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Geschichte der Völkerwanderung

Felix Dahn: Geschichte der Völkerwanderung - Kapitel 15
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Völkerwanderung
authorFelix Dahn
firstpub1880
year1997
publisherPhaidon Verlag
addressEssen
isbn3-88851-198-4
titleGeschichte der Völkerwanderung
created20051128
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c) Wesen und Bedeutung des Markomannenkrieges

Der Zusammenstöße mit den Germanen hatte es bereits viele gegeben. Aber verschieden waren sie gewesen von diesem. Damals einzelne Unternehmungen letzterer, meist Überfälle, auf die Gunst augenblicklicher Umstände gebaut, bisweilen selbst vorübergehende glanzvolle Siege unter großen Führern wie Armin und Civilis aber alle, kleine Raubzüge ausgenommen, doch nur defensiverSeit den Kimbrern und Ariovist. (D.) oder aufständischer Natur, hauptsächlich ohne bleibende Folge. Hier zum ersten Male ein großer, mindestens fünfzehnjähriger Offensivkrieg, angelegt nicht ohne Einsicht, ausgeführt mit bisher unerhörter Zähigkeit der Ausdauer.

Über die Entstehungsursachen sagt ein hoher Meister (J. Grimm, Gesch. d. d. Sprache, S. 306, Nr. 437):

»Seit dem Schluß des ersten Jahrhunderts hatte sich die Ohnmacht (? D.) des römischen Reichs, wenn auch seine Flamme einige Mal noch aufleuchtete, entschieden, und in den unbesiegbaren Germanen war das Gefühl ihres unaufhaltsamen Vorrückens in allen Teilen Europas immer wacher geworden; jetzt erhob sich statt des langsamen und verweilenden Zugs, den sie von Asien her unvordenkliche Jahrhunderte hindurch eingehalten hatten, ein rascherer Sturm, den die Geschichte vorzugsweise Völkerwanderung nennt. Nur die wenigsten Stämme blieben in ihrem Sitze haften.«

(Das war in der Tat das neue, das Wesentliche dieses und der meisten nun folgenden Kämpfe (s. die Einleitung): die Folge der Seßhaftigkeit ward nun Übervölkerung, und diese hob die Seßhaftigkeit insofern wieder auf, als sie zur Ausbreitung zwang. D.)

Roms Schwäche hatte sich nun bereits unter Domitian im Jahre 85 dadurch kundgegeben, daß dieser seine Niederlage durch die Markomannen ungerächt ließ und von Dekebalus, dem Dakerkönige, den Frieden um schweres Geld erkaufte. Diese Schmach hatte indes der große Trajan wieder gesühnt, während Hadrians wachsamtätige und Antonins gewinnende Politik den Frieden unverletzt zu bewahren gewußt hatten. Möglich nun, daß nach des letztern Tode der Regierungswechsel in den Germanen, die des langen Friedens müde waren, die Erinnerung an frühere Siege geweckt, daher in Verbindung mit der gleichzeitigen Schwächung der römischen Streitkräfte durch den parthischen Krieg zum Losbruche gereizt habe.

Wenn Hadrian ferner den Frieden nicht allein durch den Schreck der Waffen, sondern auch durch Geldzahlung, wiewohl gewiß in ehrenhafter Form, an die Völker sicherte (s. Dio LXIX, c. 10) und Antonin unzweifelhaft darin fortfuhr, so könnte die Vermutung entstehen, M. Aurelius habe durch Versagung des ihm schimpflich dünkenden Tributs zum Krieg Anlaß gegeben. Dies aber würden die in dessen Lob so eifrigen Biographen sicherlich nicht verschwiegen haben.

Der Krieg hat gar nicht als ein großer, durch Offensivangriff verbündeter Völker, sondern nur als ein kleiner, durch Raubzüge einzelner Gefolgführer, begonnenWenn Capitolin c. 14 sagt: »Dum Parthicum bellum geritur (d. i. von 161 bis 166), natum est Marcomannicum, quod diu eorum, qui aderant, arte suspensum est, ut finito jam orientali bello Marcomannicum agi posset«, so ist kaum zu bezweifeln, daß der Krieg bereits im Jahre 164 ausgebrochen sei, während dessen noch früherem Beginn die unterlassene Erwähnung in Capitol. 8, wo von den bald nach dem Regierungsantritt entstandenen die Rede ist, entgegensteht. Gewißheit ist aber auch hierin nicht möglich., und dann erst, nach diesen gewaltsamen Rekognoszierungen, durch versuchtes Überwandern ganzer Gaue in das römische Gebiet größere Verhältnisse angenommen.

