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Geschichte der Abderiten

Christoph Martin Wieland: Geschichte der Abderiten - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
booktitleGeschichte der Abderiten
authorChristoph Martin Wieland
year1987
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
isbn3-499-40013-8
titleGeschichte der Abderiten
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1774
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Fünftes Buch

Die Frösche der Latona.

1. Kapitel

Erste Quelle des Übels, welches endlich den Untergang der Abderitischen Republik nach sich zog. Politik des Erzpriesters Agathyrsus. Er läßt einen eignen öffentlichen Froschgraben anlegen. Nähere und entferntere Folgen dieses neuen Instituts.

Die Republik Abdera genoß einige Jahre auf die eben so gefährlichen als – Dank ihrem gutlaunigen Genius! – so glücklich abgelaufnen Bewegungen wegen des Eselsschattens der vollkommensten Ruhe von innen und außen; und wenn es natürlicher Weise möglich wäre daß Abderiten sich lange wohl befinden könnten, so hätte man, dem Anschein nach, ihrem Wohlstande die längste Dauer versprechen sollen. Aber, zu ihrem Unglück, arbeitete eine ihnen allen verborgene Ursache, ein geheimer Feind, der desto gefährlicher war weil sie ihn in ihrem eignen Busen herum trugen, unvermerkt an ihrem Untergange.

Die Abderiten verehrten (wie wir wissen) seit undenklichen Zeiten die Latona als ihre Schutzgöttin.

So viel sich auch immer mit gutem Fug gegen den Latonendienst einwenden läßt: so war es nun einmal ihre von Voreltern auf sie geerbte Volks- und Staatsreligion; und sie waren in diesem Stücke nicht schlimmer daran, als alle übrigen Griechischen Völkerschaften. Ob sie, wie der Athener, Minerven, oder Juno wie die von Samos, oder Dianen wie die Ephesier, oder die Grazien wie die Orchomenier, oder ob sie Latonen verehrten, darauf kams nicht an: eine Religion mußten sie haben, und in Ermangelung einer bessern war eine jede besser als gar keine.

Aber der Latonendienst hätte auch ohne den Froschgraben bestehen können. Wozu hatten sie nötig, den einfältigen Glauben der alten Tejer, ihrer Voreltern, durch einen so gefährlichen Zusatz aufzustutzen? Wozu die Frösche der Latona, da sie die Latona selbst hatten?

Oder, wenn sie ja ein sichtbares Denkmal jener wundervollen Verwandlung der Lycischen Bauern zur Nahrung ihres Abderitischen Glaubens bedurften; hätte ein halbes Dutzend ausgestopfte Froschhäute, mit einer schönen goldnen Inschrift in einer Kapelle des Latonentempels aufgestellt, mit einem brokatnen Tuch umschleiert, und alle Jahre mit gehörigen Feierlichkeiten dem Volke vorgezeigt, ihrer Einbildungskraft nicht die nämlichen Dienste getan?

Demokrit, ihr guter Mitbürger, – aber zum Unglück ein Mann dem man nichts glauben konnte, weil er in dem bösen Rufe stand daß er selbst nichts glaube – hatte, während er sich unter ihnen aufhielt, bei Gelegenheit zuweilen ein Wort davon fallen lassen: daß man des Guten, zumal wo Frösche mit im Spiele wären, leicht zu viel tun könne. Und da seine Ohren, nach einer zwanzigjährigen Abwesenheit, an das liebliche Wreckeckeck Koax Koax, das ihm zu Abdera Tag und Nacht um die Ohren schnarrte, nicht so gewöhnt waren, als die etwas dicken Ohren seiner Landsleute: so hatte er ihnen einigemal nachdrückliche Vorstellungen gegen ihre Deisibatrachie (wie ers nannte) getan, und ihnen öfters bald im Scherz, bald im Ernst, vorher gesagt, daß, wenn sie nicht in Zeiten Vorkehrung täten, ihre quakenden Mitbürger sie endlich aus Abdera hinaus quaken würden. Die Vornehmern konnten über diesen Punkt sehr gut Scherz vertragen; denn sie wollten wenigstens nicht dafür angesehen sein, als ob sie mehr von den Fröschen der Latona glaubten als Demokrit selbst. Aber das Übel war, daß er sie weder durch Schimpf noch Ernst dahin bringen konnte, die Sache aus einem vernünftigen Gesichtspunkte zu beherzigen. Scherzte er darüber, so scherzten sie mit; sprach er ernsthaft, so lachten sie über ihn, daß er über so was ernsthaft sein könne. Und so blieb es denn, Einwendens ungeachtet, wie in allen Dingen so auch hierin zu Abdera immer – beim alten Brauch.

