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Geschichte der Abderiten

Christoph Martin Wieland: Geschichte der Abderiten - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleGeschichte der Abderiten
authorChristoph Martin Wieland
year1987
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
isbn3-499-40013-8
titleGeschichte der Abderiten
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1774
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4. Kapitel

Das Examen wird fortgesetzt, und verwandelt sich in eine Disputation über die Schönheit, wobei Demokriten sehr warm gemacht wird.

Schweigen – ist zuweilen eine Kunst; aber doch nie eine so große, als uns gewisse Leute glauben machen wollen, die dann am klügsten sind wenn sie schweigen.

Wenn ein weiser Mann sieht daß er es mit Kindern zu tun hat, warum sollt er sich zu weise dünken, nach ihrer Art mit ihnen zu reden?

«Ich bin zwar (sagte Demokrit zu seiner neugierigen Gesellschaft) aufrichtig genug gewesen, zu gestehen, daß ich von allem, was man will daß ich gesehen haben sollte, nichts gesehen habe: aber bilden Sie sich darum nicht ein, daß mir auf so vielen Reisen zu Wasser und zu Lande gar nichts aufgestoßen sei, das Ihre Neubegierde befriedigen könnte. Glauben Sie mir, es sind Dinge darunter, die Ihnen vielleicht noch wunderbarer vorkommen würden, als diejenigen wovon die Rede war.»

Bei diesen Worten rückten die schönen Abderitinnen näher und spitzten Mund und Ohren. «Das ist doch ein Wort von einem gereisten Manne», rief der kurze dicke Ratsherr. Des Gelehrten Stirn entrunzelte sich durch die Hoffnung, daß er etwas zu tadeln und zu verbessern bekommen würde, Demokrit möchte auch sagen was er wollte.

«Ich befand mich einst in einem Lande», fing unser Mann an, «wo es mir so wohl gefiel, daß ich in den ersten drei oder vier Tagen, die ich darin zubrachte, unsterblich zu sein wünschte, um ewig darin zu leben.»

«Ich bin nie aus Abdera gekommen», sagte der Ratsmann; «aber ich dachte immer, daß es keinen Ort in der Welt gäbe, wo es mir besser gefallen könnte als in Abdera. Auch geht es mir gerade wie Ihnen mit dem Lande, wo es Ihnen so wohl gefiel; ich wollte mit Freuden auf die ganze übrige Welt Verzicht tun, wenn ich nur ewig in Abdera leben könnte! – Aber warum gefiel es Ihnen nur drei Tage lang so wohl in dem Lande?»

«Sie werden es gleich hören. Stellen Sie sich ein unermeßliches Land vor, dem die angenehmste Abwechslung von Bergen, Tälern, Wäldern, Hügeln und Auen unter der Herrschaft eines ewigen Frühlings und Herbstes, allenthalben wohin man sieht, das Ansehen des herrlichsten Lustgartens gibt: alles angebaut und bewässert, alles blühend und fruchtbar; allenthalben ein ewiges Grün, und immer frische Schatten und Wälder von den schönsten Fruchtbäumen, Datteln, Feigen, Zitronen, Granaten, die ohne Pflege, wie in Thracien die Eicheln, wachsen; Haine von Myrten und Schasmin; Amors und Cytheräens Lieblingsblume nicht auf Hecken, wie bei uns, sondern in dichten Büscheln auf großen Bäumen wachsend, und voll aufgeblüht, wie die Busen meiner schönen Mitbürgerinnen –»

(Dies hatte Demokrit nicht gut gemacht; und es kann künftigen Erzählern zur Warnung dienen, daß man sich vorher wohl in seiner Gesellschaft umsehen muß, ehe man Komplimente dieser Art wagt, so verbindlich sie auch an sich selbst klingen mögen. Die Schönen hielten die Hände vor die Augen und erröteten. Denn zum Unglück war unter den Anwesenden keine, die dem schmeichelhaften Gleichnis Ehre gemacht hätte; wiewohl sie nicht ermangelten sich aufzublähen so gut sie konnten.)

«– und diese reizenden Haine», fuhr er fort, «vom lieblichen Gesang unzähliger Arten von Vögeln belebt, und mit tausend bunten Papageien erfüllt, deren Farben im Sonnenglanz die Augen blenden. Welch ein Land! Ich begriff nicht, warum die Göttin der Liebe das felsige Cythere zu ihrem Wohnsitz erwählt hätte, da ein Land wie dieses in der Welt war. Wo hätten die Grazien angenehmer tanzen können, als am Rande von Bächen und Quellen, wo, zwischen kurzem dichtem Gras vom lebhaftesten Grün, Lilien und Hyacinthen, und zehntausend noch schönere Blumen, die in unserer Sprache ohne Namen sind, freiwillig hervor blühen, und die Luft mit wollüstigen Wohlgerüchen erfüllen?»