Lag doch der Hauptgrund aller dieser germanischen Einbrüche und Kriege in dem oben (in der Einleitung) entwickelten Grund.

Über die Anfangszeit des eigentlichen großen Krieges ist nicht einmal Vermutung gestattet, obwohl darüber, daß dieser mindestens bereits in das Jahr 166 fallen müsse, nach dem Ergebnisse der Kriegsoperationen kein Zweifel möglich ist.

Der Bestimmungsgrund zu dem Angriff der Markomannen aber ist, nächst den Erfolgen des kleinen Krieges, unzweifelhaft in denselben Umständen zu suchen, welche ihn später genährt und ihm jene gefahrdrohende Ausdehnung wie Dauer verliehen haben.

Hinsichtlich der in den Quellen aufgeführten fünfundzwanzig Namen der einzelnen Völker, welche an diesem Kriege teilnahmen, auf die Anmerkung verweisendDio erwähnt LXXI. nächst den Markomannen, Quaden und Jazygen noch c. 12 Astingi, Costuboci, Dancrigi und Cotini, c. 18 (u. LXXII, c. 3) Buri, c. 21 Naristae und in LXXII, c. 2 noch Vandili.

Capitolinus (die Lesart der neuen Ausgabe von Peter, welche Müllenhoffs [Z. f. D. A. IX.] Vorschläge verwertet, hat den größten Teil der Ausführungen der I. Auflage gegenstandslos gemacht D.) nennt die Jazygen überhaupt nicht, bezeichnet sie aber unzweifelhaft durch Sarmatae und führt außer den Markomannen und Quaden noch an: c. 14 Victuali, c. 17 Vandali, c. 22 Varistae, Hermunduri et Quadi, Suevi, Sarmatae, Lacringes et Burei: Vandalique cum Victualis Osi, Bessi, Cobotes, Roxolani, Basternae, Halani, Peucini, Costoboci. Vorher zu Anfang des Kapitels heißt es: Gentes omnes ab Illyrici limite usque ad Galliam conspiraverant. C. 27 Triennio bellum postea cum Marcomannis, Hermunduris, Sarmatis, Quadis etiam egit. In Commod. c. 13 sagt er noch: Victi Daci. Eutrop. VIII, 13 nennt nur Marc., Quadi, Vandali, Suevi atque omnis barbaries.

, versuchen wir jene zuerst in gewisse Hauptgruppen zu sondern, was um so notwendiger scheint, da nicht allein bei Capitolinus, sondern selbst bei Dio keine Spur ethnographischen Geistes sich findet, diese also Volks- und Gaunamen zu unterscheiden weder wußten noch beabsichtigten.

Wie nun unzweifelhaft unter den Genossen des markomannischen Kriegs ganze Völker waren, die ihn durch ihren Heerbann als National- oder Staatskrieg führten, so haben doch wohl hin und wieder auch bloße auf eigene Faust fechtende Gefolgschaften teilgenommen.

Zu ersteren gehören vor allem die Markomannen, Quaden und Jazygen. Das mächtige Markomannenvolk saß vom Erzgebirge herab bis zur Donau, zwischen Hermunduren und Quaden begrenzt. (S. Anhang.)

Unter den Quaden ist hier offenbar nicht der im Jahre 19 n. Chr. auf altquadischem Gebiet gegründete Klientelstaat zu verstehenSiehe Tac. II, 63 und XII, 29 und 30 (egregia adversus nos fide). Hist. III, 5 und 21. Aus Tac. II, 63 erhellt zwar zweifellos, daß in dem gedachten Landstrich ein besonderer Staat gegründet wurde: dato rege Vannio gentis Quadorum – (hätte das ganze Volk der Quaden sich unterworfen, so würde die wichtige Tatsache von Tacitus gewiß erwähnt worden sein) – aber der hundertundvierzigjährige Fortbestand dieses kleinen gekünstelten Staates beweist nichts: denn es ist reine Willkür und ein Zirkelschluß, anzunehmen, daß der in Cass. Dio c. 13 erwähnte König der Quaden eben jenem nie wieder, überhaupt nur noch von Plinius, genannten Klientelstaat angehört habe. sondern das im Jahre 19 freigebliebene Volk. Daß das gesamte dieses Namens am Krieg Teil hatte, ist nach dessen Wucht und Bedeutung nicht zu bezweifeln.

