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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 80
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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3. Die Haltung Liutprands. Er erobert Ravenna. Er schenkt Sutri dem Papst. Koalition zwischen dem Papst, den Venetianern und den Griechen gegen Liutprand. Der König rückt vor Rom und zieht ab. Ein Usurpator in Tuszien. Gregor II. stirbt 731. Gregor III. Papst 731. Römische Synode gegen die Bilderstürmer. Die Kunst im Abendlande. Bauten Gregors III. Herstellung der Stadtmauern.

Ans dem leidenschaftlichen Streite der beiden Gegner konnte damals ein Dritter unberechenbare Vorteile ziehen, wenn er dazu Kraft und Genie besaß. Dies war der Langobardenkönig Liutprand. Das hohe Ziel, wonach die Fürsten dieses jetzt sich schon romanisierenden Volkes strebten, war die Vereinigung Italiens unter ihrem Zepter, und diese konnte schließlich nur durch die Eroberung Ravennas und Roms erreicht werden. Wenn auch Liutprand nicht den kühnen Gedanken an die Kaiserkrone faßte, so durfte er doch hoffen, das Reich Theoderichs wiederherzustellen. Italien trennte sich offenbar von dem griechischen Osten, dessen Kaiser es nicht mehr zu beherrschen vermochten. Die erstarkende lateinische Nation ließ schon die mögliche Wiederherstellung eines nationalrömischen Reiches ahnen, wie dasselbe bis zu Odoakers Zeit bestanden hatte. Liutprand war klug genug, alle lockenden Anträge zu einem Bündnis mit Byzanz abzulehnen. Mit Freude sah er die griechischen Provinzen im Aufstande, und gewiß unterhielt er dort eine Partei. In Ravenna wurde der Exarch Paulus von Empörern erschlagen. Liutprand bemächtigte sich hierauf durch Überfall erst der Hafenstadt Classe, welche er plünderte und zerstörte; dann gelang es ihm, in Ravenna selbst einzudringen. Er zog mit seinem ganzen Heerbann vor diese Hauptstadt der Griechen in Italien und eroberte sie. Das Jahr, in welchem dieses große Ereignis stattfand, ist nicht bekannt.

Er besetzte sodann die Städte der Aemilia und Pentapolis. Er bedrängte auch den Papst selbst in der Nähe Roms, denn er rückte in den römischen Dukat ein, wo er bis Narni gelangte. In welchem Jahre dieser Zug stattfand, ist leider ungewiß. Ein kühner Marsch nach Rom würde den Sitz des Papsttums in die äußerste Gefahr gebracht haben, aber Geschenke, flehende Briefe und geschickte diplomatische Vorstellungen Gregors bewogen den König zur Umkehr. Der fromm katholische Fürst war nicht dazu geeignet, die große Aufgabe durchzuführen, welche die günstigste Zeit an ihn zu stellen schien. Er zog nicht allein aus dem Dukat ab, sondern er lieferte sogar die von ihm eroberte Stadt Sutri dem Papst aus, welcher im Namen des Apostels Petrus auf dies rechtmäßige Eigentum des griechischen Kaisers unerklärbare Ansprüche erhob. Dies war die erste Schenkung einer Stadt an die Kirche.

