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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 81
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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4. Leo der Isaurier schickt eine Armada gegen Italien. Er zieht römische Kirchengüter ein. Der Papst gewinnt Gallese. Er schließt ein Bündnis mit Spoleto und Benevent. Liutprand rückt in den Dukat. Gregor III. wendet sich an Karl Martell. Tod Gregors III., Karl Martells und Leos des Isauriers im Jahre 741.

Der Kaiser Leo hatte seinen Plan, Rom und die anderen empörten Provinzen zu züchtigen, keineswegs aufgegeben. Im Jahre 733 schickte er eine Flotte unter dem Admiral Manes ab, aber sie ging im Adriatischen Meer kläglich zugrunde. Hierauf zog er alle Patrimonien der römischen Kirche in Kalabrien und Sizilien ein, und diese Domänen warfen eine jährliche Rente von 35 000 Goldstücken ab. Die sizilianischen Kirchengüter waren sehr zahlreich; aber auch im Neapolitanischen besaß St. Petrus viele Grundstücke, in Sorrent und Misenum, bei Capua und Neapel und selbst auf der Insel Capri. Der Verlust der Kirche war empfindlich; sie suchte sich deshalb anderswo zu entschädigen; und gerade damals erwarb sie das Kastell Gallese im römischen Tuszien, welches der langobardische Herzog Spoletos an sich gezogen hatte und Gregor von Trasamund erkaufte. Nach der seltsamen Ausdrucksweise im Buch der Päpste annektierte er Gallese der heiligen Republik und dem römischen Heer. Obwohl er diese Stadt dem Dukat Rom, welcher doch zum Reich (der res publica) gehörte, wieder einverleibte, betrachtete er sie doch lediglich als römisches oder dem engeren Stadtgebiet angehörendes Besitztum. Der zweideutige Ausdruck sancta res publica kann hier so gut vom Dukat, welchen der Papst als Patrimonium St. Peters zu beanspruchen anfing, als vom Sacrum Romanum Imperium verstanden werden. Die Päpste ließen mit großer Klugheit die Formen des Römischen Reichs bestehen; ihre werdende Herrschaft über Rom ist in ein Halbdunkel diplomatischer Kunst gehüllt. Sie verdankten diese Herrschaft dem chaotischen Zustande Italiens, der Ohnmacht der byzantinischen Kaiser und ihrer eigenen Kühnheit und Kraft. Sie befreiten Italien vom Joch der Griechen und gaben diesem Lande wieder eine weltgeschichtliche Stellung. Sie erhoben die lateinische Nationalität aus ihrer Versunkenheit und retteten Rom, den Sitz der Kirche, vor dem Schicksal, eine langobardische Hauptstadt zu werden. Der Beginn der weltlichen Macht des Papsttums ist an den ersten nationalen Wiederaufschwung Italiens geknüpft. Die Geschichte aller folgenden Jahrhunderte lehrt, daß die Päpste in Italien am stärksten waren, wenn sie die Fahne des nationalen Prinzips erhoben, und am schwächsten, wenn sie das Banner fallen ließen.

Die Herausgabe des Orts Gallese war übrigens die Folge eines geheimen Vertrags zwischen Gregor und dem Herzoge Spoletos. Trasamund und Godschalk von Benevent suchten die Verwirrung Italiens auszubeuten, um sich vom Langobardenkönige unabhängig zu machen, und Gregor unterstützte sie in diesem Bemühen. Als nun Liutprand gegen Spoleto zog, floh Trasamund (im Jahre 739) nach Rom, wo er beim Papst Schutz suchte und fand. Der König, welcher hierauf in Spoleto einrückte, forderte die Auslieferung des Rebellen, doch der Papst und das römische Heer, an dessen Spitze der Patricius Stephan als Dux von Rom stand, verweigerte sie. Die Erwähnung dieses Dux neben dem Papst und dem römischen Heer beweist, daß sich selbst noch damals ein kaiserlicher Beamter als Regent des Dukats in Rom befand; sie lehrt ferner, daß Gregor im Einverständnis mit dem Exarchen in Ravenna handelte. Die Folge seiner Weigerung war das Einrücken Liutprands in den Dukat: er besetzte Amelia, Horta, Polimartium und Bleda, ließ Truppen in diesen Städten zurück und kehrte sodann, ohne Rom belagert oder gar, wie man behauptet hat, den St. Peter geplündert zu haben, im August 739 nach Pavia zurück. Der Papst gab hierauf dem vertriebenen Trasamund das römische Heer, damit er sein Land wiedererobere, und schon im Dezember zog der Herzog in Spoleto ein.

