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Geschichte der Abderiten

Christoph Martin Wieland: Geschichte der Abderiten - Kapitel 57
Quellenangabe
typefiction
booktitleGeschichte der Abderiten
authorChristoph Martin Wieland
year1987
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
isbn3-499-40013-8
titleGeschichte der Abderiten
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1774
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7. Kapitel

Auszüge aus dem Gutachten der Akademie. Ein Wort über die Absichten, welche Korax dabei gehabt, mit einer Apologie, woran Stilbon und Korax gleich viel Anteil nehmen können.

Inzwischen hatte, während aller dieser Bewegungen unter der Minorität des Senats und unter den Latonenpriestern, die Akademie eine Weisung bekommen, ihr Gutachten, «durch was für diensame Mittel der übermäßigen Froschmenge (den Gerechtsamen der Latona unbeschadet) aufs schleunigste gesteuert werden könnte», binnen sieben Tagen an den Senat abzugeben.

Die Akademie ermangelte nicht, sich den nächst folgenden Morgen zu versammeln. Da die Gegenfröschler zur Zeit den größten Teil derselben ausmachten: so wurde die Ausfertigung des Gutachtens dem Philosophen Korax aufgetragen; jedoch von Seiten des Präsidenten mit der ausdrücklichen Erinnerung, daß er sich aufs sorgfältigste hüten möchte, die Akademie in keine böse Händel mit dem Latonentempel zu verwickeln.

Korax versprach, er wolle alle seine Weisheit aufbieten, die Wahrheit, wo möglich, auf eine unanstößige Art zu sagen. «Denn zum Unmöglichen», setzte er hinzu, «ist, wie meine hochgeehrten Herren wissen, niemand in irgend einem Falle verbunden.»

«Darin haben Sie recht», versetzte der Präsident: «meine Meinung ging auch bloß dahin, daß Sie sich möglichst in acht nehmen sollten. Denn der Wahrheit darf die Akademie freilich – so viel möglich – nichts vergeben.»

«Das ists was ich immer sage», erwiderte Korax.

«In was für eine seltsame Lage doch ein ehrlicher Mann kommen kann, so bald er das Unglück hat, ein Abderit zu sein!» – sagte Korax zu sich selbst, da er sich anschickte, das Gutachten der Akademie über die Froschsache zu Papier zu bringen. – «In welcher andern Stadt auf dem Erdboden würde man sichs einfallen lassen, einer Akademie der Wissenschaften eine solche Frage vorzulegen? – Und gleichwohl ists dem Senat noch zum Verdienste anzurechnen, daß er noch so viel Verstand und Mut gehabt hat, die Akademie zu fragen. Es gibt Städte in der Welt, wo man so was nicht auf die Akademie ankommen läßt. Man muß gestehen, daß die Abderiten zuweilen vor lauter Narrheit auf einen guten Einfall stoßen!»

Korax setzte sich also an seinen Schreibtisch, und arbeitete mit so viel Lust und Liebe zum Dinge, daß er noch vor Sonnenuntergang mit seinem Gutachten fertig war.

Da wir dem geneigten Leser eine, wo nicht ausführliche, doch hinlängliche Nachricht von dem System des Oberpriesters Stilbon gegeben haben: so erfordert die Unparteilichkeit, als die erste Pflicht eines Geschichtschreibers, daß wir ihm auch von dem Inhalte dieses akademischen Gutachtens wenigstens so viel mitteilen, als zum Verständnis dieser merkwürdigen Geschichte vonnöten zu sein scheint.

«Der hohe Senat», sagte Korax im Eingang seiner Schrift, «setzt in dem der Akademie zugefertigten verehrlichen Ratsschlusse voraus, daß die Froschmenge in Abdera die Volksmenge dermalen in einem unmäßigen Grad übersteige; und überhebt dadurch die Akademie der unangenehmen Arbeit, erst beweisen zu müssen, was, als eine stadt- und weltkündige Tatsache, vor jedermanns Augen liegt.