Der kluge Gregor gewann demnach den Langobardenkönig durch einen Vertrag, während er zugleich darauf sann, ihm so schnell als möglich die Romagna zu entreißen. Was ein mächtiger Fürst nicht auszuführen vermochte, das suchte jetzt der Papst zu erreichen. Er selbst hatte sich den Exarchat als Erbe der Kirche ausersehen. Die Pläne auf die Herrschaft Italiens, die Gregor der Große kaum gefaßt, doch vorgeahnt haben mochte, gewannen jetzt in den römischen Bischöfen eine deutliche Gestalt. Der politische Verstand eines Papsts war mächtiger als der eines Königs, welchen er überlistete. Gregor II. wandte sich an die emporblühende Republik Venedig und forderte sie auf, Ravenna zu befreien; seine Abgesandten begegneten in der Lagunenstadt denen des griechischen Kaisers, die zu gleichem Zweck erschienen waren. Die Furcht vor der Macht Liutprands näherte Gregor sogar dem Kaiser wieder. Wenn ein ihm zugeschriebener Brief an den Dogen echt ist, so scheute er sich nicht, dieselben Langobarden, seine Bundesgenossen und sehr eifrige Katholiken wie Bilderverehrer, als ein »schandbares« Volk zu brandmarken, während er seine Feinde, den Kaiser und dessen Sohn Constantin Copronymus »seine Herren und Söhne« nannte. Man wird ihm nicht Unrecht tun, wenn man behauptet, er habe auch die Herzöge von Spoleto und Benevent gegen Liutprand heimlich aufgereizt. Und so beginnt hier, mit Gregor II., die Geschichte der diplomatischen Kunst der Päpste, die, in einer langen Tradition als Schule fortgeerbt, die Politik aller Fürsten und Höfe an Geschicklichkeit übertroffen hat. Eine venetianische Flotte erschien vor Ravenna, welches der Neffe des Königs, Hildeprand, vergebens verteidigte. Er wurde im Kampf gefangen, während Peredeo, der Herzog von Vicenza, fiel. Die Venetianer vertrieben die langobardische Besatzung und setzten den Exarchen Eutychius wieder ein. Liutprand gab endlich die Seestädte und die Romagna preis; er schloß mit dem Kaiser nicht nur Frieden, sondern er vereinigte sich sogar mit dem Exarchen, um die Herzöge von Spoleto und Benevent zu unterwerfen und dann den Papst in Rom selbst anzugreifen.

Jene beiden Herzogtümer standen rechtmäßig im Vasallenverhältnis zum Könige der Langobarden, aber sie hatten seit lange eine fast selbständige Stellung erlangt, was der Papst unterstützte, da es in seinem Vorteile lag, das Langobardenreich durch Zersplitterung zu schwächen. Erst dem kräftigen Liutprand gelang es, Spoleto und Benevent sich wieder dienstbar zu machen. Beide Herzöge, Trasamund II. und Romuald II., unterwarfen sich ihm in Spoleto und leisteten ihm den Vasalleneid. Dies geschah um das Jahr 729. Sodann rückte der König, vom Exarchen begleitet, vor Rom und lagerte auf dem Neronischen Felde. Wenn er damals die Stadt erobert hätte, so würde sich wahrscheinlich ihr, Italiens und der Päpste Schicksal anders gestaltet haben. Jeder Fürst, welcher Italien einigen wollte, mußte nach dem Besitze Roms streben. Im Jahre 729 aber war, wenn jemals in der Geschichte, dies große Ziel erreichbar, denn der von den Griechen preisgegebene und von niemand unterstützte Papst blieb vollkommen wehrlos. Allein eine verhängnisvolle Macht schien einen Bann um Rom zu ziehen und den germanischen Eroberern zu verwehren, diese eine Stadt zu bewältigen und ihren kosmopolitischen Charakter auszulöschen. Als der waffenlose Gregor mutig in das Lager Liutprands zog und eine Rede im Geiste Leos des Großen an ihn richtete, sah man den tiefbeleidigten König vor ihm auf die Knie niederfallen. Der priesterliche Zauberer führte den entwaffneten Feind schnell an das Apostelgrab, und der fromme König legte seinen Purpurmantel, sein Schwert, ja seine Krone und alle seine kühnen Hoffnungen dem toten Heiligen zu Füßen. Man schloß Frieden und Versöhnung; auf Liutprands Bitten löste der Papst auch den Exarchen vom Kirchenbanne. Diese eine Stunde entschied die Zukunft des weltbeherrschenden Papsttums. Sie glänzt in dessen Geschichte heller als die sagenhafte Erscheinung Leos vor Attila, und schon 300 Jahre vor der berühmten Szene in Canossa zeigte sie der Welt, welche rätselhafte Gewalt der Bischof Roms erlangt hatte. Die in Roheit und Unwissenheit versenkte Menschheit beugte sich vor dein Priestertum der Kirche, in der sie die einzige göttliche Macht auf Erden verehrte. Ihr anerkanntes Oberhaupt erschien ihr bereits als ein heiliges Wesen von übermenschlicher Natur.

Liutprand betrat nicht einmal Rom; er brach das Lager ab und zog auf der Flaminischen Straße hinweg. So entwich die Krone Italiens, welche einen Augenblick lang über seinem Haupte geschwebt hatte, für immer und vielleicht zum Unglück jenes Landes, dessen schon zerrissene Glieder er hätte einigen können, von einem Fürsten, der sie zu gewinnen nicht Kühnheit besaß. Den Kniefall Liutprands büßten bald seine Nachfolger und sein Volk durch tragischen Untergang.

