den – vermeintlichen – Sinn gefaßt, die Worte aber vielfach vergessen hatte, und dazu noch andere mißverstandene und unverdaute Lesefrüchte beimischte, oft etwas Ungeschicktes, ja teilweise Unsinniges an das Licht fördern mußte.

Die Tatsache der Zuwanderung der Goten vom baltischen zum schwarzen Meere würde auch ohne Cassiodors ausdrückliches Zeugnis nicht zu bezweifeln sein, da sie nach den Quellen bis in das zweite Jahrhundert hinein dort saßen, vom dritten ab aber hier bekannt sind, während deren frühere Sitze, wie wir mindestens aus späterer Zeit wissen, von slavischen Völkern eingenommen wurden. Ebenso zweifellos wie die Gleichheit des Namens beider, ist auch die ihrer germanischen Nationalität, da wir ja den Donaugoten das erste schriftliche Denkmal germanischer Zunge verdanken.

Merkwürdig aber ist die Bestätigung dieser Tatsache durch Cassiodor, weil sie der politischen Tendenz seiner Schrift nicht nützen, sondern weit eher schaden konnte: daher sie nur um deswillen Aufnahme gefunden haben kann, weil die Erinnerung daran in alten Volksliedern noch fortlebte, deren Inhalt aber bereits von Ablavius aufgezeichnet war. (Jord. c. 4.)

Die Zeit der Einwanderung würden wir etwas genauer bestimmen können, wenn wir wüßten, welchen Jahren die Quelle angehört, die Ptolemäus für seine »Guthonen« an der Weichsel benutzte. Dieselbe muß aber, da dessen großer Fleiß gewiß nach dem Neuesten trachtete, mindestens der späteren Zeit der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts zugeschrieben werden. Stand nun die Wanderung der Goten mit dem Erscheinen gotischer Völkerschaften im Markomannenkrieg in Verbindung, so müßte diese, mindestens deren Beginn und erster Aufbruch aus der Heimat, schon ungefähr in das Jahr 150 gefallen sein.

Als Ort des Aufbruchs gibt Jord. c. 4, unzweifelhaft aus Cassiodor, das damals für Insel gehaltene Scanzia (Scandinavien) an, von wo einst König Berich ausgezogen sei: er habe die Gegend, wo er zunächst gelandet, Gothiskanzien genannt, darauf die Ostseeküste, welche die »Ulmeruger« (Holm-Rugen) bewohnten, unter deren Vertreibung, sodann deren Nachbarn, die Vandalen, unterjocht und letztere zu seinen Kriegs- und Siegsgenossen gemacht. Von dort sei nun erst der fünfte König, Filimer, Sohn Godarichs des Großen, wegen starken Anwachsens der VolkszahlAuch hier also diese Ursache. (D.) wieder ausgezogen und endlich im äußersten Skythien am Pontus angelangt.

Nach c. 17 soll übrigens Berichs Auszug nur in drei Schiffen erfolgt sein, deren eines viel später angelangt sei, weshalb dessen Bemannung die Trägen genannt worden, woher der Name der Gepiden stamme, weil Gepanta in deren Sprache träge bedeute.

Unsere Geschichtskunde bestätigt, daß Goten seit der Urzeit in den OstseeländernDie Identität der Goten mit den Gauten in Skandinavien wird zwar immer noch lebhaft verteidigt, aber durch überwiegende Gründe bekämpft. (D.) Jedes Falles würde aber die Ureinwanderung gerade umgekehrt von der Südküste der Ostsee aus, d. i. von Germanien nach Scanzien erfolgt sein. Siehe Zeuß, S. 158, sowie 502 und 503, besonders aber J. Grimm, G. d. d. Spr., S. 312 u. folg., namentlich Nr. 445 und 446, sowie S. 506, Nr. 728 und 729, wobei besonders auf die Zitate aus dem Beowulflied und der Edda hinzuweisen ist. wohnten.

