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Geschichte der Abderiten

Christoph Martin Wieland: Geschichte der Abderiten - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
booktitleGeschichte der Abderiten
authorChristoph Martin Wieland
year1987
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
isbn3-499-40013-8
titleGeschichte der Abderiten
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1774
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12. Kapitel

Der Entscheidungstag. Maßregeln beider Parteien. Die Vierhundert versammeln sich, und das Gericht nimmt seinen Anfang. Philanthropisch-patriotische Träume des Herausgebers dieser merkwürdigen Geschichte.

Die verschiedenen Maschinen, welche man diesen Tag über auf beiden Seiten hatte spielen lassen, brachten den Abderitischen Staatskörper, bei dem Anschein der größten innerlichen Bewegung, durch die Stöße, die er nach entgegen gesetzter Richtung erhielt, in eine Art von waagerechtem Schwanken, vermöge dessen um die Zeit, die die Vierhundert zu Entscheidung des Eselsschatten-Handels zusammen kamen, sich alles ungefähr in eben dem Stande befand, worin es einige Tage zuvor gewesen war, das ist, daß die Esel den größten Teil des Rats, die Patrizier und die Ansehnlichsten und Vermöglichsten von der Bürgerschaft auf ihrer Seite hatten, die Schatten hingegen ihre meiste Stärke von der größern Anzahl zogen. Denn, seit dem feierlichen Umgang um den Froschteich der Latona, welchen Strobylus den Abend zuvor veranstaltet, und dem die sämtlichen Schatten, mit dem Nomophylax Gryllus und dem Zunftmeister Pfriem an ihrer Spitze, sehr andächtig beigewohnt hatten, war der Pöbel wieder gänzlich für die letztere Partei erklärt.

Es würde bei Gelegenheit dieses Umgangs dem Priester Strobylus und den übrigen Häuptern derselben ein leichtes gewesen sein, mittelst ihres Ansehens über einen fanatischen Haufen Volkes, welcher größten Teils bei gänzlicher Zerrüttung der Republik mehr zu gewinnen als zu verlieren hatte, noch an selbigem Abend viel Unheil in Abdera anzurichten. Allein – außer dem, daß der Oberpriester im Namen des Archons noch einmal nachdrücklichst angewiesen worden war, den Pöbel in gehöriger Ordnung zu erhalten, und dafür zu sorgen, daß der Tempel und alle Zugänge zu dem geheiligten Teiche noch vor Sonnenuntergang geschlossen wären – so waren sie auch selbst weit entfernt, die Sache ohne höchste Not aufs äußerste treiben, oder die ganze Stadt in Blut und Flammen setzen zu wollen; und so klug waren sie doch, trotz ihrer übrigen Abderitheit, um einzusehen, daß, wenn ihnen der Pöbel einmal die Zügel aus den Händen gerissen hätte, es nicht mehr in ihrer Gewalt sein würde, der ungestümen Wut eines so blinden reißenden Tiers wieder Einhalt zu tun. Der Zunftmeister begnügte sich also, da der Umgang vorbei war und die Türen des Tempels geschlossen wurden, dem aus einander gehenden Volke zu sagen: er hoffe, daß sich alle redliche Abderiten morgen um neun Uhr auf dem Markte bei dem Urteil über den Handel ihres Mitbürgers Struthion einfinden, und, so viel an ihnen wäre, dazu mit helfen würden, daß eine gerechte Sache den Sieg davon trage.

Die Einladung war zwar, ungeachtet der glimpflichen und (seiner Meinung nach) sehr behutsamen Ausdrücke worin er sie vorbrachte, nicht viel besser als ein höchst gesetzwidriges Verfahren eines aufrührischen Zunftmeisters, der im Notfall die Richter durch die unmittelbare Gefahr eines Tumults nötigen wollte, das Urteil nach seinem Sinn abzufassen. Allein dies war es auch, worauf es ankommen zu lassen die Schatten fest entschlossen waren; und da die andere Partei hiervon völlig überzeugt war, so hatten sie ihrerseits alle mögliche Maßregeln genommen, sich auf das äußerste, was geschehen könnte, gefaßt zu halten.

Der Erzpriester ließ, so bald das Gericht den Anfang nahm, alle Zugänge zum Jasontempel von einer Schar handfester Gerber und Fleischer, die mit tüchtigen Knitteln und Messern versehen waren, besetzen; und in den Häusern der vornehmsten Esel hatte man sich in eine Verfassung gesetzt, als ob man eine Belagerung auszuhalten gedenke. Die Esel selbst erschienen mit Dolchen unter ihren langen Kleidern auf dem Gerichtsplatze; und einige von denen, die am lautesten sprachen, hatten die Vorsicht gebraucht, sogar einen Panzer unter ihrem Brustlatze zu tragen, um ihren patriotischen Busen mit desto größerer Sicherheit den Stößen der Feinde der guten Sache entgegen setzen zu können.