Ein Usurpator beschämte ihn durch ein Wagnis; denn in solcher Verwirrung lagen alle Verhältnisse, daß sie jeden kühnen Menschen aufforderten, nach der Herrschaft zu streben. Tiberius Petasius, Dux einer Stadt im römischen Tuszien, hatte Anhänger gesammelt und warf sich im Jahre 730 plötzlich zum Kaiser auf. Der Papst stellte sofort das römische Heer unter den Befehl des in Rom anwesenden Exarchen, und der Kopf des Rebellen wanderte nach Konstantinopel. Gregor anerkannte demnach noch immer die Oberhoheit des Kaisers; er hatte sich mit dem Exarchen ausgesöhnt und wünschte ein friedliches Verhältnis zur byzantinischen Regierung. Zu den Gründen, welche ihm dieses wünschenswert machten, gehörte nicht allein die Furcht vor der anwachsenden Sarazenenmacht in Spanien, sondern sicherlich auch die naheliegende Besorgnis, daß er, wenn die legitime Reichsautorität fiel, mit dem römischen Volk selbst über kurz oder lang in Kampf geraten würde. Die Kirche fühlte zu jeder Zeit, daß die Erhaltung der Reichsgewalt ihre eigene Lebensbedingung war.

Gregor II. starb nach einer inhaltsreichen Regierung von 15 Jahren am 10. Februar 731. Er war ein vollendeter Staatsmann gewesen und hatte das römische Papsttum auf dem Wege zur weltlichen Herrschaft mächtig weitergeführt.

Die einmütige Wahl des Klerus und Volks fiel auf einen Geistlichen von syrischer Abkunft, welcher am 18. März 731 als Gregor III. den Heiligen Stuhl bestieg. Vielleicht war es die genaue Kenntnis der griechischen Sprache, welche unter den damaligen Verhältnissen von höchstem Wert für einen Papst sein mußte, was ihn am meisten empfahl; aber Gregor III. besaß auch andere Eigenschaften, die ihn seines Vorgängers würdig machten. Er übernahm von ihm das schwierige Erbe des Bilderstreits, welches an sich nur das Symbol des Kampfs zwischen der Kirche und dem absoluten Staatsprinzip war. Die erste leidenschaftliche Wut jenes denkwürdigen Streites ging vorüber, und eine Art von Waffenruhe ohne Nachgiebigkeit auf jeder Seite trat ein. Der Kaiser Leo anerkannte den neuen Papst in einem wohlwollenden Schreiben, hoffend, ihn versöhnlicher zu finden als seinen Vorgänger. Aber Gregor III. beeilte sich, dessen Grundsätze in einem Brief an den Kaiser in so rücksichtsloser Weise auszusprechen, daß der Nuntius, welcher dies Schreiben übergeben sollte, es nicht wagte, sich seines Auftrages zu entledigen, sondern nach Rom zurückkehrte, um sich dem Papst weinend zu Füßen zu werfen. Die Absetzung des Kardinals, der so wenig Lust gezeigt hatte, für die Heiligenbilder ein Martyrium zu erdulden, wurde auf Bitten einer Synode und des römischen Adels in Kirchenbuße verwandelt, und der Bote mußte nochmals mit den Briefen nach Konstantinopel gehen. Zu seinem Glück hielt ihn der kaiserliche Patricius in Sizilien zurück, wo er ein Jahr lang in Haft verblieb.

Am 1. November 731 eröffnete Gregor III. ein Konzil; 93 Bischöfe Italiens, der römische Klerus, die Vertreter des Volks und Adels, welchen das Buch der Päpste hier mit dem Prädikat »Konsuln« auszeichnet, versammelten sich im St. Peter. Diese Synode verhängte die Exkommunikation über die Bilderstürmer, und das war an sich die Lossagung Italiens vom Byzantinischen Reich. Die Synodalbeschlüsse sollte der Defensor Constantin nach Konstantinopel bringen, aber auch er wurde in Sizilien festgehalten. Bittschreiben der Städte des römischen Dukats um Duldung der Bilder hatten dasselbe Schicksal; ihre Überbringer schmachteten acht Monate lang in den Kerkern, worauf sie mit Schimpf zurückgeschickt wurden. Der Kaiser wollte nicht Boten noch Briefe mehr annehmen. Gleichwohl war diese Spannung nur noch dogmatischer Art, denn die italienische Revolution war in sich zurückgesunken, die Autorität des Kaisers formell anerkannt, und in so gutem Verhältnisse stand der Papst zum Exarchen Eutychius, daß ihm dieser sechs kostbare Säulen von Onyx schenkte, welche wohl eher von einem Monument in Rom als von Ravenna herstammten. Gregor verschönerte damit die Konfession im St. Peter. Er ließ auf jene Säulen silberbeschlagene Balken legen und darauf in getriebener Arbeit die Bildnisse des Heilands, der Apostel und anderer Heiligen darstellen: offenbar eine Demonstration gegen die Bilderstürmer. Der Papst versah die Kirchen Roms absichtlich mit Heiligenbildern und Reliquien; denn Constantin Copronymus, der Sohn Leos des Isauriers, begnügte sich nicht mehr mit der Verfolgung der Bilder, sondern er griff auch folgerichtig den Reliquien- und Heiligenkultus überhaupt an.

