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Geschichte der Völkerwanderung

Felix Dahn: Geschichte der Völkerwanderung - Kapitel 14
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Völkerwanderung
authorFelix Dahn
firstpub1880
year1997
publisherPhaidon Verlag
addressEssen
isbn3-88851-198-4
titleGeschichte der Völkerwanderung
created20051128
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Erstes Kapitel
Der Markomannenkrieg

a) Allgemeiner Überblick

Bereits im Jahre 165 spätestens muß (nach Kap. M. Aur. 13) der Krieg mit den Markomannen, vermutlich auch Quaden, begonnen haben, durch die Legaten jedoch bis zum Jahre 167 hingehalten worden sein. In diesem, wo nicht schon 166, überschritten die Feinde, wahrscheinlich im Bunde mit östlicheren Barbaren, die karnischen Alpen und rückten, nachdem sie den praefectus praetorio Macrinus Vindex mit einem Teil seines Heeres niedergehauen hatten, bis Aquileja am adriatischen Meere im alten Italien vor. (Kap. M. A. 14.)

Schrecken entstand in Rom, wo zugleich die Pest, man glaubte durch das orientalische Heer eingeschleppt, wütete.

Da zog Kaiser Marcus Aurelius mit dem unwillig folgenden Lucius Verus in Person gegen die Feinde aus. Als die Kaiser mit dem Heere nahten, baten diese (was aber auch vielleicht schon vorher in Folge der Kunde des Anzugs geschehen sein kann) um Frieden, den Lucius gewähren wollte, Marcus aber, die List durchschauend, verweigerte.

Beide überschritten bald die Alpen, trieben die Barbaren siegreich über die Donau zurück, stellten den Grenzschutz, im Wesentlichen wenigstens, wieder her, und kehrten darauf im Winter (nach Tillemont im Dezember 168, nach Eckhel, p. 57 und 94, im Januar 169) nach Rom zurückGalenus, der die Kaiser begleitete, sagt περὶ τω̃ν ιδίων βιβλίων T. IV, p. 362, daß die Pest zu Aquileja, wo sie sich damals aufhielten, so arg gewesen, daß sie mit wenigen Soldaten nach Rom geeilt seien., auf welcher Reise Verus bei Altinum (unweit Venedig) an einem plötzlichen Schlagfluß starb. Marcus widmete dessen Andenken die größte Verehrung, wozu damals vor allem die Apotheose gehörte, legte selbst aber die Beinamen Armeniacus, Parthicus und Medicus, da er sie nur dem Verus verdankte, sogleich wieder ab.Tillemonts Irrtum, der Verus' Tod, wahrscheinlich durch Capitol. Ver. 11 verleitet, sogar in das Jahr 924 (171) verlegt, wird durch Eckhel, p. 58, schlagend widerlegt, und erklärt sich dadurch, daß ersterer die a. a. O. beschriebene Münze nicht gekannt hat.

Der Krieg gegen die Germanen dauerte aber nicht nur fort, sondern gewann auch, anscheinend noch in diesem Jahre, durch Hinzutritt neuer Bundesgenossen (Kapit. 22) jene gefahrdrohende Ausdehnung, welche das Aufgebot so außerordentlicher Geld- und Menschenkräfte erforderte, daß Marcus Aurelius sich genötigt sah, das kaiserliche Mobiliar öffentlich versteigern zu lassen, germanische Söldner anderer Stämme anzuwerben, aus Sklaven und Gladiatoren abgesonderte Heerhaufen zu bilden, ja sogar Straßenräuber unter die Legionen zu stecken. Wie jedoch diese außerordentliche Rekrutierung auch später fortgesetzt worden sein mag, so wird auch jene Versteigerung (von Eckhel), wohl ohne Beweis, in das Jahr 170 gesetzt.Die von ihm selbst p. 57 und 58 beschriebene Münze vom Jahre 169 mit der Aufschrift: M. Antonius Aug.Tr.P.XXII. liberal. Aug. V. Cos. III. und dem Avers Prof. Aug., macht es wahrscheinlicher, daß er das Donativ, worauf sich die liberalitas bezieht, aus dem Mobiliarerlös vor seinem Aufbruch zum Heer bewilligte. Unzweifelhaft ist dies alles aber im Wesentlichen schon 169 geschehen, was auf vorhergegangene erhebliche Unfälle der Heere schließen läßt, welche auch die große Anzahl gefangener Römer, von der weiter unten die Rede sein wird, bestätigt.