Die neunte Stunde kam nun heran. Ganz Abdera stand in zitternder Bewegung, erwartungsvoll des Ausgangs, den ein so unerhörter Handel nehmen würde; niemand hatte sein Frühstück ordentlich zu sich genommen, wiewohl alles schon mit Tagesanbruch auf den Füßen war. Die Vierhundert versammelten sich auf dem erhöhten Vorplatze der Tempel des Apollo und der Diana (dem gewöhnlichen Orte, wo der große Rat unter freiem Himmel gehalten wurde), dem großen Marktplatze gegenüber, von welchem man auf einer breiten Treppe von vierzehn Stufen zur Terrasse hinauf stieg. Auch der Kläger und Beklagte mit ihren nächsten Anverwandten und mit ihren beiden Sykophanten hatten sich bereits eingefunden, und ihren gehörigen Platz eingenommen; indessen sich der ganze Markt mit einer Menge Volks anfüllte, dessen Gesinnungen durch ein lärmendes Vivat, so oft ein Ratsherr oder Zunftmeister von der Schattenpartei einher gestiegen kam, sich deutlich genug verrieten.

Alles wartete nun auf den Nomophylax, der, nach den Gewohnheiten der Stadt Abdera, in allen Fällen, wo die Versammlung des großen Rates nicht unmittelbare Angelegenheiten des gemeinen Wesens betraf, den Vorsitz bei demselben führte. Die Esel hatten zwar alles angewandt, den Archon Onolaus dahin zu bringen, daß er, weil es doch um ein neues Gesetz zu tun wäre, den elfenbeinernen Lehnstuhl (der, um drei Stufen über die Bänke der Räte erhöht, für den Präsidenten gesetzt war) mit seiner eignen ehrwürdigen Person ausfüllen möchte. Aber er erklärte sich: daß er lieber das Leben lassen, als sich dazu verstehen wolle, über ein Eselsschatten-Gericht zu präsidieren. Man hatte sich also gezwungen gesehen seiner Delikatesse nachzugeben.

Der Nomophylax – als ein großer Anhänger der Etikette, gewohnt, bei dergleichen Gelegenheiten auf sich warten zu lassen – hatte dafür gesorgt, daß die Versammlung indessen mit einer Musik von seiner Komposition unterhalten, und (wie er sagte) zu einer so feierlichen Handlung vorbereitet würde. Dieser Einfall, wiewohl er eine Neuerung war, wurde dennoch sehr wohl aufgenommen, und tat (gegen die Absicht des Nomophylax, der seine Partei dadurch in verstärkte Bewegungen von Mut und Eifer hatte setzen wollen) eine sehr gute Wirkung. Denn die Musik gab denen von der Partei des Erzpriesters zu einer Menge spaßhafter Einfälle Anlaß, über welche sich von Zeit zu Zeit ein großes Gelächter erhob. Einer sagte: «Dieses Allegro klingt ja wie ein Schlachtgesang» – «zu einem Wachtelkampfe», fiel ein anderer ein. «Dafür tönt aber auch», sagte ein dritter, «das Adagio, als ob es dem Zahnbrecher Struthion und Meister Knieriemen, seinem Schutzpatron, zu Grabe singen sollte.» Die ganze Musik, meinte ein vierter, verdiene von Schatten gemacht, und von Eseln gehört zu werden, usw. Wie frostig nun auch diese Scherze waren, so brauchte es doch bei einem so jovialischen und so leicht anzusteckenden Völkchen nichts mehr, um die ganze Versammlung unvermerkt in ihre natürliche komische Laune umzustimmen; eine Laune, die der Parteiwut, wovon sie noch besessen waren, unvermerkt ihren Gift benahm, und vielleicht mehr als irgend etwas andres zur Erhaltung der Stadt in diesem kritischen Augenblicke beitrug.

Endlich erschien der Nomophylax mit seiner Leibwache von armen, ausgemergelten und bresthaften Handwerkern, welche, mit stumpfen Hellebarten und mit einer friedsamen Art von eingerosteten Degen bewaffnet, mehr das Ansehen der lächerlichen Figuren hatten, womit man in Gärten die Vögel schreckt, als von Kriegsmännern, die dem Gerichte beim Pöbel Würde und Furchtbarkeit verschaffen sollten. Wohl indessen der Republik, die zu Beschirmung ihrer Tore und innerlichen Sicherheit keiner andern Helden nötig hat als solcher!