Die Jazygen, die Plinius und Tacitus stets Jazyges Sarmatae nennen, waren Sarmaten.Über die anderen hier genannten Völker und ihre Sitze siehe den Anhang.

Die Costuboken, welche Geten oder Daken waren, saßen innerhalb der römischen Provinz Dakien, müssen also römische Untertanen gewesen sein. Letztere umfaßte (nach Ptolem. III, X) unzweifelhaft das ganze Land zwischen Theiß und Pontus, Donau und Karpaten. Dagegen rechnet Jordanis (c. 12) in seiner freilich sehr unklaren Begrenzung des alten Dakiens, d. i. des Getenreichs, nur Siebenbürgen und die Wallachei, letztere mindestens größtenteils, dazu. Wahrscheinlich standen daher die in den Ebenen der Moldau und Bessarabiens wohnhaften Völker, wozu unstreitig die Costuboken (κιστοβω̃κοι des Ptol.) gehörten, nur in einem Untertänigkeits- und Tributverhältnis zu dem Getenkönige: und dies mag auch unter Rom fortgedauert haben. Gewiß wenigstens war der westliche Teil der Gesamtprovinz vorzugsweise militärisch besetzt, mit zahlreichen Festungen versehen und kolonisiert.Vergl. M. J. Ackner: Die Kolonien und militärischen Standlager der Römer und Dakier. Wiener Staatsdruckerei 1857. Kaemmel, römische Standlager .. an der Donau. Grenzboten 1880, Nr. 14 und die Literatur daselbst. Diese scheint auch, während des ganzen Kampfes von den Römern behauptet, ja nicht einmal dessen SchauplatzNach Dio c. 11 ist zwar am Ende des ersten Krieges der Dynast Trabes Geld fordernd in Dakien eingefallen, aber gleich wieder vertrieben worden. gewesen zu sein, indem sich dieser, abgesehen von jenem ersten Einbruch in Italien, im Wesentlichen auf Niederösterreich, Steiermark, Ober- und Mittel-Ungarn beschränkt haben dürfte. (S. Dio 11, 12 und 19.)

Daß nun die Costuboken ganz oder teilweise durch die Karpaten dem westlich von Dakien gefochtenen, großen Unabhängigkeitskampf zuzogen, ist natürlich. Sie wurden aber später von den Asdingen, wie es scheint, auf Anstiften der Römer, dafür gezüchtigt, wonach deren Sitz in der Nähe des westlichen Dakiens, also in der Moldau gewesen zu sein scheint.

Bastarnen und Peukinen, nicht Germanen, saßen früherhin unzweifelhaft ebenfalls in Dakien nördlich der Donau.S. die zahlreichen von Zeuß, S. 127–130 angeführten Stellen, und überdies noch Dio LI, c. 23–25; auch Dahn, Könige I, S. 98. Bausteine II, S. 133. Da aber Ptolem. sie später (III, 5) über Dakien und Sarmatien, also im neuern Podolien aufführtDerselbe erwähnt zwar III, 9 auch in Niedermösien im Donaudelta Peukinen. Da aber dieser Name ein Ortsname von der Insel Peuke ist, so kann derselbe ebensogut auf andere Bewohner übergegangen, als ein Rest der wirklichen Peukinen unter römischer Herrschaft daselbst zurückgeblieben sein., so müssen dieselben bei der Eroberung Dakiens unter Trajan dahin sich zurückgezogen haben.

Die Alanen und Roxalanen saßen jenseits des Tyras (Dnjestr) im südlichen Russland.Über die schwierige Frage ihrer Nationalität s. Dahn, Könige I, S. 261.

Von den Vandalen ist anzunehmen, daß, weil Strabo, Tacitus und Ptolemäus kein Einzelvolk dieses Namens kannten, derselbe im Markomannenkrieg, wo er zuerst (Vindili) auftauchtDies ist ein Irrtum, schon Tac. G. c. 2 u. Plinius IV. 14, 28 nennen sie. (D.), auch nicht als die Bezeichnung eines solchen, einer bestimmten civitas, sondern nur als die einer neugebildeten Waffengenossenschaft, aus der späterhin freilich, wie aus Franken und Alemannen, ein Volk geworden, zu betrachten ist: (es war der Gesamtname für die beiden Völkerschaften der Asdingen und Silingen.S. Dahn, Könige I, S. 141; irrig identifiziert sie Zeuß, S. 444 f. mit den Lugiern. D.).