Der Aufbruch muß (nach der von Eckhel, p. 58, beschriebenen Münze) noch zu Ende des Jahres 169 erfolgt sein.

In den ersten drei Jahren dieses furchtbaren Krieges muß Carnuntum (Petronell, unweit Preßburg) der Stützpunkt und das Hauptquartier M. Aurels gewesen sein. (Eutrop. VIII, 13.) Der Kampf blieb anscheinend zunächst ohne Erfolg, da erst im Jahre 171, in welches die zehnjährige Regierungsfeier M. Aurels fiel, eine Siegesmünze und der Titel Imp. VI. erscheint.

Ruhmreicher mag das Jahr 172 geworden sein, von welchem wieder eine Siegesmünze mit Darstellung eines Brückenüberganges über die Donau (wohl der von Capitol. 21 erwähnte Sieg über die Markomannen) und zuerst der Beiname Germanicus sich findet.

Das folgende Jahr scheint es gewesen zu sein, in welchem das Heer mit dem Kaiser von den Quaden eingeschlossen, dem Verdursten nahe, nach Dios umständlicher Beschreibung (c. 8) durch ein plötzliches gewaltiges Gewitter, das die Heiden der Wunderhilfe Mercurs, die späteren christlichen Schriftsteller dem Gebete der aus Christen bestehenden Legio fulminatrix zuschreiben, Rettung und Sieg, M. Aurel auch den Titel Imp. VII. gewann, der jedoch erst, weil dazu unstreitig die Genehmigung des Senats zu erwarten war, im folgenden Jahre auf den Münzen erscheint, während die des Jahres 173 die Aufschrift Germania subacta und den Tempel Mercurs mit dem eine Schale darreichenden Gott enthalten.

Vielleicht schon in das Ende dieses, jedenfalls aber in den Anfang des nächsten Jahres scheinen die Friedensschlüsse mit den Quaden, Markomannen und den kleineren Völkerschaften zu fallen, so daß im Wesentlichen nur noch die Jazygen im Felde blieben, durch deren Besiegung der Kaiser sich im Jahre 170 die Beinamen Sarmaticus und Imp. VIII. erwarb, gleichwohl aber, durch die Nachricht von dem Aufstand des Cassius in Syrien zum Friedensschluß bewogen ward, der durch mehrere vorher erfochtene Siege oder mindestens erlangte Vorteile seiner Feldherren erleichtert worden sein mag. (Dio 17 und 27.)Über die von Kap. 27 erwähnten Siege vergl. weiter unten.

Der Kaiser ward in den Orient abgerufen. Aber an der Donau war inzwischen der Krieg wieder entbrannt, den wahrscheinlich abermals die Quaden und Markomannen begonnen hatten. Gewiß ist, daß des Kaisers Legaten, die beiden Quintilier, der Aufgabe nicht mehr gewachsen waren (Dio c. 33), was wohl in dem erneuten Hinzutritte anderer Völker, jedenfalls der Jazygen, seinen Grund gehabt haben mag.

Von jetzt an verläßt uns alle Sicherheit der Chronologie. Da Capitol. c. 27 ausdrücklich sagt, daß der Krieg hierauf von M. Aurel noch während dreier Jahre geführt worden sei (triennio bellum postea egit), derselbe aber im März 180 verschied, so muß er sich schon 177 wieder zur Armee begeben haben, in welchem er auch nach den Münzen (Eckhel, p. 63 a. Schl.) Imp. IX. wurde. Gleichwohl sagt Lampridius (in Com. 12) ausdrücklich, daß Commodus erst im Jahre 178 dahin aufgebrochen sei, und aus Dio (c. 33) erhellt, daß dies, wie ohnehin selbstverständlich, in Begleitung seines Vaters geschehen sei (οι αυτοκράτορες εξεστράτενσαν, wobei sich der Plural auf Commodus, der bereits Imperator genannt wurde, bezieht). Vielleicht erklärt sich der scheinbare Widerspruch dadurch, daß M. Aurel für seine Person, zur Rekognoszierung der Sachlage, schon im Jahre 177 zur Armee ging, noch in demselben aber wieder zurückkehrte, und erst im Jahre 178, und zwar den 5. August, wahrscheinlich nach Zusammenziehung neuer Streitkräfte, mit Commodus feierlich ausgezogen ist.

Gewiß ist nur, daß er vom August 178 bis zu seinem Tode im Feldlager blieb, im Jahre 179 durch Paternus noch eine Hauptschlacht, die einen ganzen Tag dauerte (Dio 33) und den Titel Imp. X. gewann.

