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Geschichte der Hexenprozesse. Band I

Wilhelm Gottlieb Soldan: Geschichte der Hexenprozesse. Band I - Kapitel 10
Quellenangabe
typetractate
authorWilhelm Gottlieb Soldan
titleGeschichte der Hexenprozesse. Band I
publisherMüller & Kiepenheuer
editorMax Bauer
year1911
firstpub1843
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140309
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Sechstes Kapitel. Die alte Kirche

Mit dem Eintritt des Christentums in die Geschichte der Menschheit nahm diese eine veränderte Stellung zu dem Jahrtausende alten Dämonenglauben an.

Fassen wir zunächst die drei ersten Jahrhunderte der Kirche ins Auge, so finden wir, daß alle Kirchenväter, die den Ursprung der Dämonen berühren – Justinus Martyr Apol. II. c. 5., Athenagoras Πρεσβ. βερί χριστ, Tatian Oratio ad Graec. c. 12., Minucius Felix Octavius, c. 26 u. 27., Tertullian de idol. c. 8 u. 9 und an anderen Stellen., Irenäus Adversus heureses, L. IV, c. 16, 21. – an die jüdische Theologie jener Zeit sich anschließend, als biblische Grundlage der kirchlichen Dämonenlehre die Schriftstelle Gen. 6, 1-4 betrachten. Sie lautet: »Und es geschah, als die Menschen begannen sich zu mehren auf Erden und ihnen Töchter geboren wurden, da sahen die Söhne Gottes die Töchter der Menschen, daß sie schön waren, und nahmen sich Weiber von allen, die ihnen gefielen. – Zur selbigen Zeit waren Riesen auf der Erde; und auch nachdem die Söhne Gottes den Töchtern der Menschen beigewohnt, so gebaren sie ihnen (Söhne); das sind die Helden, die von alters her Männer von Ruhm gewesen.« Nach allgemein herrschender Ansicht waren nämlich die »Söhne Gottes« Engel, die sich mit Töchtern der Menschen vermischt hatten, die dadurch gefallen und von Gott verstoßen und zu Dämonen geworden waren und Dämonen erzeugt hatten. Das alles sollte auf Anstiften des Teufels geschehen sein, der mit göttlicher Zulassung seitdem das Haupt eines großen Dämonenreiches geworden war.

Die wollüstigen Neigungen des mittelalterlichen Teufels sind zum guten Teil auf diese Deutung zurückzuführen. Im germanischen Mythus enthält die Abstammung des Volkes von Tuisko die Elemente dieses Wahns; der sagenhafte Ahn des Merovingerhauses, Merovech, wurde als Sohn eines Meergottes und der Gemahlin des Königs Chlodio angesehen. War das eine jüngere Sagenbildung, so erzählte doch schon der Gote Jordanis um das Jahr 550, daß die Hunnen von bösen Dämonen und Zauberweibern erzeugt worden seien Jordanes, Gothengeschichte. Lpzg. 1884. Kap. 24. (Gesch. d. d. Vorz. Bd. 5).. Den wollüstigen Incubus nannte man in Gallien um 400 n. Chr. Drusius, ein Beispiel, daß auch den keltischen Vorstellungen dieser Wahn nicht fremd war, und der Glaube an feenartige Wesen, die mit Männern in geschlechtliche Beziehung treten, ist gerade auf keltischem Boden weitverbreitet Hansen, Zauberwahn, Inquisition etc., München und Leipzig 1900. S. 19 ff..