Hat nun Cassiodor obige Nachricht willkürlich erfunden? Mitnichten, sie kann nur der Sage entlehnt sein: (erklärt sich aber auch auf die einfachste Weise dadurch, daß Scanzia nicht nur Skandinavien, sondern auch die für eine Insel oder Halbinsel angesehene Südküste der Ostsee bezeichnete. D.). Sage mag auch der Ausbreitung der gotischen Macht zu Grunde liegen, welche sich westlich bis zur Oder, wo die Rugen saßen, erstreckt haben müßte, während sie östlich, nach Ptolemäus, bis über die Weichsel hinaus reichte, wohin dieser Schriftsteller deren Sitz verlegt, wodurch Pytheas Angabe, der sie zuerst eben da nennt, bestätigt wird.Die verdienstliche Schrift: Über Pytheas von Massilien von Bessel, Göttingen 1858, weicht zwar von der bisherigen Erklärung der durch andere überlieferten Nachricht des Pytheas etwas ab, erkennt aber doch S. 62 bis 64, besonders 64 a. Schl., so wie S. 166 a. Schl. und 167 a. Anf. ebenfalls vollkommen an, daß dieselben an der jetzt preußischen Ostseeküste und zwar wahrscheinlich an beiden Seiten der Weichsel (aber auch östlicher über den Pregel hinaus D.) wohnten. Vergl. Müllenhoff, D. Altertumskunde I. Berlin 1870. Tacitus läßt diesen Strom unerwähnt: aber (G. c. 1) sagt, daß nur gegenseitige Furcht und Gebirge die Germanen von den Sarmaten (hier Slaven) und Daken sondern, so müssen die Goten, da eine Grenze wie die Weichsel in dessen Quelle kaum unerwähnt geblieben wäre, unstreitig auch nach dieser schon östlich derselben gesessen haben, während des Tacitus Angabe c. 46: »Jenseits (d. i. nördlich) der Lygier die Goten« nach den Sitzen ersterer keinen Zweifel darüber gestattet, daß das Gebiet letzterer auch westlich über die Weichsel hinausging.

Fällt des (sagenhaften D.) Filimer Auszug in den Anfang der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts, so würde die von (dem sagenhaften D.) Berich begonnene und von dessen Nachfolgern fortgesetzte Erweiterung der gotischen Herrschaft der Zeit, da Tacitus die Germania schrieb, vorausgegangen sein, mit dessen Angaben also anscheinend zusammenstimmen.

Als Anlaß der Auswanderung gibt Jordanis selbst (c. 4) das zu große Anwachsen der Volkszahl an (magni populi numerositate crescente)Es ist interessant, daß der geistreichste Historiker der beginnenden Neuzeit, Macchiavelli († 1527) seine florentinische Geschichte mit folgenden Worten beginnt »Die Völker, welche die nördlichen Länder jenseits des Rheins und der Donau bewohnten, in einer gesunden und zeugungskräftigen Gegend geboren, wuchsen mehrfach zu solcher Menge an, daß ein Teil derselben genötigt war, die Heimat zu verlassen und sich auswärts neue Wohnsitze zu suchen.«

Er beschreibt hierauf das in solchen Fällen beobachtete Verfahren, nach welchem das Volk in drei Teile, von denen jeder aus allen Klassen gleichmäßig zusammengesetzt gewesen, gesondert, und hierauf durch das Los entschieden worden sei, welcher derselben auswandern müsse. Dieser habe dann sein Glück auswärts zu suchen gehabt, während die beiden anderen, um ein Drittel der Volksmenge erleichtert, des Landes der Väter allein genossen hätten. Er benutzte hierbei wohl Livius V, 34 und Paulus Diaconus, de gest. Langobard. I, 2, 3, 7, 8, 10.

: (eine tief bedeutsame Wahrheit, welche, in fast allen Wandersagen wiederkehrend, nicht wie bisher fast immer als Fabel zu beseitigen, sondern als geschichtliche Erscheinung aus dem gesamten Kulturfortschritt, zumal aus dem Übergang zu seßhaftem Ackerbau zu erklären ist. (S. Einleitung.) D.).

