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Geschichte der Universität

Wilhelm Maximilian Wundt: Geschichte der Universität - Kapitel 1
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authorWilhelm Wundt
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titleGeschichte der Universität
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Wilhelm Wundt

Geschichte der Universität

Leipzig, die zweitälteste Universität des Deutschen Reiches, unterscheidet sich in seiner ursprünglichen Organisation scheinbar in nichts von den anderen älteren Hochschulen. Wir dürfen hier so wenig wie anderswo an unsere heutigen Fakultäten denken. Ihr Gepräge gab diesen Universitäten vor allem die theologische Fakultät, der erst als spätere Ergänzungen die beiden für die weltlichen Berufe unentbehrlichen der Jurisprudenz und Medizin sich anschlossen, während unsere heutige philosophische Fakultät, die zur Verleihung des Doktortitels nicht berechtigt war, nur eine Vorbereitungsanstalt zu den übrigen bildete. Die eigentliche akademische Körperschaft bestand aber nicht aus den Fakultäten, sondern aus den nach ihren Heimatgebieten unterschiedenen "Nationen", die sich bei uns bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts erhalten haben, deren Wappen noch jetzt im westlichen Vorraum unserer Wandelhalle hängen und die bunten Glasfenster unseres Senatssaales schmücken. Dennoch gibt dieses Denkmal ihrer ältesten Vergangenheit der Geschichte unserer Hochschule ein eigenartiges Gepräge, das uns noch in manchen anderen ihrer Überlieferungen entgegentritt. Sie ist meines Wissens die einzige deutsche Universität, die nicht unmittelbar durch weltliche oder geistliche Fürsten, sondern durch die Körperschaft ihrer Lehrer und Schüler selbst ursprünglich entstanden ist. Es war ein Zwist, der uns an jüngst vergangene Ereignisse erinnert, und der, wie er vor wenigen Jahrzehnten zur Errichtung einer tschechischen Hochschule neben der ältesten deutschen Universität, der Prager, geführt hat, so im Jahre 1409 umgekehrt eine Anzahl von etwa 400 deutschen Magistern und Scholaren von Prag wegtrieb, um sich anderswo eine Stätte zur Pflege eines selbständigen Studium generale zu suchen.

Darum war es von Anfang an eine wesentlich abweichende Stellung, die diese Hochschule gegenüber ihren fürstlichen Nutritoren im Unterschiede von den aus der eigenen Initiative fürstlicher Gründer hervorgegangenen Stiftungen einnahm. Die sächsischen Fürsten haben, wie wenig andere in deutschen Landen, durch den Schutz und die Mittel, die sie ihr gewährten, die Universität zu fördern gesucht, von den Brüdern Friedrich und Wilhelm, den Land- und Markgrafen von Thüringen und Meißen, an, die die Eingewanderten mit Wohnhäusern, Privilegien und Einkünften beschenkten, bis auf Kurfürst Moritz, der der Universität auf Betreiben ihres tatkräftigen Rektors Kaspar Borner das umfangreiche Areal des alten Dominikanerklosters überwies, auf dem sich heute unser neuerbautes Hauptgebäude erhebt, und bis auf König Johann und seine zu ehrendem Gedenken an ihr der Universität erwiesenes Wohlwollen von der akademischen Körperschaft zu Rectores magnificentissimi gewählten Nachfolger. Doch bei allem dem hat sich diese Universität im Geiste jener Selbstgründung, aus der sie hervorgegangen, jahrhundertelang eine Autonomie bewahrt, wie sie wohl höchstens noch bei einigen jener alten italienischen Stadtuniversitäten vorgekommen ist, wo die akademische Körperschaft gelegentlich, wenn sie mit der Bürgerschaft der Stadt in Zwist geriet, in corpore auswanderte. Unsere Universität wählte frei ihre Rektoren und Beamten, verwaltete selbständig ihre Güter, berief wohl auch auswärtige Gelehrte, was aber selten vorkam, da der Aufstieg vom Scholaren zum Bakkalaren und Magister und, wenn das Glück besonders günstig war, zum Doktor der gewöhnliche Verlauf eines akademischen Gelehrtenlebens war. Zudem gab es etwas, was unseren Fachprofessuren ähnlich gesehen hätte, überhaupt nicht, sondern in älterer Zeit gingen die Fächer, die zum Umkreis der offiziellen Vorlesungen gehörten, bei den verschiedenen Lehrern um, da auf den Universitäten der spätscholastischen Zeit vom Magister an jeder in allen Fächern zu Hause sein mußte, weshalb denn auch z.B. die Eigenschaft, Mitglied der theologischen Fakultät zu sein, keineswegs die Verpflichtung in sich schloß, theologische Vorlesungen zu halten. Sondern vielmehr in dem Recht bestand, über alle, auch die weltlichen, Fächer des akademischen Turnus zu lehren. Ebendann hat nun aber unsere Universität bis zum Jahre 1830, wo sie aus einer Art selbständigen Staates im Staat zu einer Staatsanstalt geworden ist, manches von ihren früheren Zuständen bewahrt, und der letzte Akt ihrer Autonomie bestand in diesem Jahre darin, daß Sie selbst noch das Statut entwarf, welches von nun an gelten sollte. So ist es denn auch charakteristisch genug, daß sie ihren alten Titel "Universitas scholastica", den die anderen Universitäten längst aufgegeben oder nie geführt hatten, nun erst mit dem anderen einer "Universitas literarum" vertauschte.