Von der erwähnten Schriftstelle ausgehend entwickelten nun die Kirchenväter der drei ersten Jahrhunderte eine Dämonenlehre, deren Hauptgedanken folgende sind:

Die Dämonen wohnen (nach Origenes u. a.) im dichteren Dunstkreise der Erde. Da sie Leiber besitzen, so bedürfen sie auch der Nahrung, die sie aus dem Qualm der heidnischen Opfer einsaugen Orig. c. Celsum V, 579, Minuc. Fel., Octav. c. 27. Tertull., Apolog. c. 22.. Ihre Körperlichkeit ist aber unvergleichlich feiner und dünner als die der Menschen, wodurch es ihnen möglich wird, in den Geist wie in den Leib des Menschen einzudringen. Nach Tatian sind die Dämonenleiber luft- und feuerartig Orat. ad Graec. 154.. Nach Tertullian ist der Dämon wie jeder Geist gewissermaßen ein Vogel und mit einer solchen Schnelligkeit der Bewegung begabt, daß er in jedem Augenblick an jedwedem Orte sein kann. Diese gar nicht vorstellbare Schnelligkeit in der Bewegung der Dämonen ist auch eine der Ursachen gewesen, weshalb die Völker ihnen den Charakter der Göttlichkeit beilegten Tertull., Apolog. c. 22..

An Macht und Wissen sind die Dämonen den Menschen unendlich überlegen, woraus Tatian folgert, daß sie nicht, wie Josephus annahm, für Seelen verstorbener böser Menschen zu halten wären Orat. ad Graec. 154.. Origenes meint (im Kommentar zur Genes.), die Dämonen wüßten vieles Zukünftige aus der Bewegung der Gestirne; Tertullian nimmt an (Apolog. c. 22), daß sie ihr außerordentliches Wissen de incolatu aëris et de vicinia siderum et de commercio nubium hätten.

Die Wirksamkeit der Dämonen wird von Tertullian am konzisesten so bezeichnet, daß er sagt (Apolog. c. 22): 1. Operatio eorum est hominis eversio und 2. aemulantur divinitatem, – namentlich dem furantur divinationem (in oraculio).

In letzterer Beziehung steht es für alle Kirchenlehrer der drei ersten Jahrhunderte ganz unzweifelhaft fest, daß die Götter der Griechen und Römer nichts anderes als Dämonen waren, daß sie es gewesen sind, die als »vermeintliche Gottheiten sich mit Weibern vermischt haben, daß die Namen der heidnischen Götter dieselben Namen sind, die sie sich selbst beigelegt haben, und daß sie daher als die eigentlichen Urheber des Heidentums mit seiner Mythologie und seinem Kultus gelten müssen. Die Dämonen sind es gewesen, die zur Begründung des abgöttischen Glaubens an ihre vermeintliche Gottheit scheinbare Wunder taten, die ihre Stimme aus den Orakeln ertönen ließen, die bei den Augurien in Vögel und andere Tiere eindrangen, die in den Tempelstatuen sich verbargen und sich einen Kultus darbringen ließen, und die die Menschen zur Astrologie und Magie verführten Justinus, Apol. I c. 25 u. 26. Athenag. Legatio 29., Clemens Alex. Cohort. ad gentes, 52, Origenes, Homil. 16 in Ezech., c. Celsum, Tertull., Apolog. c. 23. Clemens, Strom. 1, 17 usw..

Der Teufel und dessen Dämonen sind unablässig bemüht, ihr Reich zu erweitern, indem sie die ihnen zugänglichen Menschen in ihre eigene Gottlosigkeit und Verdammnis zu verstricken suchen Cyprian, de varitate idol., 13, und Justin, Apol. I. c. 13.. Doch ist ihnen dieses nur bei denjenigen möglich, die gottlos leben und um ihr Seelenheil unbekümmert sind, die sie daher namentlich durch Träume und Trugbilder zu betören und an sich zu locken suchen. Insbesondere sind sie bestrebt, durch ihre Eingebungen die Menschen vom Lesen solcher Bücher abzuhalten, in denen göttliche Wahrheit enthalten ist, und die zu deren Verteidigung verfaßt sind Justin, Apol. I. c. 12 u. 13..

