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Geschichte der Abderiten

Christoph Martin Wieland: Geschichte der Abderiten - Kapitel 52
Quellenangabe
typefiction
booktitleGeschichte der Abderiten
authorChristoph Martin Wieland
year1987
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
isbn3-499-40013-8
titleGeschichte der Abderiten
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1774
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2. Kapitel

Charakter des Philosophen Korax. Nachrichten von der Akademie der Wissenschaften zu Abdera. Korax wirft in derselben eine verfängliche Frage in Betreff der Latonenfrösche, und sich selbst zum Haupt der Gegenfröschler auf. Betragen der Latonenpriester gegen diese Sekte, und wie sie bewogen wurden selbige für unschädlich anzusehen.

Der merkwürdige Kopf, der zuerst die Wahrnehmung machte, daß die Menge der Frösche in Abdera in der Tat übermäßig sei, und mit der Anzahl und dem Bedürfnis der zweibeinigen unbefiederten Einwohner ganz und gar in keinem Verhältnis stehe, nannte sich Korax. Es war ein junger Mann von gutem Hause, der sich etliche Jahre zu Athen aufgehalten, und in der Akademie (wie die von Plato gestiftete Philosophenschule bekanntermaßen genannt wurde) gewisse Grundsätze eingesogen hatte, die den Fröschen der Latona nicht allzu günstig waren. Die Wahrheit zu sagen, Latona selbst hatte durch seinen Aufenthalt zu Athen so viel bei ihm verloren, daß es kein Wunder war, wenn er ihre Frösche nicht mit aller der Ehrfurcht ansehen konnte, die von einem orthodoxen Abderiten gefordert wurde. – «Eine jede schöne Frau ist eine Göttin», pflegte er zu sagen, «wenigstens eine Göttin der Herzen; und Latona war unstreitig eine sehr schöne Frau: aber was geht das die Frösche an? und – die Sache bloß menschlich und im Lichte der Vernunft betrachtet – was gehen am Ende die Frösche Latonen an? Gesetzt aber auch, die Göttin – für die ich übrigens alle Ehrfurcht hege, die einer schönen Frau und einer Göttin gebührt – gesetzt, sie habe die Frösche vor allem andern Geziefer und Ungeziefer der Welt in ihren besondern Schutz genommen: folgt denn daraus, daß man der Frösche nie zu viel haben könne?»

Korax war, als er so zu vernünfteln anfing, ein Mitglied der Akademie, welche in Abdera zur Nachahmung der Athenischen gestiftet worden war. Diese Akademie war ein kleiner in Spaziergänge ausgehauener Wald, ganz nahe bei der Stadt; und da sie unter dem Schutze des Senats stand und auf gemeiner Stadt Kosten angelegt worden war: so hatten die Herren von der Polizei-Kommission nicht ermangelt, sie reichlich mit Froschgräben zu versehen. Die Glieder der Akademie fanden sich zwar nicht selten durch den eintönigen Chorgesang dieser quakenden Philomelen in ihren tiefsinnigen Betrachtungen gestört. Allein, da dies an jedem andern Orte in und um die Stadt Abdera eben so wohl der Fall gewesen wäre: so hatten sie sich immer in Geduld darein ergeben; oder, richtiger zu reden, man war des Froschgesangs in Abdera so gewohnt, daß man nicht mehr davon hörte, als die Einwohner um Katadupa von dem großen Nilfall, in dessen Nachbarschaft sie leben, oder als die Anwohner irgend eines andern Wasserfalls in der Welt.

Allein mit Korax, dessen Ohren durch seinen Aufenthalt zu Athen die Empfindlichkeit, die allen gesunden menschlichen Ohren natürlich ist, wieder erlangt hatten, war es eine andre Sache. Man wird es also nicht befremdlich finden, daß er gleich bei der ersten Sitzung, welcher er beiwohnte, die spitzige Anmerkung machte: er glaube, das Käuzlein der Minerva qualifiziere sich ungleich besser zu einem außerordentlichen Mitgliede der Akademie als die Frösche der Latona. – «Ich weiß nicht, meine Herren, wie Sie die Sache ansehen», setzte er hinzu: «aber, mir deucht, die Frösche haben seit einigen Jahren auf eine ganz unbegreifliche Art in Abdera zugenommen.»