Bei der ersten Einwanderung der Germanen in Europa fanden sich (abgesehen von den bereits durch die Kelten in Süddeutschland gerodeten und bebauten Ländereien D.) unstreitig nur wenig Stellen, welche die Natur schon, namentlich in Flußtälern und an sanften Abhängen nach Mittag, zum Ackerbau vorbestimmt hatte.

Der häufige Wechsel der Kulturfläche, die neuen Ansiedlungen und Markteilungen können daher meist nur durch Neubruch oder Rodung von Waldflächen erfolgt sein, wozu der scharfe Naturinstinkt der Urvölker unzweifelhaft zunächst diejenigen Teile der Mark und Flur auswählte, deren Kultur einerseits den meisten Nutzen versprach, andererseits die mindeste Arbeit erforderte. Je länger nun ein Volk in seinem ursprünglichen Sitze verharrte, um so relativ unergiebiger und schwieriger muß das Kulturwerk auf neuen Flächen geworden sein. (Es fehlte einer germanischen Bevölkerung der ersten Jahrhunderte also zunächst an schon angebautem, dann aber – für die damalige höchst geringe Stufe des Ackerbaus (die schlechten Werkzeuge, die monotonen Fruchtarten) – an anbaufähigem, anbauwürdigem, nach damaliger Schätzung und für damalige Mittel den Anbau lohnendem Boden zu ihrer Ernährung. D.)

Die Spezialgeschichte einzelner Länder setzt es außer Zweifel, in wie bedeutendem Maße Anbau und Ansiedlung durch Rodung der Wälder erst vom neunten bis dreizehnten Jahrhundert vorgeschritten sind. (Denn die geistlichen und weltlichen Herrschaften, welche von Karl dem Großen bis zum Ende der Staufer solche Rodungen vornahmen, verfügten über ganz andere Kulturmittel, standen auf einer ganz unvergleichlich höhern Stufe der Bodengewinnung und Bodenverwertung, als die Germanen in der Zeit zwischen Tacitus und Marc Aurel, welche seit der Einwanderung aus Asien aus dem »nomadischen« Ackerbau heraus noch kaum nennenswerte Fortschritte gemacht hatten: je tiefer der Ackerbau steht, desto weniger intensiv er ist, desto extensiver muß er sein: d. h. er braucht ganz ungeheuerlich mehr Boden, die gleiche Zahl Menschen zu nähren, als ein mehr fortgeschrittener. Dazu tritt mit schwerstem Gewicht die Erwägung, daß ja immer noch Viehzucht und Jagd bis zur vollen Hälfte und darüber neben dem Ackerbau das Volk ernähren mußten: – diese bedürfen aber bekanntlich noch ganz unvergleichlich viel mehr Raum als der Ackerbau, Volksnahrung zu beschaffen. Wir dürfen also, wenn z. B. die Ostgoten eine halbe Million Köpfe zählten, das für sie erforderliche Land nicht berechnen für 500 000 Ackerbauer, sondern für 200 000 Ackerbauer und für 300 000 Hirten und Jäger, was ganz andere Dimensionen annimmt. D.Hier liegt einer der Hauptgegensätze in der Auffassung des hochverehrten Verfassers der I. Ausgabe und des Bearbeiters der vorliegenden: jener sagte II, S. 99: »Ein ungeheurer Irrtum würde die Behauptung sein, daß es einer germanischen Bevölkerung der ersten Jahrhunderte irgendwo und jemals an . . . Boden zu ihrer Ernährung gefehlt habe . . . Die Notwendigkeit einer Auswanderung wegen Überbevölkerung ist unbedingt zu verwerfen . . . der einzige entscheidende Antrieb in (der Kriegslust, dem Nationalcharakter, dem Überhandnehmen der Gefolgschaften zu erblicken).« Wir bestreiten nicht, daß Verfassungsänderungen (d. h. aber nicht das Gefolgswesen, sondern das Häufigerwerden des Königtums und das Zusammenfassen der Gaustaaten zum Staat der Völkerschaft) diese Entwicklung gefördert haben – aber die Verfassungsänderungen sind selbst zum großen Teil nur Folgen der Überbevölkerung, nur Eine Wirkung der Völkerausbreitung, wie die sogenannte Völker»Wanderung« eine andere Wirkung der gleichen Ursache. – Richtig ist auch gewiß, daß ein minder kriegerisches Volk sich mehr mit der Urbarmachung auch undankbaren Bodens mit einfachsten Werkzeugen würde gemüht haben, während der Germane statt schwerer und wenig lockender Ackerarbeit kriegerische Ausbreitung über die Gaue der Nachbarn vorzog. Dies gegen den naheliegenden, aber oberflächlichen Einwand, daß »Germanien« heute viel mehr Menschen zu ernähren ausreiche als die damalige Volkszahl betrug; vergl. S. 10. (S. oben den hiernach ganz geänderten Text.) (D.)

