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Geschichte der Abderiten

Christoph Martin Wieland: Geschichte der Abderiten - Kapitel 61
Quellenangabe
typefiction
booktitleGeschichte der Abderiten
authorChristoph Martin Wieland
year1987
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
isbn3-499-40013-8
titleGeschichte der Abderiten
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1774
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Der Schlüssel zur Abderitengeschichte

(1781)

Als die Homerischen Gedichte unter den Griechen bekannt worden waren, hatte das Volk – das in vielen Dingen mit seinem schlichten Menschenverstande richtiger zu sehen pflegt als die Herren mit bewaffneten Augen – gerade Verstand genug, um zu zu sehen daß in diesen großen heroischen Fabeln, ungeachtet des Wunderbaren, Abenteuerlichen und Unglaublichen, womit sie reichlich durchwebt sind, mehr Weisheit und Unterricht fürs praktische Leben liege, als in allen Milesischen Ammenmärchen; und wir sehen aus Horazens Brief an Lollius, und aus dem Gebrauch, welchen Plutarch von jenen Gedichten macht und zu machen lehrt, daß noch viele Jahrhunderte nach Homer die verständigsten Weltleute unter Griechen und Römern der Meinung waren, daß man, was recht und nützlich, was unrecht und schädlich sei, und wie viel ein Mann durch Tugend und Weisheit vermöge, so gut und noch besser aus Homers Fabeln lernen könne, als aus den subtilsten und beredtesten Sittenlehrern. Man überließ es alten Kindsköpfen (denn die jungen belehrte man eines bessern), an dem bloßen materiellen Teil der Dichtung kleben zu bleiben; verständige Leute fühlten und erkannten den Geist der in diesem Leibe webte, und ließen sichs nicht einfallen, scheiden zu wollen was die Muse untrennbar zusammen gefügt hatte, das Wahre unter der Hülle des Wunderbaren, und das Nützliche, durch eine Mischungskunst die nicht allen geoffenbart ist, vereinbart mit dem Schönen und Angenehmen.

Wie es bei allen menschlichen Dingen geht, so ging es auch hier. Nicht zufrieden, in Homers Gedichten warnende oder aufmunternde Beispiele, einen lehrreichen Spiegel des menschlichen Lebens in seinen mancherlei Ständen, Verhältnissen und Szenen zu finden, wollten die Gelehrten späterer Zeiten noch tiefer eindringen, noch mehr sehen als ihre Vorfahren; und so entdeckte man (denn was entdeckt man nicht, wenn man sichs einmal in den Kopf gesetzt hat etwas zu entdecken?) in dem was nur Beispiel war Allegorie, in allem, sogar in den bloßen Maschinen und Dekorationen des poetischen Schauplatzes, einen mystischen Sinn, und zuletzt in jeder Person, jeder Begebenheit, jedem Gemälde, jeder kleinen Fabel, Gott weiß was für Geheimnisse von Hermetischer, Orphischer und Magischer Philosophie, an die der gute Dichter gewiß so wenig gedacht hatte, als Virgil, daß man zwölfhundert Jahre nach seinem Tode mit seinen Versen die bösen Geister beschwören würde.

Immittelst wurde es unvermerkt zu einem wesentlichen Erfordernis eines epischen Gedichts (wie man die größern und heroischen poetischen Fabeln zu nennen pflegt), daß es außer dem natürlichen Sinn und der Moral, die es beim ersten Anblick darbot, noch einen andern geheimen und allegorischen haben müsse. Wenigstens gewann diese Grille bei den Italiänern und Spaniern die Oberhand; und es ist mehr als lächerlich, zu sehen, was für eine undankbare Mühe sich die Ausleger oder auch wohl die Dichter selbst geben, um aus einem Amadis und Orlando, aus Trissins befreitem Italien oder Camoens Lusiade, ja sogar aus dem Adone des Marino, alle Arten metaphysischer, politischer, moralischer, physischer und theologischer Allegorien heraus zu spinnen.

Da es nun nicht die Sache der Leser war, in diese Geheimnisse aus eigner Kraft einzudringen: so mußte man ihnen, wenn sie so herrlicher Schätze nicht verlustig werden sollten, notwendig einen Schlüssel dazu geben; und dieser war eben die Exposition des allegorischen oder mystischen Sinnes; wiewohl der Dichter gewöhnlicher Weise, erst wenn er mit dem ganzen Werke fertig war, daran dachte was für versteckte Ähnlichkeiten und Beziehungen sich etwa aus seinen Dichtungen heraus künsteln lassen könnten.