Bei diesem Kriege haben wir jedoch eine doppelte Aufgabe zu erfüllen, indem dessen Geschichte selbst und die Erscheinungen und Abwandlungen darzustellen sind, welche im nationalen Leben der Germanen dieser Zeit so bedeutungsvoll hervortreten.

Leider ist die erste derselben völlig unlösbar, weil es unmöglich ist, aus den verworrenen Spezialnotizen der Quellen irgendwie Ordnung, Zusammenhang und Überblick zu gewinnen: die zweite aber, wenn gleich höchst anziehend, doch sehr schwierig.

b) Die Zeitfolge der Ereignisse

Das wenige, was sich über die Geschichte des markomannischen Krieges sagen läßt, besteht, wenn wir das obige genauer untersuchen, etwa in folgendem.

Wir haben es zuvörderst hier nicht mit einem, sondern mit zwei durch die Friedensschlüsse in den Jahren 174 und 175 voneinander getrennten Kriegen zu tun.

Im ersten, der nach Capitolinus XIII.Dum Parthicum bellum geritur natum est Marcomannicum. Indes läßt der unmittelbare Nachsatz: quod diu eorum, qui aderant, arte suspensum est, auf einen noch früheren Ausbruch, vielleicht im Jahre 164, schließen. Nur bis auf die nächste Zeit nach M. Aurels Regierungsantritt kann nach Capitol. 8 nicht zurückgegangen werden. mindestens schon im Jahre 165 begonnen haben muß, lassen sich drei Abschnitte unterscheiden.

I. Vom Ausbruch bis zur persönlichen Teilnahme der Kaiser.

Der Beginn der Feindseligkeiten, über deren Veranlassung im nächsten Kapitel mehr zu bemerken sein wird, scheint von den Markomannen ausgegangen zu sein, die – etwa von Passau ab – bis zur March nördlich der Donau saßen, wie dies schon die Benennung des Krieges vermuten läßt. Höchstwahrscheinlich haben sich ihnen schon damals die benachbarten Quaden angeschlossen. Zunächst waren es vielleicht nur einzelne Gefolgschaften, welche, über die Donau setzend, auf verschiedenen Punkten räuberisch in Noricum einfielen, das nur schwach besetzt gewesen sein mag, da unter Tiberius wenigstens (nach Tacit. IV, 5) keine Legion ihren Standort daselbst hatte, die Hut dieser Provinz also wahrscheinlich den beiden pannonischen Legionen mit anvertraut war. Das dem kleinen Krieg so günstige Gebirgsterrain wird den Erfolg erleichtert und das ganze Volk nebst den Quaden zur Teilnahme verlockt haben, so daß die Germanen es bald wagten, den konzentrierten, jedoch durch Überfälle und Vernichtung einzelner Abteilungen bereits geschwächten Heerhaufen der Römer selbst entgegenzutreten: (nachdem die Schwäche der römischen Besatzungen ausgekundschaftet war, setzten sich ganze Gaue des Volkes in Bewegung, über den Boden des Reiches sich auszubreiten. D.).

Der von Vulcatius Gallicanus (in Avidius Cassius Kap. 4) berichtete Vorgang, daß dieser als Befehlshaber an der Donau die Centurionen einer Abteilung von Auxiliartruppen um deswillen habe kreuzigen lassen, weil sie ohne Ordre 3000 feindliche Sarmaten jenseits dieses Stroms überfallen und niedergehauen hätten, kann nicht in diesem Kriege stattgefunden haben.

Die Sendung des Cassius nach dem Orient muß nämlich, wo nicht schon im Jahre 161, doch spätestens 162 erfolgt sein, da sie sicherlich sogleich auf die daselbst erlittenen Unfälle verfügt ward, der Markomannenkrieg aber (s. oben) damals noch nicht begonnen haben kann. Jener Beweis von Strenge kann sich daher nur unter Antoninus Pius ereignet haben, unter welchem (nach Capitol. Anton. Pius c. 5) ebenfalls Kämpfe mit Germanen und Daken statthatten. Die Erwähnung der Sarmaten in Cass. 4, während Anton. 5 nur Daken genannt werden, ist aber bei einem an sich so unzuverlässigen Schriftsteller wie jener obige viel zu unerheblich, um als Gegenbeweis gelten zu können. Auch paßt dessen Nachsatz: die Barbaren hätten, vom Schrecken solcher Kriegszucht erschüttert, den abwesenden Antoninus um hundertjährigen Frieden gebeten, nur auf Pius, nicht auf dessen Nachfolger.