Betrachten wir nun die Eigentümlichkeit dieses Krieges im Gegensatz zu den früheren Kämpfen zwischen beiden Nationen, die schon im Beginn dieses Kapitels hervorgehoben ward: es war der erste größere, dauernde, planmäßige Angriffskrieg der Germanen seit den Kimbrern und Ariovist.

Verschlagenheit im Kampf – allen Völkern in der Vorkultur eigen – zeichnete insbesondere die Germanen aus, die Vellejus Paterculus die verschlagensten aller Sterblichen nennt.

Tiefere Politik aber, d. i. planvolle Berechnung, geschickte, vor allem konsequente Ausführung war unter einem vielköpfigen Volksregiment, bei einem durch Sonderinteressen zwiespaltigen Adel, nicht möglich. Wohl lebte diese in großen, besonders römisch gebildeten Männern: gerade diese aber gingen eben deshalb zugrunde, weil ihre Zeit sie nicht begreifen, vor allem ihnen nicht folgen konnte und wollte.

Zwietracht lähmte die Kraft, hemmte den Aufschwung.

Anders im Markomannenkrieg. Kein großer Mann begegnet unter den Germanen, in den Völkern selbst aber seltene Bewußtheit, seltenere Eintracht. Jener Krieg beruht auf einem Völkerbündnis.So schon der treffliche Bünau im II. Buch des 1. Teils der deutschen Reichshistorie vom Jahre 1728.

(Freilich lag diesem Bündnis und Plan das gemeinsame Bedürfnis nach Ausbreitung zugrunde: die gleiche Nötigung, welche später Alemannen und Franken über den Rhein drängte, warf damals Markomannen und Quaden über die Donau: und als entscheidend, als Hauptursache, ist dabei anzuschlagen der Druck, den die damals vom Norden her anziehenden Goten aller Stämme auf die Donauvölker übten. D.)

Forschen wir aber nach dem Quellenbeweise für diese Annahme, so finden wir dafür die Stelle Capitolins (c. 22): »Alle Völker von Illyriens Grenze bis Gallien hatten sich verschworen.« Dann die Zeugnisse Dios (c. 11), daß die Quaden den Frieden erhielten, »um sie von den Markomannen abzuziehen«, was ein Bündnis unter beiden voraussetzt (so wie mittelbar die Stelle c. 18). Die Jazygen hatten (nach c. 16) unter der Bedingung Frieden geschlossen, den Römern 8000 Mann Hilfstruppen zu stellen, von denen auch der Kaiser sogleich 5500 nach Britannien sandte. Der weitern Vollziehung des Friedens aber (c. 18) entbrachen sie sich, erhielten auch Nachlaß an dessen Bedingungen, weigerten aber dennoch, weitere Truppen zu stellen, wenn M. Aurelius nicht eidlich versichere, den Krieg mit den Feinden (d. i. den Quaden, wohl auch Markomannen) fortzusetzen, weil sie fürchteten, daß letztere nach ihrer Versöhnung mit Rom sie, die Jazygen selbst, mit Krieg überziehen würden. So dunkel diese Stelle, die Xiphilin oder dessen Quelle schon mangelhaft exzerpiert haben muß, unverkennbar ist; so scheint doch unzweifelhaft daraus hervorzugehen, daß es die Furcht vor der Ahndung eines Bundesbruches war, welche jenes Verlangen der Jazygen hervorrief.Die wahrscheinlichste Erklärung dürfte in der fehlenden Chronologie und dem Durcheinanderwerfen der Nachrichten, das bei Xiphilin gerade hier so oft vorkommt, zu suchen sein. Der frühere Friede mit den Quaden (c. 11) war schon wieder gebrochen, oder im Begriff gebrochen zu werden (c. 13). Da mochten die Jazygen den Quaden Versprechungen gegeben haben, durch deren Verletzung sie sich nun deren Rache zuzuziehen fürchteten.