Es gewinnt demnach das Ansehen, als ob die Akademie, bei so bewandter Sache, sich bloß über die Mittel zu erklären hätte, wodurch diesem Unwesen am schleunigsten abgeholfen werden könne.

Allein, da die Frösche in Abdera, vermöge eines uralten und ehrwürdig gewordnen Instituts und Glaubens unsrer Voreltern, Vorrechte erlangt haben, in deren Besitze sie zu stören vielen bedenklich, manchen sogar unerlaubt scheinen mag; und da es, vermöge der Natur der Sache, leicht geschehen könnte, daß die einzigen diensamen Mittel, welche die Akademie in dem gegenwärtigen äußersten Notstande des gemeinen Wesens vorzuschlagen hat, jenen wirklichen oder vermeinten Gerechtsamen der Abderitischen Frösche Abbruch zu tun scheinen könnten: so wird es eben so zweckmäßig als unumgänglich sein, eine historisch-pragmatische Beleuchtung der Frage: was es mit unsern besagten Fröschen für eine besondere Bewandtnis habe, voraus zu schicken.

Die Akademie bittet sich also bei diesem theoretischen Teile ihres unmaßgeblichen Gutachtens von allen hoch- und wohlansehnlichen Mitgliedern des hohen Senats um so mehr geneigte Aufmerksamkeit aus, als der glückliche Erfolg dieser ganzen der Republik so hoch angelegnen Sache lediglich von Berichtigung der Präliminarfrage abhängt: ob und in wie fern die Frösche zu Abdera als wirkliche Frösche anzusehen seien oder nicht.»

Diese Berichtigung nimmt in dem Gutachten selbst mehr als zwei Drittel des Ganzen ein. Der schlaue Philosoph, wohl eingedenk dessen, was er dem vorsichtigen Präsidenten versprochen, erwähnt der Verwandlung der Milischen Bauern nur im Vorbeigehen, und mit aller Ehrerbietung die man einer alten Volkssage schuldig ist. Er setzt sie, mit Beziehung auf das Buch des Oberpriesters Stilbon, als eine Sache voraus, die keinem mehrern Zweifel ausgesetzt ist, als die Verwandlung des Narcissus in eine Blume, des Cyknus in einen Schwan, der Daphne in einen Lorbeerbaum, oder irgend eine andre Verwandlung, die auf einem eben so festen Grunde beruhet. Wenn es auch nicht unzulässig und unanständig wäre, dergleichen uralte Sagen leugnen zu wollen: so wäre es, meint er, unverständig. Denn da es auf der einen Seite unmöglich sei ihre Glaubwürdigkeit durch historische Zeugnisse umzustoßen, und auf der andern kein Naturforscher in der Welt im Stande sei ihre absolute Unmöglichkeit zu erweisen: so werde jeder Verständige sich um so lieber enthalten sie zu bezweifeln, da er doch weiter nichts dagegen sagen könnte, als die gemeinen Plattheiten, es ist unglaublich, es ist wider den Lauf der Natur, und dergleichen Formeln, die auch dem schalsten Kopfe beim ersten Anblick eben so gut einfallen müßten. Er betrachte also die Umgestaltung der Milischen Bauern in Frösche als eine auf sich beruhende Sache; behaupte aber, daß ihre Wahrheit bei der vorliegenden Frage vollkommen gleichgültig sei. Denn es werde doch wohl niemand leugnen wollen, daß diese Milischen Menschenfrösche schon ein paar tausend Jahre wenigstens tot und abgetan seien. Gesetzt aber auch, daß die Abderitischen Frösche ihre Abstammung von denselben genüglich erweisen könnten: so würden sie damit doch weiter nichts erwiesen haben, als daß sie seit undenklichen Zeiten von Vater zu Sohn wahre echt gebrochne Frösche seien. Denn so wie die mehr besagten Milischen Bauern durch ihre Verwandlung und von dem Augenblick ihrer Einfroschung an aufgehört hätten, Menschen zu sein, so hätten sie auch von diesem Augenblick an nichts andres als ihres gleichen, nämlich leibhafte natürliche Frösche zeugen können. Mit Einem Worte, Frösche seien Frösche, und der Umstand, daß ihre ersten Stammväter vor ihrer Verwandlung Milische Bauern gewesen, verändre eben so wenig an ihrer gegenwärtigen Froschnatur, als wenig ein von zweiunddreißig Ahnen her geborner Bettler für einen Prinzen angesehen werde, wenn gleich erweislich wäre, daß der erste Bettler seines Stammbaums in gerader Linie von Ninus und Semiramis entsprossen sei. Die Anhänger der entgegen stehenden Meinung schienen dies auch selbst so gut einzusehen, daß sie, um die vorgebliche höhere Natur der Abderitischen Frösche zu begründen, ihre Zuflucht zu einer Hypothese nehmen müßten, deren bloße Darstellung alle Widerlegung überflüssig mache.

