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Geschichte der Abderiten

Christoph Martin Wieland: Geschichte der Abderiten - Kapitel 54
Quellenangabe
typefiction
booktitleGeschichte der Abderiten
authorChristoph Martin Wieland
year1987
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
isbn3-499-40013-8
titleGeschichte der Abderiten
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1774
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4. Kapitel

Charakter und Lebensart des Oberpriesters Stilbon. Verhandlung zwischen den Latonenpriestern und den Ratsherren von der Minorität. Stilbon sieht die Sache aus einem eignen Gesichtspunkt an, und geht dem Archon selbst Vorstellungen zu machen. Merkwürdige Unterredung zwischen den Zurückgebliebnen.

Der Oberpriester Stilbon war bereits der dritte, der dem ehrwürdigen Strobylus (dessen Asche in Frieden ruhe!) in dieser Würde gefolgt war. In den Charaktern dieser beiden Männer war, den Eifer für die Sache ihres Ordens ausgenommen, sonst wenig ähnliches. Stilbon hatte von Jugend an die Einsamkeit geliebt, und sich in den unzugangbarsten Gegenden des Latonenhains, oder in den abgelegensten Winkeln ihres Tempels mit Spekulationen beschäftigt, die desto mehr Reiz für seinen Geist hatten, je weiter sie sich über die Grenzen der menschlichen Erkenntnis zu erheben schienen, oder (richtiger zu reden) je weniger sich der mindeste praktische Gebrauch zum Vorteil des menschlichen Lebens davon machen ließ. Gleich einer unermüdeten Spinne saß er im Mittelpunkt seiner Gedanken- und Wortgewebe, ewig beschäftigt, den kleinen Vorrat von Begriffen, den er in dem engen Bezirke des Latonentempels bei einer so abgeschiedenen Lebensart hatte erwerben können, in so klare und dünne Fäden auszuspinnen, daß er alle die unzählbaren leeren Zellen seines Gehirns über und über damit austapezieren konnte.

Außer diesen metaphysischen Spekulationen hatte er sich am meisten mit den Altertümern von Abdera, Thracien und Griechenland, besonders mit der Geschichte aller festen Länder, Inseln und Halbinseln, die (nach uralten Traditionen) einst da gewesen, aber seit undenklichen Zeiten nicht mehr da waren, zu schaffen gemacht. Der ehrliche Mann wußte kein Wort davon was zu seiner eignen Zeit in der Welt vorging, und noch weniger was funfzig Jahre vor seiner Zeit darin vorgegangen; sogar die Stadt Abdera, an deren einem Ende er lebte, war ihm noch weniger bekannt als Memphis oder Persepolis. Dafür aber war er desto einheimischer in dem alten Pelasgerlande, wußte genau, wie jedes Volk, jede Stadt und jeder kleine Flecken geheißen ehe sie ihren gegenwärtigen Namen führten, wußte, wer jeden in Ruinen liegenden Tempel gebauet hatte, und zählte die Reihen aller der Könige an den Fingern her, die vor der Überschwemmung Deukalions unter den Toren ihrer kleinen Städte saßen, und jedem Recht sprachen, der – sichs nicht selbst zu verschaffen im Stande war. Die berühmte Insel Atlantis war ihm so bekannt, als ob er alle ihre herrlichen Paläste, Tempel, Marktplätze, Gymnasien, Amphitheater usw. mit eignen Augen gesehen hätte; und er würde untröstbar gewesen sein, wenn ihm jemand in seinem dicken Buche von den Wanderungen der Insel Delos, oder in irgend einem andern von den dicken Büchern die er über eben so interessante Materien hatte ausgehen lassen, die kleinste Unrichtigkeit hätte zeigen können.

Mit allen diesen Kenntnissen war Stilbon freilich ein sehr gelehrter, aber auch, ungeachtet derselben, ein sehr beschränkter, und in allen Sachen, die das praktische Leben betrafen, höchst einfältiger Mann. Seine Begriffe von den menschlichen Dingen waren fast alle unbrauchbar, weil sie selten oder nie auf die Fälle paßten, wo er sie anwandte. Er urteilte immer schief von dem was gerade vor ihm stand, schloß immer richtig aus falschen Vordersätzen, wunderte sich immer über die natürlichsten Ereignisse, und erwartete immer einen glücklichen Erfolg von Mitteln die seine Absichten notwendig vereiteln mußten. Sein Kopf war und blieb, so lang er lebte, ein Sammelplatz aller populären Vorurteile. Das blödeste alte Mütterchen in Abdera war nicht leichtgläubiger als er; und, so ungereimt es vielen unsrer Leser scheinen wird, so gewiß ist es, daß er vielleicht der einzige Mann in Abdera war, der in vollem Ernst an die Frösche der Latona glaubte.