Als er dorthin zurückgekehrt war, weigerte er sich, den Absichten des Papsts weiter zu dienen, und im besonderen, ihm zur Wiedereroberung jener vier Städte behilflich zu sein. Während sich nun Liutprand zu einem Kriegszuge gegen Spoleto und Rom rüstete, geriet der Papst in nicht geringe Gefahr. Er sah ein, daß italienische und byzantinische Verbindungen nicht ausreichten, ihn vor der gerechten Rache des Langobardenkönigs zu schützen, und wandte sich deshalb an den damals mächtigsten Mann im Abendlande, an Karl Martell. Der berühmte Sohn Pippins von Heristal, der Held von Poitiers, auf dessen blutigem Schlachtfelde er das Frankenland für immer von den Sarazenen befreit hatte, war der wirkliche Herrscher jenes Reichs unter der Form des Ministers eines Schattenkönigs; dann regierte er, nach dem im Jahre 737 erfolgten Tode des Merowingers Theoderich, allein, ohne daß der Thron besetzt wurde. Schon lange zuvor hatten die Päpste ihre Blicke dorthin gerichtet: schon der Vorgänger Gregors III. soll Karl Martell um Hilfe angerufen haben. Er selbst schickte im Jahre 739 Gesandte an ihn. Wir besitzen zwei seiner Briefe an diesen Frankenfürsten. In dem ersten beklagt er sich, daß Karl nicht helfe, daß er falschen Vorstellungen Liutprands oder seines Neffen Hildeprand Gehör gebe und die feindlichen Bewegungen der Langobarden dulde, welche voll Hohn sagten: »Mag doch Karl, zu dem ihr eure Zuflucht genommen habt, mit dem Kriegsvolk der Franken kommen und, wenn sie können, euch aus unsern Händen erretten.« Es wird demnach auf ein früheres Gesuch des Papsts und ein Schreiben Liutprands zurückgewiesen. Der erste, verlorene Brief Gregors muß geschrieben worden sein, als der König infolge des Bündnisses mit den Rebellen Spoletos und Benevents heranzog; die beiden vorhandenen Briefe fallen ins Jahr 739 oder 740, bevor Liutprand jene vier Städte besetzte; denn ihrer Eroberung wird in ihnen nicht gedacht. Der Papst würde aber um ihren Verlust sicher laute Klage erhoben haben, während er jetzt nur über Verwüstung der Kirchengüter im Ravennatischen und über Plünderungen im römischen Dukat zu klagen weiß.

»Welch ein unheilbarer Schmerz«, so rief er im ersten Briefe aus, »erfüllt uns ob dieser Beschuldigungen, während so große Söhne ihre geistliche Mutter, die heilige Kirche, und ihr zugehöriges Volk nicht zu verteidigen wagen. Zwar vermag, o teurer Sohn, der Apostelfürst selbst durch die ihm vom Herrn verliehene Macht sein Haus und Volk zu schützen, aber er will die Herzen seiner Getreuen prüfen. Schenke den Einflüsterungen jener Könige keinen Glauben; denn alles, was sie dir schreiben, ist falsch. Ihr Vorgeben, daß die Herzöge von Spoleto und Benevent Rebellen seien, ist eine Lüge; sie verfolgen dieselben aus keinem andern Grunde als deshalb, weil sie im vorigen Jahre nicht über uns herfallen, noch mit ihnen das Eigentum der heiligen Apostel verwüsten und ihr Volk plündern wollten, denn diese Herzöge erklärten: wir kämpfen nicht gegen die Kirche Gottes und ihr zugehöriges Volk; wir haben mit ihm einen Vertrag und von der Kirche den Eid empfangen. Die Herzöge sind bereit, den Königen nach alter Gewohnheit zu gehorchen; aber diese verfolgen sie, um sie zu verjagen, an ihrer Stelle gewalttätige Duces einzusetzen, die Kirche täglich mehr zu bedrängen, das Eigentum des Apostelfürsten zu rauben und sein Volk in Gefangenschaft zu führen.«