In der Tat muß man wohl zugestehen, daß auch in den neueren Jahrhunderten, nachdem sie verhältnismäßig spät der Reformation und dem Humanismus Eingang gestattet, unsere Universität vor den meisten anderen des Deutschen Reiches manches von dem Geist der Scholastik bewahrt hatte. Sie war von jüngeren Hochschulen, vor allem von Wittenberg, Göttingen, zum Teil auch von Erfurt, dem Hauptsitz der Humanisten, überflügelt worden, und, wenn je einmal ein hervorragender Gelehrter hier wirkte, wie im 16. Jahrhundert Joachim Camerarius, da hielten die Reformen, die er durchzuführen suchte, nicht Stand. In den späteren Jahrhunderten aber, als der Wandertrieb der mittelalterlichen Scholaren nachgelassen hatte, war die Universität im wesentlichen zu einer Landeshochschule geworden, die sich damit begnügte, den üblichen Lehrstoff den zumeist aus Landeskindern bestehenden Schülern zu übermitteln. Daß jemand aus größerer Ferne seinen Sohn nach Leipzig schickte, wie der Rat Goethe in Frankfurt, das war, trotz der feinen Bildung, die man im 18. Jahrhundert den Leipziger Akademikern nachrühmte, ein seltener Fall. Immerhin überragte dieses Jahrhundert an bekannteren Gelehrtennamen im ganzen noch die vorangegangene Zeit, wenn auch vornehmlich in den drei Hauptfakultäten die akademische Stellung mit anderen praktischen Berufen derart geteilt zu sein pflegte, daß für jene wenig Zeit übrigblieb. So hatte schon im 16. Jahrhundert der Leipziger Benedikt Carpzow als der erste deutsche Jurist seiner Zeit gegolten, aber im Auditorium ließ er seine Hefte durch einen jüngeren Magister vorlesen, während er seine eigene Tätigkeit dem Schöppenstuhl und der Ausarbeitung von Rechtsgutachten widmete. Als sich daher die deutschen Universitäten nach dem Dreißigjährigen Krieg aus ihrem Niedergang zu erholen begannen, da war es zunächst jene studentische Jugend, in der bereits der Geist der neuen Zeit sich regte, bevor er noch die Wissenschaft erfaßt hatte.