Die schönen Abderitinnen waren, wie leicht zu erachten, mit einer nicht weniger lebhaften Einbildungskraft ausgestattet als die Abderiten; und das Gemälde, das ihnen Demokrit, ohne dabei an arges zu denken, vorstellte, war mehr als ihre kleinen Seelchen aushalten konnten. Einige seufzten laut vor Behäglichkeit; andere sahen aus, als ob sie die wollüstigen Gerüche, die in ihrer Phantasie düfteten, mit Mund und Nase einschlürfen wollten; die schöne Juno sank mit dem Kopf auf ein Polster des Kanapees zurück, schloß ihre großen Augen halb, und befand sich unvermerkt am blumigen Rand einer dieser schönen Quellen, von Rosen- und Zitronenbäumen umschattet, aus deren Zweigen Wolken von ambrosischen Düften auf sie herab wallten. In einer sanften Betäubung von süßen Empfindungen begann sie eben einzuschlummern: als sie einen Jüngling, schön wie Bacchus und dringend wie Amor, zu ihren Füßen liegen sah. Sie richtete sich auf, ihn desto besser betrachten zu können, und sah ihn so schön, so zärtlich, daß die Worte, womit sie seine Verwegenheit bestrafen wollte, auf ihren Lippen erstarben. Kaum hatte sie –

«Und wie meinen Sie (fuhr Demokrit fort) daß dieses zauberische Land heißt, von dessen Schönheiten alles, was ich davon sagen könnte, Ihnen kaum den Schatten eines Begriffs geben würde? Es ist eben dieses Äthiopien, welches mein gelehrter Freund hier mit Ungeheuern von Menschen bevölkert, die eines so schönen Vaterlandes ganz unwürdig sind. Aber eine Sache, die er mir für wahr nachsagen kann, ist: daß es in ganz Äthiopien und Libyen (wiewohl diese Namen eine Menge verschiedener Völker umfassen) keinen Menschen gibt, der seine Nase nicht eben da trüge wo wir, nicht eben so viel Augen und Ohren hätte als wir, und kurz –»

Ein großer Seufzer von derjenigen Art, wodurch sich ein von Schmerz oder Vergnügen gepreßtes Herz Luft zu machen sucht, hob in diesem Augenblicke den Busen der schönen Abderitin, welche, während Demokrit in seiner Rede fortfuhr, in dem Traumgesichte, worin wir sie zu belauschen Bedenken trugen, (wie es scheint) auf einen Umstand gekommen war, an welchem ihr Herz auf die eine oder andre Art sehr lebhaft Anteil nahm. Da die übrigen Anwesenden nicht wissen konnten, daß die gute Dame einige hundert Meilen weit von Abdera unter einem Äthiopischen Rosenbaum, in einem Meere der süßesten Wohlgerüche schwamm, tausend neue Vögel das Glück der Liebe singen hörte, tausend bunte Papageien vor ihren Augen herum flattern sah, und zum Überfluß einen Jüngling mit gelben Locken und Korallenlippen zu ihren Füßen liegen hatte – so war es natürlich, daß man den besagten Seufzer mit einem allgemeinen Erstaunen empfing. Man begriff nichts davon, daß die letzten Worte Demokrits die Ursache einer solchen Wirkung gewesen sein könnten. «Was fehlt Ihnen, Lysandra?» riefen die Abderitinnen aus Einem Munde, indem sie sich sehr besorgt um sie stellten. Die schöne Lysandra, die in diesem Augenblicke wieder gewahr wurde wo sie war, errötete, und versicherte daß es nichts sei. Demokrit, der nun zu merken anfing was es war, versicherte, daß ein paar Züge frische Luft alles wieder gut machen würden; aber in seinem Herzen beschloß er, künftig seine Gemälde nur mit Einer Farbe zu malen, wie die Maler in Thracien. Gerechte Götter! dacht er, was für eine Einbildungskraft diese Abderitinnen haben!

«Nun, meine schönen Neugierigen», fuhr er fort, «was meinen Sie, von welcher Farbe die Einwohner eines so schönen Landes sind?»

«Von welcher Farbe? – Warum sollten sie eine andre Farbe haben als die übrigen Menschen? Sagten Sie uns nicht, daß sie die Nase mitten im Gesicht trügen, und in allem Menschen wären wie wir Griechen?»

