Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ferdinand Gregorovius >

Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 66
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
Schließen

Navigation:

2. Deusdedit Papst im Jahre 615. Aufstände in Ravenna und in Neapel. Erdbeben und Aussatz in Rom. Der Exarch Eleutherius rebelliert in Ravenna. Bonifatius V. Papst. Honorius I. 625. Das Recht, die Papstwahl zu bestätigen, beim Exarchen von Ravenna. Bauten des Honorius. St. Peter. Plünderung des Dachs des Tempels der Venus und Roma. Die Kapelle St. Apollinaris. S. Adriano auf dem Forum.

Bonifatius IV. starb im Mai 615, und fünf Monate später wurde der Römer Deusdedit, Sohn des Subdiaconus Stephan, zum Papst gewählt: im sechsten Jahre des großen Kaisers Heraclius, welcher dem Tyrannen Phokas Thron und Leben geraubt hatte und hernach seine Waffen bis ins Herz Persiens trug und im ersten Jahre Adelwalds, der seinem Vater Agilulf in der Herrschaft der Langobarden gefolgt war. Dies Volk hielt Frieden, aber der orientalische Krieg wirkte nachteilig auf die Verhältnisse des Exarchats, wo sich die Nationalität der Lateiner und Griechen immer schroffer zu scheiden begann. In Ravenna brach eine Revolution aus, die erste, von der die Geschichte Kunde hat; der Exarch Johannes Lemigius wurde erschlagen, und erst sein Nachfolger Eleutherius bewältigte die Empörung. Entweder hing mit ihr eine rebellische Bewegung im Neapolitanischen zusammen, oder die verworrenen Zustände riefen diese auch hier hervor. Johannes von Compsa, ein angesehener Bürger dieser Stadt, die am Ende der Gotenkriege genannt wurde, hatte sich gegen die byzantinische Regierung empört und sich Neapels bemächtigt. Dies zwang Eleutherius, mit einem Heer von Ravenna herabzuziehen; er kam nach Rom, wo er vom Papst Deusdedit mit allen Ehren empfangen wurde; er eroberte sodann Neapel, tötete den Rebellen und kehrte siegreich nach Ravenna zurück. Das mochte im Jahr 616 oder 617 geschehen sein.

Das Buch der Päpste, jetzt die einzige spärliche Quelle unserer Geschichte, bemerkt, daß hierauf der Friede in ganz Italien hergestellt worden sei. Indes, die italienischen Verhältnisse änderten sich mit dem VII. Jahrhundert. Die lateinische Nation erstarkte durch die Kirche und trat in immer bewußteren Gegensatz zur griechischen Herrschaft, gegen welche sie sich in wiederholter Empörung zu erheben begann, während byzantinische Statthalter selbst nach Unabhängigkeit strebten. Die römische Kirche wurde die Vertreterin jener nationalen Regungen, und sie selbst geriet auf Grund dogmatischer Streitigkeiten in einen heftigen Kampf mit dem griechischen Staatsprinzip, welcher für das ganze Abendland große Folgen nach sich zog.

Deusdedit starb am 8. November 618, wahrscheinlich an der Pest. Ehe noch sein Nachfolger, der Neapolitaner Bonifatius V. ordiniert war, brach eine zweite Revolution in Ravenna aus. Ihr Haupt war jetzt der Exarch Eleutherius selbst. Diesen ehrgeizigen Patricius verlockten die persischen und avarischen Kriege, in welche der byzantinische Kaiser verwickelt war, sich unabhängig zu machen; er warf sich zum Kaiser in Italien auf und zog nach Rom, sich dieser Stadt zu bemächtigen und hier die Bestätigung seiner Usurpation zu holen. Aber seine eigenen Truppen töteten ihn im Kastell Luccoli und sandten seinen Kopf nach Konstantinopel. Dies geschah im Jahr 619; im Dezember desselben erfolgte die Ordination des neugewählten Papsts. Doch auch von Bonifatius V. wird nichts berichtet als die Zahl seiner Regierungsjahre; er soll im Oktober 625 gestorben sein.