Weil aber , wie Tacitus (G. c. 14) sagt, den Germanen träge und mattherzig schien, durch Schweiß zu erwerben, was durch Blut errungen werden konnte, (so hat die durch die wachsende Bevölkerung erschwerte Gewinnung neuer Kulturflächen in Sümpfen und Waldungen, die mit größerer Anstrengung und minderem Nutzen verknüpft gewesen wäre, einen um so stärkeren Anstoß zur Auswanderung gegeben, je mehr der Volkscharakter gewaltsame Ausdehnung der Wohnsitze und, falls diese unmöglich, sogar kämpfereiche Wanderung mühevollerer Pflugarbeit vorzog. D.)

Einen andern Anlaß zur Auswanderung der Goten nimmt Schaffarik (slavische Altertümer I, 18, S. 413 und II, 43, S. 507) an. Derselbe gründet nämlich auf die angeführte Stelle des Capitolinus, wo von den Viktofalen und Markomannen

»auch anderen Völkern (aliis etiam gentibus), welche, von oberen Barbaren verdrängt, geflohen waren«, die Rede ist, die Meinung: »die Goten und deren Nebenvölker seien von den Slaven mit Gewalt aus ihren Sitzen vertrieben worden.«

Schaffarik sagt S. 507:

»Zur Zeit des Ptolemäus finden wir die Goten bereits durch die slavischen Weleten oder Lutizer von der Ostsee verdrängt.«

Dies kann sich nur auf folgende Stellen des Ptolemäus gründen:

1) III, 5, §. 19. »Von großen Völkern haben Sarmatien inne die Veneden am ganzen venedischen Busen.«

2) ebenda §. 20. »Am Weichselstrome unter den Veneden (υπό τοὺς Ουενέδας) Güthonen.«

Da es an einer Naturgrenze für den »venedischen Busen« fehlt, indem man weder die gesamte Ostsee vom Sunde an, welche §. 1 der »sarmatische Ozean« genannt wird, noch den bothnischen oder finnischen darunter verstehen darf, so kann derselbe schlechterdings nur da gesucht werden, wo die Veneden eben saßen. Es ist daher daraus auf keine Weise zu folgern, daß deren Sitze (damals schon D.) westlich bis zur Weichsel reichten.

Auch wäre aus dem Ausdrucke: »unter (υπό)« an sich nicht notwendig abzunehmen, daß die Veneden an der See, die Güthonen aber im innern Lande saßen, da die Präposition υπό bei Ptolemäus keineswegs überall »unter« oder »südlich« bezeichnet. Da jedoch eben an dieser Stelle die Ostseeküste von Elbing an bis zur Nordspitze von Kurland beinahe senkrecht nach Norden aufsteigt, so ist gerade hier der Ausdruck υπό ganz richtig angewendet, indem die Güthonen hiernach auch östlich der Weichsel, etwa von Danzig bis Königsberg (und auch noch weit über das rechte Pregel-Ufer hin nördlich D.), nördlich derselben aber bis Kurland hinauf die Veneden ihre Sitze gehabt hätten.