Was bei vielen Dichtern bloße Gefälligkeit gegen eine herrschende Mode war, über welche sie sich nicht hinweg zu setzen wagten, wurde für andre wirklicher Zweck und Hauptwerk. Der berühmte Zodiacus vitae des so genannten Palingenius, die Argenis des Barkley, Spencers Feenkönigin, die neue Atlantis der Dame Manley, die Malabarischen Prinzessinnen, das Märchen von der Tonne, die Geschichte von Johann Bull, und eine Menge andrer Werke dieser Art, woran besonders das sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert fruchtbar gewesen ist, waren ihrer Natur und Absicht nach allegorisch, und konnten also ohne Schlüssel nicht verstanden werden; wiewohl einige derselben, z.B. Spencers Feenkönigin und die allegorischen Satiren des D. Swift, so beschaffen sind, daß eine jede verständige und der Sachen kundige Person den Schlüssel dazu ohne fremde Beihülfe in ihrem eignen Kopfe finden kann.

Diese kurze Deduktion wird mehr als hinlänglich sein, um denen, die noch nie daran gedacht haben, begreiflich zu machen, wie es zugegangen sei, daß sich unvermerkt eine Art von gemeinem Vorurteil und wahrscheinlicher Meinung in den meisten Köpfen festgesetzt hat, als ob ein jedes Buch, das einem satirischen Roman ähnlich sieht, mit einem versteckten Sinn begabt sei, und einen Schlüssel nötig habe.

Daher hat denn auch der Herausgeber der gegenwärtigen Geschichte, wie er gewahr wurde, daß die meisten unter der großen Menge von Lesern, welche sein Werk zu finden die Ehre gehabt hat, sich fest überzeugt hielten, daß noch etwas mehr dahinter stecken müsse als was die Worte beim ersten Anblick zu besagen scheinen, und also einen Schlüssel zu der Abderitengeschichte als ein unentbehrliches Bedürfnis zu vollkommner Verständnis des Buches, zu erhalten wünschten, sich dieses ihm häufig zu Ohren kommende Verlangen seiner Leser keineswegs befremden lassen; sondern er hat es im Gegenteil für eine Aufmerksamkeit die er ihnen schuldig sei gehalten, demselben, so viel an ihm lag, ein Genüge zu tun, und ihnen, als einen Schlüssel, oder statt des verlangten Schlüssels (welches im Grunde auf Eins hinaus läuft), alles mitzuteilen, was zu gründlicher Verständnis und nützlichem Gebrauch dieses zum Vergnügen aller Klugen und zur Lehre und Züchtigung aller Narren geschriebenen Werkes dienlich sein kann.

Zu diesem Ende findet er nötig, ihnen vor allen Dingen die Geschichte der Entstehung desselben, unverfälscht und mit den eignen Worten des Verfassers (eines zwar wenig gekannten, aber seit dem Jahr 1753 sehr stark gelesenen Schriftstellers) mitzuteilen.

«Es war (so lautet sein Bericht) – es war ein schöner Herbstabend im Jahre 177*; ich befand mich allein in dem obern Stockwerk meiner Wohnung und sah – (warum sollt ich mich schämen zu bekennen wenn mir etwas menschliches begegnet?) vor langer Weile zum Fenster hinaus; denn schon seit vielen Wochen hatte mich mein Genius gänzlich verlassen. Ich konnte weder denken noch lesen. Alles Feuer meines Geistes schien erloschen, alle meine Laune, gleich einem flüchtigen Salze, verduftet zu sein. Ich war oder fühlte mich wenigstens dumm; aber ach! ohne an den Seligkeiten der Dummheit Teil zu haben, ohne einen einzigen Gran von dieser stolzen Zufriedenheit mit sich selbst, dieser unerschütterlichen Überzeugung, welche gewisse Leute versichert, daß alles was sie denken, sagen, träumen und im Schlaf reden, wahr, witzig, weise, und in Marmor gegraben zu werden würdig sei – einer Überzeugung, die den echten Sohn der großen Göttin, wie ein Muttermal, kennbar und zum glücklichsten aller Menschen macht. Kurz, ich fühlte meinen Zustand, und er lag schwer auf mir; ich schüttelte mich vergebens; und es war (wie gesagt) so weit mit mir gekommen, daß ich durch ein ziemlich unbequemes kleines Fenster in die Welt hinaus guckte, ohne zu wissen was ich sah, oder etwas zu sehen das des Wissens oder Sehens wert gewesen wäre.

