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Geschichte der Abderiten

Christoph Martin Wieland: Geschichte der Abderiten - Kapitel 56
Quellenangabe
typefiction
booktitleGeschichte der Abderiten
authorChristoph Martin Wieland
year1987
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
isbn3-499-40013-8
titleGeschichte der Abderiten
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1774
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6. Kapitel

Was der Oberpriester Stilbon tat, als er wieder nach Hause gekommen war.

So bald der Oberpriester Stilbon wieder in seiner Zelle angelangt war, setzte er sich an sein Schreibepult und nahm sein Werk von den Altertümern des Latonentempels vor die Hand, in der Absicht, das Kapitel von den Fröschen (welches das größte Kapitel in dem ganzen Buche war) wieder durchzulesen; und zwar, wie er sich schmeichelte, mit aller Unparteilichkeit eines Richters, der kein andres Interesse bei der Sache hat als die Entdeckung der Wahrheit. Denn so überzeugt er auch von den Resultaten seiner Untersuchungen war, so hielt er doch für billig und nötig, eh er sich weiter einließe, sein ganzes System und die Beweise desselben noch einmal Punkt für Punkt zu prüfen; in der Absicht, wenn es sich auch bei dieser neuen und scharfen Untersuchung wahr befände, es desto zuversichtlicher gegen alle Anfechtungen des Witzes und der Modephilosophie seiner Zeit behaupten zu können.

Armer Stilbon! wenn du (wie ich lieber glauben als nicht glauben will) aufrichtig warst, was für ein betrügliches Ding ist es um eines Menschen Vernunft! und was für eine glatte verführerische Schlange ist die Erzzaubrerin Eigenliebe!

Stilbon durchlas sein Kapitel von den Fröschen mit aller Unparteilichkeit deren er fähig war; prüfte jeden Satz, jeden Beweis, jeden Syllogismus mit der Kaltblütigkeit eines Arkesilas, und – fand: «Daß man entweder dem allgemeinen Menschensinn entsagen, oder von seinem System überzeugt werden müsse.»

Das kann nicht möglich sein, sagt ihr? – Um Verzeihung, das kann sehr möglich sein; denn es ist geschehen und geschieht noch immer alle Tage. Nichts ist natürlicher. Der gute Mann liebte sein System wie sein eigen Fleisch und Blut. Er hatte es aus sich selbst gezeugt. Es war ihm statt Weib und Kind, statt aller Güter, Ehren und Freuden der Welt, auf die er bei seinem Eintritt in den Latonentempel Verzicht getan hatte; es war ihm über Alles. Als er sich hinsetzte es von neuem zu prüfen, war er bereits so vollkommen von der Wahrheit und Schönheit desselben überzeugt als von seinem eignen Dasein. Es ging ihm also natürlicher Weise eben so, als wenn er sich hingesetzt hätte, um mit aller Kaltblütigkeit von der Welt zu untersuchen, ob der Schnee auf dem Gipfel des Hämus weiß oder schwarz sei.

«Daß die Milischen Bauern, die der durstenden Latona aus ihrem Teiche zu trinken verwehrten, in Frösche verwandelt worden, (sagte Stilbon in seinem Buche) das ist Tatsache.

Daß eine Anzahl dieser Frösche, auf die Art und Weise, wie die Tradition berichtet, nach Abdera in den Teich des Latonenhains versetzt worden, ist Tatsache.

Beide Fakta gründen sich auf das worauf sich alle historische Wahrheit gründet, auf menschlichen Glauben an menschliches Zeugnis; und so lange Abdera steht, hat sich kein Vernünftiger einfallen lassen, dem allgemeinen Glauben der Abderiten an diese Fakta zu widersprechen. Denn wer sie leugnen wollte, müßte ihre Unmöglichkeit beweisen können; und wo ist der Mensch auf Erden der dies könnte?

Aber, ob die Frösche, die sich zu unsern heutigen Zeiten in dem geheiligten Teiche befinden, eben diejenigen seien, die von Latonen, oder (was auf Eines hinaus läuft) von Jupitern auf Latonens Bitte, in Frösche verwandelt worden: darüber sind bisher verschiedene Meinungen gewesen.

Unsre Gelehrten haben größten Teils dafür gehalten, daß die Unterhaltung des geheiligten Teichs als bloßes Institut unsrer Voreltern, und die darin aufbewahrten Frösche als bloße Erinnerungszeichen der Macht unsrer Schutzgöttin mit gebührender Ehre anzusehen seien.

Das gemeine Volk hingegen hat von diesen Fröschen immer eben so gesprochen und geglaubt, als ob sie die nämlichen wären, an denen das bekannte Wunder geschehen sei.