Die Geschichte Roms ist in der ersten Hälfte des VII. Jahrhunderts, des schrecklichsten und wohl zerstörendsten für die Stadt, mit tiefem Dunkel bedeckt. Während im Orient Heraclius das persische Reich des Chosroes durch glänzende Feldzüge erschütterte und seiner baldigen Eroberung durch die Araber Bahn brach, während in Arabien die Religion Mohammeds unter großen Kämpfen gestiftet und verbreitet wurde, lag Rom als ausgebrannte Schlacke der Geschichte am Boden. Wir wissen nichts von den inneren Zuständen der Stadt; kein Dux, kein Magister Militum, kein Präfekt wird irgend genannt, und vergebens suchen wir nach Spuren des bürgerlichen Lebens und der städtischen Gemeindeverfassung.

Honorius I. aus Kampanien, Sohn eines edlen Lateiners Petronius, welcher den Titel Konsul führte, bestieg den Stuhl Petri nur wenige Tage nach dem Tode Bonifatius' V., und dies macht die Annalisten der Kirche glauben, daß der Exarch Isaak damals in Rom gewesen sei und ihm die Bestätigung erteilt habe. Indem sie annehmen, daß seither den Exarchen überhaupt das Recht, den gewählten Papst zu bestätigen, von den Kaisern übertragen worden sei, beziehen sie sich mit einigem Grund auf die Formulare des Liber Diurnus, welche die Gesuche um die Bestätigung der Papstwahl betreffen. Der Archipresbyter, Archidiaconus und Primicerius der Notare pflegten nämlich den Tod des Papsts dem Exarchen anzuzeigen, worauf man die von Geistlichen und Laien unterschriebenen Wahlakten im Archiv des Lateran niederlegte, eine Abschrift davon an den Kaiser schickte und diesen um die Bestätigung des Neugewählten bat. Wichtiger war der an den Exarchen gesandte Bericht; nicht allein wurde dieser Vizekönig Italiens in demütigem Tone um die Anerkennung der Wahl ersucht, sondern man forderte auch den Erzbischof und die Judices in Ravenna auf, sich bei diesem allmächtigen Regenten dafür zu verwenden. Die Machtvollkommenheit des Exarchen ist durch jene Formeln zweifellos; wir dürfen sogar annehmen, daß er in dieser Epoche als Stellvertreter des Kaisers die gewählten Päpste geradezu bestätigte, aber es bleibt fraglich, ob er seit Honorius überhaupt und für immer dies Recht erhalten hatte. Dem römischen Klerus und Volk mußte mehr an der Gunst des Exarchen als der des Kaisers gelegen sein, weil jener mit Rom in unmittelbarer Verbindung stand und die Entscheidung des byzantinischen Hofes bestimmte. Die Römer selbst, welchen die Verzögerung der Ordination ihrer Bischöfe nur nachteilig sein konnte, ersuchten wohl den Kaiser, ihnen diese Verwirrung zu ersparen, indem er dem Exarchen die Bestätigung überließ.

Sie hatten Grund, mit der Wahl eines Stammgenossen vornehmen Geschlechts zufrieden zu sein, denn Honorius, ein gebildeter und frommer Mann, strebte dem großen Gregor nach. Weder seine Bemühungen um die Wiedereinsetzung des Königs Adelwald, welchen Ariald im Jahre 625 entthront hatte, noch seine Sorge um die Bekehrung der Ost- und Westsachsen Britanniens, noch seine von den Katholiken verdammte Nachgiebigkeit gegen die Ketzerei der Monotheleten dürfen wir in unserer Geschichte berücksichtigen. Er glänzte durch Kirchenbauten, wodurch er sich neben Damasus und Symmachus einen bleibenden Namen gesichert hat. Nach einer längeren Pause findet sich demnach wieder ein Papst, der zur Verwandlung des alten Rom viel beigetragen hat. Der Friede mit den Langobarden gab ihm freie Hand, und die voraufgegangenen Kriege hatten den schon reichen Schatz der Kirche nicht erschöpft. Der Sohn des Konsularen Petronius schonte die Einkünfte der Patrimonien nicht, da es galt, die Basiliken der Stadt mit neuem Glanz zu schmücken.