Bei allem dem wurde der Oberpriester Stilbon durchgehends für einen wohlgesinnten und friedliebenden Mann gehalten – und insoferne man ihm die negativen Tugenden, die eine notwendige Folge seiner Lebensart, seines Standes und seiner Neigung zum spekulativen Leben waren, für voll anrechnete, so konnte er allerdings für weiser und besser gelten als irgend einer seiner Mitabderiten. Diese letztern hielten ihn für einen Mann ohne Leidenschaften, weil sie sahen, daß nichts von allem, was die Begierden andrer Leute zu reizen pflegt, Gewalt über ihn hatte. Aber sie dachten nicht daran daß er auf alle diese Dinge keinen Wert legte: entweder weil er sie nicht kannte; oder weil er durch eine lange Gewohnheit, bloß in Spekulationen zu leben, sich Abneigung und Untüchtigkeit zu allem, was andre Gewohnheiten voraussetzt, zugezogen hatte.

Indessen hatte der gute Stilbon, ohne es selbst zu wissen, eine Leidenschaft, welche ganz allein hinreichend war so viel Unheil in Abdera anzustiften, als alle übrigen die er nicht hatte; und das war die Leidenschaft für seine Meinungen. Selbst aufs vollkommenste von ihrer Wahrheit überzeugt, konnte er nicht begreifen, wie ein Mensch, wenn er auch nichts als seine bloßen fünf Sinne und den allgemeinsten Menschenverstand hätte, über irgend etwas eine andre Vorstellungsart haben könne als er. Wenn sich also dieser Fall zutrug, so wußte er sich die Möglichkeit desselben nicht anders zu erklären, als durch die Alternative: daß ein solcher Mensch entweder nicht bei Sinnen – oder daß er ein boshafter, vorsätzlicher und verstockter Feind der Wahrheit, und also ein ganz verabscheuenswürdiger Mensch sein müsse. Durch diese Denkart war der Oberpriester Stilbon, mit aller seiner Gelehrsamkeit und mit allen seinen negativen Tugenden, ein gefährlicher Mann in Abdera; und würde es noch ungleich mehr gewesen sein, wenn seine Indolenz und sein entschiedener Hang zur Einsamkeit nicht alles, was um ihn her geschah, so weit von ihm entfernt hätte, daß es ihm selten bedeutend genug vorkam, um die mindeste Kenntnis davon zu nehmen.

«Ich habe nie gehört, daß man Ursache haben könnte sich über eine allzu große Menge der Frösche zu beklagen», sagte Stilbon ganz gelassen, als der Nomophylax mit seinem Vortrag zu Ende war.

«Davon soll jetzt die Rede nicht sein, Herr Oberpriester», versetzte jener. «Der Senat ist über diesen Punkt so ziemlich Einer Meinung, und, ich denke, die ganze Stadt dazu. Aber daß der Akademie aufgetragen worden, die Mittel und Wege, wodurch der übermäßigen Froschmenge am füglichsten abgeholfen werden könne, vorzuschlagen, das ists was wir niemals zugeben können.»

«Hat der Senat der Akademie einen solchen Auftrag gegeben?» fragte Stilbon.

«Sie hören ja», rief Hypsiboas etwas ungeduldig; «das ists ja eben was ich Ihnen sagte, und warum wir da sind.»

«So hat der Senat einen Schritt getan, wobei ihn seine gewöhnliche Weisheit gänzlich verlassen hat», erwiderte der Priester eben so kaltblütig wie zuvor. «Haben Sie den Ratsschluß bei sich?»

«Hier ist eine Abschrift davon!»