Die Abderiten waren ein dumpfes Völklein, wie wir alle wissen; und es gab vielleicht (eine einzige berühmte Nation allenfalls ausgenommen) kein andres in der Welt, das in der sonderbaren Eigenschaft, einen Wald vor lauter Bäumen nicht sehen zu können, ihnen den Vorzug streitig machen konnte. Aber dies mußte man ihnen lassen, so bald es nur Einem unter ihnen einfiel, eine Bemerkung zu machen, die jedermann eben so gut hätte machen können als er, wiewohl sie niemand vor ihm gemacht hatte: so schienen sie allesamt plötzlich aus einem langen Schlaf zu erwachen, sahen nun auf einmal – was ihnen vor der Nase lag, wunderten sich über die gemachte Entdeckung, und glaubten demjenigen sehr verbunden zu sein der ihnen dazu verholfen hatte. «In der Tat», antworteten die Herren von der Akademie, «die Frösche haben seit einiger Zeit auf eine ganz unbegreifliche Art zugenommen.»

«Wenn ich sagte, auf eine ganz unbegreifliche Art, (versetzte Korax) so will ich damit keineswegs gesagt haben, daß etwas übernatürliches in der Sache sei. Im Grunde ist nichts begreiflicher, als daß die Frösche sich an einem Orte vermehren müssen, wo man solche Anstalten zu ihrer Unterhaltung vorkehrt wie zu Abdera: das Unbegreifliche liegt (meiner geringen Meinung nach) bloß darin, wie die Abderiten einfältig genug sein können diese Anstalten vorzukehren.»

Die sämtlichen Mitglieder der Akademie stutzten über die Freiheit dieser Rede, sahen einander an, und schienen verlegen zu sein was sie von der Sache denken sollten.

«Ich rede bloß menschlicher Weise», sagte Korax.

«Wir zweifeln nicht daran», versetzte der Präsident der Akademie, der ein Ratsherr und einer von den Zehnmännern war; «allein die Akademie hat sichs bisher zum Gesetz gemacht, dergleichen schlüpfrige Materien, auf welchen die Vernunft so leicht ausglitschen kann, lieber gar nicht zu berühren –»

«Die Akademie zu Athen hat sich kein solches Gesetz gemacht», fiel ihm Korax ein: «wenn man nicht über alles philosophieren darf, so wärs eben so gut man philosophierte über – gar nichts

«Über alles», sagte der Präsident-Zehnmann mit einer bedenklichen Miene, «nur nicht über Latonen und –»

«Ihre Frösche?» – setzte Korax lächelnd hinzu. Dies wars auch wirklich, was der Präsident hatte sagen wollen: aber bei dem Wörtchen und überfiel ihn eine Art von Beklemmung, als ob er wider Willen fühlte, daß er im Begriff sei eine Albernheit zu sagen; und so hielt er plötzlich mit offnem Munde ein, und überließ es Koraxen, die Periode zu vollenden.

«Ein jedes Ding kann von sehr vielerlei Seiten und in mancherlei Lichte betrachtet werden», fuhr Korax fort; «und dies zu tun, ist (deucht mir) gerade was dem Philosophen zukommt, und was ihn von dem dummen undenkenden Haufen unterscheidet. Unsere Frösche, zum Beispiel, können als Frösche schlechtweg, und als Frösche der Latona betrachtet werden. Denn insofern sie Frösche schlechtweg sind, sind sie weder mehr noch weniger Frösche als andre. Ihr Verhältnis gegen die Abderiten ist in so fern ungefähr das nämliche, wie das Verhältnis aller übrigen Frösche zu allen übrigen Menschen; und in so fern kann nichts unschuldiger sein, als zu untersuchen, ob die Froschmenge in einem Staate mit der Volksmenge in gehörigem Verhältnis stehe oder nicht? – und, wofern sich fände daß der Staat einen großen Teil mehr Frösche ernähren müßte als er nötig hätte, die diensamsten Mittel vorzuschlagen, wodurch ihre übermäßige Menge vermindert werden könnte.»

«Korax spricht verständig», sagten etliche junge Akademisten.

«Ich rede bloß menschlicher Weise von der Sache», sagte Korax.

«Ich wollte lieber daß wir gar nicht davon angefangen hätten», sagte der Präsident.