Die Christen freilich sind gegen die Anläufe des Satans und der Dämonen ein- für allemal sichergestellt. Vor ihnen müssen sie weichen, aber gerade darum ist die Bosheit des Dämonenreiches vor allem gegen die Christen und gegen die Kirche gerichtet, die sie fortwährend in allerlei Weise zu schädigen und zu verderben suchen, vor allem dadurch, daß sie die Heiden mit teuflischem Hasse gegen die Christen erfüllen und in allen Landen Christenverfolgungen veranlassen, sowie auch dadurch, daß sie in der Kirche Streitigkeiten, Spaltungen und Ketzereien hervorrufen Justin, Apol. I. c. 5, 11, 9, 26. Minuc. Felix, Octav 1. Origenes, Exhort. ad martyres 18, 32, 42. Clemens Alex., Strom. II. 489.. Außerdem aber sind die Dämonen, weil sie Feinde Gottes sind, auch Feinde des Menschengeschlechts überhaupt, weshalb sie den einzelnen Menschen unablässig auflauern und sie auf allen nur erdenkbaren Wegen zu schädigen und zu verderben suchen. Ihre Wirksamkeit üben sie in allen unheilbringenden Naturphänomenen aus. Sie verursachen Mißwachs, Dürre, Pest und andere Krankheit, dringen in reißende Tiere ein, durch die sie Schaden stiften, während sie die dem Menschen nützlichen Tiere zugrunde richten, und schleichen sich selbst in die Gedanken des Menschen, um diese zu verwirren, von Gott abzulenken und daraus für den von ihnen angefallenen Menschen wie für andere Unheil anzurichten Origenes c. Cels. 8. 31 u. 32. Tertullian, Apolog. c. 22.. Um ihre heillosen Anschläge zur Ausführung zu bringen, teilen sie ihre geheimen Kenntnisse gern gottlosen Weibern mit Clemens Alex., Strom. 5, 650..

Dieses war die Dämonenlehre der drei ersten Jahrhunderte der Kirche. Es war der alte Dämonenglaube, wie er die jüdische und die heidnische Welt beherrschte, nur an eine Erzählung der H. Schrift angeknüpft und nach Maßgabe der Stellung, die das Christentum zum Heidentum einnahm, erweitert und modifiziert. Das wesentlich Neue, was das Evangelium zur überlieferten Dämonenlehre hinzugebracht hatte, lag in dem Bewußtsein der Sicherheit, die der Christ gegenüber dem Teufel und den Dämonen habe.

In einer der allerältesten Urkunden der Kirche, in dem zwischen den Jahren 140 und 145 geschriebenen »Hirten« Patrum apostolicorum opera von Gebhardt, Harnack u. Zahn, B. III. S. LXXXII. des Hermas wird es wiederholt und nachdrücklichst verkündet, daß dem Teufel über den Christen keine Gewalt zustehe, daß dieser vielmehr alle Anschläge des Teufels zunichte machen könne, weshalb den Gläubigen wiederholt geboten wird, sich aller Furcht vor dem Teufel zu entschlagen und ihn als einen toten Feind zu verachten.

Alle Glieder der Kirche waren daher von dem Bewußtsein erfüllt, daß der Teufel und dessen Dämonen vor ihnen fliehen müßten, daß sie diese aus den Besessenen vertreiben, daß sie mit Anrufung des Namens Jesu Christi allen Dämonen- und Teufelsspuk zunichte machen und die Dämonen, die von den Heiden für Götter gehalten würden, zwingen könnten, sich selbst als Dämonen zu bekennen Just., Apol. I. 30, 61. Apol II. 30, 85, 121. Tertullian, Apolog. c. 23, Irenäus, II. c. 32, 41..