In die letzte Zeit dieses Kriegsabschnitts muß nun jedenfalls der Sieg der Germanen über den römischen praefectus praetorio, den Dio (c. 3) Macrinus Vindex, Capitolinus (c. 14) aber Furius Victorinus nennt, gefallen sein.Bei oberflächlicher Lesung der Quellen konnte es nach der Reihenfolge der Erwähnung jener Niederlage scheinen, als ob sie erst später, d. i. nach dem Eintreffen der Kaiser im Felde, erfolgt sei. Genauere Prüfung, besonders in Verbindung mit der weiter unten anzuführenden Stelle Lucians, beseitigt jedoch jeden Zweifel hierüber so entschieden, daß es unnötig scheint, dies weitläufiger auszuführen. Eben jene Niederlage und die Belagerung Aquilejas waren es ja, welche die Kaiser in das Feld riefen. Am wenigsten würde übrigens aus Lucians Anführen, daß M. Aurelius damals mit den Markomannen und Quaden in Krieg verwickelt gewesen sei, notwendig auch dessen persönliche Anwesenheit im Heere zu folgern sein. Hinsichtlich des Namens des Präfekten verdient Dio um so mehr höheren Glauben, weil er c. 3 anführt, daß M. Aurelius ihm drei Bildsäulen habe setzen lassen, die derselbe doch gewiß selbst gesehen hatte.

Es ist nach unserer Terrainkenntnis nicht unwahrscheinlich, daß dieser in Steiermark zwischen dem Semmering und Graz im Murtal erfochten worden sei, wohin die Markomannen wohl von Westen her durch die Täler der Salzach und oberen Ens nach Brück hin vorgedrungen waren.

Nun sagt Capitolinus zu Anfang des 14. Kapitels:Profecti itaque sunt paludati ambo imperatores, Victovalis et Marcomannis cuncta turbantibus, aliis etiam gentibus, quae pulsae a superioribus barbaris fugerant, nisi reciperentur, bellum inferentibus.

»Als die Viktofalen und Markomannen alles zerrütteten, auch andere, von oberen Barbaren verdrängte Völker, wenn ihnen nicht Aufnahme gewährt wurde, kriegerisch einfielen, brachen beide Kaiser im Kriegsgewand auf.«

Da nun sowohl die Viktofalen als jene anderen später genannten Völker, wie im nächsten Kapitel nachgewiesen werden wird, unzweifelhaft östliche waren, dieser ganze eben dadurch so höchst merkwürdige Krieg aber den ersten Fall offensiver Völkerbündnisse der Germanen gegen Rom darbietet, so liegt es sehr nahe, die nun folgende Niederlage des praefectus praetorio aus einem kombinierten Kriegsplan der Art zu erklären, daß ein östliches Heer, in das von Truppen entblößte Pannonien einfallend, die Römer durch das Drautal umging und im Rücken angriff. Da übrigens der Gardebefehlshaber, der mit ungefähr 20 000 Mann (Lucian, Alexander Pseudomantes. Opera. XXXII. 48) in jener Schlacht blieb, unmöglich vorher schon in Pannonien und Noricum kommandiert haben kann, so scheint er erst, der mißlichen Sachlage halber, dahin abgesandt worden zu sein. Infolge dieses Sieges, der entweder in die letzte Hälfte des Jahres 166, oder, was wahrscheinlicher, in die erste des Jahres 167 fällt, überschritten nun die Germanen die Alpen und drangen bis Aquileja im alten Italien (im heutigen Friaul), welches sie belagerten, ja dem Falle nahe brachten, siegreich vor. (Dio c. 3, Capitol. c. 14 und Lucian, Zeitgenosse, a. a. O.)

II. Vom Aufbruch der Kaiser im Jahre 167 bis zu deren Rückkehr und Verus Tod zu Anfang des Jahres 169.

Zur Verteidigung Italiens zogen pflichtgetreu M. Aurel, unwillig der schwelgerische, aber doch Folge leistende Verus in das Feld. Ein starkes Heer muß ihnen gefolgt sein, wozu die Rückkehr eines Teils des parthischenDies ergibt sich auch aus der später genannten legio fulminatrix, deren ordentliches Standquartier in Kappadokien war. die Füglichkeit gewährt haben mag. Der Augenblick drängte, Furcht, zugleich mit Hungersnot und Pest, herrschten in Rom. Aber die bloße Erscheinung, wahrscheinlich schon die Kunde des Anzugs wirkte.

