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Geschichte der Abderiten

Christoph Martin Wieland: Geschichte der Abderiten - Kapitel 58
Quellenangabe
typefiction
booktitleGeschichte der Abderiten
authorChristoph Martin Wieland
year1987
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
isbn3-499-40013-8
titleGeschichte der Abderiten
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1774
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8. Kapitel

Das Gutachten wird bei Rat verlesen, und nach verschiednen heftigen Debatten einhellig beschlossen, daß es den Latonenpriestern kommuniziert werden sollte.

Das Gutachten wurde in der vorgeschriebnen Zeit dem Archon eingehändigt, und bei der nächsten Sitzung des Senats von dem Stadtschreiber Pyrops, einem erklärten Gegenfröschler, aus voller Brust, und mit ungewöhnlich scharfer Beobachtung aller Kommas und übrigen Unterscheidungszeichen, abgelesen.

Die Minorität hatte zwar indessen bei dem Archon große Bewegungen gemacht, um ihn dahin zu bringen die Vollziehung des Ratsschlusses aufzuschieben, und es in einer außerordentlichen Ratsversammlung noch einmal auf die Mehrheit ankommen zu lassen, ob die Sache nicht, mit Vorbeigehung der Akademie, den Zehnmännern übergeben werden sollte. Onokradias hatte auch diesen Antrag auf Bedenkzeit angenommen, aber, ungeachtet des täglichen Anhaltens der Gegenpartei, seine Antwort um so mehr aufgeschoben, da er versichert worden war, daß das Gutachten bis zum nächsten gewöhnlichen Ratstage fertig sein sollte.

Der Nomophylax Hypsiboas und seine Anhänger fanden sich also nicht wenig beleidigt, als, nach Beendigung der Geschäfte des Tages, der Archon ein großes Heft unter seinem Mantel hervor zog, und dem Senat berichtete, daß es das Gutachten sei, welches, vermöge des letzten Ratsschlusses, der Akademie in der bekannten leidigen Froschsache aufgetragen worden. Sie standen alle auf einmal mit Ungestüm auf, beschuldigten den Archon, hinterlistig zu Werke gegangen zu sein, und erklärten sich, daß sie die Verlesung des Gutachtens nimmermehr zugeben würden.

Onokradias, der unter andern kleinen Naturfehlern auch diesen hatte, immer hitzig zu sein wo er kalt, und kalt wo er hitzig sein sollte, war im Begriff eine sehr hitzige Antwort zu geben, wenn ihn der Ratsherr Meidias nicht gebeten hätte, ruhig zu sein und die Herren schreien zu lassen. «Wenn sie alles gesagt haben werden», flüsterte er ihm zu, «so werden sie nichts mehr zu sagen haben, und dann müssen sie wohl von selbst aufhören.»

Dies war auch was geschah. Die Herren lärmten, krähten und fochten mit den Händen bis sie es müde waren; und da sie endlich merkten daß ihnen niemand zuhörte, setzten sie sich brummend wieder hin, wischten den Schweiß von der Stirne, und – das Gutachten wurde verlesen.

Wir kennen die Art der Abderiten, so schnell wie man die Hand umdreht vom Tragischen zum Komischen überzugehen, und über der kleinsten Gelegenheit zum Lachen die ernsthafte Seite eines Dinges gänzlich aus den Augen zu verlieren. Kaum war der dritte Teil des Gutachtens gelesen, so zeigte sich schon die Wirkung dieser jovialischen Laune sogar bei denjenigen, die kurz zuvor so laut dagegen geschrieen hatten. «Das nenn ich doch beweisen», sagte einer der Ratsherren zu seinem Nachbar, während Pyrops inne hielt, um, nach damaliger Gewohnheit, eine Prise Nieswurz zu nehmen. – «Man muß gestehen», sagte ein andrer, «das Ding ist meisterhaft geschrieben.» – «Ich will gern sehen», sagte ein dritter, «was man gegen den Beweis, daß Frösche am Ende doch nur Frösche sind, wird einwenden können?» – «Ich habe schon lange so was gemerkt», sagte ein vierter mit einer schlauen Miene; «aber es ist doch angenehm, wenn man sieht daß gelehrte Leute mit uns Einer Meinung sind.»

«Nur weiter, Herr Stadtschreiber», sagte Meidias, «denn das beste muß noch erst kommen.»

Pyrops las fort. Die Ratsherren lachten daß sie die Bäuche halten mußten über die Berechnung der Kleinheit der Keime des Priesters Stilbon; wurden aber auf einmal wieder ernsthaft, da die traurige Alternative vorkam, und sie sich vorstellten, was für ein Jammer das wäre, wenn sie in Corpore, mit dem regierenden Archon an der Spitze, nach dem Latonentempel ziehen und sichs noch zur besondern Gnade anrechnen lassen müßten, in Frösche verwandelt zu werden. Sie reckten die dicken Hälse und schnappten nach Odem bei dem bloßen Gedanken, wie ihnen bei einer solchen Katastrophe zumute sein würde, und waren von Herzen geneigt jedes Mittel gut zu heißen, wodurch ein solches Unglück verhütet werden könnte.