Der scharfsinnige Leser (und es versteht sich von selbst, daß ein Werk wie dies keine andre Leser haben kann) wird sogleich ohne unser Erinnern bemerkt haben, daß Korax durch diese Einlenkung auf des Oberpriesters Stilbon Sy stem von den Keimen kommen wollte, welches er – eh er es wagen durfte, mit seinem Vorschlage wegen Verminderung der Frösche hervor zu rücken – entweder widerlegen oder lächerlich machen mußte.

Da von diesen zwei Wegen der letzte zugleich der bequemste und der Fähigkeit der Hoch- und Wohlweisheiten, mit denen er es zu tun hatte, der angemessenste war: so begnügte sich Korax, das Unbegreifliche dieser Hypothese durch eine komische Berechnung der unendlichen Kleinheit der angeblichen Keime zum Ungereimten zu treiben.

«Wir wollen», sagte er, «um die Aufmerksamkeit des hohen Senats nicht ohne Not mit arithmetischen Subtilitäten zu ermüden, annehmen, der Sohn des größten und dicksten von den froschgewordnen Miliern habe sich in seinem Keimstande zu seinem Vater verhalten wie Eins zu hundert Millionen. Wir wollen es, bloß um der runden Zahl willen, so annehmen; wiewohl ohne große Mühe zu erweisen wäre, daß der größte unter allen Homunculis, als Keim, wenigstens noch zehnmal kleiner ist, als ich angegeben habe. Nun steckt, nach des Priesters Stilbon Meinung, in diesem Keim, nach gleicher Proportion verkleinert, der Keim des Enkels, im Keim des Enkels der Keim des Urenkels, und so in jedem folgenden Abkömmling bis ins zehntausendste Glied, immer mit jedem Grad hundert-millionenmal kleiner, der Keim des nächst folgenden; so daß der Keim eines jetzt lebenden Abderitischen Frosches, gesetzt daß er auch nur im vierzigsten Grade von seinem Stammvater, dem Milischen Froschmenschen, entfernt wäre, damals da er sich als Keim in seinem besagten Stammvater befand, um so viele Millionen von Billionen, von Trillionen usw. kleiner als eine Käsemilbe hätte gewesen sein müssen; daß der geschwindeste Schreiber, den der hohe Senat von Abdera in seiner Kanzlei hat, schwerlich in seinem ganzen Leben mit allen den Nullen, die er, um diese Zahl zu bezeichnen, schreiben müßte, fertig werden könnte, und das ganze Gebiet der preiswürdigen Republik (so viel nämlich davon noch nicht in Froschgräben verwandelt ist) schwerlich Raum genug für das Papier oder Pergament hätte, welches diese ungeheure Zahl zu fassen groß genug wäre. Die Akademie überläßt es dem Ermessen des Senats, ob das allerwinzigste aller kleinen Tierchen in der Welt winzig genug sei, um sich von einer solchen unaussprechlich winzigen Kleinheit einen Begriff zu machen? und ob man also anders glauben könne, als daß dem ehrwürdigen Oberpriester etwas menschliches begegnet sein müsse, da er die Hypothese von den Keimen erfunden, um der vorgeblichen Heiligkeit der Abderitischen Frösche eine zwar nicht sehr scheinbare, aber wenigstens doch sehr dunkle und unbegreifliche Unterlage zu geben?