Ganz dieselbe Dämonenlehre, die wir in den drei ersten Jahrhunderten der Kirche von ihren Lehrern entwickelt sehen, finden wir nun auch in den nächstfolgenden Jahrhunderten von den Kirchenvätern vertreten. Lactanz z. B., der als kaiserlicher Prinzenerzieher zu Nicomedien lebte und im Jahre 330 starb, interpretiert die Stelle Genesis 6, 1 nach Philo, de gigantibus In dem Divinarum institutionum LL. VII., L. II. c. 14-c. 18 und IV, c. 26-27.: »Als sich die Zahl der Menschen gemehrt hatte, schickte Gott, damit sie nicht dem Trug des Teufels (dem er von Anfang an über die Erde Gewalt gegeben hatte) erliegen möchten, zu ihrem Schutze Engel auf die Erde. Diese Engel aber erlagen im Verkehr mit den Töchtern der Menschen selbst, indem sie sich mit ihnen vermischten und Söhne erzeugten. Infolgedessen wurden die gefallenen Engel, aus dem Himmel verstoßen, zu Dämonen des Teufels. Die von ihnen erzeugte Brut war nun eine zweite Art von Dämonen, unsaubere Geister, vom Volke malefici genannt, die ebenfalls dem Teufel angehörten. Das ganze Streben dieser Dämonen und unsauberen Geister geht dahin, Gottes Reich zu zerstören und die Menschen zu schädigen. Zu diesem Zwecke haben sie durch scheinbare Wunder und Orakel den Völkern den Wahn beigebracht, daß sie Götter wären, und haben das Heidentum mit seiner Mythologie und seinem Kultus geschaffen. Auch sind sie die Urheber der Magie, Nekromantik, Haruspicin, der Auguralkunst und Astrologie. Außerdem richten sie in allerlei Weise Verderben an. Doch braucht der Christ ihre Tücke nicht zu fürchten, indem vielmehr der Teufel und dessen Dämonen vor dem Christen fortwährend in Furcht sein müssen Lactanz, Lib. II. c. 15.. Denn der Christ kann sie nicht allein überall austreiben, sondern er kann sie auch zwingen, ihre Namen zu nennen und zu gestehen, daß sie (als Jupiter, Juno, Merkur etc.) gar keine Götter sind, obschon sie in Tempeln verehrt werden.« Denn Paulus hatte erklärt, im Anschluß an Psalm 95, 5, was man den alten Göttern opfere, das opfere man den Dämonen (I. Cor. 10, 20). Er hatte also die Dämonen mit den Göttern der Heiden identifiziert Hansen, Zauberei, S. 22..

In derselben Weise und in demselben Sinne reden auch die übrigen Kirchenlehrer des vierten Jahrhunderts über die Dämonen. Alle erkennen in ihnen die Angehörigen des Satans, die Anstifter und Urheber des Heidentums, dessen Gottheiten nichts anderes als Dämonen waren und die geheimen Peiniger der Menschheit. Alle aber erkennen auch an, daß der Christ über das Reich des Satans Gewalt hat, daß er von den Dämonen gefürchtet, gemieden und vertrieben wird, und daß das Zeichen des Kreuzes und der Name Christi ein ganz sicheres Mittel zur Bewältigung der Dämonen und zur Durchkreuzung ihrer Anschläge ist. Namentlich wurde von allen anerkannt, daß schon in unzähligen Fällen die Haruspicien und andere Opferhandlungen der Heiden durch die Anwesenheit von Christen oder durch den Gebrauch des Kreuzeszeichens vollständig zunichte gemacht worden wären Eusebius, Histor. eccles. VII. 17 und Lactanz, Instit. IV. 27..

Unter den Kirchenvätern des nächstfolgenden Jahrhunderts begnügen wir uns damit, allein denjenigen hervorzuheben, der unter den großen Lehrern der vormittelalterlichen Kirche des Abendlandes unbestritten als der größeste dasteht, nämlich den Bischof von Hippo-Regius, Aurelius Augustinus († 430), da er wie kein anderer auf die Entwicklung der Theologie in den nachfolgenden Zeiten eingewirkt hat. Auch in ihm sehen wir einen klassischen Zeugen der Tatsache, daß in der Kirche des vierten und fünften Jahrhunderts eine Dämonenlehre bestand, die nichts anderes als die kirchliche Umgestaltung heidnischen Glaubens und Aberglaubens war, und die diesen in die mittelalterliche Welt hinein fortpflanzte.