Die Schwäche des RömerheersIn dem oberen Mösien wie in dem östlichen Dalmatien kann höchstens je eine Legion noch gestanden haben, ersteres aber war selbst bedroht. Die nächste westliche Legion lagerte in Vindonissa (im Kanton Argau am Zusammenfluß der Aar und Limmat), das übrige germanische Heer von noch sieben Legionen diente, neben Galliens Besetzung, hauptsächlich zur Hut der Rheingrenze, welche man nie wesentlich zu entblößen gewagt zu haben scheint. hatte den Sieg gefördert, einem frischen stärkeren Heere fühlten sich die Barbaren nicht gewachsen. Auch war ja der nächste Zweck ihrer Kriege, reiche Raubbeute, die man nun sichern wollte, bereits erreicht, an dauernde Niederlassung auf Reichsboden für jetzt nicht zu denken. Sie baten um Frieden, den Marcus verweigerte. Von dem ferneren Kriegsverlaufe wissen wir nur, daß die Germanen über die Alpen zurückgetrieben und im Jahre 168 durch Marcus selbst in einer Hauptschlacht glänzend besiegt wurden (ισχυροτάτον αγω̃νος καὶ λαμπρα̃ς νίκης Dio c. 3), indem sich der Titel Imp. V., der auf den Münzen dieses Jahres zuerst vorkommt, auf gedachte Angabe Dios beziehen muß. Aus des Capitolinus Worten am Schluß des Kap. 18: »Hierauf drangen sie, nach Überschreitung der Alpen, weit (longius) vor, und ordneten alles, was zum Schutze (ad munimen) Italiens und Illyricums gehörte«, ist ferner abzunehmen, daß die Germanen wieder über die Donau zurückgedrängt und alle befestigten Plätze wieder genommen und hergestellt wurden.

III. Von dem Tode des Verus zu Anfang 169 bis zu den Friedensschlüssen im Jahre 175.

Gebeugt, aber nicht gebrochen, waren Mut und Kraft der Donau-Germanen. Neue Bundes- oder doch Streitgenossen traten, von der im folgenden Kapitel zu erklärenden großen Völkerbewegung gedrängt, auf den Plan.

Da entbrannte, nach des Kaisers Rückkehr in die Hauptstadt, aufs neue, aber ungleich furchtbarer als zuvor, der Krieg. Gleichzeitig von allen Seiten her mögen die Angriffe erfolgt, manche Plätze und Besatzungen in die Hände der Feinde gefallen sein. Noch wütete dabei in Rom die Pest. Marc Aurel aber stand über jeglicher Gefahr, schaffte auf die oben bemerkte Weise Geld und Menschen herbei und eilte noch vor Ende des Jahres 169 wieder zur Armee.

Vom ferneren Verlauf wissen wir nur, daß er den Krieg an der Donau, wo er in Carnuntum, unweit Preßburg, dem Einfluß der March gegenüber, sein Hauptquartier hatte, zum Stehen brachte. Von diesem Operationspunkt muß er sich bald gegen diese, bald gegen jene der konzentrisch andringenden Feinde gewendet haben, wobei die Besiegung der einen ihm dann Zeit und Mittel gleichen Vordringens gegen die andern gewährte, was aber, da die weite Peripherie selbstredend nicht ganz unverteidigt bleiben konnte, Niederlagen oder mindestens Verluste seiner Unterfeldherren auf andern Punkten nicht ausschließt. Diese müssen sogar, nach der später zu erwähnenden großen Anzahl gefangener Römer, bedeutend gewesen sein.

Dio beginnt nun das offenbar von diesen Feldzügen handelnde achte Kapitel mit den Worten: »Durch viele und große Kämpfe (αγω̃σι) und Gefahren unterwarf Marcus die Markomannen und Jazygen.« Gleichwohl finden wir nur drei Hauptschlachten und Siege in den Quellen verzeichnet, deren erster im Jahre 170 (nurEs ist zwar möglich, aber nicht wahrscheinlich, daß dieser Sieg mit dem von Dio schon in c. 3 erwähnten identisch sei. Man müßte denn annehmen, der Titel Imp. V., der allerdings zuerst auf den Münzen von 169 mit dem Beisatz Restitutori Italiae erscheint, sei nicht durch jenen Sieg, sondern durch das Ergebnis des Kriegs überhaupt erlangt worden.