Die Akademie hat mit allem Fleiß die Einbildungskraft der erlauchten Väter des Vaterlandes nicht über die Gebühr anstrengen wollen. Wenn man aber bedenkt, wie kurz das natürliche Leben eines Frosches ist, und daß unsre dermaligen Frösche (nach der Voraussetzung) wenigstens im fünfhundertsten Grade von den Milischen Bauern abstammen: so verliert sich die Hypothese des sehr ehrwürdigen Oberpriesters in einem solchen Abgrund von Kleinheit, daß es ungereimt und grausam wäre, nur ein Wort weiter davon zu sagen.

Die Natur ist (wie die berühmte Aufschrift zu Sais sagt) alles was ist, was war und was sein wird, und ihren Schleier hat noch kein Sterblicher aufgedeckt. Die Akademie, von dieser großen Wahrheit tiefer als sonst irgend jemand durchdrungen, ist weit entfernt, sich einiger besondern und genauern Einsicht in Geheimnisse, welche unergründlich bleiben sollen, anzumaßen. Sie glaubt, daß es vergebens sei, von der Entstehungsart der organisierten Wesen mehr wissen zu wollen, als was die Sinne bei einer anhaltenden Aufmerksamkeit davon entdecken. Und wenn sie es ja für erlaubt hält, dem angebornen Triebe des menschlichen Geistes – sich alles begreiflich machen zu wollen – durch Hypothesen nachzuhängen: so findet sie diejenige noch immer die natürlichste, vermöge deren die Keime der organischen Körper durch die geheimen Kräfte der Natur erst alsdann gebildet werden, wenn sie ihrer wirklich vonnöten hat. Dieser Erklärungsart zufolge, ist der Keim eines jeden jetzt lebenden quakenden Geschöpfes in allen Sümpfen und Froschgräben von Abdera nicht älter als der Moment seiner Zeugung, und hat mit dem individuellen Frosche, der zur Zeit des Trojanischen Krieges quakte, und von welchem der jetzt lebende in gerader Linie abstammt, weiter nichts gemein, als daß die Natur beide nach einem gleichförmigen Modell, durch gleichförmige Werkzeuge und zu gleichförmigen Absichten gebildet hat.»

Der Philosoph Korax, nachdem er ein langes und breites zu Befestigung dieser Meinung vorgebracht, zieht endlich die Folgerung daraus: Daß die Abderitischen Frösche eben so natürliche, gemeine und alltägliche Frösche seien als alle übrige Frösche in der Welt; und daß also die sonderbaren Vorrechte, deren sie sich in Abdera zu erfreuen hätten, nicht auf irgend einer Vorzüglichkeit ihrer Natur und ihrer vorgeblichen Verwandtschaft mit der menschlichen, sondern bloß auf einem populären Glauben beruheten, welchen man, zu größtem Nachteil des gemeinen Wesens, allzu lange unbestimmt und in einem Dunkel gelassen habe, unter dessen Begünstigung die Einbildungskraft der einen und der Eigennutz der andern freien Spielraum gehabt habe, mit diesen Fröschen eine Art von Unfug zu treiben, wovon man außerhalb Ägypten schwerlich etwas ähnliches in der Welt finden werde.