Gegen eine gewaltsame Vertreibung der Goten durch die Slaven (die aus jener Stelle Capitolins gefolgert werden soll D.) ließen sich der Gründe viele anführen: wir beschränken uns auf einen – aber schlagenden –, den geographischen.

Nicht allein im Norden, auch im Osten waren die Goten von slavischen Völkern umgeben: ganz Sarmatien von der Weichsel bis zum Don, von der Ostsee bis zu Karpaten und Pontus nennt Schaffarik (übertreibend und antizipierend D.) deren Urheimat.

Wo bot sich da den Goten, von den Slaven angegriffen und besiegt, eine andere Rückzugslinie dar, als nach Westen, eine andere Rettung als jenseits der Weichsel bei ihren Stammgenossen, in Germanien? Nennt man das einen Rückzug, der nicht vom Feinde ab, sondern gerade umgekehrt auf solchen zu, in das Herz seines Landes führt?

Können die Goten geschlagen worden sein, wenn sie mit den Waffen in der Hand das ganze (angeblich slavische D.) Land vom baltischen bis zum schwarzen Meer quer durchzogen und endlich »als Sieger«, wie wenigstens Jordanis c. 4 a. Schl. ausdrücklich versichert, an der Mäotis anlangten? (Und wir dürfen ihm hier glauben, so viel er sonst von gotischen Erfolgen prahlt: denn nur durch Siege (oder Verträge), nicht durch Niederlagen konnten sie sich den Durchzug gewinnen: und nicht als Besiegte wahrlich treten sie auf an der Donau. D.)

Völlig aus der Luft gegriffen ist aber obige Nachricht Capitolins gewiß nicht: (nur sind die Völker, welche, von nördlichen Barbaren gegen die römischen Grenzen gedrängt, Aufnahme forderten oder Krieg drohten, nicht die von den Slaven verdrängten Goten, sondern die von den Goten verdrängten germanischen und slavischen Völker, auf welche die Goten bei ihrer Wanderung stießen. D.).

Von den Goten ging der Aufbruch aus. Südlich dieser im innern Lande saßen jene »anderen Völker«, deren Capitolin gedenkt.Es saßen aber wenigstens in dem westlichen Teil der hier zu passierenden Länder zahlreich germanische, auch gotische Völkerschaften. (D.) Auf diese stieß der Heerzug zuerst: da blieb ihnen nur die Wahl, entweder die Goten zurückzuschlagen, oder ihnen zu weichen. (Sie wichen: oder oft auch, gleichen Stammes, gleichen Sinnes, von gleichem Bedürfnis der Ausbreitung gedrängt, bildeten sie nun die Vorhut des Wanderzuges; sie drängten nun nach Süden, weil sie selbst von Norden her gedrängt wurden, konnten mindestens den Römern zu ihrer Entschuldigung ihre Bewegung als eine notwendige Folge der gotischen darstellen. D.)

(Die gewaltsame Vertreibung der Goten durch Slaven ist weder bewiesen noch als Beweggrund der Auswanderung unentbehrlich. D.) Dadurch wird aber nicht ausgeschlossen, daß um jene Zeit gerade, als sich die Goten der wachsenden Volksmenge halber auch dem slavischen Gebiete (nach Nordosten) mehr genähert hatten, die energische Repression, der Druck der Slaven, welcher jede Ausbreitung nach Osten hemmte, einen untergeordneten Nebengrund für die Auswanderung nach Südwesten abgegeben haben könnte.

Ein wichtiges Ergebnis dieser Erörterung ist die Feststellung der Zeit der gotischen Auswanderung, die hiernach dem markomannischen Kriege vorausgegangen ist.

Von der Geschichte der Auswanderung wissen wir fast nichts: ein Ankunftspunkt lag an den Karpaten, nördlich der Jazygen zwischen Donau und Theiss.