Und ich – Stilbon, aus Jupiters und Latonens Barmherzigkeit zur Zeit Oberpriester von Abdera, habe nach reiflicher Erwägung der Sache befunden, daß dieser Glaube des Volks sich auf unumstößliche Gründe stützt; und hier ist mein Beweis! –»

Der geneigte Leser würde sich wahrscheinlicher Weise schlecht erbaut finden, wenn wir ihm diesen Beweis, so weitläuftig als er in besagtem Buche des Oberpriesters Stilbon vorgetragen ist, zu lesen geben wollten; zumal da wir alle von dem Ungrunde desselben zum voraus wenigstens eben so vollkommen überzeugt sind, als es der gute Stilbon von dessen Gründlichkeit war. Wir begnügen uns also nur mit zwei Worten zu sagen: daß sich sein ganzes System über die mehr besagten Frösche um eine heutiges Tages sehr gemeine, damals aber (in Abdera wenigstens) ganz neue, und, nach Stilbons ausdrücklicher Versicherung, von ihm selbst erfundene Hypothese drehte, nämlich um die Lehre: «daß alle Zeugung nichts andres als Entwicklung ursprünglicher Keime sei.» – Stilbon fand diese Entdeckung, als er sie zuerst machte, so schön, und wußte sie mit so vielen dialektischen und moralischen Gründen (denn die Physik war seine Sache nicht) zu unterstützen, daß sie ihm mit jedem Tage wahrscheinlicher vorkam.

Endlich glaubte er sie auf den höchsten Grad der Wahrscheinlichkeit gebracht zu haben. Da nun von dieser zur Gewißheit nur noch ein leichter Sprung zu tun ist: was Wunder, daß ihm eine so sinnreiche, so subtile, so wahrscheinliche Hypothese – eine Hypothese, die er selbst erfunden, mit so vieler Mühe ausgearbeitet, mit allen seinen übrigen Ideen in Verbindung gesetzt, und zur Grundlage eines neuen durchaus räsonierten Systems über die Latonenfrösche gemacht hatte – zuletzt eben so gewiß, anschaulich und unzweifelhaft vorkam als irgend ein Lehrsatz im Euklides?

«Als die Milischen Bauern verwandelt wurden, (sagte Stilbon) führten sie die Keime aller Bauern und Nichtbauern, die von damals an bis auf diesen Tag, und von diesem Tage bis ans Ende der Tage nach dem ordentlichen Lauf der Natur von ihnen entspringen konnten und sollten, in eben so vielen in einander geschobenen Keimen bei sich; und in dem Augenblicke, da besagte Milische Bauern zu Fröschen wurden, wurden auch die sämtlichen Menschenkeime, die jeder bei sich führte, in Froschkeime verwandelt. Denn, (sagte er) entweder wurden diese Keime vernichtet, oder sie wurden ranifiziert, oder sie wurden ge lassen wie sie waren. Das erste ist unmöglich, weil aus Etwas eben so wenig Nichts als aus Nichts Etwas werden kann. Das dritte läßt sich auch nicht denken; denn wären die besagten Keime Menschenkeime geblieben, so müßten die Milischen Ανθρωποβατραχοι, oder Menschenfrösche, wirkliche Menschen gezeugt haben, welches wider die historische Wahrheit und an sich selbst in alle Wege ungereimt ist. Es bleibt also nur das zweite übrig, nämlich: sie sind ranifiziert, das ist in Froschkeime verwandelt worden; und man kann also mit vollkommner Richtigkeit sagen: daß die Frösche, die sich auf diesen Tag in dem geheiligten Teiche befinden, und alle übrigen, deren Abstammung von denselben erweislich ist, folglich die sämtlichen Frösche in Abdera, eben diejenigen sind welche von Latonen in Frösche verwandelt wurden, nämlich insofern sie damals in den froschwerdenden Bauern im Keim vorhanden waren, und zugleich uno eodemque actu mit ihnen verwandelt wurden.»