«Die Altertümer von Abdera (fährt er fort) liegen, ungeachtet alles Lichtes, welches der ehrwürdige und gelehrte Stilbon so reichlich über sie ausgegossen, noch immer – wie die Altertümer aller andern Städte in der Welt – in einem Nebel, dessen Undurchdringlichkeit dem wahrheitsbegierigen Forscher wenig Hoffnung läßt, seine Begierde jemals befriediget zu sehen. Aber, wozu hätten wir denn auch vonnöten, mehr davon zu wissen als wir wirklich wissen? Was es auch mit dem Ursprung des Latonentempels und seines geheiligten Froschgrabens für eine Bewandtnis haben mag, würde etwa, wenn wir diese Bewandtnis wüßten, Latona mehr oder weniger Göttin, ihr Tempel mehr oder weniger Tempel, und ihr Froschteich mehr oder weniger Froschteich sein? – Latona soll und muß in ihrem uralten Tempel verehrt, ihr uralter Froschteich soll und muß in gebührenden Ehren gehalten werden. Beides ist Institut unsrer ältesten Vorfahren, ehrwürdig durch das graueste Altertum, befestigt durch die Gewohnheit so vieler Jahrhunderte, unterhalten durch den ununterbrochnen fortgepflanzten allgemeinen Glauben unsers Volkes, geheiligt und unverletzlich gemacht durch die Gesetze unsrer Republik, welche die Bewachung und Beschützung desselben dem ansehnlichsten Kollegium des Staats anvertraut haben. Aber, wenn Latona, oder Jupiter um Latonens willen, die Milischen Bauern in Frösche verwandelt hat: folgt denn daraus, daß alle Frösche der Latona heilig sind, und sich des priesterlichen Vorrechts persönlicher Unverletzlichkeit anzumaßen haben? Und, wenn unsre wackern Vorfahren für gut befunden haben, zum ewigen Gedächtnis jenes Wunders, im Bezirk des Latonentempels einen kleinen Froschgraben zu unterhalten: folgt denn daraus, daß ganz Abdera in eine Froschlache verwandelt werden muß?

Die Akademie kennt sehr wohl die Achtung, die man gewissen Meinungen und Gefühlen des Volks schuldig ist. Aber dem Aberglauben, in welchen sie immer auszuarten bereit sind, kann doch nur so lange nachgesehen werden, als er die Grenzen der Unschädlichkeit nicht gar zu weit überschreitet. Frösche können in Ehren gehalten werden: aber die Menschen den Fröschen aufzuopfern ist unbillig. Der Zweck, um dessentwillen die Abderiten, unsre Vorfahren, den geheiligten Froschteich einsetzten, hätte freilich auch durch einen einzigen Frosch erreicht werden können. Doch, laß es sein daß ein ganzer Teich voll gehalten wurde; wenn es nur bei diesem einzigen geblieben wäre! Abdera würde darum nicht weniger blühend, mächtig und glücklich gewesen sein. Bloß der seltsame Wahn, daß man der Frösche und Froschteiche nicht zu viel haben könne, hat uns dahin gebracht, daß uns nun wirklich keine andre Wahl übrig bleibt – als, uns entweder dieser überlästigen und allzu fruchtbaren Mitbürger ungesäumt zu entladen, oder alle insgesamt mit bloßen Häuptern und Füßen nach dem Latonentempel zu wallen, und mit fußfälligem Bitten so lange bei der Göttin anzuhalten, bis sie das alte Wunder an uns erneuert, und auch uns, so viel unser sind, in Frösche verwandelt haben wird.

Die Akademie müßte sich sehr gröblich an der Weisheit der Häupter und Väter des Vaterlandes versündigen, wenn sie nur einen Augenblick zweifeln wollte, daß das Mittel, welches sie in einer so verzweifelten Lage vorzuschlagen aufgefordert worden – das einzige welches sie vorzuschlagen im Stande ist – nicht mit beiden Händen ergriffen werden sollte. Dieses Mittel hat alle von dem hohen Senat erforderten Eigenschaften; es ist in unsrer Gewalt; es ist zweckmäßig und von unmittelbarer Wirkung; es ist nicht nur mit keinem Aufwand, sondern sogar mit einer namhaften Ersparnis verbunden; und weder Latona noch ihre Priester können, unter den gehörigen Einschränkungen, etwas dagegen einzuwenden haben.»