Dies würde aber dem Brauch zuwider gewesen sein, auch finden sich M. Aurels Titel, weil er erst die Bestätigung des Senats dafür abwartete, in der Regel erst auf den Münzen des folgenden Jahres. Nicht minder sprechen andere äußere wie innere Gründe dafür, daß der (Dio 3) gedachte Sieg dem früheren Feldzug 168 angehörte.

aus einer von Eckhel, p. 58 f., beschriebenen Münze bekannt) Marc Aurel wahrscheinlich den Titel Imp. VI. verschaffte.

Unstreitig hatte dieser Schlag die Markomannen getroffen, da Dio sie in obiger Stelle ausdrücklich und zwar zuerst erwähnt, die späteren aber über Jazygen und Quaden erfochten wurden.

Der nächste ist der (von Dio c. 7 beschriebene) Sieg über die Jazygen. Dieser (nach Florus III, 4) schon über siebzig Jahre v. Chr. in den Niederungen von Donau und Theiß seßhafte, sarmatische Stamm muß im Winter 171/72, die Donau zwischen Pest und Peterwardein überschreitend, Pannonien in der rechten Flanke der Römer angegriffen haben. Zuerst auf dem Lande besiegt, glaubten sie auf der gefrorenen Donau den des Manövrierens auf dem Eis unkundigen Römern überlegen zu sein, fanden aber, nach Dios sehr umständlicher Beschreibung, auch hier ihre Meister. Die sorgsame Ausbildung der Legionssoldaten in allen Leibesübungen, besonders aber deren Geschicklichkeit im Ringkampf, da das Gefecht zuletzt in solches Ringen auf dem Eis ausartete, überwältigte die Jazygen. Auch mag die Körperkraft dieses mehr zu Rosse fechtenden Reitervolkes der der Germanen nicht gleichgekommen sein. Nur wenige des großen Haufens sollen entkommen sein.

Daß M. Aurel selbst an der Schlacht Teil genommen und einen Imperator-Titel erlangt habe, ist aus den Schriftstellern nicht zu ersehen, obwohl eine (p. 60 von Eckhel beschriebene) Münze, welche den Donauübergang des Kaisers auf einer Schiffbrücke darstellt, dies anzudeuten scheint.

Wenn überdies auf sämtlichen Münzen dieses Jahres der Name »Germanicus« vorkommt, so kann sich dies nur auf obigen Sieg über die Markomannen, nicht aber auf den über die Jazygen beziehen, da M. Aurel erst nach deren gänzlicher Überwindung im Jahre 175 den Ehrennamen Sarmaticus empfing

Durch den Sieg über die Jazygen in seiner rechten Flanke gesichert wandte sich M. Aurel nördlich gegen die Quaden, die in Oberungarn westlich der Gran seßhaft waren, an welcher derselbe, wahrscheinlich im Winter 172/73, sein Winterlager hatte, wie sich aus der Unterschrift des II. Buches seiner Selbstbetrachtungen ergibt. Diesen gelang es aber, in den dortigen Gebirgen im Hochsommer 173 dessen Heer durch Übermacht dergestalt ein- und namentlich von allem Wasser abzuschließen, daß die Quaden in der Hoffnung, Hitze und Durst allein würden die Römer vernichten, bereits im Kampf nachließen, als ein furchtbares Gewitter mit ungeheurem Regenguß letzteren Rettung brachte. Die Wundersucht der Alten, wie der Heiden so der späteren Christen, schrieb dies Naturereignis einem Wunder zu, das nach Dio ein ägyptischer Magier durch Anrufung Merkurs und anderer Dämonen, nach Xiphilin, einem Christen des elften Jahrhunderts, der dies lächerlich macht, das Gebet einer ganz aus Christen bestehenden Legion, die eben deshalb den Beinamen κεραυνοβόλον, fulminatrix (falminata), erhalten, hervorgerufen haben soll. Letzterer hat hierbei dadurch, daß er den Ursprung jener Bezeichnung, welche die zwölfte Legion bereits unter August führteDio nennt solche IV, 23 κεραυνοφόρον (i. e. τάγμα), was dasselbe ist. In den von Beck.-Marq. III, 2 S. 353, not. 2007 zitierten Inschriften wird sie fulminata genannt., von jenem Vorfall ableitet und die Möglichkeit einer schon im Jahre 173 ausschließlich aus Christen bestehenden Legion annimmt, sich eines groben Mangels an Kritik schuldig gemacht. Das in alten Kirchenvätern, jedoch nicht von Eusebius, der die Sache nur als Gerücht erwähnt, uns aufbewahrte, Xiphilins Anführen bestätigende Schreiben Marc Aurels an den Senat trägt aber so unverkennbar den Charakter der Fälschung an sich, daß es zu dessen Unterstützung nicht dienen kann.Gründliche Widerlegung Xiphilins und zwar durch einen streng katholischen Schriftsteller findet sich schon in Fr. L. Graf zu Stollberg, Geschichte d. Relig. Jesu 8. Bd. XVII, S. 77–91.