Im St. Peter erneuerte er auf das kostbarste alle Geräte; er bekleidete die Konfession mit massivem Silber von 187 Pfunden Gewicht. Alle gegenwärtige Pracht dieses Apostelgrabes ist nur bescheidener Schmuck im Vergleich zu dem gediegenen Aufwande, den man dort in jener Zeit und im folgenden Jahrhundert machte. Mit Silberplatten, 975 Pfund schwer, bezog Honorius sogar die mittlere Eingangstüre der Basilika. Sie hieß Ianua regia maior oder mediana, und von ihrem Schmuck seither auch Argentea. Eine alte Inschrift in Distichen befand sich ehedem an dieser Türe. Da sie erwähnt, daß Honorius das istrische Schisma beendigt hatte, so folgte daraus, daß er dies Werk nach dem Jahre 630 ausgeführt hat. Die Inschrift nennt den Papst schön und einfach Herzog des Volks, Dux plebis. Die silberne Türbekleidung war wohl mit getriebenen Arbeiten verziert, denn ein einfacher Metallüberzug läßt sich nicht gut denken. Außer dem Haupteingange gab es im alten St. Peter noch vier andere Türen, welche vielleicht schon damals ihre im Mittelalter gebräuchlichen Namen hatten. Die zweite zur Rechten hieß Romana, da sie für die aus Rom Kommenden bestimmt war; die dritte Guidonea diente den Pilgern; die vierte links von der Haupttüre nannte man Ravignana oder Ravennata, weil durch sie die Bewohner Trasteveres (im Mittelalter Stadt der Ravennaten genannt) eintraten; die fünfte Ianua iudicii, von den Toten, die durch sie hineingetragen wurden.

Honorius stiftete auch zwei große Leuchter vor dem Apostelgrabe von 272 Pfunden Gewicht. Doch diese Kostbarkeiten verschwanden vor dem Glanz des neuen Dachs der Basilika. Die vergoldeten Erzziegel des Tempels der Roma und Venus, des schönsten Baues Hadrians, welchen die Vandalen verschont hatten, erregten wohl schon seit lange die Begierde der Priester. Honorius nun erlangte vom Kaiser Heraclius dieses antike Dach zum Geschenk, und so wurde auch der größte Tempel des alten Rom der Zerstörung geweiht. Seine Ziegel wanderten auf das Dach St. Peters. Es gab damals kaum einen Römer, der sich dessen nicht freute oder der den Untergang jenes antiken Monuments beklagte.

Honorius schmückte auch die Konfession der von Symmachus am Aposteldom errichteten Kapelle St. Andreas mit silbernen Platten und erbaute eine andere dem St. Apollinaris im Porticus Palmaria der Basilika. So drückt sich das Buch der Päpste aus; diese kleine Kirche stand indes unmittelbar neben dem Porticus und nicht in ihm. Apollinaris, ein griechischer Heiliger aus Antiochia, war für die Stadt Ravenna, was der Apostel Petrus für Rom, nämlich der legendäre Gründer ihres Bistums. Honorius wollte wohl dem dortigen Patriarchen und dem mächtigen Exarchen eine Ehre erweisen, indem er den Schutzpatron Ravennas in den römischen Stadtkultus aufnahm, aber er vergaß es nicht, daß Apollinaris, wie die Tradition berichtete, von Petrus selbst zum Bischof der Hauptstadt des Exarchats bestellt worden war.

Rom verdankte dem baulustigen Honorius noch andere Basiliken, die hier seine Denkmäler sind. Unter ihnen ist die merkwürdigste S. Adriano, welche durch die Überführung der Reste dieses nikomedischen Märtyrers aus Konstantinopel veranlaßt wurde. Der Papst wählte für sie eine der bedeutungsvollsten Stätten des antiken Rom, die noch zu seiner Zeit unter dem Namen Tria Fata städtische Wichtigkeit besaß. Dort lag die altersgraue Curia oder der Senatspalast des Kaiserreichs, und in der Nähe standen andere berühmte Denkmäler, das Comitium, der Janusbogen, die Basilika des Aemilius Paulus.