Und nun rate der geneigte Leser, was für ein Mittel das wohl sein konnte? – Es ist, um ihn nicht lange aufzuhalten, das einfachste Mittel von der Welt. Es ist etwas in Europa von langen Zeiten her bis auf diesen Tag sehr gewöhnliches; eine Sache, worüber in der ganzen Christenheit sich niemand das mindeste Bedenken macht, und wovor gleichwohl, als diese Stelle des Gutachtens im Senat zu Abdera abgelesen wurde, der Hälfte der Ratsherren die Haare zu Berge standen. Mit Einem Worte, das Mittel, das die Akademie von Abdera vorschlug, um der überzähligen Frösche mit guter Art los zu werden, war – sie zu essen.

Der Verfasser des Gutachtens beteuerte, daß er auf seinen Reisen zu Athen und Megara, zu Korinth, in Arkadien und an hundert andern Orten Froschkeulen essen gesehen und selbst gegessen habe. Er versicherte, daß es eine sehr gesunde, nahrhafte und wohl schmeckende Speise sei, man möchte sie nun gebacken oder frikassiert oder in kleinen Pastetchen auf die Tafel bringen. Er berechnete, daß auf diese Weise die übermäßige Froschmenge in kurzer Zeit auf eine sehr gemäßigte Zahl gebracht, und dem gemeinen und Mittelmann, bei dermaligen klemmen Zeiten, keine geringe Erleichterung durch diese neue Eßware verschafft werden würde. Und wiewohl der daher entstehende Vorteil sich vermöge der Natur der Sache von Tag zu Tage vermindern müßte: so würde hingegen der Abgang um so reichlicher ersetzt werden, indem man nach und nach einige tausend Froschteiche und Gräben austrocknen und wieder urbar machen könnte; ein Umstand, wodurch wenigstens der vierte Teil des zu Abdera gehörigen Grund und Bodens wieder gewonnen werden und den Einwohnern zu Nutzen gehen würde. Die Akademie (setzt er hinzu) habe die Sache aus allen möglichen Gesichtspunkten betrachtet, und könne nicht absehen, wie von Seiten der Latona oder ihrer Priester die mindeste Einwendung dagegen sollte gemacht werden können. Denn was die Göttin selbst betreffe, so würde sie sich ohne Zweifel durch den bloßen Argwohn, als ob ihr an den Fröschen mehr als an den Abderiten gelegen sei, sehr beleidiget finden. Von den Priestern aber sei zu erwarten, daß sie viel zu gute Bürger und Patrioten seien, um sich einem Vorschlage zu widersetzen, durch welchen dasjenige, was bisher das größte Übel und Drangsal des Abderitischen gemeinen Wesens gewesen, bloß durch eine geschickte Wendung in den größten Nutzen desselben verwandelt würde. Da es aber nicht mehr als billig sei, sie, die Priester, um des gemeinen Besten willen nicht zu beeinträchtigen: so hielte die Akademie unmaßgeblich dafür, daß ihnen nicht nur die Unverletzlichkeit des uralten Froschgrabens am Latonentempel von neuem zu garantieren, sondern auch die Verordnung zu machen wäre, daß von dem Augenblick an, da die Abderitischen Froschkeulen für eine erlaubte Eßware erklärt sein würden, von jedem Hundert derselben eine Abgabe von einem oder zwei Obolen an den Latonentempel bezahlt werden müßte. Eine Abgabe, die, nach einem sehr mäßigen Überschlag, in kurzer Zeit eine Summe von dreißig- bis vierzigtausend Drachmen abwerfen, und also den Latonentempel wegen aller andern kleinen Vorteile, die durch die neue Einrichtung aufhörten, reichlich schadlos halten würde.