Der Anblick dieser grotesken Milizer, und die ungeschickte possierliche Art, wie sie sich in dem kriegerischen Aufzuge, worein man sie nicht ohne Mühe verkleidet hatte, gebärdeten, erweckte bei dem zuschauenden Volke einen neuen Anstoß von Lustigkeit, so daß der Herold viele Mühe hatte, die Leute endlich zu einer leidlichen Stille, und zu dem Respekt, den sie dem höchsten Gerichte schuldig waren, zu bringen.

Der Präsident eröffnete nunmehr die Sitzung mit einer kurzen Rede; der Herold gebot ein abermaliges Stillschweigen; und die Sykophanten beider Teile wurden namentlich aufgefordert, sich mit ihrer Klage und Verantwortung mündlich vernehmen zu lassen.

Den Sykophanten, welche für große Meister in ihrer Art galten, mußte die Gelegenheit, ihre Kunst an einem Eselsschatten sehen zu lassen, an sich allein schon eine große Aufmunterung sein. Man kann also leicht denken, wie sie sich nun vollends zusammen genommen haben werden, da dieser Eselsschatten ein Gegenstand geworden war, woran die ganze Republik Anteil nahm, und um dessen willen sie sich in zwei Parteien getrennt hatte, deren jede die Sache ihres Klienten zu ihrer eignen machte. Seit ein Abdera in der Welt war, hatte man noch keinen Rechtshandel gesehen, der so lächerlich an sich selbst, und so ernsthaft durch die Art wie er behandelt wurde, gewesen wäre. Ein Sykophant müßte auch ganz und gar kein Genie und keinen Sykophantensinn gehabt haben, der bei einer solchen Gelegenheit nicht sich selbst übertroffen hätte.

Um so mehr ist es zu beklagen, daß der übel berüchtigte Zahn der Zeit, dem so viele andere große Werke des Genies und Witzes nicht entgehen konnten noch künftig entgehen werden, leider! auch der Originale dieser beiden berühmten Reden nicht verschont hat! – wenigstens so viel uns bekannt ist. Denn wer weiß, ob es nicht, vielleicht einem künftigen Fourmont, Sevin, oder Villoison, der auf Entdeckung alter Handschriften ausgeht, dereinst gelingen mag, eine Abschrift derselben in irgend einem bestaubten Winkel einer alten Klosterbibliothek aufzuspüren? Oder, wenn dies nicht zu hoffen stände, wer kann sagen, ob nicht in der Folge der Zeiten Thracien selbst wieder in die Hände Christlicher Fürsten fallen wird, die sich eine Ehre daraus machen werden, mächtige Beförderer der Wissenschaften zu sein, Akademien zu stiften, versunkne Städte ausgraben zu lassen, usw. Wer weiß, ob nicht alsdann diese gegenwärtige Abderitengeschichte selbst, (so unvollkommen sie ist) in die Sprache dieses künftigen bessern Thraciens übersetzt, die Ehre haben wird Gelegenheit zu geben, daß ein solcher Neuthracischer Musaget auf den Einfall kommt, die Stadt Abdera aus ihrem Schutte hervor zu rufen? da denn ohne Zweifel auch die Kanzlei und das Archiv dieser berühmten Republik, und in demselben die sämtlichen Originalakten des Prozesses um des Esels Schatten, nebst den beiden Reden, deren Verlust wir beklagen, sich wieder finden werden. – Es ist wenigstens angenehm, auf den Flügeln solcher patriotisch-menschenfreundlicher Träume sich in die Zukunft zu schwingen, und seinen Anteil an den Glückseligkeiten voraus zu nehmen, die unsern Nachkommen noch bevorstehen; Glückseligkeiten, für welche die immer steigende Vervollkommnung der Wissenschaften und Künste, und die von ihnen sich über alles Fleisch ergießende Erleuchtung, Verschönerung und Sublimierung der Denkart, des Geschmacks und der Sitten, uns augenscheinliche Bürgschaft leisten!

Inzwischen gereicht es uns doch zu einigem Troste, aus den Papieren, aus welchen gegenwärtige Fragmente der Abderitengeschichte genommen sind, wenigstens einen Auszug dieser Reden liefern zu können, dessen Echtheit um so unverdächtiger ist, da kein Leser, der eine Nase hat, den Duft der Abderitheit, der daraus empor steigt, verkennen wird. Ein innerliches Argument, das am Ende doch immer das beste zu sein scheint, welches sich für das Werk irgend eines Sterblichen, er sei nun ein Ossian oder ein Abderitischer Feigenredner, geben läßt!

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