So schrieb der Papst, seinen eigenen Vertrag mit Rebellen zu beschönigen, den er doch zugleich eingestehen mußte. Er nannte bereits Rom und den Dukat das »zugehörige« Volk St. Peters, und so führte er diesen fremden Begriff kühn in die Rechtssprache ein. Er bat Karl Martell, einen Sendboten nach Italien zu schicken, damit er sich von der Not der Kirche überzeuge; er flehte ihn an, die Freundschaft zum Langobardenkönige nicht der Liebe zum Apostelfürsten vorzuziehen, sondern die Verteidigung Roms zu übernehmen. Zugleich sandte er ihm durch Anchard, den Überbringer des Briefs, die schon lange übliche, aber jetzt doppelt bedeutende Auszeichnung katholischer Fürsten, goldene Schlüssel vom Grabe des Apostels, durch welches Symbol er ihn zum Hüter dieses Heiligtums berufen wollte. Karl Martell ging jedoch nicht auf die gefährliche Einmischung in die Angelegenheiten Italiens ein, wohl aus Pflichtgefühl für den Langobardenkönig, mit welchem er persönlich befreundet war. Denn Liutprand hatte nicht allein den jungen Pippin in Pavia an Sohnes Statt angenommen, sondern im Jahre 739 die Sarazenen aus Südgallien zu vertreiben mitgeholfen.

Der Papst schickte ein zweites Schreiben an Karl Martell, und auch dies war vergeblich. Nichts mehr und weniger enthalten jene Briefe Gregors III., die einzigen authentischen Aktenstücke über den Schritt des Papsts, welcher später so unabsehbare Folgen nach sich zog. Der fränkische Fürst wurde darin einfach aufgefordert, die Verteidigung der Kirche gegen Liutprand zu übernehmen; nirgends ist hier von einem außerordentlichen Recht über Rom, welches ihm der Papst sollte angeboten haben, die Rede. Man hat aber behauptet, daß Gregor III. Karl Martell mit dem Titel eines Patricius oder Konsuls der Römer die wirkliche Gewalt über Rom angetragen habe und diese Ansicht auf den Bericht eines Chronisten gestützt, welcher sagt, Gregor habe im Jahre 741 eine zweimalige Gesandtschaft an Karl geschickt mit den Schlüsseln des Grabes, den Ketten Petri und mit großen Geschenken, und er habe ihm den römischen Konsulat, das heißt die volle Jurisdiktion in Rom, angetragen, indem er selbst fortan den Kaiser nicht mehr anerkennen wollte. Indes ein so großer Entschluß, einem Franken, der, obwohl mächtig und gefeiert, doch nur der erste Minister seines Landes war, neben dem Schutzrecht über Rom auch die weltliche Autorität zu übergeben, ist weder mit der Politik Gregors noch mit der Rechtsansicht der damaligen Zeit zu vereinigen. Wir wissen auch nicht, was Karl Martell dem Papst antwortete. Die Aufforderung desselben war eine so große Angelegenheit, daß sie den Gegenstand öffentlicher Beratung in einer Versammlung der Franken bilden mußte, und diese bewiesen auch noch später, daß sie nichts von einem Kriege mit den Langobarden zugunsten des Papsts wissen wollten. Die Antwort, welche die Gesandten Karls nach Rom brachten, konnte nur entschieden ablehnend sein, und deshalb schweigt das Buch der Päpste davon. Der Langobardenkönig setzte unterdes seinen Marsch gegen Spoleto und Rom fort. Da starb Gregor III. am 27. November 741. Kurz vor ihm war am 21. Oktober Karl Martell, am 18. Juni Leo der Isaurier gestorben, und so hatte der Tod die drei größten Männer ihrer Zeit schnell nacheinander hinweggerafft.

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