Aber als das Geheimnis nun heraus war; als sie hörten, daß die Akademie kein anderes Mittel vorzuschlagen hätte, als die Frösche, deren sie einen Augenblick zuvor um jeden Preis los zu werden gewünscht hatten, zu essen: – welche Zunge vermöchte das Gemisch von Erstaunen, Entsetzen und Verdruß über fehl geschlagene Erwartung zu beschreiben, das sich auf einmal in den verzerrten Gesichtern der alten Ratsherren malte, welche beinahe die Hälfte des Senats ausmachten? Die Leute sahen nicht anders aus, als ob man ihnen zugemutet hätte ihre eignen leiblichen Kinder in kleine Pastetchen hacken zu lassen. Auf einmal von der unbegreiflichen Macht des Vorurteils überwältigt, fuhren sie alle mit Entsetzen auf und erklärten: daß sie nichts weiter hören wollten, und daß sie sich einer solchen Gottlosigkeit zu der Akademie nimmermehr versehen hätten.

«Sie hören aber ja, daß es nur gemeine natürliche Frösche sind die wir essen sollen», rief der Ratsherr Meidias. «Essen wir doch Pfauen und Tauben und Gänse, ungeachtet jene der Juno und Venus, und diese dem Priapus selbst heilig sind. Bekommt uns denn etwa das Rindfleisch schlechter, weil Jupiter sich selbst in einen Stier und die Prinzessin Io in eine Kuh verwandelte? Oder machen wir uns das mindeste Bedenken alle Arten von Fischen zu essen, wiewohl sie unter dem Schutz aller Wassergötter stehen?»

«Aber die Rede ist weder von Gänsen noch Fischen, sondern von Fröschen», schrieen die alten Ratsherren und Zunftmeister; «das ist ganz was andres! Gerechte Götter! die Frösche der Latona zu essen! Wie kann ein Mensch von gesundem Kopfe sich so etwas nur zu Sinne kommen lassen?»

«So fassen Sie sich doch, meine Herren», schrie ihnen der Ratsherr Stentor entgegen; «Sie werden doch nicht solche Batrachosebisten sein wollen –»

«Lieber Batrachosebisten als Batrachophagen», rief der Nomophylax, der diesen glücklichen Augenblick nicht entwischen lassen wollte, sich zum Haupt einer Partei aufzuwerfen, auf deren Schultern er sich in kurzem zum Archontat erhoben zu sehen hoffte.

«Lieber alles in der Welt als Batrachophagen», schrieen die Ratsherren von der Minorität, und ein paar graubärtige Zunftmeister, die sich zu ihnen schlugen.

«Meine Herren», sagte der Archon Onokradias, – indem er mit einiger Hitze von seinem elfenbeinernen Stuhl auffuhr, da die Batrachosebisten so laut zu schreien anfingen, daß ihm um sein Gehör bang wurde – «ein Vorschlag der Akademie ist noch kein Ratsschluß. Setzen Sie sich und hören Sie Vernunft an, wenn Sie können! Ich will nicht hoffen, daß hier jemand ist, der sich einbildet daß mir so viel daran gelegen sei Frösche zu essen. Auch werd ich noch wohl Rat zu schaffen wissen, daß sie mich nicht fressen sollen. Aber die Akademie, die aus den gelehrtesten Leuten in Abdera besteht, muß doch wohl wissen was sie sagt –

(«Nicht immer», murmelte Meidias zwischen den Zähnen.)

Und da das gemeine Beste allem vorgeht, und nicht billig ist daß die Frösche den Menschen – daß die Menschen, sage ich, den Fröschen aufgeopfert werden, wie die Akademie sehr wohl erwiesen hat: so ist meine Meinung, – daß das Gutachten ohne weiters – der ehrwürdigen Latonenpriesterschaft kommuniziert werde. Können sie einen bessern Vorschlag tun, so will ich der erste sein der ihn unterstützen hilft. Denn ich habe für meine Person nichts gegen die Frösche, insofern sie keinen Schaden tun.»

Da der Antrag des Archons nichts andres war, als worauf beide Parteien ohnehin hätten antragen müssen, so wurde die Kommunikation des Gutachtens zwar einhellig beliebt: aber die Ruhe im Senat wurde dadurch nicht hergestellt; und von dieser Stunde an fand sich die arme Stadt Abdera wieder, unter andern Namen, in Esel und Schatten geteilt.

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