Wenn wir heute ohne Bedenken auf die Seite der byzantinischen Bilderstürmer treten, welche den Kultus der christlichen Religion von allem Heidnischen, das darin eingedrungen war, zu befreien unternahmen, so wird doch unser Urteil durch die ästhetischen Bedürfnisse der Menschheit zur Nachsicht aufgefordert. Die Kunst ging bei den alten wie den christlichen Völkern aus dem Tempeldienst und der Religion hervor. So abstoßend auch ihr Inhalt und so mangelhaft uns ihre Form in jenen barbarischen Jahrhunderten des Christentums erscheinen muß, so hatte sie doch für die Kultur ihrer Zeit eine hohe Wichtigkeit. Sie erhob den Menschen aus der rohen Sinnlichkeit seines Glaubens in die Sphäre des Idealen, stellte über ihm ein Reich des Schönen auf, worin sich alles Düstere verklärte und in Symbolen erweiterte, und sie allein war der verarmten Menschheit noch übrig gelassen, um die Nacht des Aberglaubens mit einem Schimmer von Licht und Form zu mildern. Der Kampf der Päpste mit den byzantinischen Kaisern rettete die Kunst im Abendlande; Italien, welches die bildliche Vielgötterei beibehielt, hat sich wenigstens durch das Genie Giottos, Leonardos und Raffaels, wenn auch spät, doch glänzend zu entschuldigen vermocht. Während der Bilderverfolgung wanderten viele Künstler des Morgenlandes nach Italien und Rom, wo sie gastlicher Aufnahme gewiß waren. Sie trugen vielleicht dazu bei, den byzantinischen Dogmenstil in Italien zu verbreiten, und hinderten durch Feststellung traditioneller Typen die freiere Entwicklung der abendländischen Kunst. Indes die Geschichtschreiber schweigen von den flüchtigen Malerschulen des Ostens.

Nicht minder retteten sich viele Heiligenbilder von dort nach dem Abendlande. Manche jener uralten, schwarzen und rohen Gemälde von Christus oder der Jungfrau, welche noch heute in Kirchen Roms aufgestellt sind, mögen zur Zeit der Bilderverfolgung aus irgendeiner byzantinischen Stadt sich hierher geflüchtet haben. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß sich darunter auch jenes »nicht von Händen gemachte« Antlitz Christi befand, welches in der Capella Sancta Sanctorum bewahrt wird. Ein flüchtiger Grieche mochte es mit sich gebracht haben; wenigstens war diese Beförderung desselben leichter, als sein Wurf von der Hand des unglücklichen Bischofs Germanus in Konstantinopel durch die Luft nach Rom sein konnte; kurz, es erschien hier, wie viele andere Skizzen des Apostels Lukas, die ein unsichtbarer angelischer Pinsel ausgeführt hatte.

Gregor III. gründete einige Kirchen und Oratorien. Im St. Peter errichtete er eine Reliquienkapelle, die er ausmalen ließ. Er stiftete das Kloster St. Chrysogonus in Trastevere und baute neu die Diakonie S. Maria in Aquiro auf dem Marsfelde. Auch einen großen Teil der Mauern Roms, an die sein Vorgänger kaum die Hand hatte anlegen können, stellte er wieder her, indem er die Kosten des Baues aus dem Kirchenschatz bestritt. Auch Centumcellae ummauerte er neu, aus Furcht vor den Sarazenen, welche bereits Sardinien besetzt hatten, und vor einer byzantinischen Landung. Man sieht, daß er als Herr im römischen Dukat verfuhr.

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