Indessen wollte man doch bereits zu Demokrits Zeiten eine gewisse Lauigkeit in Absicht auf die Frösche unter der edeln Abderitischen Jugend wahrgenommen haben. Wenigstens stimmte der Priester Strobylus öfters große Klaglieder darüber an, daß die meisten guten Häuser die Froschgräben, die sie von alters her in ihren Gärten unterhalten hätten, unvermerkt eingehen ließen, und der gemeine Mann beinahe der einzige sei, der in diesem Stücke noch an dem löblichen alten Brauch hange, und seine Ehrfurcht für den geheiligten Teich auch durch freiwillige Gaben zu Tage lege.

Wer sollte nun bei so bewandten Sachen vermutet haben, daß gerade unter allen Abderiten derjenige, auf den am wenigsten ein Verdacht, daß er an der Deisibatrachie krank sei, fallen konnte, – daß der Erzpriester Agathyrsus der Mann war, der, bald nach Endigung der Fehde zwischen den Eseln und Schatten, dem erkalteten Eifer der Abderiten für die Frösche wieder ein neues Leben gab?

Gleichwohl ist es unmöglich, ihn von diesem seltsamen Widerspruch zwischen seiner innern Überzeugung und seinem äußerlichen Betragen frei zu sprechen; und wenn wir nicht bereits von seiner Art zu denken unterrichtet wären, würde das letztere kaum zu erklären sein. Aber wir kennen diesen Priester als einen ehrsüchtigen Mann. Er hatte sich während der letzten Unruhen an der Spitze einer mächtigen Partei gesehen, und hatte keine Lust, dieses Vergnügen gegen ein geringeres Äquivalent zu vertauschen, als einen fortdauernden Einfluß auf die ganze wieder beruhigte Republik; eine Sache, die er nunmehr durch kein gewisseres Mittel erhalten konnte, als durch eine große Popularität und eine Gefälligkeit gegen die Vorurteile des Volks, die ihm um so weniger kostete, da er (wie so viele seines gleichen) die Religion bloß als eine politische Maschine ansah, und im Grunde äußerst gleichgültig darüber war, ob es Frösche oder Eulen oder Hammelsfelle seien, was ihm die freieste und sicherste Befriedigung seiner Lieblingsleidenschaften gewährte.

Diesem nach also, und um sich auf die wohlfeilste Art bei dem Volke in Ansehen und Einfluß zu erhalten, verbannte er bald nach Endigung des Schattenkriegs nicht nur die Störche, über welche die Froschpfleger Klage geführt hatten, aus allen Gerichten und Gebieten des Jasontempels; sondern er trieb die Gefälligkeit gegen seine neuen Freunde so weit, daß er mitten auf einer Esplanade (die einer seiner Vorfahren zu einem öffentlichen Spazierplatz gewidmet hatte) einen Teich graben ließ, und sich zu Besetzung desselben auf eine sehr verbindliche Art einige Fässer mit Froschlaich aus dem geheiligten Teiche von dem Oberpriester Strobylus ausbat; welche ihm denn auch, nach einem der Latona gebrachten feierlichen Opfer, in Begleitung des ganzen Abderitischen Pöbels mit großem Prunk zugeführt wurden.

Von diesem Tage an war Agathyrsus der Abgott des Volks, und ein Froschgraben, zu rechter Zeit angelegt, verschaffte ihm, was er sonst mit aller Politik, Wohlredenheit und Freigebigkeit nie erlangt haben würde. Er herrschte, ohne die Ratsstube jemals zu betreten, so unumschränkt in Abdera als ein König; und weil er den Ratsherren und Zunftmeistern alle Wochen zwei- oder dreimal zu essen gab, und ihnen seine Befehle nie anders als in vollen Bechern von Chierwein insinuierte, so hatte niemand etwas gegen einen so liebenswürdigen Tyrannen einzuwenden. Die Herren glaubten nichts desto weniger auf dem Rathause ihre eigne Meinung zu sagen, wenn ihre Vota gleich nur der Widerhall der Schlüsse waren, welche Tages zuvor im Speisesaal des Erzpriesters abgefaßt wurden.

Agathyrsus war der erste, der sich unter vertrautern Freunden über seinen neuen Froschgraben lustig machte. Aber das Volk hörte nichts davon. Und da sein Beispiel auf die Edeln von Abdera mehr wirkte als seine Scherze: so hätte man den Wetteifer sehen sollen, womit sie, um ebenfalls Proben von ihrer Popularität abzulegen, entweder die vertrockneten Froschgräben in ihren Gärten wieder herstellten, oder neue anlegten wo noch keine gewesen waren.