Nach Augustin, der aus einem geschulten Philosophen Christ geworden war und in seinem Lebenskampf mit dem dualistischen Manichäismus andauernd Gelegenheit hatte, die Dämonologie zu erörtern Hansen, Zauberei, S. 25., bestehen vom Anbeginne der Welt zwei von Gott prädestinierte und durch die Geschichte hindurch sich verwirklichende Reiche. Nämlich die civitas Dei, die alle guten Menschen und Engel, und die civitas Diaboli, die das gesamte Dämonenreich umfaßt. Zu der letzteren gehörte auch die civitas terrena Roms mit dem in ihr herrschenden Kultus der Dämonen. Dieses Dämonenreich, diese civitas Diaboli besteht noch jetzt; aber die Kirche ist ihre Besiegerin A. Dorner, Augustinus, sein theologisches System und seine religionsphilosophische Anschauung, Berl. 1873, S. 97, 299 ff., 313. Döllinger, Christentum und Kirche, Regensburg 1868, S. 175. Roskoff, I. 106, 212 ff.. – Die Dämonen sind ihrer Natur nach Wesen, die einen Luftkörper (corpus aërium) besitzen, weshalb sie mit einer gar nicht vorstellbaren Sinnesschärfe (acrimonia sensus) und Schnelligkeit der Bewegung (celeritas motus) ausgestattet sind. Hierzu kommt, daß sie bei der langen Dauer ihres Lebens eine Erfahrung gewonnen haben, zu der ein Mensch in seinem so kurzen Leben niemals gelangen kann. Diese natura aërii corporis macht es nun den Dämonen möglich, Künftiges vorhersagen und Wunderbares tun zu können. Indem daher die Menschen in den Dämonen ein übermenschliches Vermögen wahrnahmen, haben sie sie für Götter gehalten und ihnen einen Kultus dargebracht De divinatione daemonum, Kap. 3.. Dieser Kultus ist das Heidentum. – Die Dämonen besitzen namentlich das Vermögen Krankheiten, Unwetter, Mißernten zu erzeugen Gust. Roskoff, Geschichte des Teufels, Leipzig 1869. I. Bd. S. 234. und die Gottlosen zu Maleficien (malefacta) anzuregen. Dies tun sie, indem sie in die ihnen infolge ihrer Gottlosigkeit zugänglichen Menschen sowohl im wachenden als im schlafenden Zustand eindringen (was ihnen durch die subtilitas ihrer Luftkörper ermöglicht wird), ohne daß die Betreffenden es merken, – wobei sie ihre Gedanken in die der Menschen einmischen De divinatione, Kap. 5..

Dieses sind die Grundgedanken der Dämonenlehre Augustins, mittelst deren er sich mit der ganzen Vorstellungswelt des Heidentums so abfindet, daß ihm die heidnische Mythologie nicht auf Imagination, sondern auf Wirklichkeit und Tatsächlichkeit beruhend erscheint. Die diomedeischen Vögel sind seiner Meinung nach so entstanden, daß die Dämonen die Menschen bei Seite schafften und aus fernen Landen die Vögel an deren Stelle brachten. Wenn nun diese Vögel, von den Dämonen dazu bestimmt, in ihren Schnäbeln, wie man sage, Wasser in den Tempel trügen, den Griechen schmeichelten, Fremde dagegen mißhandelten, so sei das gar nicht zu verwundern, da es das Interesse der Dämonen mit sich bringe, die Welt zu überreden, daß Diomedes ein Gott geworden sei, damit sie nicht aufhöre, falschen Göttern zu dienen De civitate Dei, XVIII, 18.. Das ewige Licht in dem Venustempel, dem kein Unwetter etwas anhaben konnte, erkläre sich dadurch, daß ein Dämon unter dem Namen Venus entweder den Eindruck eines brennenden Lichtes hervorbringe oder das Brennen bewirke Ebendas. XXI, 6.. Was von der Kirke erzählt werde, das sei zwar an sich unglaublich; allein es gebe noch jetzt glaubhafte Leute genug, die Derartiges in zuverlässigster Weise von anderen als deren Erlebnis hätten berichten hören, oder die Ähnliches selbst erlebt hätten. Während seines Aufenthaltes in Italien will Augustin erfahren haben, daß es dort Gastwirtinnen gegeben habe, die sich auf die Kunst verstanden, die bei ihnen einkehrenden Reisenden mittelst Käse, den sie ihnen zu essen gaben, ganz nach Belieben und Bedarf in Zugtiere und diese nach Erledigung der ihnen auferlegten Arbeit wiederum in Menschen zu verwandeln Ebendas. XVIII. 17., ein Glaube, der noch heute bei den Südslaven lebt Friedr. S. Kraus, Slavische Volksforschungen, Leipzig 1908, S. 52 ff.. Daher war Augustin mit dem Gedanken der Tierverwandlung ganz vertraut Hansen, Zauberei, S. 27..