Ein Brand unter Carinus hatte die Curia zerstört und Diokletian sie wieder aufgebaut. Zu ihr gehörte auch das Secretarium Senatus, welches im Jahre 412 der Stadtpräfekt Epiphanius hergestellt hatte. Alle diese Monumente standen noch um das Jahr 630 als mächtige Gruppen aufrecht, und jeder Römer mußte ihre ehemalige Bestimmung kennen. Das antike Rathaus Roms hieß noch im Munde des Volks die Curia oder der Senatus. Hier war die Stätte des letzten Kampfs des Heidentums mit dem Christentum um den Altar der Victoria; hier hatten sich noch in der Zeit Theoderichs und der Gotenkönige die Reste der ehrwürdigsten Körperschaft des Reichs zu Parlamenten versammelt. Jetzt aber waren diese Hallen und Säle seit mehr als einem halben Jahrhundert leer und ausgestorben, und fortgesetzte Plünderungen hatten sie ihres kostbaren Schmuckes beraubt. Honorius beschloß, in einem der öden Räume eine Basilika einzurichten. Er folgte dem Beispiele Felix' IV., der 100 Jahre vor ihm die Rotunde des Romulus und den Tempel der Stadt in eine Kirche verwandelt hatte. Adrianus, ein Märtyrer, welcher den Namen eines berühmten Kaisers trug, zog jetzt in die antike Curia ein. Dies war das Schicksal des weltberühmten Senatspalasts der Römer: sein letzter Rest erhielt sich als Kirche eines Heiligen; denn die durch neuere Forschungen bestätigte Ansicht, daß die Basilika S. Adriano in einer Halle der Curia eingerichtet worden ist, kann nicht bestritten werden.

Die unweit davon wohl schon im VII. Jahrhundert erbaute Kirche S. Martina nimmt die Stelle des Secretarium Senatus ein; in ihr wurde jene Inschrift gefunden, welche dessen Wiederherstellung durch den Stadtpräfekten Epiphanius bekundet.

Allmählich entstanden Kirchen im ganzen weiten Bezirk vom Fuß des Kapitols über das Forum hinaus, längs der Via Sacra und bis zum Palatin hin. Gegenüber S. Adriano gab es ein Oratorium, welches im Mamertinischen Gefängnis dem Apostel Petrus vielleicht schon im VI. Jahrhundert geweiht worden war. Im Tempel des Antoninus und der Faustina wurde in unbekannter Zeit die Kirche St. Laurentius (in Miranda) errichtet. Aus dem Templum sacrae urbis war die oft genannte Basilika St. Cosma und Damianus erbaut worden, und unweit des Tempels der Vesta und der Wohnung vestalischer Jungfrauen entstand S. Maria de Inferno. Selbst in der Basilika des Julius Caesar scheint ein christliches Oratorium gestanden zu haben.

Kirchliche Anlagen erhielten demnach, wenn auch in gewaltsamer Verwandlung, manche alten Monumente zu den Seiten des Forum Romanum, und sie gaben diesem in Ruinen sinkenden Mittelpunkt des antiken Volkslebens wenigstens soviel Bedeutung, als der religiöse Kultus ihm verleihen konnte. Nachdem das Forum in der letzten Kaiserzeit und dann unter den Goten als Ort für politische Versammlungen und Staatsakte gedient und seit dem VII. Jahrhundert seine Verödung begonnen hatte, hörte es gleichwohl nicht auf, ein Zentrum Roms zu sein. Denn noch hatte sich das Leben der Römer nicht von dort und den benachbarten Hügeln nach der Tiefe des Marsfeldes hingezogen; zur Zeit der Pest unter Gregor dem Großen ging die ansehnlichste der Prozessionen, die der Presbyter, vom Forum aus, und noch im Jahre 767 fand dort eine Versammlung des Volkes statt, als es sich um eine schwierige Papstwahl handelte. Noch war die Zeit ferne, wo das Forum Romanum als ein allgemeiner Steinbruch und als Ort für Ablagerung von Schutt behandelt wurde, und im großen und ganzen bestand es zur Zeit des Papsts Honorius, wenn auch täglich mehr in Trümmer gehend, noch in seinem antiken Charakter fort.

 << Kapitel 65  Kapitel 67 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.