Auf einmal war mir, als hörte ich eine Stimme – ob es Wahrheit oder Täuschung war, will ich nicht entscheiden – die mir zurief: Setze dich und schreibe die Geschichte der Abderiten!

Und plötzlich ward es Licht in meinem Kopfe. – Ja, ja, dacht ich, die Abderiten! Was kann natürlicher sein? Die Geschichte der Abderiten will ich schreiben! Wie war es doch möglich, daß mir ein so simpler Einfall nicht schon längst gekommen ist? Und nun setzte ich mich auf der Stelle hin, und schrieb, und schlug nach, und kompilierte, und ordnete zusammen, und schrieb wieder; und es war eine Lust zu sehen, wie flink mir das Werk von den Händen ging.

Indem ich nun so im besten Schreiben war, (fährt unser Verfasser in seiner treuherzigen Beichte fort) kam mir in einem Capriccio, oder Laune, oder wie mans sonst nennen will, der Einfall, meiner Phantasie den Zügel schießen zu lassen, und die Sachen so weit zu treiben als sie gehen könnten. Es betrifft ja nur die Abderiten, dacht ich, und an den Abderiten kann man sich nicht versündigen: sie sind ja doch am Ende weiter nichts als ein Pack Narren; die Albernheiten, die ihnen die Geschichte zur Last legt, sind groß genug, um das Ungereimteste, was du ihnen andichten kannst, zu rechtfertigen.

Ich gesteh es also unverhohlen, – und wenns unrecht war, so verzeihe mirs der Himmel! – ich strengte alle Stränge meiner Erfindungskraft bis zum Reißen an, um die Abderiten so närrisch denken, reden und sich betragen zu lassen, als es nur möglich wäre. Es ist ja schon über zweitausend Jahre, daß sie allesamt tot und begraben sind, sagte ich zu mir selbst; es kann weder ihnen noch ihrer Nachkommenschaft schaden, denn auch von dieser ist schon lange kein Gebein mehr übrig.

Zu diesem allem kam noch eine andre Vorstellung, die mich durch einen gewissen Schein von Gutherzigkeit einnahm. Je närrischer ich sie mache, dacht ich, je weniger habe ich zu besorgen, daß man die Abderiten für eine Satire halten, und Anwendungen davon auf Leute machen wird, die ich doch wohl nicht gemeint haben kann, da mir ihr Dasein nicht einmal bekannt ist. – Aber ich irrte mich sehr, indem ich so schloß. Der Erfolg bewies, daß ich unschuldiger Weise Abbildungen gemacht hatte, da ich nur Phantasien zu malen glaubte.»

Man muß gestehen, dies war einer der schlimmsten Streiche, die einem Autor begegnen können, der keine List in seinem Herzen hat, und, ohne irgend eine Seele ärgern oder betrüben zu wollen, bloß sich selbst und seinem Nebenmenschen die lange Weile zu vertreiben sucht. Gleichwohl war dies, was dem Verfasser der Abderiten schon mit den ersten Kapiteln seines Werkleins begegnete. Es ist vielleicht keine Stadt in Deutschland, und so weit die natürlichen Grenzen der Deutschen Sprache gehen (welches, im Vorbeigehen gesagt, eine größere Strecke Landes ist, als irgend eine andre Europäische Sprache inne zu haben sich rühmen kann), wo die Abderiten nicht Leser gefunden haben sollten; und wo man sie las, da wollte man die Originale zu den darin vorkommenden Bildern gesehen haben.

«In tausend Orten, (sagt der Verfasser) wo ich weder selbst jemals gewesen bin noch die mindeste Bekanntschaft habe, wunderte man sich, woher ich die Abderiten, Abderitinnen und Abderismen dieser Orte und Enden so genau kenne; und man glaubte, ich müßte schlechterdings einen geheimen Briefwechsel oder einen kleinen Kabinettsteufel haben, der mir Anekdoten zutrüge, die ich mit rechten Dingen nicht hätte erfahren können. Nun wußte ich (fuhr er fort) nichts gewisser, als daß ich weder diesen noch jenen hatte: folglich war klar wie Tageslicht, daß das alte Völkchen der Abderiten nicht so gänzlich ausgestorben war, als ich mir eingebildet hatte.»