Augustin warnt nun nachdrücklichst vor allem Zauberwerk, weil die Magie nur mit Hilfe der Dämonen ausgeübt werden könne; er geißelt den Aberglauben, die Heilungen durch Sprüche und Charaktere, den Gebrauch von Amuletten, die Stellung des Horoskops u. dgl. m. Aber an die Wirklichkeit der Magie zweifelt er nicht. Mit Hilfe der Dämonen können die Gottlosen zukünftige Dinge vorhersagen und verderbliche, den Menschen sonst unmögliche Maleficien ausüben; mit Hilfe der Dämonen können die Gottlosen andere, namentlich auch durch den bösen Blick, schädigen De doctrina christ. II. 10 ff. – Confes. I. 7. und Erntefelder zu ihrem Vorteil versetzen. Namentlich erkennt er auch an, daß Dämonen, in denen er die Silvani und Fauni der Heiden wiederfindet, als incubi mit Frauen Unzucht treiben können. Augustinus folgt hierbei der Überlieferung. Denn zur Zeit des Horaz wurde in Rom das nächtliche Alpdrücken einem gespenstigen Wesen, Ephialtes, Incubus, zugeschrieben, das später dem Geschlechte der Faune und Silvani eingeordnet und auf wollüstige Träume übertragen wurde, indem man annahm, daß diese Incubi den Frauen nachstellten W. H. Roscher, Lexikon der griech. und römischen Mythologie, Leipzig 1890, II. S. 127..

Dabei aber kennt Augustin auch sehr wohl den Trost, den der Christ gegenüber dem Treiben der Dämonen aus dem Evangelium gewinnt. In seiner Schrift de civitate Dei ruft er daher (XVIII. 18) den Gläubigen zu: »Je größer die Gewalt über die irdische Welt ist, die wir den Dämonen verliehen sehen, um so fester laßt uns an dem Erlöser halten, durch den wir uns aus dieser Tiefe nach oben hin erheben sollen.«

Indem nun diese Dämonenlehre zurzeit kirchlich anerkanntes Dogma war, so mußte die Stellung der ersten christlichen Kaiser zum Dämonismus, zur Zauberei usw. notwendig die sein, die wir in ihren Gesetzen ausgesprochen finden.

Für sie war die Auffassung der Götter des alten Heidentums als böser Dämonen gegeben. Dazu kam; daß viele geheime Anhänger, die das Heidentum namentlich in den Volksmassen hatte, jetzt nach der Unterdrückung des bisherigen heidnischen Kultus gerade in dem Gebrauche der Zauberei ihre heidnische Religiosität ausübten und befriedigten Eusebius (Vita Const. Lib. I. 16).. Daher begreift sich die enorme Strenge und Härte, mit der die christlichen Kaiser gegen die Zauberei als heidnisches Teufelswerk einschritten Henri Charles Lea, Geschichte der Inquisition im Mittelalter, Bonn 1907, III. Bd. S. 397.. Constantin († 306) befahl, daß jeder Haruspex, der sich in das Haus eines Bürgers rufen lasse, um Haruspicien anzustellen, lebendig verbrannt, das Eigentum des Bürgers konfisziert, die Denunzianten aber belohnt werden sollten Cod. Inst. IX., Tit. 18, 16, 1 und 2.. Doch beschränkte ein zwei Jahre später erlassenes milderes Gesetz diese harte Strafe auf diejenigen, die durch magische Künste der Gesundheit anderer zu schaden oder in unschuldigen Gemütern Wollust zu erwecken suchten. Dagegen sollte der Gebrauch magischer Mittel zur Heilung von Krankheit oder zum Schutz der Fluren gegen Wind und Wetter als straflos gelten Cod. Just. IX. Tit. 18, 4..