Dies war der erste Funke, den Korax in die schwindligen Köpfe einiger naseweisen jungen Abderiten warf. Unvermerkt wurde er zum Haupt und Worthalter einer Sekte, von deren Grundsätzen und Meinungen in Abdera nicht allzu vorteilhaft gesprochen wurde. Man beschuldigte sie nicht ohne Grund, daß sie nicht nur unter sich, sondern sogar in großen Gesellschaften und auf den öffentlichen Spazierplätzen behaupteten: «Es lasse sich mit keinem einzigen triftigen Grunde beweisen, daß die Frösche der Latona etwas besseres als gemeine Frösche wären; die Sage, daß sie von den Milischen Froschbauern oder Bauerfröschen abstammten, wäre ein albernes Volksmärchen; und selbst die alte Tradition, daß Jupiter die besagten Bauern, weil sie Latonen mit ihren Zwillingen nicht aus ihrem Teiche hätten trinken lassen wollen, in Frösche verwandelt habe, sei etwas woran man allenfalls zweifeln könnte, ohne sich eben darum an Jupitern oder Latonen zu versündigen. Es möchte aber auch damit sein wie es wollte, so sei es doch ungereimt, aus Devotion gegen die schöne Latona die ganze Stadt und Republik Abdera zu einer Froschpfütze zu machen»; – und was dergleichen Behauptungen mehr waren, die, so simpel und vernunftmäßig sie auch uns heutiges Tages vorkommen, zu Abdera gleichwohl (zumal in den Ohren der Latonenpriester) sehr übel klingend gefunden wurden, und dem Philosophen Korax und seinen Anhängern den verhaßten Namen Batrachomachen oder Gegenfröschler zuzogen; einen Titel, dessen sie sich jedoch um so weniger schämten, weil es ihnen gelungen war, beinahe die ganze junge und schöne Welt mit ihren freien Meinungen anzustecken.

Die Priester des Latonentempels und das hohe Kollegium der Froschpfleger ermangelten nicht, bei jeder Gelegenheit ihr Mißfallen an dem mutwilligen Witze der Gegenfröschler zu zeigen; und der Oberpriester Stilbon vermehrte aus dieser Veranlassung sein Buch, von den Altertümern des Latonentempels, mit einem großen Kapitel über die Natur der Latonenfrösche. Indessen hatten sie einen sehr wesentlichen Beweggrund es dabei bewenden zu lassen; und dieser war: daß, ungeachtet der freigeisterischen Denkart über die Frösche, welche Korax in Abdera zur Mode gemacht hatte, nicht ein einziger Froschgraben in und um die Stadt weniger zu sehen war als zuvor. Korax und seine Anhänger waren schlau genug gewesen, zu merken, daß sie sich die Freiheit, «von den Fröschen überlaut zu denken was sie wollten», nicht wohlfeiler erkaufen könnten, als wenn sie es, was die Ausübung betraf, gerade eben so machten wie alle andre Leute. Ja, der weise Korax, als derjenige auf den man am meisten acht gab, und der es für sicherer hielt, lieber zu viel als zu wenig zu tun, hatte, gleich nach seiner Aufnahme in die Akademie, auf seinem angeerbten Grund und Boden einen der schönsten Froschgräben in ganz Abdera angelegt, und mit einer beträchtlichen Menge schöner wohl beleibter Frösche aus dem geheiligten Teiche besetzt, wovon er den Priestern jedes Stück mit vier Drachmen bezahlte. Dies war eine Höflichkeit, für welche diese Herren, so wenig sie sich ihm auch sonst dafür verbunden halten mochten, doch um des guten Beispiels willen nicht umhin konnten dankbar zu scheinen; zumal da diese nämliche Handlung des so genannten Philosophen hinlänglichen Vorwand gab, diejenigen, die sich an seinen freien Meinungen und witzigen Einfällen hätten ärgern mögen, zu überzeugen, daß es ihm nicht Ernst damit sei. «Seine Zunge ist schlimmer als sein Gemüt», pflegten sie zu sagen: «er will dafür angesehen sein, als ob er zu viel Witz hätte um zu denken wie andre Leute; aber im Grund ists bloße Ziererei. Wenn er nicht im Herzen eines bessern überzeugt wäre, würde er wohl seine freigeisterischen Meinungen durch seine Handlungen widerlegen? Man muß solche Leute nicht nach dem was sie sprechen beurteilen, sondern nach dem was sie tun.»

Bei allem dem ist nicht zu leugnen, daß Korax unter der Hand mit keinem geringern Anschlag umging, als – gleich einem neuen Herkules, Theseus oder Harmodius – sein Vaterland von den Fröschen zu befreien; von welchen es, wie er zu sagen pflegte, mit größerm Unheil bedroht würde, als alle die Ungeheuer, Räuber und Tyrannen, von denen jene Heroen das ihrige befreiten, jemals in ganz Griechenland angerichtet hätten.

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