Dies nun ein- für allemal als erwiesene Wahrheit angenommen, schien dem ehrlichen Stilbon nichts sonnenklarer (wie er zu sagen pflegte) als die Folgerungen, die gleichsam von selbst daraus abflossen. «So wie, zum Beispiel, eine vom Strahl getroffne Eiche, als eine Res sacra, als dem Donnerer Zeus angehörig und geheiligt, mit schaudernder Ehrfurcht angesehen wird: eben so müssen», sagte er, «die von Latonen oder Jupitern verwandelten Menschenfrösche, nebst allen ihren im Keim mit verwandelten Abkömmlingen bis ins tausendste und zehntausendste Glied, als eine Art wundervoller, der Latona angehöriger Mittelwesen angesehen, und also auch als solche behandelt und geehret werden. Sie sind zwar dem Äußerlichen nach Frösche wie andre; aber sie sind gleichwohl auch keine Frösche wie andre. Denn, da sie von Geburt und Natur Menschen gewesen waren, und alles was wir von Natur und Geburt sind uns einen unauslöschlichen Charakter gibt: so sind sie nicht sowohl Frösche als Froschmenschen, und also in gewissem Sinne noch immer unsers Geschlechts, unsre Brüder, unsre verunglückten Brüder, zu unsrer Warnung mit dem furchtbaren Stempel der Rache der Götter bezeichnet, aber eben darum unsers zärtlichsten Mitleidens würdig. – Doch nicht nur unsers Mitleidens, (setzte Stilbon hinzu) sondern auch unsrer Ehrerbietung; da sie fortdauernde unverletzliche Denkmäler der Macht unsrer Göttin sind, an denen man sich nicht vergreifen kann ohne sich an ihr selbst zu vergreifen; indem ihre Erhaltung durch so viele Jahrhunderte der redendste Beweis ist, daß sie solche erhalten wissen wolle.»

Der gute Oberpriester – ein Mann, der unsern Lesern so gar verächtlich, wie er ihnen vermutlich ist, nicht vorkommen würde, wenn sie sich recht in seine Seele hinein zu denken wüßten – hatte den ganzen Abend mit Durchlesung und Prüfung seines Kapitels über die Frösche zugebracht, und sich in das Bestreben, sein System mit neuen Gründen zu befestigen, dermaßen vertieft, daß ihm sein Versprechen, dem Nomophylax von dem Erfolg seines Besuchs bei dem Archon Nachricht zu geben, gänzlich aus dem Sinne gekommen war. Er erinnerte sich dessen nicht eher, als da er um die Dämmerungszeit die Tür seiner Zelle aufgehen hörte, und diesen Herren in eigner Person vor sich stehen sah.

«Ich habe Ihnen nicht viel tröstliches zu berichten», rief er ihm entgegen; «wir sind in schlechtern Händen als ich mir jemals vorgestellt hätte. Der Archon weigerte sich mein Buch zu lesen, vielleicht weil er überhaupt gar nicht lesen kann –»

«Dafür wollt ich nicht Bürge sein», sagte Hypsiboas.

«Und er sprach in einem Tone, dessen ich mich zu einem Oberhaupte der Republik nimmermehr versehen hätte.»

«Was sagte er denn?»

«Ich danke dem Himmel, daß ich das meiste wieder vergessen habe was er sagte. Genug, er bestand darauf daß die Akademie ihr Gutachten geben müßte –»

«Das soll sie wohl bleiben lassen müssen», fiel der Nomophylax ein; «die Gegenfröschler sollen mehr Widerstand finden als sie sich vermuten werden! Aber, damit man uns nicht beschuldigen könne, daß wir gewalttätig zu Werke gehen ehe wir die gelindern Mittel versucht haben, ist die sämtliche Minorität entschlossen, dem Senat ungesäumt eine schriftliche Vorstellung zu tun, wofern die Latonenpriesterschaft geneigt ist gemeine Sache mit uns zu machen.»

«Von Herzen gern», sagte Stilbon – «ich will die Vorstellung selbst aufsetzen; ich will ihnen dartun –»

«Vor der Hand», unterbrach ihn der Nomophylax, «kann es an einem kurzen Promemoria, welches ich bereits, sub spe rati et grati, aufgesetzt habe, genug sein. Wir müssen eine so gelehrte Feder wie die Ihrige auf den letzten Notfall aufsparen.»

Der Oberpriester ließ sich zwar berichten; setzte sich aber vor, noch in dieser Nacht an einem kleinen Traktätchen zu arbeiten, worin er sein System über die Latonenfrösche in ein neues Licht setzen, und auf eine noch subtilere Art, als es in seinem Werke von den Altertümern des Latonentempels geschehen war, allen Einwendungen zuvor kommen wollte, welche der Philosoph Korax dagegen machen könnte. «Vorgesehene Pfeile schaden desto weniger», sagte er zu sich selbst. «Ich will die Sache so klar und deutlich hinlegen, daß auch die Einfältigsten überzeugt werden sollen. Es müßte doch wahrlich nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn die Wahrheit ihre natürliche Macht über den Verstand der Menschen nur gerade in diesem Falle verloren haben sollte!»

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