Die auf jenen Sieg bezügliche Münze vom Jahre 173 (s. Eckhel, p. 60) stellt den Merkur dar, dem ein Opfer gebracht wird, während auf der Denksäule M. Aurels in Rom der in der Luft schwebende Jupiter Pluvius (ein Greis mit triefendem Haar, dem Blitze entströmen) jenes Ereignis andeutet.

Das Heer rief den Kaiser sofort zum Imperator VII. aus, obwohl dieser Titel erst auf den Münzen des Jahres 174 erscheint. (Dio 9 und 10. Capitol. 24.)

Die römische Waffenehre, der Zauber römischer Macht war wiederhergestellt: die Völker baten um Frieden, dessen Verhandlungen nebst deren Folgen von Dio (Kap. 11–16, 18 und 19) ausführlich berichtet, jedoch erst unten näher zu beleuchten sein werden.

Nächst der aus dieser Kriegsgeschichte unzweifelhaft hervorgehenden Tatsache des Bündnisses der verschiedenen Völker gegen Rom, ist besonders die große Zahl gefangener Römer bemerkenswert, welche nach Dios Angabe auf zahlreiche, aus den Quellen gleichwohl, bis auf jene erste im Jahre 167, nicht ersichtliche Niederlagen und Unfälle der Römer, im kleinen Kriege besonders, schließen läßt.

Die Quaden, mit welchen zuerst abgeschlossen ward, versprachen Überläufern und Gefangenen zunächst 13 000 (c. 11), und nach dem dies, wenn auch nicht vollständig, bereits geschehen war, später bei erneuter Verhandlung (c. 13) noch 50 000 auszuliefern. Von den Markomannen, obwohl sie nur unter denselben Bedingungen Frieden erhielten, wird die Zahl (c. 15) nicht angegeben, die Jazygen aber stellten allein 100 000 Gefangene zurück, so daß die Gesamtzahl, zumal die Friedensschlüsse mit kleineren Völker- und Gefolgschaften nicht speziell erwähnt sind, auf 200 000 anzuschlagen ist. Man hat jedoch zu vermuten, daß hierbei die östlichen Völker gotischvandalischen Stammes unter den Jazygen, als deren Bundesgenossen, mit begriffen worden sind, da es schon nach der eigenen durch die bekannte Ausdehnung ihres Gebiets bedingten Volkszahl dieses Sarmatenstammes nicht denkbar ist, er habe für sich allein 100 000 Gefangene in Besitz gehabt. Auch mag der größte Teil letzterer nicht aus römischen Bürgern, sondern aus Auxiliartruppen keltischer und germanischer Abkunft, so wie aus dem im Drange der Not ausgehobenen Gesindel bestanden haben, zumal aus c. 13 hervorgeht, daß ein Teil der Gefangenen im feindlichen Lande Familienverbindungen eingegangen hatte, was von echten Römern minder wahrscheinlich ist.

Da übrigens den Jazygen der Friede nach c. 16 zunächst verweigert und erst im Jahre 175 auf die Nachricht von Cassius Aufstand gewährt ward (c. 16 und 17), dürften die Kämpfe mit ihnen noch bis in letzteres Jahr siegreich gedauert haben, was durch die Titel Sarmaticus und Imp. VIII. auf einem Teile der Münzen dieses Jahres (Eckhel, p. 64) bestätigt wird, wobei jedoch erstere Bezeichnung auch auf deren durch den Frieden bekundete Überwindung allein sich beziehen könnte.

Wenn nach Dio (c. 27) aber Marcus noch im Augenblick seines Aufbruchs nach dem Orient gleichzeitig mit der Meldung von dem Tode des Cassius viele Siege seiner Legaten über verschiedene Barbaren angezeigt wurden, so können diese nicht vor, sondern erst nach dem bereits c. 18 berichteten Frieden mit den Jazygen erfochten worden sein. Dies ergibt nämlich nicht nur die Reihenfolge der Erwähnung, sondern auch die Natur der Sache, da Marcus nach c. 18 zu jenem Frieden wider seine Überzeugung (παρὰ γνώμην) nur durch des Cassius Aufstand bewogen ward, der Vertrag also vor der Nachricht von dessen Ermordung geschlossen worden sein muß.