«Hm, hm», sagte Stilbon und schüttelte den Kopf, nachdem er dieselbe sehr bedächtlich ein- oder zweimal überlesen hatte; «hier sind ja beinahe so viel Absurditäten als Worte! Erstens, soll noch erwiesen werden daß zu viel Frösche in Abdera sind; oder vielmehr, dies kann in Ewigkeit nicht erwiesen werden. Denn, um bestimmen zu können was zu viel ist, muß man erst wissen was genug ist; und dies ist gerade was wir unmöglich wissen können, es wäre denn daß der Delphische Apollo oder seine Mutter Latona selbst uns durch ein Orakel darüber verständigen wollte. Die Sache ist sonnenklar. Denn, da die Frösche unmittelbar unter dem Schutz und Einfluß der Göttin stehen: so ist es ungereimt zu sagen, daß ihrer jemals mehr seien als der Göttin beliebt; und also braucht die Sache nicht nur gar keiner Untersuchung, sondern sie läßt auch keine Untersuchung zu. Zweitens, gesetzt daß der Frösche wirklich zu viel wären, so ist es doch ungereimt von Mitteln und Wegen zu reden, wodurch ihre Anzahl vermindert werden könnte. Denn es gibt keine solche Mittel und Wege, wenigstens keine die in unsrer Willkür stehen, welches eben so viel ist als ob es gar keine gebe. Drittens, ist es ungereimt der Akademie einen solchen Auftrag zu geben. Denn die Akademie hat nicht nur kein Recht über Gegenstände von dieser Wichtigkeit zu erkennen, sondern sie besteht auch, wie ich höre, größten Teils aus Witzlingen und seichten Köpfen, die von solchen Dingen gar nichts verstehen; und zum klaren Beweis daß sie nichts davon verstehen, sollen sie, wie ich höre, sogar albern genug sein darüber zu scherzen und zu spotten. Ich traue diesen armen Leuten zu, daß es aus Unverstand geschieht. Denn, hätten sie mein Buch von den Altertümern des Latonentempels mit Bedacht gelesen: so müßten sie entweder aller Sinne beraubt oder offenbare Bösewichter sein, wenn sie der Wahrheit, die ich darin sonnenklar dargelegt habe, widerstehen könnten. Das Senatusconsultum ist also, wie gesagt, durchaus ungereimt, und kann folglich von keinem Effekt sein, indem ein absurder Satz eben so viel ist als gar kein Satz. Sagen Sie dies unsern gnädigen Herren in der nächsten Session, hochgeachteter Herr Nomophylax! Unsre gnädigen Herren werden sich unfehlbar eines bessern besinnen; und solchen Falls werden wir am besten tun die Sache auf sich beruhen zu lassen

«Herr Oberpriester», antwortete ihm Hypsiboas, «Sie sind ein grundgelehrter Mann, das wissen wir alle. Aber, nehmen Sie mirs nicht übel, auf Welthändel und Staatssachen verstehen sich Euer Ehrwürden nicht. Die Majora im Senat haben einen Schluß gefaßt, der den Gerechtsamen der Batrachotrophen präjudizierlich ist. Indessen nach der Regel bleibts bei diesem Ratsschlusse, und der Archon wird ihn zur Exekution gebracht haben, eh ich in der nächsten Session Ihre logischen Einwendungen vortragen könnte, wenn ich mich auch damit beladen wollte.»

«Es kommt aber ja in solchen spekulativen Dingen nicht auf die Majora, sondern auf die Saniora an», sagte Stilbon.

«Vortrefflich, Herr Oberpriester», versetzte der Nomophylax. «Das ist ein Wort! Die Saniora! die Saniora haben unstreitig recht. Die Frage ist also jetzt nur, wie wir es anzugreifen haben daß sie auch recht behalten. Wir müssen auf ein schleuniges Mittel denken die Vollstreckung des Ratsschlusses aufzuhalten.»

«Ich will Seiner Gnaden, dem Archon, augenblicklich mein Buch von den Altertümern des Latonentempels schicken. Er muß es noch nicht gelesen haben. Denn in dem Kapitel von den Fröschen ist alles, was über diesen Gegenstand zu sagen ist, ins klare gesetzt.»

«Der Archon hat in seinem Leben kein Buch gelesen, Herr Oberpriester», sagte einer von den Ratsherren lachend; «dies Mittel wird nicht anschlagen, dafür bin ich Ihnen gut!»

«Desto schlimmer!» erwiderte Stilbon. «In was für Zeiten leben wir, wenn das wahr ist! Wenn das Oberhaupt des Staats ein solches Beispiel gibt – Doch ich kann unmöglich glauben, daß es schon so weit mit Abdera gekommen sei.»

«Sie sind auch gar zu unschuldig, Herr Oberpriester», sagte der Nomophylax. «Aber lassen wir das auf sich beruhen! Es stände noch gut genug, wenn das der größte Fehler des Archons wäre.»

«Ich sehe nur Ein Mittel in der Sache», sprach jetzt einer von den Priestern, namens Pamphagus: «das hochpreisliche Kollegium der Zehnmänner ist über dem Senat – folglich –»

«Um Vergebung», fiel ihm ein Ratsherr ins Wort, «nicht über dem Senat, sondern nur –»

«Sie haben mich nicht ausreden lassen», sagte der Priester etwas hitzig. «Die Zehnmänner sind nicht über dem Senat in Justiz- Staats- und Polizeisachen. Aber da alle Sachen, wobei der Latonentempel betroffen ist, vor die Zehnmänner gehören, und von ihrer Entscheidung nicht weiter appelliert werden kann: so ist klar, daß –»

«Die Zehnmänner nicht über dem Senat sind!» fiel jener ein; «denn der Senat behängt sich mit Latonensachen gar nicht, und kann also nie mit den Zehnmännern in Kollision kommen.»