Dieses Schwanken Constantins erklärt sich aus seiner inneren Stellung zum Christentum, dem er sich in Wahrheit doch fremd fühlte.

Anders aber war es bei Constantius (317-361), der mit der Magie und dadurch mit dem Heidentum gründlichst aufräumen wollte. In einem der Gesetze klagt er, daß viele Magier vorhanden wären, die mit Hilfe der Dämonen Stürme erregten und andere an Leib und Leben schädigten. Die in Rom eingefangenen Zauberer sollten wilden Tieren vorgeworfen, die in den Provinzen aufgegriffenen gemartert und ihnen, wenn sie beharrlich leugneten, mit eisernen Haken das Fleisch von den Knochen gerissen werden. In diesem Sinne erließ Constantius Gesetze gegen Haruspices, Auguren, Chaldäer, Magier, Totenbeschwörer, Traumdeuter und solche, die gegen die Menschen und die Elemente freveln. Alles Weissagen ohne Ausnahme wird verboten, und selbst Personen aus dem Gefolge des Kaisers, wenn sie beteiligt sind, sollen der Tortur unterworfen werden. Die Furcht vor Komplotten hatte ihren wesentlichen Anteil hieran Gothofred. ad. Cod. Theodos. lib. IX. tit. 16, 6. Ammianus Marcellinus..

Nach dem kurzen Wiederaufleben des Heidentums unter Julian (361-368) ehrte Valentinian I. (364-375) die alten Erinnerungen der Nation und selbst die noch gegenwärtigen Überzeugungen eines großen Teils von ihr, indem er nach seinem allgemeinen Toleranz-Edikt noch in einem besonderen Reskripte erklärte, daß die Kunst der Haruspices an sich mit der Zauberei keinen Zusammenhang habe und nur dann einer Strafe unterliege, wenn man sie zum Schaden anderer mißbrauche. Freilich wurden der uralte Baumkultus C. Bötticher, Der Baumkultus der Hellenen, Berl. 1856. S. 532., nächtliche Opfer und das mit ihnen so oft verbundene Zauberwesen (magici apparatus) neuerdings verboten Cod. Theodos. lib. IX. tit. 16, 7 und 9. 21. B. K. 12 ff. 26. B. K. 3 ff..

Die von Valentinian gestatteten Übungen mußten aber seit Theodosius (379-395) wieder verschwinden.

Honorius (395-423) behandelte die Sache schon mehr von dem kirchlichen Standpunkt. Er gebot den sogenannten Mathematikern, ihre Bücher vor den Augen der Bischöfe zu verbrennen und unter Verwerfung ihres Irrtums zu den Religionsgebräuchen der katholischen Kirche sich zu verpflichten; wer sich dessen weigerte, sollte aus den Städten verwiesen und im Wiederbetretungsfalle verbannt werden Cod. Just. lib. I. tit. 4 de episcopali audientia. 10..

So schwanken die Bestimmungen mannigfaltig, und die justinianische Sammlung enthält noch kein Gesetz, in dem sich die den christlichen Kirchenlehrern eigentümliche Ansicht von dem Dämonischen der Zauberei vollständig ausspräche. Dies geschieht erst in einer vom Kaiser Leo dem Philosophen erlassenen Verordnung (zwischen 887 und 893). Diese hebt in ihrem Eingange die Inkonsequenz des früheren Gesetzes hervor, das auf Beschädigungen Strafen setze, hingegen den Schutz der Saaten und Weinberge, Heilungen usw. erlaube. Man habe die Erfahrung gemacht, daß alle Zauberübungen (incantamenta, μαγγανείαι) den Menschen von Gott entfernen und dem Dienste greulicher Dämonen zuführen. Schaden am Seelenheil sei davon unzertrennlich, und es würden daher alle zauberischen Begehungen ohne Unterschied verboten. Der Übertreter dieses Verbotes soll als Apostat den Tod leiden Imp. Leon. Const. nov. LXV..