Dahin führte der in gerader Linie achtzig bis fünfundachtzig Meilen lange Weg von der Niederweichsel, diesem Strome folgend, nur dessen großen westlichen Bogen in der Sehne durchschneidend, über Plozk, an Warschau vorbei, und von da über Lublin zwischen Krakau und Lemberg auf die Karpaten nach Kaschau zu, was ungefähr mit der Grenzscheide zwischen Germanen und Slaven übereingekommen sein dürfte.

Dies wird nun auch durch eine Stelle in Jordanis c. 22Geberichus etc. primitias regni sui mox in Wandalica gente extendere cupiens contra Visumar eorum regem Asdingorum e stirpe, quae inter eos eminet genusque indicat bellicosissimum, Dexippo historico referente, qui eos ab Oceano ad nostrum limitem vix in anni spatio pervenisse testatur prae nimia terrarum immensitate. wesentlich unterstützt, ja beinahe außer Zweifel gesetzt. Derselbe handelt darin von dem Krieg des Gotenkönigs Geberich gegen den »Vandalenkönig Visomar aus dem Stamme der Asdingen, welcher unter diesen hervorragt und deren kriegerischestes Geschlecht bezeichnet, nach dem Anführen des Historikers Dexippus, welcher bezeugt, daß sie vom Ozean bis zu unserer Grenze, bei der unermeßlichen Ausdehnung der Länder, in etwa einem Jahre angelangt seien.«

Derselbe beruft sich also hier auf seine Quelle und zwar auf diejenige, welche wir nach der freilich mangelhaften Kunde der Historiker des dritten Jahrhunderts für die beste aller halten müssen.

Dexippus, ein Athener, Staatsmann und Feldherr, der selbst die Goten schlug, schloß eins seiner Geschichtswerke unter Claudius im Jahre 269, soll jedoch erst unter Probus 276–282 gestorben sein, gehört also nach seiner Lebenszeit dem ersten Jahrhundert nach dem markomannischen Krieg und den ersten fünfzig Jahren nach dem Bekanntwerden der Goten am Pontus an. Eunapius bezeichnet ihn ausdrücklich als einen Mann von ausgebreiteter wissenschaftlicher Bildung und voll scharfer Geisteskraft (ανὴρ απάσης παιδείας τε καὶ δυνάμεως λογικη̃ς αναπλεω̃ς) und Photius der Bibliograph und Literarturhistoriker, stellt ihn sogar, wenn auch irrtümlich, Thukydides zur Seite. Unter dessen drei Geschichtswerken würde das über den Krieg zwischen den Goten und Römern (τὰ Σκυθικά), wenn uns mehr als Fragmente davon erhalten wären, bei weitem das wichtigste sein. (Vergl. Corp. Script, hist. Byz. I, Vorr. XIV–XVIII, und p. 56 u. folg.)

Wir haben hier also einen Schriftsteller, der seiner Aufgabe wie seinem Zeitalter und seiner Person nach unzweifelhaft vorzüglichen Glauben verdient und sicherlich, wenn er der Ankunft der Vandalen gedachte, auch die der Goten näher erwähnt haben wird.

Die Kürze obenerwähnter Marschzeit aber, da wir es hier nicht mit einem modernen Heere, welches kaum zwei Monate dazu bedurft hätte, sondern mit einem die Heimat verlassenden Volke mit Weib, Kind, Unfreien und sämtlichem Vieh zu tun haben, setzt es nun wohl außer Zweifel, daß der Zug der Asdingen, der nicht vereinzelt, sondern nur in Verbindung mit jenen übrigen Nebenzweigen der gotischen Völkerfamilie gedacht werden kann, auf dem oben angegebenen geraden und kürzestenSicherlich bedurfte das Heer mehrfacher längerer Stationierung zur Rast und Vorbereitung zum weiteren Zug, namentlich zu Anschaffung von Getreide, welches es in keinem Falle ganz entbehren, wohl aber selbst bauen oder von den Grenzvölkern durch Tausch oder Raub erlangen konnte, so daß die Zurücklegung der ganzen mit den unvermeidlichen Umwegen mindestens hundert Meilen langen Strecke in kürzerer als Jahresfrist immer noch von relativ großer Beschleunigung zeugt. (Das Jahr ist wohl nur eine viel zu kurz gegriffene sagenhafte Abrundung. D.) Wege erfolgt sein müsse.