«Menschen, ohne Zweifel; aber sollten sie darum weniger Menschen sein, wenn sie schwarz oder olivenfarb wären?»

«Was meinen Sie damit?»

«Ich meine, daß die schönsten unter den Äthiopischen Nationen (nämlich diejenigen, die nach unserm Maßstabe die schönsten, das ist, uns die ähnlichsten sind) durchaus olivenfarb wie die Ägypter, und diejenigen, welche tiefer im festen Lande und in den mittäglichsten Gegenden wohnen, vom Kopf bis zur Fußsohle so schwarz und noch ein wenig schwärzer sind als die Raben zu Abdera.»

«Was Sie sagen! – Und erschrecken die Leute nicht vor einander, wenn sie sich ansehen?»

«Erschrecken? Warum dies? Sie gefallen sich sehr mit ihrer Rabenschwärze, und finden daß nichts schöner sein könne.»

«O das ist lustig!» – riefen die Abderitinnen. – «Schwarz am ganzen Leibe, als ob sie mit Pech überzogen wären, sich von Schönheit träumen zu lassen! Was das für ein dummes Volk sein muß! Haben sie denn keine Maler, die ihnen den Apollo, den Bacchus, die Göttin der Liebe und die Grazien malen? Oder könnten sie nicht schon von Homer lernen, daß Juno weiße Arme, Thetis Silberfüße, und Aurora Rosenfinger hat?»

«Ach», erwiderte Demokrit, «die guten Leute haben keinen Homer; oder wenn sie einen haben, so dürfen wir uns darauf verlassen, daß seine Juno kohlschwarze Arme hat. Von Malern habe ich in Äthiopien nichts gehört. Aber ich sah ein Mädchen, dessen Schönheit unter seinen Landsleuten beinahe eben so viel Unheil anrichtete, als die Tochter der Leda unter den Griechen und Trojanern; und diese Afrikanische Helena war schwärzer als Ebenholz.»

«O beschreiben Sie uns doch dies Ungeheuer von Schönheit!» – riefen die Abderitinnen, die, aus dem natürlichsten Grunde von der Welt, an dieser Unterredung unendlich viel Vergnügen fanden.

«Sie werden Mühe haben sich einen Begriff davon zu machen. Stellen Sie sich das völlige Gegenteil des Griechischen Ideals der Schönheit vor: die Größe einer Grazie und die Fülle einer Demeter; schwarze Haare, aber nicht in langen wallenden Locken um die Schultern fließend, sondern kurz und von Natur kraus wie Schafwolle. Die Stirne breit und stark gewölbt; die Nase aufgestülpt, und in der Mitte des Knorpels flach gedrückt; die Wangen rund wie die Backen eines Trompeters, der Mund groß –»

Philinna lächelte, um zu zeigen, wie klein der ihrige sei.

«Die Lippen sehr dick und aufgeworfen, und zwei Reihen von Zähnen wie Perlenschnuren –»

Die Schönen lachten insgesamt, wiewohl sie keine andre Ursache dazu haben konnten, als ihre eignen Zähne zu weisen; denn was war sonst hier zu lachen?

«Aber ihre Augen?» fragte Lysandra. –

«O was die betrifft, die waren so klein und so wasserfarbig, daß ich lange nicht von mir erhalten konnte, sie schön zu finden –»

«Demokrit ist für Homers Kuhaugen, wie es scheint», sagte Myris, indem sie einen höhnischen Seitenblick auf die Schöne mit den großen Augen warf.

«In der Tat, (versetzte Demokrit, mit einer Miene, woraus ein Tauber geschlossen hätte daß er ihr die größte Schmeichelei sage) schöne Augen müßten sehr groß sein, wenn ich sie zu groß finden sollte; und häßliche können, deucht mich, nie zu klein sein.»

Die schöne Lysandra warf einen triumphierenden Blick auf ihre Schwestern, und schüttete dann eine ganze Glorie von Zufriedenheit aus ihren großen Augen auf den glücklichen Demokrit herab.

«Darf man wissen, was Sie unter schönen Augen verstehen?» – fragte die kleine Myris, indem sich ihre Nase merklich spitzte.

Ein Blick der schönen Lysandra schien ihm zu sagen: Sie werden nicht verlegen sein die Antwort auf diese Frage zu finden.

«Ich verstehe darunter Augen, in denen sich eine schöne Seele malt», sagte Demokrit.