Wesentlich verstärkt und vervollständigt noch wird der Beweis für die Gemeinsamkeit und Planmäßigkeit dieses Krieges auf germanischer Seite durch die Geschichte der militärischen Operationen selbst, so z. B. durch das konzentrierte Vorgehen bei des Vindex Niederlage. (Fragen wir aber nach der Ursache dieser merkwürdigen und folgenreichen Wandlung im Volksleben der Germanen, so kann diese nur in der inneren, wiederholt erörterten Entwicklung gefunden werden: in der Not; das natürliche Zusammenwachsen der früher isolierten Siedlungen führte dann auch zu höherer politischer Reife oder doch zunächst zur Erkenntnis der Ersprießlichkeit von größeren Verbänden und Einungen, welche nicht mit bewußter Absicht zuerst geschlossen, sondern unwillkürlich und notwendig erwachsen waren. Auch der Verkehr mit Rom mag diese Entwicklung gefördert haben – durch Vorbild und durch Gefahr. D.)

Gewiß hat aber dazu, vor allem zu der so ungewöhnlich langen Dauer dieses Krieges, auch ein äußerer Anstoß Anlaß gegeben, auf den nunmehr überzugehen ist.

Von der größten Wichtigkeit ist die Stelle Capitolins (c. 14): vom Aufbruche beider Kaiser zum Heere, welcher erfolgte:

»als die Viktofalen und Markomannen alles zerrütteten: und auch andere Völker, die, verdrängt von oberen Barbaren, geflohen waren, und wenn sie nicht (von den Römern) aufgenommen würden, Krieg erklärten.«

Diese oberen, d. i. nördlichen Barbaren waren die Völker der großen gotischen Familie.

Also ganze aus ihren heimischen Sitzen verdrängte Völker begehrten Aufnahme und Niederlassung im römischen Gebiete, sei es in Güte oder durch Gewalt, und erhielten sie auch auf ersterem Wege wirklich, wie Dio (c. 11 und 12) ausdrücklich bestätigt, dadurch zugleich obige Angabe des an sich minder zuverlässigen Capitolin verbürgend. (Es begreift sich sehr wohl, daß nicht nur die Donauvölker, auch die bedeutend weiter nordwestlich »bis an den Rhein« (Capitolin) hin wohnenden Völker (Hermunduren, Burier, Narisker und deren Nachbarn) in Erschütterung und Bewegung gebracht wurden durch den Zug der zahlreichen Goten von der Ostsee den ganzen Lauf der Oder und Weichsel aufwärts und von da bis an den Pontus.

Ebenso wurden Völker, die schon im römischen Gebiet saßen, die Costuboken, Bastarnen, Peukinen, Alanen und Roxalanen, dann oder ohne Willen in diese Bewegungen gezogen. D.)

Noch ist hinsichtlich der Zahl derselben zu bemerken, daß der von Dio (c. 11) für die Landempfänger gebrauchte Ausdruck: die vielen übrigen (έτεροι συχνοί) auf eine bedeutende Anzahl derselben schließen läßt, daher auch manche, in den Quellen gar nicht namentlich angegebene, besonders einzelne Gaue, darunter sich befunden haben können.

Welche von diesen Namen nun der gotischen Völkerfamilie angehören, ist mit voller Sicherheit nicht zu bestimmen.

Unzweifelhaft gehören dahin die Taifalen und Gepiden oder Gipeden (hinsichtlich deren beider freilich gerade die Lesart nicht feststeht), die Vandalen, Asdingen, Viktofalen.Vergl. Schaffarik, slavische Altertümer I, S. 432. Über Viktofalen und Taifalen s. Eutrop. VIII, 2.

Es liegt auf der Hand, daß ein solches Heranwogen gotischer Germanen von Norden her, das dadurch erzeugte Drängen und Schieben der im Wege stehenden, wie das Mitfortreißen aller beweglichen Elemente der angrenzenden Völker unter allen Umständen mit größter Gewalt gegen Roms Grenze – dem ersten festen Widerstandspunkt – anprallen mußte. (Fand nun der Völkerstrom diesen Damm bereits von Stammesbrüdern unterwühlt, erschüttert, ja teilweise gebrochen, da mußte das Drängen im Rücken und die Aussicht, auf römischem Boden eine »quieta patria«, Landraum für die wachsende und aus den bisherigen ohnehin zu engen Gebieten verdrängte Bevölkerung zu gewinnen, alle diese Völker über die römische Grenze ziehen. D.)