Durch das Zeugnis des Dexippus wird die Tatsache der Auswanderung der gotischen Völker aus ihren Sitzen an der Ostsee und deren Ankunft im römischen Gebiet oder dessen Nähe zu jener Zeit überhaupt erst am sichersten und zweifellosesten verbürgt. Vermochten wir oben dafür zunächst nur eine mittelbare – immer unsichere – Schlußfolge und zweitens das auf die gotische Sage und den seiner Zeit und Person nach unbekannten Ablavius gestützte Zeugnis des Jordanis (c. 4) anzuführen, so tritt nunmehr für deren Erweis eine Autorität hinzu, welche in jeder Beziehung um so vollkommeneren Glauben verdient, da die Aufnahme dieser Nachricht in Cassiodors Werk dessen (auch von Jordan erkanntem und geteiltem) politischen Zweck eher nachteilig als förderlich sein konnte.

Über den Wanderzug der Goten im engern Sinne berichtet Jordanis (c. 4) in folgendemFilimer filii Godaricis consilio sedit, ut exinde cum familiis Gothorum propromoveret exercitus, qui aptissimas sedes, locaque dum quaereret congrua, pervenit ad Scythiae terras, quae lingua eorum Ovim vocabantur: ubi delectato magna ubertate regionum exercitu, medietato transposita, pons dicitur, unde amnem transiecerat, miserabiliter corruisse, nec ultelius jam cuiquam benit ire aut redire etc.

Haec igitur pars Gothorum, quae apud Filimer dicitur in terras Ovim emenso amne transposita, optatum potita solum. Nec mora, ilico ad gentem Spalorum adveniunt, consertoque praelio, victoriam adipiscuntur: exindeque jam velut victores ad extremam Scythiae partem, quae Pontico mari vicina est, properant.

:

Nach dem Auszug sei das Heer in die Gegend Skythiens gekommen, welche in deren Sprache Ovim genannt werde. Hier habe es sich des großen Reichtums des Landes erfreut. Der Teil der Goten aber, heißt es weiter, der im Lande Ovim unter Filimer über den Fluß gesetzt sei, habe sich des erwünschten Bodens bemächtigt. Bald darauf nämlich sei derselbe auf das Volk der Spalen gestoßen, habe es in einer Schlacht überwunden und sei nun als Sieger dem äußersten Teile Skythiens zugeeilt, welcher dem Pontus benachbart sei.

Im fünften Kapitel am Schluß wird dieser »Teil« näher als das Land zwischen dem Borysthenes (Dnjepr) und Tanais (Don) längs des mäotischen (asowschen) Meeres bezeichnet, wo die Goten dem römischen Gebiet zunächst in der dessen Schutzherrlichkeit unterworfenen Krim begegneten.

Die Spalen erklärt Schaffarik I, S. 319, für ein tschudisches (d. i. finnisches) Volk, wogegen kaum etwas einzuwenden sein dürfte.

Das Wichtigste für uns in jenem Berichte ist der große Reichtum des Landes Ovim, der mit Wahrscheinlichkeit eine Erprobung desselben durch Getreidebau, also zeitweiliges Verweilen daselbst, voraussetzen läßt. Geschah dies aber einmal, so dürfte wegen Fortdauer des Grundes auch eine wiederholte vorübergehende Niederlassung gleicher Art anzunehmen sein.

(Ein solcher Verzug steht der »Jahresfrist« nicht entgegen: nur »ein Teil« der Wanderer gelangte in jenes Land. D.)

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