Diese Entdeckung veranlaßte den Autor Nachforschungen anzustellen, welche er für unnötig gehalten, so lang er bei Verfassung seines Werkes mehr seine eigne Phantasie und Laune als Geschichte und Urkunden zu Rate gezogen hatte. Er durchstöberte manche große und kleine Bücher ohne sonderlichen Erfolg, bis er endlich in der sechsten Dekade des berühmten Hafen Slawkenbergius S. 864 folgende Stelle fand, die ihm einigen Aufschluß über diese unerwarteten Ereignisse zu geben schien.

«Die gute Stadt Abdera in Thracien, (sagt Slawkenbergius am angeführten Orte) ehmals eine große, volkreiche, blühende Handelsstadt, das Thracische Athen, die Vaterstadt eines Protagoras und Demokritus, das Paradies der Narren und der Frösche, diese gute schöne Stadt Abdera – ist nicht mehr. Vergebens suchen wir sie in den Landkarten und Beschreibungen des heutigen Thraciens; sogar der Ort, wo sie ehmals gestanden, ist unbekannt, oder kann wenigstens nur durch Mutmaßungen angegeben werden.

Aber nicht so die Abderiten! Diese leben und weben noch immer fort, wiewohl ihr ursprünglicher Wohnsitz längst von der Erde verschwunden ist: Sie sind ein unzerstörbares, unsterbliches Völkchen; ohne irgendwo einen festen Sitz zu haben, findet man sie allenthalben; und wiewohl sie unter allen andern Völkern zerstreut leben, haben sie sich doch bis auf diesen Tag rein und unvermischt erhalten, und bleiben ihrer alten Art und Weise so getreu, daß man einen Abderiten, wo man ihn auch antrifft, nur einen Augenblick zu sehen und zu hören braucht, um eben so gewiß zu sehen und zu hören daß er ein Abderit ist, als man es zu Frankfurt und Leipzig, Konstantinopel und Aleppo einem Juden anmerkt daß er ein Jude ist.

Das Sonderbarste aber, und ein Umstand, worin sie sich von den Israeliten, Beduinen, Armeniern und allen andern unvermischten Völkern wesentlich unterscheiden, ist dieses: daß sie sich ohne mindeste Gefahr ihrer Abderitheit mit allen übrigen Erdbewohnern vermischen, und, wiewohl sie allenthalben die Sprache des Landes, wo sie wohnen, reden, Staatsverfassung, Religion und Gebräuche mit den Nichtabderiten gemein haben, auch essen und trinken, handeln und wandeln, sich kleiden und putzen, sich frisieren und parfümieren, purgieren und klysterisieren lassen, kurz, alles was zur Notdurft des menschlichen Lebens gehört ungefähr eben so machen – wie andre Leute; daß sie, sage ich, nichts desto weniger in allem, was sie zu Abderiten macht, sich selbst so unveränderlich gleich bleiben, als ob sie von jeher durch eine diamantne Mauer, dreimal so hoch und dick als die Mauern des alten Babylon, von den vernünftigen Geschöpfen auf unserm Planeten abgesondert gewesen wären. Alle andre Menschen-Rassen verändern sich durch Verpflanzung, und zwei verschiedne bringen durch Vermischung eine dritte hervor. Aber an den Abderiten, wohin sie auch verpflanzt wurden und so viel sie sich auch mit andern Völkern vermischt haben, hat man nie die geringste wesentliche Veränderung wahrnehmen können. Sie sind allenthalben immer noch die nämlichen Narren, die sie vor zweitausend Jahren zu Abdera waren: und wiewohl man schon längst nicht mehr sagen kann, siehe hie ist Abdera oder da ist Abdera; so ist doch in Europa, Asia, Afrika und Amerika, so weit diese großen Erdviertel policiert sind, keine Stadt, kein Marktflecken, Dorf noch Dörfchen, wo nicht einige Glieder dieser unsichtbaren Genossenschaft anzutreffen sein sollten.» – Soweit besagter Hafen Slawkenbergius.