Der anfängliche Bundeskrieg der Markomannen, Quaden und Jazygen, dem diese Bewegung stets neues Material zuführte, ward dadurch nicht nur zu immer hellerer und allgemeinerer Lohe angefacht, sondern vorzüglich auch so nachhaltig genährt.

Man erinnere sich der Geschichte dieses Krieges. War doch der ersten Unglücksperiode für Rom, in welcher es wegen des Partherkrieges schwach war, in den Jahren 167–169 schon wieder die zweite gesühnter Waffenehre und siegreichen Vordringens gefolgt. Mußten dadurch nicht Mut und Streitkraft der Feinde äußerst geschwächt sein? Und doch, sobald nur der Kaiser den Rücken gewendet, sofortiger neuer Losbruch des Offensivkrieges: und zwar des furchtbarstenS. Kapit. c. 13 und 17. Eutrop. VIII, 12 und Dio c. 36, der es bewundert, daß M. Aurelius die Republik gerettet habe. seit dem punischen, der nur durch die verzweifeltsten Mittel zum Stehen gebracht werden konnte. Dies würde, da jene drei bis vier Grenzvölker Rom in seiner Vollgewalt doch nur wie Zwerge dem Riesen gegenüberstanden, undenkbar sein, wenn nicht die frische mächtige Bundeshilfe gotischer Germanen die materielle Kraft und die lebendige Erkenntnis der entscheidenden Wichtigkeit dieses unwiederbringlichen Moments den Verzweifelungsmut jener ersten Völker erhöht und gestählt hätten: (vor allem aber: jeder Vordermann wurde durch das Schwert des Nachmanns und durch den Hunger vorwärts getrieben. D.).

Noch mehr bestätigt dies der oben geschilderte Kriegsschauplatz, bei welchem Carnuntum des Kaisers Operationsbasis war, um sowohl den westlichen als den östlichen Völkern die Spitze bieten zu können. Letztere müssen daher durch die Karpaten, wo jetzt die Liptauer, Zipser (dessen Name sogar von den Gepiden abgeleitet wird), Saroscher, Sempliner und Unghvarer Comitate liegen, in die offene, zehn bis fünfzehn Meilen breite und gegen vierzig Meilen lange Lücke eingebrochen sein, welche der Sitz des Jazygenvolkes zwischen Donau und Theiss, d. i. zwischen Pannonien und Dakien bildete.

Sicherlich hätte dagegen, wäre der Hauptstoß von Nordost gekommen, das so stark befestigte westliche DakienIn der schon oben angeführten Monographie Ackners werden die jetzt noch erkennbaren Standorte von zehn jedenfalls stark befestigten, zum Teil sehr großen Städten, und von dreiundzwanzig römischen castris, d. i. befestigten Lagern und Kastellen fast durchaus im jetzigen Siebenbürgen nachgewiesen. – (Hauptwerk jetzt: Kaemmel, die Anfänge deutschen Lebens in Österreich, I. Leipzig 1879. D.) (Siebenbürgen) der Verteidigung zum Hauptstützpunkt dienen müssen.

Von besonderer Wichtigkeit ist, daß Capitolin (c. 14) schon in der ersten Kriegsperiode die Viktofalen neben den Markomannen als Haupturheber der römischen Unfälle, daher besonders der Niederlage unter Vindex anführt, welche, wie wir oben sahen, fast nur durch eine kombinierte Operation von West und Ost her erklärt zu werden vermag.

Nur im Bund mit den dort sitzenden Jazygen aber können die Viktofalen von dieser Seite her angegriffen haben. Eben diese aber werden von demselben Schriftsteller (c. 22) an die Spitze der zweiten östlichen Völkerreihe gestellt. Wirklich ist auch die so kühne Operation der Jazygen in der römischen Flanke, vor allem aber die erstaunliche Zahl der Gefangenen nur durch das Vertrauen auf die Bundeshilfe der gotischen Völker und durch deren Mitwirkung zu erklären.

Wir haben daher die Teilnahme letzterer am Markomannenkrieg auch für dessen Erfolge als höchst wesentlich zu betrachten.

Bei den Friedensschlüssen mit diesen Grenzvölkern befolgte Rom ein trefflich berechnetes System militärischer Grenzverteidigung und polizeilicher Überwachung: Fernhaltung von der Donau durch einen nicht zu betretenden Grenzrayon, Besetzung und Beobachtung ihrer Gebiete im Innern durch eine Reihe von Festungen, was wir freilich nur von dem der Markomannen und QuadenVon den Buren ist, wegen Ähnlichkeit der Verhältnisse, dasselbe vorauszusetzen, nicht aber von den Jazygen, weil isolierte Kastelle im Flachland nicht von sonderlicher Wichtigkeit waren, während sie im Gebirge die Pässe beherrschten. mit Sicherheit wissen, und strenge Regelung des Markt- und Reiseverkehrs.