«Desto besser für den Senat», sagte der Priester. «Aber, wenn sich denn ja einmal der Senat beigehen ließe, über einen Gegenstand, der dem Dienst der Latona wenigstens sehr nahe verwandt ist, erkennen zu wollen, wie dermalen wirklich der Fall ist: so sehe ich kein ander Mittel als die Zehnmänner zusammen berufen zu lassen.»

«Das kann nur der Archon», wandte Hypsiboas ein, «und natürlicher Weise wird er sich dessen weigern.»

«Er kann sich nicht weigern, wenn er von der gesamten Priesterschaft darum angegangen wird», sagte Pamphagus.

«Herr Kollege, ich bin nicht Ihrer Meinung», fiel der Oberpriester ein. «Es wäre wider die Würde der Zehnmänner, und sogar wider die Ordnung, wenn wir in vorliegendem Fall auf ihre Zusammenberufung dringen wollen. Die Zehnmänner können und müssen sich versammeln, wenn die Religion wirklich verletzt worden ist. Wo ist aber hier die Verletzung? Der Senat hat einen absurden Schluß gefaßt, das ist alles. Es ist schlimm, aber nicht schlimm genug; Sie müßten denn erweisen können, daß die Zehnmänner darum da seien, den Senat zu syndicieren wenn er ungereimte Schlüsse macht.»

Der Priester Pamphagus biß die Lippen zusammen, drehte sich nach dem Sitze des Nomophylax, und murmelte ihm etwas ins linke Ohr.

Stilbon, ohne darauf acht zu geben, fuhr fort: «Ich will stehenden Fußes selbst zum Archon gehen. Ich will ihm mein Buch von den Altertümern des Latonentempels bringen. Er soll das Kapitel von den Fröschen lesen! Es ist unmöglich, daß er nicht sogleich von der Ungereimtheit des Ratsschlusses überzeugt werde.»

«So gehen Sie denn und versuchen Sie Ihr Heil», versetzte der Nomophylax. – Der Oberpriester ging unverzüglich.

«Was das für ein Kopf ist!» sagte der Priester Pamphagus, wie er weggegangen war.

«Er ist ein sehr gelehrter Mann», versetzte der Ratsherr Bucephalus; «aber –»

«Ein gelehrter Mann?» fiel jener ein. «Was nennen Sie gelehrt? Gelehrt in lauter Dingen, die kein Mensch zu wissen verlangt!»

«Davon können Euer Ehrwürden besser urteilen als unser einer», erwiderte der Ratsherr; «ich verstehe nichts davon: aber es ist mir doch immer unbegreiflich vorgekommen, daß ein so gelehrter Mann in Geschäftssachen so einfältig sein kann wie ein kleines Kind.»

«Es ist unglücklich für den Latonentempel», sagte ein andrer Priester –

«Und für den ganzen Staat», setzte ein dritter hinzu.

«Das weiß ich eben nicht», sprach der Nomophylax mit einem spitzfindigen Naserümpfen; «wir wollen aber bei der Sache bleiben. Die Herren scheinen mir sämtlich der Meinung zu sein, daß die Zehnmänner zusammen berufen werden müßten – –»

«Um so mehr», sagte einer der Ratsherren, «weil wir gewiß sind die Majora gegen den Archon zu machen.»

«Wenn wir uns nicht besser helfen können», fuhr der Nomophylax fort, «so bin ichs zufrieden. Aber sollten wir uns denn in einer Sache, wobei Latona und ihre Priesterschaft auf unsrer Seite sind, nicht besser helfen können? Machen wir nicht beinahe die Hälfte des Rats aus? Wir sind bloß mit sechs Stimmen majorisiert worden; und wenn wir fest zusammen halten – –»

«Das wollen wir», schrien die Ratsherren aus voller Kehle.

«Ich habe einen Gedanken, meine Herren; aber ich muß ihn reifer werden lassen. Erkiesen Sie zwei oder drei aus Ihrem Mittel, mit denen ich mich diesen Abend auf meinem Gartenhause näher von der Sache besprechen könne. Es wird sich inzwischen zeigen, wie weit es der Oberpriester mit dem Archon Onokradias gebracht haben wird.»

«Ich wette meinen Kopf gegen eine Melone», sagte der Priester Charox, «er wird aus arg ärger machen.»

«Desto besser!» versetzte der Nomophylax.

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