Lysandra sah albern aus, wie eine Person, der man etwas unerwartetes gesagt hat, und die keine Antwort darauf finden kann. – «Eine schöne Seele!» – dachten die Abderitinnen alle zugleich. – «Was für wunderliche Dinge der Mann aus fernen Landen mitgebracht hat! Eine schöne Seele! Dies ist noch über seine Affen und Papageien!»

«Aber mit allen diesen Subtilitäten», sagte der dicke Ratsherr, «kommen wir von der Hauptsache ab. Mir deucht, die Rede war von der schönen Helena aus Äthiopien, und ich möchte doch wohl hören, was die ehrlichen Leute so schönes an ihr finden konnten.»

«Alles», antwortete Demokrit.

«So müssen sie gar keinen Begriff von Schönheit haben», sagte der Gelehrte.

«Um Vergebung», erwiderte der Erzähler; «weil diese Äthiopische Helena der Gegenstand aller Wünsche war, so läßt sich sicher schließen, daß sie der Idee von Schönheit glich, die jeder in seiner Einbildung fand.»

«Sie sind aus der Schule des Parmenides?» sagte der Gelehrte, indem er sich in eine streitbare Positur setzte.Parmenides von Elea wird für den Erfinder der Lehre von den Ideen oder wesentlichen Urbildern gehalten, welche Plato in sein System aufgenommen, und sich so eigen gemacht hat, daß man sie gewöhnlich nach seinem Namen zu nennen pflegt.

«Ich bin nichts – als ich selbst, welches sehr wenig ist», erwiderte Demokrit halb erschrocken. «Wenn Sie dem Wort Idee gram sind, so erlauben Sie mir mich anders auszudrücken. Die schöne Gulleru – so nannte man die Schwarze, von der wir reden –»

«Gulleru?» riefen die Abderitinnen, indem sie in ein Gelächter ausbrachen, das kein Ende nehmen wollte; «Gulleru! welch ein Name!» – «Und wie ging es mit Ihrer schönen Gulleru?» fragte die spitznäsige Myris mit einem Blick und in einem Tone, der noch dreimal spitziger als ihre Nase war.

«Wenn Sie mir jemals die Ehre erweisen mich zu besuchen», antwortete der gereiste Mann mit der ungezwungensten Höflichkeit, «so sollen Sie erfahren, wie es mit der schönen Gulleru gegangen ist. Jetzt muß ich diesem Herrn mein Versprechen halten. Die Gestalt der schönen Gulleru also –

Der schönen Gulleru», wiederholten die Abderitinnen und lachten von neuem, aber ohne daß Demokrit sich diesmal unterbrechen ließ.)

«– flößte zu ihrem Unglück den Jünglingen ihres Landes die stärkste Leidenschaft ein. Dies scheint zu beweisen, daß man sie schön gefunden habe; und ohne Zweifel lag der Grund, weswegen man sie schön fand, in allem dem, warum man sie nicht für häßlich hielt. Diese Äthiopier fanden also einen Unterschied zwischen dem was ihnen schön und was ihnen nicht schön vorkam; und wenn zehn verschiedene Äthiopier in ihrem Urteile von dieser Helena übereinstimmten, so kam es vermutlich daher, weil sie einerlei Begriff oder Modell von Schönheit und Häßlichkeit hatten.»

«Dies folgt nicht!» sagte der Abderitische Gelehrte. «Konnte nicht unter zehn jeder etwas anderes an ihr liebenswürdig finden?»

«Der Fall ist nicht unmöglich; aber er beweist nichts gegen mich. Gesetzt, der eine hätte ihre kleinen Augen, ein anderer ihre schwellenden Lippen, ein dritter ihre großen Ohren bewundernswürdig gefunden: so setzt auch dies immer eine Vergleichung zwischen ihr und andern Äthiopischen Schönen voraus. Die übrigen hatten Augen, Ohren und Lippen sowohl wie Gulleru. Wenn man also die ihrigen schöner fand, so mußte man ein gewisses Modell der Schönheit haben, mit welchem man zum Beispiel ihre Augen und andre Augen verglich; und dies ist alles, was ich mit meinem Ideal sagen wollte.»

«Indessen (erwiderte der Gelehrte) werden Sie doch nicht behaupten wollen, daß diese Gulleru schlechterdings die Schönste unter allen schwarzen Mädchen vor ihr, neben ihr und nach ihr gewesen sei? Ich meine, die Schönste in Vergleichung mit dem Modelle, wovon Sie sagten.»

«Ich wüßte nicht, warum ich dies behaupten sollte», versetzte Demokrit.