Merkwürdig scheint nun, daß M. Aurelius den jenen beiden Völkern auf solche Bedingung gewährten Frieden den Jazygen so hartnäckig verweigerte, letztere vielmehr gänzlich vernichten wollte (παντάπασιν εκκόψαι) (sie waren ein Erzraubgesindel und ihre raschen Gäule machten sie den Grenzbewohnern besonders gefährlich. D.).

Als aber der Kaiser durch des Cassius Aufstand dennoch zum Frieden auch mit ihnen gezwungen ward, hatten sie sich den nämlichen, hinsichtlich der Entfernung von der Grenze sogar noch härteren Bedingungen als jene erstern, zu unterwerfen, wovon ihnen jedoch später vieles erlassen ward. Auch ward ihnen (nach Kap. 20) der Handelsverkehr mit den Roxalanen durch Dakien, wiewohl nur mit jedesmaliger Spezialerlaubnis des Statthalters, gestattet.

Außer den gedachten drei Völkern wurden nun auch noch die Buren anscheinend auf gleiche Weise behandelt. (Vergl. Dio c. 11, 13, 15, 16, 18, 19 und 20, sowie LXXII, c. 2 und 3.)

Den aus der Ferne zugewanderten heimatlosen Völkern hingegen (wenigstens manchen derselben D.) ward gewährt, was sie zu erbitten oder zu erzwingen gekommen waren – Aufnahme in das römische Gebiet.

Ausdrücklich wird dies von den Asdingen und Dankrigen (Dio c. 12), welche in Dakien Land empfingen, und von den Nariskern berichtet. Da aber derselbe Schriftsteller (c. 11) anführt, daß die um Frieden Bittenden teils in Dakien, teils in Pannonien, teils in Mösien und Germanien, teils in Italien selbst angesiedelt worden seien, so erhellt hieraus, daß die Zahl der Aufgenommenen eine große war.

Verschieden waren, je nach Verdienst und Leistungsfähigkeit, die Bedingungen der Kolonisation, indem einigen sogar das römische Bürgerrecht, einigen Grundsteuerfreiheit (ατέλεια, jus italicum), andern bleibender oder zeitweiliger Erlaß der Kopfsteuer (φόρος), andern auch fortwährende Getreidelieferung aus römischen Magazinen bewilligt ward.

Der Zweck dieser Maßregel war – der Feinde weniger, der Untertanen, vor allem der kriegstüchtigen, mehr zu bekommen. Obschon von den Angesiedelten die, welche um Ravenna wohnten, in aufständischem Gelüste sogar dieser Stadt sich zu bemächtigen strebten, daher von da in entferntere KolonienZeuß, S. 594 f., glaubt sogar noch in den in Quellen des 6. bis 9. Jahrhunderts am Abhang des Jura und an der Saone vorkommenden Warasci die Abkömmlinge jener, von Marc Aurel angesiedelten Narisker wiederzufinden. versetzt wurden, so scheint doch im ganzen die Sache sich bewährt zu haben (wie das ganze System, so lange das Reich stark genug war. den dann drohenden Gefahren zu begegnen – anders schon ein Jahrhundert später. D.).

Die Kolonien müssen auf kaiserlichen, durch Sklaven oder kündbare Kolonnen bebauten Domainen, hauptsächlich aber wohl auf Rodeland in Wäldern, wo dann auch wohl Getreidelieferung versprochen ward, gegründet worden sein, da M. Aurelius an Privateigentum auch Provinzialen sich gewiß nicht (bis zu völliger Entziehung D.) vergriffen hat: (vermutlich wurde das Prinzip der hospitalitas und der Teilung der Früchte angewendet D.; s. Einleitung).