«Nachdem ich diese Stelle gelesen hatte», fährt unser Verfasser fort, «hatte ich nun auf einmal den Schlüssel zu den vorbesagten Erfahrungen, die mir ersten Anblicks so unerklärbar vorgekommen waren; und so wie der Slawkenbergische Bericht das, was mir mit den Abderiten begegnet war, begreiflich machte, so bestätigte dieses hinwieder die Glaubwürdigkeit von jenem. Die Abderiten hatten also einen Samen hinterlassen, der in allen Landen aufgegangen war, und sich in eine sehr zahlreiche Nachkommenschaft ausgebreitet hatte: und da man beinahe allenthalben die Charakter und Begebenheiten der alten Abderiten für Abbildungen und Anekdoten der neuen ansah; so erwies sich dadurch auch die seltsame Eigenschaft der Einförmigkeit und Unveränderlichkeit, welche dieses Volk, nach dem angeführten Zeugnisse, von andern Völkern des festen Landes und der Inseln des Meeres unterscheidet.

Die Nachrichten, die mir hierüber von allen Orten zukamen, gereichten mir aus einem doppelten Grunde zu großem Trost: erstens, weil ich mich nun auf einmal von allem innerlichen Vorwurf, den Abderiten vielleicht zu viel getan zu haben, erleichtert fand; und zweitens, weil ich vernahm, daß mein Werk überall (auch von den Abderiten selbst) mit Vergnügen gelesen, und besonders die treffende Ähnlichkeit zwischen den alten und neuen bewundert werde, welche den letztern, als ein augenscheinlicher Beweis der Echtheit ihrer Abstammung, allerdings sehr schmeichelhaft sein mußte. Die Wenigen, welche sich beschwert haben sollen daß man sie zu ähnlich geschildert habe, kommen in der Tat gegen die Menge derer, die zufrieden sind, in keine Betrachtung; und auch diese Wenigen täten vielleicht besser, wenn sie die Sache anders nähmen. Denn da sie, wie es scheint, nicht gern für das angesehen sein wollen was sie sind, und sich deswegen in die Haut irgend eines edlern Tieres gesteckt haben: so erfordert die Klugheit, daß sie ihre Ohren nicht selbst hervor strecken, um eine Aufmerksamkeit auf sich zu erregen, die nicht zu ihrem Vorteil ausfallen kann.

Auf der andern Seite aber ließ ich mir auch den Umstand, daß ich die Geschichte der alten Abderiten gleichsam unter den Augen der neuern schrieb, zu einem Beweggrunde dienen, meine Einbildungskraft, die ich anfangs bloß ihrer Willkür überlassen hatte, kürzer im Zügel zu halten, mich vor allen Karikaturen sorgfältig zu hüten, und den Abderiten, in allem was ich von ihnen erzählte, die strengste Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Denn ich sah mich nun als den Geschichtschreiber der Altertümer einer noch fortblühenden Familie an, welche berechtigt wäre, es übel zu vermerken, wenn man ihren Vorfahren irgend etwas ohne Grund und gegen die Wahrheit aufbürdete.»

Die Geschichte der Abderiten kann also mit gutem Fug als eine der wahresten und zuverlässigsten, und eben darum als ein getreuer Spiegel betrachtet werden, worin die neuern ihr Antlitz beschauen, und, wenn sie nur ehrlich gegen sich selber sein wollen, genau entdecken können, inwiefern sie ihren Vorfahren ähnlich sind. Es wäre sehr überflüssig, von dem Nutzen, den das Werk in dieser Rücksicht so lange als es noch Abderiten geben wird – und dies wird vermutlich lange genug sein – stiften kann und muß, viele Worte zu machen. Wir bemerken also nur, daß es beiläufig auch noch diesen Nutzen haben könnte, die Nachkömmlinge der alten Deutschen unter uns behutsamer zu machen, sich vor allem zu hüten, was den Verdacht erwecken könnte, als ob sie entweder aus Abderitischem Blute stammten, oder aus übertriebner Bewundrung der Abderitischen Art und Kunst und daher entspringender Nachahmungssucht, sich selbst Ähnlichkeiten mit diesem Volke geben wollten, wobei sie aus vielerlei Ursachen wenig zu gewinnen hätten.

Und dies, werte Leser, wäre also der versprochne Schlüssel zu diesem merkwürdigen Originalwerke, mit beigefügter Versicherung, daß nicht das kleinste geheime Schubfach darin ist, welches Sie mit diesem Schlüssel nicht sollten aufschließen können; und wofern Ihnen jemand ins Ohr raunen wollte daß noch mehr darin verborgen sei, so können Sie sicherlich glauben, daß er entweder nicht weiß was er sagt, oder nichts Gutes im Schilde führt.

– SAPIENTIA PRIMA EST STULTITIA CARUISSE –

*   *   *

Ende der Abderitengeschichte

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