So war es bald nach dem großen Krieg der Leipziger Student, der dem alten Streif zwischen Student und Philister eine neue, den Geist des herannahenden literarischen Zeitalters vorausverkündende Form gab. Hatte dereinst dieser Streit in nächtlichen Straßenkämpfen zwischen den Bewohnern der studentischen Bursen und der Zunftherbergen der Handwerker sich abgespielt, so entlud er sich nun in anonymen Komödien und satirischen Romanen. Zahlreiche, im raschen Verlauf des akademischen Lebens entstandene Produkte solcher studentische Laune mögen untergegangen sein. In dem "Schelmuffsky" des Christian Reuter hat die neueste literarhistorische Forschung eine Probe solch satirischer Dichtung wiederentdeckt, die ein helles Licht auf das studentische Leben wirft, dem die akademische Gelehrsamkeit der gleichen Zeit noch ziemlich unergiebig gegenüberstand. Darum, auch wenn wir uns ein Bild dieser Hochschule noch aus der folgenden Zeit zurückrufen, so sind es Lessing und der ihn umgebende Kreis und einige Jahrzehnte später der jugendliche Goethe, denen wir etwa als den hervorragendsten Repräsentanten der damaligen Leipziger Professorenschaft Gottsched gegenüberdenken.

Neben diesem literarischen Papst, der außer den Schönen Künsten noch die als die vornehmeren geschätzten Fächer der Logik und Metaphysik vertrat, gab es freilich noch einen zweiten Typus akademischer Lehrer: das war Gellert, der trotz der bescheidenen Stellung eines Extraordinarius jahrzehntelang der Berater der Studierenden aller Fakultäten in allen möglichen Gewissensnöten gewesen ist. Er repräsentiert zugleich eine Seite der akademischen Wirksamkeit, die im Jahrhundert der Aufklärung gerade in Leipzig zwischen den alten scholastischen Disputatorien und den Seminarien unserer neueren Universitäten eine Art Übergangsglied bildete: das waren die einem persönlicheren Verkehr zwischen Lehrern und Schülern dienenden Kolloquien, in denen außerdem die universelle Tendenz zum Ausdruck kam, die der damaligen Leipziger Hochschule vor anderen eigen war. Wenn Johann August Ernesti nicht nur Philologie und Theologie vertrat, sondern außerdem eine kurze Enzyklopädie aller Wissenschaften veröffentlichte, oder wenn Christian August Crusius mit der Theologie eine angesehene philosophische Wirksamkeit verband, Ernst Platner medizinische und philosophische Vorlesungen hielt, endlich Johann Friedrich Christ außer der von ihm als Lehrfach begründeten Archäologie noch über eine Fülle anderer Gebiete las, so war das ein Zug, der noch einigermaßen an die "wälzenden Professuren" der Scholastik zurückerinnerte, dabei aber doch die bedeutsame Stellung vorbereitete, die im folgenden Jahrhundert in Leipzig die Seminarien und die zur praktischen Heranbildung der Studierenden bestimmten Institute gewinnen sollten.

