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Geschichte der Abderiten

Christoph Martin Wieland: Geschichte der Abderiten - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
booktitleGeschichte der Abderiten
authorChristoph Martin Wieland
year1987
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
isbn3-499-40013-8
titleGeschichte der Abderiten
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1774
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16. Kapitel

Unvermutete Entwicklung der ganzen Komödie und Wiederherstellung der Ruhe in Abdera.

Der Esel, dessen Schatten zeither (nach dem Ausdruck des Archon Onolaus) eine so seltsame Verfinsterung in den Hirnschädeln der Abderiten angerichtet hatte, war bis zu Austrag der Sache in den öffentlichen Stall der Republik abgeführt, und bisher daselbst notdürftig verpflegt worden.

Das beste, was man davon sagen kann, ist, daß er nicht fetter davon geworden war.

Diesen Morgen nun war es den Stallbedienten der Republik, welche wußten daß der Handel zu Ende gehen sollte, auf einmal eingefallen: der Esel, der gleichwohl eine Hauptperson bei der Sache vorstellte, sollte doch billig auch von der Partie sein. Sie hatten ihn also gestriechelt, mit Blumenkränzen und Bändern heraus geputzt, und brachten ihn nun, unter der Begleitung und dem Nachjauchzen unzähliger Gassenjungen, in großem Pomp herbei geführt.

Der Zufall wollte, daß sie in der nächsten Gasse, die in den Markt auslief, anlangten, als Polyphonus eben seinen Nachtrag geendigt hatte, und die armen Richter sich gar nicht mehr zu helfen wußten, das Volk hingegen, zwischen der Furcht vor dem Erzpriester, und dem neuen Stoß den ihm die zweite Rede des Sykophanten Physignatus gegeben, in einer ungewissen und mißmutigen Art von Bewegung schwankte.

Der Lärm, den die besagten Gassenjungen um den Esel her machten, drehte jedermanns Augen nach der Seite, woher er kam. Man stutzte und drängte sich hinzu.

«Ha!» rief endlich einer aus dem Volke, «da kommt der Esel selbst!» – «Er wird den Richtern wohl zu einem Ausspruch helfen wollen», sagte ein andrer. – «Der verdammte Esel», rief ein dritter, «er hat uns alle zu Grunde gerichtet! Ich wollte, daß ihn die Wölfe gefressen hätten, eh er uns diesen gottlosen Handel auf den Hals zog!» – «Heida!» schrie ein Kesselflicker, der immer einer der eifrigsten Schatten gewesen war; «was ein braver Abderit ist, über den Esel her! Er soll uns die Zeche bezahlen! Laßt nicht ein Haar aus seinem schäbichten Schwanz von ihm übrig bleiben!»

In einem Augenblick stürzte sich die ganze Menge auf das arme Tier, und in wenig Augenblicken war es in tausend Stücke zerrissen. Jedermann wollte auch einen Bissen davon haben. Man riß, schlug, zerrte, kratzte, balgte und raufte sich darum mit einer Hitze, die gar nicht ihres gleichen hatte. Bei einigen ging die Wut so weit, daß sie ihren Anteil auf der Stelle roh und blutig auffraßen; die meisten aber liefen mit dem, was sie davon gebracht, nach Hause; und da ein jeder eine Menge hinter sich her hatte, die ihm seinen Raub mit großem Geschrei abzujagen suchte, so wurde der ganze Markt in wenig Minuten so leer als um Mitternacht.

Die Vierhundertmänner waren im ersten Augenblick dieses Aufruhrs, wovon sie die Ursache nicht sogleich sehen konnten, in so große Bestürzung geraten, daß sie alle, ohne selbst zu wissen was sie taten, die Mordwerkzeuge hervor zogen, die sie heimlich unter ihren Mänteln bei sich führten; und die Herren sahen einander mit keinem kleinen Erstaunen an, da auf einmal, vom Nomophylax bis zum untersten Beisitzer, in jeder Hand ein bloßer Dolch funkelte. Als sie aber endlich sahen und hörten was es war, steckten sie geschwinde ihre Messer wieder in den Busen, und brachen allesamt, gleich den Göttern im ersten Buche der Ilias, in ein unauslöschliches Gelächter aus.

