Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Christoph Martin Wieland >

Geschichte der Abderiten

Christoph Martin Wieland: Geschichte der Abderiten - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
booktitleGeschichte der Abderiten
authorChristoph Martin Wieland
year1987
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
isbn3-499-40013-8
titleGeschichte der Abderiten
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1774
Schließen

Navigation:

14. Kapitel

Antwort des Sykophanten Polyphonus.

Sobald Physignatus zu reden aufgehört hatte, gab das Volk, oder vielmehr der Pöbel, der den Markt erfüllte, seine Beistimmung mit einem lauten Geschrei, welches so heftig und anhaltend war, daß die Richter endlich zu besorgen anfingen, die ganze Handlung möchte dadurch unterbrochen werden. Die Partei des Erzpriesters geriet in sichtbare Verlegenheit. Die Schatten hingegen, wiewohl sie im großen Rat die kleinere Zahl waren, faßten neuen Mut, und versprachen sich von dem Eindruck, den dieses Vorspiel auf die Esel machen müßte, einen günstigen Erfolg.

Indessen ermangelten die Zunftmeister nicht, das Volk durch Zeichen zur Ruhe zu vermahnen; und nachdem der Herold endlich durch einen dreimaligen Ruf die allgemeine Stille wieder hergestellt hatte, trat Polyphonus, der Sykophant des Eseltreibers, ein untersetzter stämmichter Mann, mit kurzem krausem Haar und dicken pechschwarzen Augenbrauen, auf, erhob eine Baßstimme, die auf dem ganzen Markt widerhallte, und ließ sich folgendermaßen vernehmen.

«Großmögende Vierhundertmänner!

Wahrheit und Licht haben das vor allen andern Dingen in der Welt voraus, daß sie keiner fremden Hülfe bedürfen um gesehen zu werden. Ich überlasse meinem Gegenpart willig alle Vorteile, die er von seinen Rednerkünsten zu ziehen vermeint hat. Dem, der unrecht hat, kommt es zu, durch Figuren und Wendungen und Fechterstreiche und das ganze Gaukelspiel der Schulrhetorik Kindern und Narren einen Dunst vor die Augen zu machen. Gescheide Leute lassen sich nicht dadurch blenden. Ich will nicht untersuchen, wie viel Ehre und Nachruhm die Republik Abdera bei diesem Handel über einen Eselsschatten gewinnen wird. Ich will die Richter weder durch grobe Schmeicheleien zu bestechen, noch durch versteckte Drohungen zu schrecken suchen. Noch viel weniger will ich dem Volke durch aufwiegelnde Reden das Signal zu Lärmen und Aufruhr geben. Ich weiß, warum ich da bin und zu wem ich rede. Kurz, ich werde mich begnügen zu beweisen, daß der Eseltreiber Anthrax recht, oder, um mich genauer und billiger auszudrücken als von einem Sachwalter gefordert werden könnte, weniger unrecht hat, als sein unbefugter Widersacher. Der Richter wird alsdann schon wissen was seines Amtes ist, ohne daß ich ihn daran zu erinnern brauche.»

Hier fingen einige wenige vom Pöbel, die zunächst an den Stufen der Terrasse standen, an, den Redner mit Geschrei, Schimpfreden und Drohungen zu unterbrechen. Da aber der Nomophylax sich von seinem elfenbeinernen Thron erhob, der Herold abermals Stille gebot, und die Bürgerwache, die an den Stufen stand, ihre langen Spieße lupfte: so ward plötzlich alles wieder still, und der Redner, der sich nicht so leicht aus der Fassung bringen ließ, fuhr also fort.

«Großmögende Herren, ich stehe hier nicht als Sachwalter des Eseltreibers Anthrax, sondern als Bevollmächtigter des Jasontempels, und von wegen des erlauchten und hochwürdigen Agathyrsus, zeitigen Erzpriesters und Obervorstehers desselben, Hüters des wahren goldnen Vlieses, obersten Gerichtsherrn über alle dessen Stiftungen, Güter, Gerichte und Gebiete, und Oberhaupts des hochedeln Geschlechts der Jasoniden, um im Namen Jasons und seines Tempels von euch zu begehren, daß dem Eseltreiber Anthrax Genugtuung geschehe, weil er im Grunde doch am meisten recht hat; und daß ers habe, hoffe ich, trotz allen den Kniffen, die mein Gegner von seinem Meister Gorgias gelernt zu haben sich rühmt, so klar und laut zu beweisen, daß es die Blinden sehen und die Tauben hören sollen. Also, ohne weitere Vorrede, zur Sache!

Anthrax vermietete dem Zahnarzte Struthion seinen Esel auf einen Tag; nicht zu selbstbeliebigem Gebrauch, sondern um ihn, den Zahnarzt mit seinem Mantelsack, halben Weges nach Gerania zu tragen, welches, wie jedermann weiß, acht starke Meilen von hier entfernt liegt.

Bei der Vermietung des Esels dachte natürlicher Weise keiner von beiden an seinen Schatten. Aber als der Zahnarzt mitten auf dem Felde abstieg, und den Esel, der wahrlich von der Hitze noch mehr gelitten hatte als er, in der Sonne zu stehen nötigte, um sich in dessen Schatten zu setzen, war es ganz natürlich, daß der Herr und Eigentümer des Esels dabei nicht gleichgültig blieb.