Das erste unter ihnen, das philologische Seminar, wurde freilich, obschon erst 1809 förmlich begründet, zunächst unter die Leitung eines Polyhistors alten Stiles, Chr. Dan. Beck, gestellt und erst nach dessen Tode 1834 von dem längst neben ihm tätigen Gottfried Hermann, einem der Begründer strengwissenschaftlicher Philologie, übernommen. Entsprach auch dieser Vortritt der Philologie, dem erst mehrere Jahrzehnte später die heute zu so ansehnlichem Umfang angewachsenen naturwissenschaftlichen Institute gefolgt sind, ganz der früheren Leipziger Studienrichtung, so war es nun aber nicht minder bezeichnend für die Richtung, die im neuen Jahrhundert das akademische Studium gewann, daß der Aufschwung, den in dieser Zeit überall die exakten Wissenschaften genommen, auch aus unsere Hochschule seine Wirkungen ausübte. Dennoch entspricht es hier wieder jener auf ältere Anfänge zurückgehenden Tradition, wenn Leipzig zwar sichtlich an den neu sich regenden naturwissenschaftlichen Interessen einen lebhaften Anteil nahm, dabei aber der sonst nicht selten herrschenden Tendenz einseitiger Fachbeschränkung fernblieb. Ein leuchtendes Beispiel gaben in dieser Beziehung in den kommenden Jahrzehnten die Brüder Ernst Heinrich und Eduard Weber, die beiden Physiologen, zu denen zeitweise noch Wilhelm Weber, der Physiker hinzutrat. Wie die Brüder Weber ihre anatomisch-physiologischen mit physikalischen und psychophysischen Forschungen verbanden, so gründete Gustav Theodor Fechner auf physikalische und philosophische Studien die neue Wissenschaft der Psychophysik. Neben ihm vertrat Moritz Wilhelm Drobisch gleichzeitig Mathematik und Philosophie um ihn, der unsere Universität zur Hauptstätte der Herbartschen Philosophie erhob. Sammelten sich später die jüngeren Mitglieder dieser Schule, Hartenstein, Strümpell. Indem sich so die diesem Zeitalter der aufblühenden Naturwissenschaft eigene Tendenz exakter Forschung hier auch der Philosophie bemächtigte, blieb unsere Hochschule im ganzen vor dem Zwiespalt bewahrt, der in der Mitte des Jahrhunderts die Philosophie und die positiven Wissenschaften entzweit hatte.

Mehr noch aber wirkte wohl im gleichen Sinne der fürstliche Protektor unserer Universität, der von der Mitte des Jahrhunderts an nach alten Richtungen des akademischen Studiums die Forderung dieser Hochschule als Seine eigenste persönliche Aufgabe betrachtete: König Johann. Selten verging ein Jahr, in welchem er nicht, oft unerwartet, hier erschien, um die Vorlesungen neuberufener oder altbewährter Dozenten zu hören. Seitdem ist es eine treu befolgte Überlieferung der Sächsischen Könige geblieben, mindestens einmal jährlich die Universität durch ihren Besuch zu erfreuen. Diesem tätigen Anteil König Johanns an der Blüte der Universität verdankt aber diese zugleich den ersten Anstoß zu dem von der Mitte des Jahrhunderts an in wenig Semestern sich vollziehenden Übergang aus einer Landesuniversität in eine der großen Hochschulen des Deutschen Reiches. Noch haben die Älteren unter uns eine Reihe der hervorragenden Lehrer gekannt, die, unter König Johann berufen, zumeist während langer Jahre Zierden dieser Hochschule gewesen sind: so in der theologischen Fakultät Kahnis, Luthardt, Franz Delitzsch, in der Juristischen Albrecht, Wächter, Gerber, in der medizinischen Karl Ludwig, Wunderlich, Thiersch, in der philosophischen Wilhelm Roscher, Friedrich Zarncke, Hermann Kolbe, Rudolph Leuckart, Georg Curtius, Friedrich Ritschl.

Hatte unter König Johann schon jener Bau der naturwissenschaftlichen und medizinischen Institute begonnen, der allmählich im Süden unserer Stadt zu einem besonderen Stadtteil angewachsen ist, so trat dazu unter König Albert die neue Universitätsbibliothek und endlich der umfassende Neubau, in den in den Jahren 1892–97 Arwed Rossbach das einst unter Kurfürst Moritz der Universität überwiesene Dominikanerkloster mit den wenigen Ergänzungen, die es später erfahren, umgeschaffen hat. Diesem Neubau haben sich in den letzten Jahren eine Reihe in Seminargebäude umgewandelter Wohnhäuser angeschlossen die hier im Zentrum der Stadt abermals ein großes Universitätsviertel, entstehen ließen, das in seiner Vereinigung zahlreicher, wohlausgerüsteter Auditorien und Seminarien jene Verbindung von Lehre und Forschung, die unsere neue deutsche Hochschule kennzeichnet, zu einem lebendigen Ausdruck bringt.








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