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Geschichte der Abderiten

Christoph Martin Wieland: Geschichte der Abderiten - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleGeschichte der Abderiten
authorChristoph Martin Wieland
year1987
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
isbn3-499-40013-8
titleGeschichte der Abderiten
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1774
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7. Kapitel

Patriotismus der Abderiten. Ihre Vorneigung für Athen, als ihre Mutterstadt. Ein paar Proben von ihrem Atticismus, und von der unangenehmen Aufrichtigkeit des weisen Demokrit.

Demokrit hatte noch keinen Monat unter den Abderiten gelebt, als er ihnen, und zuweilen auch sie ihm schon so unerträglich waren, als Menschen einander sein müssen, die mit ihren Begriffen und Neigungen alle Augenblicke wider einander stoßen.

Die Abderiten hegten von sich selbst und von ihrer Stadt und Republik eine ganz außerordentliche Meinung. Ihre Unwissenheit alles dessen, was außerhalb ihres Gebiets in der Welt merkwürdiges sein oder geschehen mochte, war zugleich eine Ursache und eine Frucht dieses lächerlichen Dünkels. Daher kam es denn durch eine sehr natürliche Folge, daß sie sich gar keine Vorstellung machen konnten, wie etwas recht oder anständig oder gut sein könnte, wenn es anders als zu Abdera war, oder wenn man zu Abdera gar nichts davon wußte. Ein Begriff, der ihren Begriffen widersprach, eine Gewohnheit, die von den ihrigen abging, eine Art zu denken oder etwas ins Auge zu fassen, die ihnen fremd war, hieß ihnen, ohne weitere Untersuchung, ungereimt und belachenswert. Die Natur selbst schrumpfte für sie in den engen Kreis ihrer eigenen Tätigkeit zusammen; und wiewohl sie es nicht so weit trieben, sich, wie die Japaner, einzubilden, außer Abdera wohnten lauter Teufel, Gespenster und Ungeheuer, so sahen sie doch wenigstens den Rest des Erdbodens und seiner Bewohner als einen ihrer Aufmerksamkeit unwürdigen Gegenstand an; und wenn sie zufälliger Weise Gelegenheit bekamen etwas fremdes zu sehen oder zu hören, so wußten sie nichts damit zu machen, als sich darüber aufzuhalten, und sich selbst Glück zu wünschen, daß sie nicht wären wie andre Leute. Dies ging so weit, daß sie denjenigen für keinen guten Bürger hielten, der an einem andern Orte bessere Einrichtungen oder Gebräuche wahrgenommen hatte als zu Hause. Wer das Glück haben wollte ihnen zu gefallen, mußte schlechterdings so reden und tun, als ob die Stadt und Republik Abdera, mit allen ihren zugehörigen Stücken, Eigenschaften und Zufälligkeiten, ganz und gar untadelig und das Ideal aller Republiken gewesen wäre.

Von dieser Verachtung gegen alles, was nicht Abderitisch hieß, war die Stadt Athen allein ausgenommen; aber auch diese vermutlich nur deswegen, weil die Abderiten, als ehmalige Tejer, ihr die Ehre erwiesen, sie für ihre Mutterstadt anzusehen. Sie waren stolz darauf, für das Thracische Athen gehalten zu werden; und wiewohl ihnen dieser Name nie anders als spottweise gegeben wurde, so hörten sie doch keine Schmeichelei lieber als diese. Sie bemühten sich, die Athener in allen Stücken zu kopieren, und kopierten sie genau – wie der Affe den Menschen. Wenn sie, um lebhaft und geistreich zu sein, alle Augenblicke ins Possierliche fielen; wichtige Dinge leichtsinnig, und Kindereien ernsthaft behandelten; das Volk oder ihren Rat um jeder Kleinigkeit willen zwanzigmal versammelten, um lange, alberne Reden für und wider über Sachen zu halten, die ein Mann von alltäglichem Menschenverstand in einer Viertelstunde besser als sie entschieden hätte; wenn sie unaufhörlich mit Projekten von Verschönerung und Vergrößerung schwanger gingen, und, so oft sie etwas unternahmen, immer erst mitten im Werke ausrechneten, daß es über ihre Kräfte gehe; wenn sie ihre halb Thracische Sprache mit Attischen Redensarten spickten; ohne den mindesten Geschmack eine ungeheure Leidenschaft für die Künste affektierten, und immer von Malerei und Statuen und Musik und Rednern und Dichtern schwatzten, ohne jemals einen Maler, Bildhauer, Redner oder Dichter, der des Namens wert war, gehabt zu haben; wenn sie Tempel bauten die wie Bäder, und Bäder die wie Tempel aussahen; wenn sie die Geschichte von Vulkans Netz in ihre Ratsstube, und den großen Rat der Griechen über die Zurückgabe der schönen Chryseis in ihr Gymnasium malen ließen; wenn sie in Lustspiele gingen, wo man sie zu weinen, und in Trauerspiele, wo man sie zu lachen machte, und in zwanzig ähnlichen Dingen glaubten die guten Leute Athener zu sein, und waren – Abderiten.