Unter den Prozessen gegen Zauberer aus der Zeit der christlichen Kaiser möge hier nur desjenigen gedacht werden, der zu Antiochia unter den Augen des Kaisers Valens (364-378) vorging. Auch bei diesem konkurrierte das Majestätsverbrechen.

Mehrere Männer von Bedeutung wurden angeklagt, durch mantische Künste den Namen desjenigen erforscht zu haben, der des Kaisers Nachfolger sein würde. Im Verhöre gestanden sie, mittelst eines Zauberringes, der über einem mit dem Alphabet beschriebenen Becken schwebte, gefunden zu haben, daß ein gewisser Theodorus, ein Jüngling von ausgezeichneten Gaben, dieser Nachfolger sein werde. Wirklich schien hier, einem von Theodorus geschriebenen Briefe zufolge, eine Verschwörung gegen Valens vorzuliegen, und das ganze Orakel mochte nur vorgespiegelt sein, um Anhänger zu gewinnen. Aber das deshalb eingeleitete Verfahren war durchaus formlos und gewaltsam. Tausende von Personen wurden auf die nichtigsten Indizien hin verhaftet, maßlose Folterqualen angewendet, Schuldige und Unschuldige, zum Teil angesehene Staatsbeamte und Philosophen, unter Einziehung ihrer Güter als Teilnehmer oder Mitwisser erdrosselt, enthauptet oder lebendig verbrannt. Hierauf warf man, gleichsam zur Rechtfertigung vor dem über solche Greueltaten aufgebrachten Volke, die Bibliotheken der Hingerichteten ins Feuer; denn sie enthielten, sagte man, nichts als Zauberbücher. Während dieses Prozesses hatten zwei Nichtswürdige, Palladius und Heliodorus, die, als sie selbst wegen Zauberei verhaftet waren, durch Denunziationen den ganzen Prozeß veranlaßt, die unbegrenzte Gunst des Kaisers und bedeutende Reichtümer erschlichen; es lag ihnen jetzt nichts näher, als das Erworbene auf demselben schändlichen Wege zu behaupten. Darum traten die beiden Hofsykophanten stets wieder mit neuen Denunziationen hervor. Sie machten, wie Ammianus Marcellinus sagt, eine förmliche Jagd auf ihre Opfer. Häuser wurden versiegelt, und bei der Versiegelung wurden allerlei Zauberapparate wie Formeln und Liebestränke untergeschoben. Männer und Weiber, Vornehme und Geringe wurden verhaftet, die Folter ruhte nicht, Güter wurden eingezogen, Menschen verwiesen und enthauptet. Eunapius vergleicht dieses Morden mit dem Hühnerschlachten bei Festgelagen, und Ammianus versichert, daß damals im Orient jedermann in der Angst seine Bücher verbrannt habe, um nur keinen Stoff zum Argwohn zu bieten. Als Heliodorus starb, zwang Valens die Honoratioren, und unter diesen zwei Konsularen, die als Angeklagte nur durch seltene Standhaftigkeit in der Folter dem Tode entgangen waren, die Leiche zu begleiten. Um aber die absolute Bodenlosigkeit und Dummheit seines Despotismus zu beurkunden, begnadigte Valens um dieselbe Zeit den Kriegstribunen Pollentianus unter Belassung seines großen Vermögens und seiner Würde; und doch war dieser überwiesen und geständig, ein schwangeres Weib geschlachtet zu haben, um mit der ausgeschnittenen Leibesfrucht nekromantische Befragungen wegen des künftigen Regierungswechsels anzustellen! Ammian. Marcellin. XXIX. 1 u. 2. Eunap. vit. philos. et sophist. p. 62 ed. Boissonade. Amstelod. 1822.

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