Wohl aber scheinen hierauf, selbst nach den Friedensschlüssen mit den Hauptvölkern, von einzelnen Gefolgschaften anderer Völker noch Feindseligkeiten auf eigene Faust fortgesetzt worden zu sein. Jedenfalls ersehen wir aus c. 20, daß die zum Grenzschutz ergriffenen Maßregeln die Quaden und Markomannen bald wieder erbitterten. Der Frieden bedang, daß sie nur in der Entfernung einer deutschen Meile (die Jazygen zwei Meilen) von der Donau ab wohnen durften. Um dies zu überwachen, waren zahlreiche Kastelle, in denen 20 000 Mann lagen, jenseits des Stroms und zwar (nach Dio LXXII, 2) teilweise auch im innern Lande der Germanen, errichtet worden, deren Befehlshaber nun die Völker nicht nur an der ökonomischen Benutzung dieses Grenzstreifens hinderten, sondern auch Überläufer und Gefangene von ihnen aufnahmen. Darüber erbittert wollten die Quaden zu den Semnonen auswandern, wurden aber durch Besetzung der Pässe daran behindert. Das dürfte in der Richtung der jetzigen Straße nach Prag geschehen sein und beweist ebenfalls die Aufstellung zahlreicher und leicht disponibler Streitkräfte in den festen Plätzen des Innern.

Von dem zweiten Kriege, seinem Anlaß und Verlauf wissen wir noch ungleich weniger als von dem früheren. Dio sagt nur (c. 33), daß die Sachlage, weil des Kaisers Legaten, die beiden Quintilier, obwohl tüchtige Feldherren, den Krieg nicht zu beendigen vermocht hätten, dessen eigene Gegenwart wieder erfordert habe. Mutmaßlich mochte, nach des Kaisers Abmarsch in den Orient, der Friede die Germanen gereut, daher die vorbemerkten und andere Gründe sie um so leichter wieder zu allgemeinerer Erneuerung der Feindseligkeiten gereizt haben. M. Aurel dürfte aber bereits im Jahre 177 und sodann anderweit mit Commodus am 5. August 178 in das Feld gezogen sein. Auch ist nach Dios Äußerung anzunehmen, daß der durch den Titel Imperator IX. auf mehreren Münzen des Jahres 177 (s. Eckhel, p. 63 f.) bezeugte Sieg nicht schon vor, sondern erst nach des Kaisers Ankunft erfochten worden sei. Dagegen gehört der Hauptsieg durch Paternus, bei dem der Kampf einen ganzen Tag gedauert und das feindliche Heer durchaus niedergehauen worden sein soll, welchen Dio allein speziell hervorhebt, offenbar erst dem Ende des Jahres 179 oder dem Anfang des Jahres 180 an, da nur auf den Münzen dieses letzteren M. Aurelius noch vor seinem Tode als Imperator X. aufgeführt wird. Capitolinus gedenkt (c. 27) lediglich dessen dreijähriger Kriegführung gegen die Markomannen, Hermunduren, Sarmaten und Quaden, deren Länder er, bei nur ein Jahr längerem Leben, zu Provinzen gemacht haben würde.Des Casaubonus Vermutung, daß sich das Triennio bellum postea des Capitol. c. 27 nicht auf den zweiten, sondern auf den vorhergehenden Krieg beziehe, welche der gründliche Salmasius aber nicht billigt, ist offenbar falsch, da, abgesehen von dem postea, welches sich auf das vorhergehende: Deinde ad conficiendum bellum conversus bezieht, der frühere Krieg ja nicht bloß drei, sondern sechs Jahre dauerte.

Wie lange nach des Marcus Tode der Krieg unter Commodus fortgesetzt wurde, wissen wir nicht.

Nach Herodians bestimmtem Anführen ist zwar der Beschluß des Thronfolgers, Frieden zu schließen – vielleicht auch der Friede selbst, wenigstens mit den Markomannen, welche zuerst mit ihm in Verhandlung traten – unstreitig noch vor dessen Rückkehr nach Rom, wo er jedenfalls noch vor dem 22. Oktober 180 eintraf (s. Eckhel, 109), erfolgt, die weitere Ausführung und Vollziehung des Friedenswerkes aber doch wohl dessen Legaten überlassen und von diesen der Krieg gegen die meisten Völker noch einige, wenn auch nicht lange Zeit erfolgreich fortgesetzt worden. Hiernach dürfte der Friede erst im Jahre 181 zu vollständigem Abschluß gelangt sein.

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