Endlich beschloß der Philosoph Korax sein Gutachten mit diesen merkwürdigen Worten: «Die Akademie glaube durch diesen eben so notgedrungenen als gemeinnützigen Vorschlag ihrer Schuldigkeit genug getan zu haben. Sie sei nun wegen des Erfolgs ganz ruhig, indem sie dabei nicht mehr betroffen sei als alle übrige Bürger von Abdera. Aber da sie überzeugt sei, daß nur ganz erklärte Batrachosebisten fähig sein könnten, sich einer so unumgänglichen Reformation entgegen zu setzen: so hoffe sie, die preiswürdigen Väter des Vaterlandes würden nicht zugeben, daß eine so lächerliche Sekte die Oberhand gewinnen, und vor den Augen aller Griechen und Barbaren den Abderitischen Namen mit einem Schandflecken beschmitzen sollte, den keine Zeit wieder ausbeizen würde.»

Es ist schwer, von den Absichten eines Menschen aus seinen Handlungen zu urteilen, und hart, schlimme Absichten zu argwohnen, bloß weil eine Handlung eben so leicht aus einem bösen als guten Beweggrunde hergeflossen sein konnte: aber einen jeden, dessen Vorstellungsart nicht die unsrige ist, bloß darum für einen schlimmen Mann zu halten, ist ungerecht und unvernünftig. Wiewohl wir also nicht mit Gewißheit sagen können, wie rein die Absichten des Philosophen Korax bei Abfassung dieses Gutachtens gewesen sein mochten: so können wir doch nicht umhin zu glauben, daß der Priester Stilbon in seiner Leidenschaft zu weit gegangen sei, da er besagten Korax dieses Gutachtens wegen für einen offenbaren Feind der Götter und der Menschen erklärte, und ihn einer augenscheinlichen Absicht alle Religion über den Haufen zu werfen beschuldigte. So überzeugt auch immer der Hohepriester Stilbon von seiner Meinung sein mochte, so ist doch, bei der großen und unwillkürlichen Verschiedenheit der Vorstellungsarten unter den armen Sterblichen, nicht unmöglich, daß Korax von der Wahrheit der seinigen eben so aufrichtig überzeugt war; daß er die Abderitischen Frösche im Innersten seines Herzens für nichts mehr als bloße natürliche Frösche hielt, und durch seinen Vorschlag seinem Vaterlande wirklich einen wichtigen Dienst zu leisten glaubte. Indessen bescheidet sich Schreiber dieses ganz gern, daß es für uns jetzt lebende, und in Betrachtung daß die allgemein in Europa angenommenen Grundsätze den Fröschen wenig günstig sind, eine äußerst zarte Sache ist, über diesen Punkt ein vollkommen unparteiisches Urteil zu fällen.

Wie es also auch um die Moralität der Absichten des Philosophen Korax stehen mochte, so viel ist wenigstens gewiß, daß er eben so wenig ohne Leidenschaften war als der Oberpriester, und daß er sich die Vermehrung seiner Anhänger viel zu eifrig angelegen sein ließ, um nicht den Verdacht zu erwecken, die Eitelkeit das Haupt einer Partei zu sein, die Begierde über Stilbon den Sieg davon zu tragen, und der stolze Gedanke in den Annalen von Abdera dereinst Figur zu machen, habe wenigstens eben so viel zu seiner großen Tätigkeit in dieser Froschsache beigetragen, als seine Tugend. Aber daß er alles, was er getan, aus bloßer Näscherei getan habe, halten wir für eine Verleumdung schwachköpfiger und leidenschaftlicher Leute, woran es bekanntermaßen bei solchen Gelegenheiten (zumal in kleinen Republiken) nie zu fehlen pflegt.

Korax hatte solche Maßregeln genommen, daß sein Gutachten bei der zweiten Zusammenkunft der Akademie einhellig genehmigt wurde. Denn der Präsident, und drei oder vier Ehrenmitglieder die sich nicht bloß geben wollten, hatten Tages zuvor eine Reise aufs Land getan.

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