«Wie erhaben der Schwung in diesem kleinen Gedicht ist, das Physignatus auf meine Wachtel gemacht hat!» sagte eine Abderitin. – «Desto schlimmer!» sagte Demokrit.

«Sehen Sie», sprach der erste Archon von Abdera, «die Fassade von diesem Gebäude, welches wir zu unserm Zeughause bestimmt haben? Sie ist von dem besten Parischen Marmor. Gestehen Sie, daß Sie nie ein Werk von größerm Geschmack gesehen haben!»

«Es mag der Republik schönes Geld kosten», antwortete Demokrit.

«Was der Republik Ehre macht, kostet nie zu viel», erwiderte der Archon, der in diesem Augenblick den zweiten Perikles in sich fühlte. «Ich weiß, Sie sind ein Kenner, Demokrit; denn Sie haben immer an allem etwas auszusetzen. Ich bitte Sie, finden Sie mir einen Fehler an dieser Fassade?»

«Tausend Drachmen für einen Fehler, Herr Demokrit», rief ein junger Herr, der die Ehre hatte ein Neffe des Archon zu sein, und vor kurzem von Athen zurück gekommen war, wo er sich aus einem Abderitischen Bengel für die Hälfte seines Erbgutes zu einem Attischen Gecken ausgebildet hatte.

«Die Fassade ist schön», sagte Demokrit ganz bescheiden; «so schön, daß sie es auch zu Athen oder Korinth oder Syrakus sein würde. Ich sehe, wenns erlaubt ist so was zu sagen, nur Einen Fehler an diesem prächtigen Gebäude.»

«Einen Fehler?» – sprach der Archon, mit einer Miene, die sich nur ein Abderit, der ein Archon war, geben konnte.

«Einen Fehler! Einen Fehler!» wiederholte der junge Geck, indem er ein lautes Gelächter aufschlug.

«Darf man fragen, Demokrit, wie Ihr Fehler heißt?»

«Eine Kleinigkeit», versetzte dieser; «nichts als daß man eine so schöne Fassade – nicht sehen kann.»

«Nicht sehen kann? Und wie so?»

«Nun, beim Anubis! wie wollen Sie daß man sie vor allen den alten übel gebauten Häusern und Scheunen sehen soll, die hier ringsum zwischen die Augen der Leute und Ihre Fassade hingesetzt sind?»

«Diese Häuser standen lang' ehe Sie und ich geboren wurden», sagte der Archon.

«So hättet ihr euer Zeughaus anderswohin setzen sollen», sagte Demokrit.

Dergleichen Dialogen gab es, so lange Demokrit unter ihnen lebte, alle Tage, Stunden und Augenblicke.

«Wie finden Sie diesen Purpur, Demokrit? Sie sind zu Tyrus gewesen, nicht wahr?»

«Ich wohl, Madam, aber dieser Purpur nicht; dies ist Coccinum, das Ihnen die Syrakuser aus Sardinien bringen und sich für Tyrischen Purpur bezahlen lassen.»

«Aber wenigstens werden Sie doch diesen Schleier für Indischen Byssus von der feinsten Art gelten lassen?»

«Von der feinsten Art, schöne Atalanta, die man in Memphis und Pelusium verarbeiten läßt.»

Nun hatte sich der ehrliche Mann zwei Feindinnen in Einer Minute gemacht. Konnte aber auch was ärgerlicher sein als eine solche Aufrichtigkeit?

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