Minder wichtig ist die Frage, ob der Friede von den Germanen durch römisches Geld erkauft wurde, wie dies Herodian (I, 6) von Commodus ausdrücklich anführt. »Die meisten Barbaren, sagt er, wurden durch die Waffen bezwungen; einige aber durch große Versprechungen leicht zum Frieden gebracht. Denn die Natur der Barbaren liebt das Geld: und die Gefahr gering achtend verschaffen sie sich entweder durch Überfälle und Einbrüche ihren Lebensbedarf oder bieten für hohen Lohn den Frieden feil. Dies wußte Commodus, erkaufte sich daher, des Geldes nicht schonend, gern die Ruhe, indem er ihnen das Geforderte vollständig bewilligte.«

Dies läßt sich auch mit Dio vereinigen. Jene Bezwungenen waren die Grenzvölker, welche nach dieses letzteren genauerem Berichte über die ersten Friedensschlüsse unter M. Aurelius nur zu leisten, nicht aber zu empfangen hattenDie Quaden hatten nach LXXI, c. 11 Pferde und Ochsen, die Markomannen nach LXXII, c. 21, nächst teilweiser Abgabe der Waffen, auch Getreide zu liefern, was ihnen jedoch später erlassen ward. Die zweifelhafte Stelle in Dio 15 von Abtretung der Hälfte des Grenzgebiets dürfte wohl nur so zu verstehen sein, daß M. Aurelius diese zuerst von den Markomannen gefordert, dies aber nachher auf den Streifen längs der Donau beschränkt habe, wogegen es nach der lateinischen Übersetzung scheinen könnte, als hätten sie umgekehrt Land empfangen. Das Anführen Capitolins in der verworrenen Stelle c. 22: accepitque in deditionem Marcomannos, plurimis in Italiam traductis kann hinsichtlich einer kleinen Abteilung wahr sein., wenn nicht vielleicht für die zu stellenden Militärkontingente außer dem Solde derselbenDiese Kontingente, welche ja in ferne Provinzen dislociert wurden (wie nach in obigem in Britannien), gehörten offenbar zu denen, die als geworbene zu verstehen sind und jedenfalls Sold empfingen. auch an das Volk etwas gezahlt worden ist. Unter denselben Bedingungen im Wesentlichen schloß aber (nach LXXII, 2 und 3) auch Commodus ab mit dem einzigen, aber folgenschweren Unterschiede, daß er die festen Plätze im Innern der germanischen Volksgebiete ganz aufgab. Dagegen wird von Battarius (c. 11), von den Asdingen (c. 12) das Empfangen und von den Cotinen (ebenda) wenigstens das Verlangen von Geld so bestimmt versichert, daß wir das bei denen, welchen Aufnahme bewilligt wurde, als etwas allgemein Hergebrachtes – gewissermaßen als ein Handgeld, dem künftigen Solde unbeschadet, – zu betrachten haben.

Daher dürfte sich denn auch Herodians Tadel des Commodus wohl mehr auf den wider Marc Aurels Absicht (der, so oft getäuscht, völlige Vernichtung, mindestens unbedingte Unterwerfung der Feinde anstrebte) geschlossenen Frieden überhaupt als auf dessen Bedingungen beziehen.

Schließlich bedarf es noch der Bemerkung, daß von den östlichen Völkern die Costuboken wieder in ihrer Heimat erscheinen, wo sie (nach Dio 12) von den Asdingen besiegt wurden, von den Bastarnen und Peukinen aber sowie von den Alanen und Roxalanen hier zunächst gar keine Nachricht weiter sich findet. Sie mögen sich daher wohl von der Grenze zurückgezogen haben, wenngleich einzelne derselben, mindestens von den ersteren, auch wohl Aufnahme gefunden haben können.

Überblicken wir nun noch einmal das Gesamtergebnis dieses Kapitels, so tritt uns in solchem entgegen in lebendiger Fortentwickelung der geschilderten Urkeime der germanischen Verfassung die Entstehung neuer Gruppen und Bündnisse, aus Waffengenossenschaft hervorgegangen; hierin ein politischer Fortschritt der Germanen – dies alles aber, teils zusammenfallend mit, teils hervorgegangen aus der ersten großartigen Wanderung germanischer Völker, der Zweige aller Goten, von den Mündungen der Weichsel zur niederen Donau, vom baltischen zum schwarzen Meere.

Dies Zusammenwirken innerer und äußerer Bewegung ist es nun, durch welches der Markomannenkrieg zu einem wichtigen vorbereitenden, ja bereits ausführenden Schritt des großen Zertrümmerungs- und Neugestaltungswerkes geworden ist, welches wir die Völkerwanderung nennen.

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