Wie in Abdera alle Torheiten ansteckend waren, so blieb auch von dieser niemand frei. Anfangs war es bloß Mode, eine Sache die zum guten Ton gehörte. Ein Bürger von einigem Vermögen würde sichs zur Schande gerechnet haben, hierin hinter seinem vornehmern Nachbar zurück zu bleiben. Aber unvermerkt wurde es ein Erfordernis zu einem guten Bürger; und wer nicht wenigstens eine kleine Froschgrube innerhalb seiner vier Pfähle aufweisen konnte, würde für einen Feind Latonens und für einen Verräter am Vaterlande ausgeschrien worden sein.

Bei einem so warmen Eifer der Privatpersonen ist leicht zu erachten, daß der Senat, die Zünfte und übrigen Kollegien nicht die letzten waren, der Latona gleiche Beweise ihrer Devotion zu geben. Jede Zunft ließ sich ihren eignen Froschzwinger graben. Auf jedem öffentlichen Platze der Stadt, ja sogar vor dem Rathause (wo die Kräuter- und Eierweiber ohnehin Lärms genug machten) wurden große mit Schilf und Rasen eingefaßte Wasserbehälter zu diesem Ende angelegt; und das Polizei-Kollegium, welches hauptsächlich die Verschönerung der Stadt in seinen Pflichten hatte, kam endlich gar auf den Einfall, durch die Spaziergänge, womit Abdera rings umgeben war, zu beiden Seiten schmale Kanäle ziehen und mit Fröschen besetzen zu lassen. Das Projekt wurde vor Rat gebracht und ging ohne Widerspruch durch; wiewohl man sich genötigt sah, um diese Kanäle und die übrigen öffentlichen Froschteiche mit dem benötigten Wasser zu versehen, den Fluß Nestus beinahe gänzlich abgraben zu lassen. Weder die Kosten, die durch alle diese Operationen der Stadtkasse aufgeladen wurden, noch der vielfältige Nachteil, der aus dem Abgraben des Flusses entstand, wurden in die mindeste Betrachtung gezogen; und als ein junger Ratsherr nur im Vorbeigehn erwähnte, daß der Nestus nahe am Eintrocknen wäre, rief einer von den Froschpflegern: «Desto besser! so haben wir einen großen Froschgraben mehr, ohne daß es der Republik einen Heller kostet.»

Wer sich bei diesem (freilich nur in Abdera möglichen) Enthusiasmus für die Verschönerung der Stadt durch Froschgräben am besten befand, waren die Priester des Latonentempels. Denn, ungeachtet sie den Laich aus dem heiligen Teiche sehr wohlfeil, nämlich den Abderitischen Cyathus (der ungefähr ein Nößel unsers Maßes betragen mochte) nur für zwei Drachmen verkauften: so wollte doch jemand berechnet haben, daß sie in den ersten zwei bis drei Jahren, da die Schwärmerei am wirksamsten war, über fünftausend Dariken damit gewonnen hätten. Die Summe scheint uns bei allem dem zu hoch angesetzt; wiewohl nicht zu leugnen ist, daß sie sich für den Laich, den sie der Republik ablieferten, das Doppelte aus der Baukasse bezahlen ließen.

Übrigens dachte in ganz Abdera niemand an die Folgen dieser schönen Anstalten. Die Folgen kamen, wie gewöhnlich, von sich selbst. Aber weil sie nicht auf einmal da standen, so währte es nicht nur eine geraume Zeit bis man sie bemerkte; sondern da sie endlich auffallend genug wurden, um nicht länger, sogar von Abderiten, übersehen zu werden, so konnten diese doch, trotz ihrem bekannten Scharfsinn, die Quelle derselben nicht ausfindig machen. Die Abderitischen Ärzte zerbrachen sich die Köpfe, um zu erraten woher es käme, daß Schnupfen, Flüsse und Hautkrankheiten aller Arten von Jahr zu Jahr so mächtig überhand nahmen, und so hartnäckig wurden, daß sie aller ihrer Kunst und aller Niesewurz von Anticyra Trotz boten. Kurz, Abdera mit der ganzen Gegend umher war beinahe in einen allgemeinen unabsehbaren Froschteich verwandelt, eh es einem ihrer politischen Spitzköpfe einfiel, die Frage aufzuwerfen: Ob eine grenzenlose Vermehrung der Froschmenge dem Staat nicht vielleicht mehr Schaden tun könnte, als die Vorteile, die man sich davon versprach, jemals wieder gut zu machen vermöchten?

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