«Es konnte also eine geben, die zum Beispiel noch kleinere Augen, noch dickere Lippen, noch größere Ohren hatte?»

«Möglicher Weise, so viel ich weiß.»

«Und in Absicht dieser letztern gilt ohne Zweifel die nämliche Voraussetzung, und so ins unendliche. Die Äthiopier hatten also kein Modell der Schönheit; man müßte denn sagen, daß sich unendlich kleine Augen, unendlich dicke Lippen, unendlich große Ohren denken lassen?»

Wie subtil die Abderitischen Gelehrten sind! dachte Demokrit. – «Wenn ich eingestand», sagte er, «daß es ein schwarzes Mädchen geben könne, welches kleinere Augen oder dickere Lippen hätte als Gulleru, so sagte ich damit noch nicht, daß dieses schwarze Mädchen den Äthiopiern darum schöner hätte vorkommen müssen als Gulleru. Das Schöne hat notwendig ein bestimmtes Maß, und was über solches ausschweift, entfernt sich eben so davon, wie das, was unter ihm bleibt. Wer wird daraus, daß die Griechen in die Größe der Augen und in die Kleinheit des Mundes ein Stück der vollkommenen Schönheit setzen, den Schluß ziehen: eine Frau, deren Augäpfel einen Daumen im Durchschnitt hielten, oder deren Mund so klein wäre, daß man Mühe hätte einen Strohhalm hinein zu bringen, müßte von den Griechen für desto schöner gehalten werden?»

Der Abderit war geschlagen, wie man sieht, und fühlte daß ers war. Aber ein Abderitischer Gelehrter hätte sich eher erdrosseln lassen, als so was einzugestehen. Waren nicht Philinnen und Lysandren, und ein kurzer dicker Ratsherr da, an deren Meinung von seinem Verstand ihm gelegen war? Und wie wenig kostete es ihm, Abderiten und Abderitinnen auf seine Seite zu bringen! – In der Tat wußte er nicht sogleich, was er sagen sollte. Aber in fester Zuversicht, daß ihm wohl noch was einfallen werde, antwortete er indessen durch ein höhnisches Lächeln; welches zugleich andeutete, daß er die Gründe seines Gegners verachte, und daß er im Begriff sei den entscheidenden Streich zu führen. «Ists möglich», rief er endlich in einem Ton, als ob dies die Antwort auf Demokrits letzte Rede seiEin sehr gewöhnlicher Griff der Abderitischen Gelehrten und Kunstrichter. , «können Sie die Liebe zum Paradoxen so weit treiben, im Angesicht dieser Schönen zu behaupten, daß ein Geschöpf, wie Sie uns diese Gulleru beschrieben haben, eine Venus sei?»

«Sie scheinen vergessen zu haben», versetzte Demokrit sehr gelassen, «daß die Rede nicht von mir und diesen Schönen, sondern von Äthiopiern war. Ich behauptete nichts; ich erzählte nur was ich gesehen hatte. Ich beschrieb Ihnen eine Schönheit nach Äthiopischem Geschmack. Es ist nicht meine Schuld, wenn die Griechische Häßlichkeit in Äthiopien Schönheit ist. Auch seh ich nicht, was mich berechtigen könnte, zwischen den Griechen und Äthiopiern zu entscheiden. Ich vermute es könnte sein daß beide recht hätten.»

Ein lautes Gelächter, dergleichen man aufschlägt, wenn jemand etwas unbegreiflich Ungereimtes gesagt hat, wieherte dem Philosophen aus allen anwesenden Hälsen entgegen.

«Laß hören, laß doch hören», rief der dicke Ratsherr, indem er seinen Wanst mit beiden Händen hielt, «was unser Landsmann sagen kann, um zu beweisen daß beide recht haben! Ich höre für mein Leben gern so was behaupten. Wofür hätte man auch sonst euch gelehrte Herren? – Die Erde ist rund; der Schnee ist schwarz; der Mond ist zehnmal so groß als der ganze Peloponnes; Achilles kann keine Schnecke im Laufen einholen. – Nicht wahr, Herr Antistrepsiades? – Nicht wahr, Herr Demokrit? – Sie sehen, daß ich auch ein wenig in Ihren Mysterien eingeweiht bin. Ha, ha, ha!»

Die sämtlichen Abderiten und Abderitinnen erleichterten sympathetischer Weise ihre Lungen abermals, und Herr Antistrepsiades, der einen Anschlag auf die Abendmahlzeit des jovialischen Ratsherrn gemacht hatte, unterstützte gefällig das allgemeine Gelächter mit lautem Händeklatschen.

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