Ich begehre nicht zu leugnen, daß Anthrax eine alberne und eselhafte Wendung nahm, da er von dem Zahnbrecher verlangte, daß er ihn für des Esels Schatten deswegen bezahlen sollte, weil er ihm den Schatten nicht mit vermietet habe. Aber dafür ist er auch nur ein Eseltreiber von Voreltern her, d.i. ein Mann, der eben darum, weil er unter lauter Eseln aufgewachsen ist und mehr mit Eseln als ehrlichen Leuten lebt, eine Art von Recht hergebracht und erworben hat, selbst nicht viel besser als ein Esel zu sein. Im Grunde wars also bloß – der Spaß eines Eseltreibers.

Aber in welche Klasse von Tieren sollen wir den setzen, der aus einem solchen Spaß Ernst machte? Hätte Herr Struthion wie ein verständiger Mann gehandelt, so brauchte er dem Grobian nur zu sagen: ‹Guter Freund, wir wollen uns nicht um eines Eselsschatten willen entzweien. Weil ich dir den Esel nicht abgemietet habe um mich in seinen Schatten zu setzen, sondern um darauf nach Gerania zu reiten: so ist es billig, daß ich dir die etlichen Minuten Zeitverlust vergüte die dir mein Absteigen verursacht; zumal da der Esel um so viel länger in der Hitze stehen muß und dadurch nicht besser wird. Da, Bruder, hast du eine halbe Drachme; laß mich einen Augenblick hier verschnaufen, und dann wollen wir uns, in aller Frösche Namen! wieder auf den Weg machen.› –

Hätte der Zahnarzt aus diesem Tone gesprochen, so hätt er gesprochen wie ein ehrliebender und billiger Mann. Der Eseltreiber hätte ihm für die halbe Drachme noch ein Gott vergelts! gesagt; und die Stadt Abdera wäre des ungewissen Nachruhms, den ihr mein Gegenteil von diesem Eselsprozeß verspricht, und aller der Unruhen, die daraus entstehen mußten, so bald sich so viele große angesehene Herren und Damen in die Sache mischten, überhoben gewesen. Statt dessen setzt sich der Mann auf seinen eignen Esel, besteht auf seinem bodenlosen Rechte, sich vermöge seines Mietkontrakts in des Esels Schatten zu setzen so oft und so lang er wolle, und bringt dadurch den Eseltreiber in die Hitze, daß er vor den Stadtrichter läuft, und eine Klage anbringt, die eben so abgeschmackt ist als die Verantwortung des Beklagten.

Ob es nun nicht, zu Statuierung eines lehrreichen Beispiels, wohl getan wäre, wenn dem Sykophanten Physignatus, meinem wertesten Kollegen – als dessen Aufhetzung es ganz allein zuzuschreiben ist, daß der Zahnbrecher den von dem ehrwürdigen Stadtrichter Philippides vorgeschlagnen billigen Vergleich nicht eingegangen – für den Dienst, den er dem Abderitischen gemeinen Wesen dadurch geleistet, die Ohren gestutzt, und allenfalls, zum ewigen Andenken, ein Paar Eselsohren dafür angesetzt würden; ingleichen, was für einen öffentlichen Dank der ehrwürdige Zunftmeister Pfriem, und die übrigen Herren, die durch ihren patriotischen Eifer Öl ins Feuer gegossen, für ihre Mühe verdient haben möchten: überläßt der erlauchte Erzpriester, mein Prinzipal, dem eignen einsichtsvollen Ermessen des höchsten Gerichts der Vierhundert. Er seines Ortes wird, als angeborner Oberherr und Richter des Eseltreibers Anthrax, nicht ermangeln, ihm, zu wohl verdienter Belohnung seines in diesem Handel bewiesenen Unverstands, unmittelbar nach geendigtem Prozeß fünfundzwanzig Prügel zuzählen zu lassen. Da aber darum das Recht des mehr besagten Eseltreibers, wegen der von dem Zahnarzte Struthion erlittnen Ungebühr, wegen des Mißbrauchs den dieser von seinem Esel gemacht, und wegen der Weigerung einer billigen Vergütung des verursachten Zeitverlusts und Deterioration seines lastbaren Tieres, Genugtuung zu fordern, nichts desto weniger in seiner ganzen Kraft besteht: so begehret und erwartet der erlauchte Erzpriester von der Gerechtigkeit dieses hohen Gerichts, daß seinem Untertanen, ohne längern Aufschub, die gebührende vollständigste Entschädigung und Genugtuung verschafft werde.

Euch aber (setzte er hinzu, indem er sich umdrehte und gegen das Volk kehrte) soll ich im Namen Jasons ankündigen, daß alle diejenigen, die auf eine ungebührliche und aufrührische Art an der bösen Sache des Zahnbrechers Anteil genommen, so lange bis sie für gebührenden Abtrag getan haben werden, von den Wohltaten, die der Tempel Jasons alle Monate den armen Bürgern zufließen läßt, ausgeschlossen sein und bleiben sollen.»

 << Kapitel 47  Kapitel 49 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.