«Dank sei dem Himmel!» rief endlich, nachdem die sehr ehrwürdigen Herren wieder zu sich selbst gekommen waren, der Nomophylax lachend aus: «mit aller unsrer Weisheit hätten wir der Sache keinen schicklichern Ausgang geben können. Wozu wollten wir uns nun noch länger die Köpfe zerbrechen? Der Esel, der unschuldige Anlaß dieses leidigen Handels, ist (wie es zu gehen pflegt) das Opfer davon geworden: das Volk hat sein Mütchen an ihm abgekühlt; und es kommt jetzt nur auf eine gute Entschließung von unsrer Seite an, so kann dieser Tag, der noch kaum so aussah als ob er ein trübes Ende nehmen würde, ein Tag der Freude und Wiederherstellung der allgemeinen Ruhe werden. Da der Esel selbst nicht mehr ist, was hälf' es noch lange über seinen Schatten zu rechten? Ich trage also darauf an: daß diese ganze Eselssache hiermit öffentlich für geendigt und abgetan genommen, beiden Teilen, unter Vergütung aller ihrer Kosten und Schäden aus der Stadt-Renterei, ein ewiges Stillschweigen auferlegt, dem armen Esel aber auf gemeiner Stadt Kosten ein Denkmal aufgerichtet werde, das zugleich uns und unsern Nachkommen zur ewigen Erinnerung diene, wie leicht eine große und blühende Republik sogar um eines Eselsschattens willen hätte zu Grunde gehen können.»

Jedermann klatschte dem Antrag des Nomophylax seinen Beifall zu, als dem klügsten und billigsten Auswege, den man nach Gestalt der Sachen treffen könne. Beide Parteien konnten damit zufrieden sein, und die Republik erkaufte ihre Beruhigung und Verhütung größeren Schimpfs und Unheils noch immer wohlfeil genug. Der Schluß wurde also von den Vierhundertmännern einhellig diesem Vortrage gemäß abgefaßt, wiewohl es einige Mühe kostete, den Zunftmeister Pfriem dahin zu bringen daß er nicht den Ungeraden machte; und der große Rat, mit seiner martialischen Bürgerwache im Vor- und Hintertreffen, begleitete den Nomophylax bis vor seine Wohnung zurück, wo er die Herren Kollegen samt und sonders auf den Abend zu einem großen Konzert einlud, welches er ihnen zu Befestigung der wieder hergestellten Eintracht zum besten geben wollte.

Der Erzpriester Agathyrsus erließ dem Eseltreiber nicht nur die versprochnen fünfundzwanzig Prügel, sondern schenkte ihm noch obendrein drei schöne Maulesel aus seinem eignen Stalle, mit dem ausdrücklichen Verbot, keine Schadloshaltung aus dem Abderitischen Stadtsäckel anzunehmen. Des folgenden Tages gab er den sämtlichen Schatten aus dem kleinen und großen Rat ein prächtiges Gastmahl; und am Abend ließ er unter die gemeinen Bürger von allen Zünften eine halbe Drachme auf den Mann austeilen, um dafür auf seine und aller guten Abderiten Gesundheit zu trinken. Diese Freigebigkeit gewann ihm auf einmal wieder alle Herzen: und da die Abderiten ohnehin (wie wir wissen) Leute waren, denen es nichts kostete von einer Extremität zur andern überzugehen; so ist es, bei einem so edeln Betragen des bisherigen Oberhaupts der stärkern Partei, nicht zu bewundern, daß die Namen von Eseln und Schatten in kurzem gar nicht mehr gehört wurden. Die Abderiten lachten jetzt selbst über ihre Torheit, als einen Anstoß von fiebrischer Raserei, der nun, Gottlob! vorüber sei. Einer ihrer Balladenmänner (deren sie sehr viele und sehr schlechte hatten) eilte was er konnte, die ganze Geschichte in ein Gassenlied zu bringen, das sogleich auf allen Straßen gesungen wurde; und der Dramenmacher Thlaps ermangelte nicht, binnen wenigen Wochen sogar eine Komödie daraus zu verfertigen, wozu der Nomophylax eigenhändig die Musik komponierte.

Dieses schöne Stück wurde öffentlich mit großem Beifall aufgeführt, und beide vormalige Parteien lachten so herzlich darin, als ob die Sache sie gar nichts anginge.

Demokrit, der sich von dem Erzpriester hatte bereden lassen mit in dies Schauspiel zu gehen, sagte beim Herausgehen: «Diese Ähnlichkeit mit den Athenern muß man den Abderiten wenigstens eingestehen, daß sie recht treuherzig über ihre eignen Narrenstreiche lachen können. Sie werden zwar nicht weiser darum: aber es ist immer schon viel gewonnen, wenn ein Volk leiden kann daß ehrliche Leute sich über seine Torheiten lustig machen, und mitlacht, anstatt, wie die Affen, tückisch darüber zu werden.»

Es war die letzte Abderitische Komödie, in welche Demokrit in seinem Leben ging: denn bald darauf zog er mit Sack und Pack aus der Gegend von Abdera weg, ohne einem Menschen zu sagen wo er hinginge; und von dieser Zeit an hat man keine weitere Nachrichten von ihm.

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