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Geschichte der Abderiten

Christoph Martin Wieland: Geschichte der Abderiten - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
booktitleGeschichte der Abderiten
authorChristoph Martin Wieland
year1987
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
isbn3-499-40013-8
titleGeschichte der Abderiten
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1774
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9. Kapitel

Politik beider Parteien. Der Erzpriester verfolgt seinen erhaltenen Vorteil. Die Schatten ziehen sich zurück. Der entscheidende Tag wird festgesetzt.

Dieser unvermutete Vorteil, den der Erzpriester über die Schatten gewann, kränkte diese um so viel empfindlicher, da er ihnen nicht nur die Freude und Ehre des Sieges, den sie im Senat erhalten hatten, verkümmerte, sondern ihre Partei selbst merklich schwächte, und ihnen überhaupt zu erkennen gab, wie wenig sie sich auf die Unterstützung eines leichtsinnigen Pöbels verlassen dürften, der von jedem Wind auf eine andere Seite geworfen wird, und selten recht weiß was er selbst will, geschweige was diejenigen mit ihm machen wollen, von denen er sich treiben läßt.

Agathyrsus, der nun das erklärte Haupt der Esel war, hatte durch seine Emissarien erfahren, daß die Gegenpartei durch nichts mehr bei der gemeinen Bürgerschaft gewonnen habe, als durch den Widerstand, den die Beschützer des Eseltreibers anfänglich taten, da die Sache vor den großen Rat gespielt werden sollte.

Da dieser Rat aus vierhundert Männern bestand, welche als die Repräsentanten der gesamten Bürgerschaft von Abdera angesehen wurden, und wovon die Hälfte wirklich bloße Krämer und Handwerksleute waren: so glaubte sich jeder gemeine Mann durch die vermeinte Absicht, die Vorrechte desselben einschränken zu wollen, persönlich beleidigt; und die Vorspieglung des Zunftmeisters Pfriem, daß es auf einen gänzlichen Umsturz ihrer demokratischen Verfassung abgezielt sei, fand desto leichter Eingang.

In der Tat war es auch um das, was in der Abderitischen Staatseinrichtung demokratisch schien, bloßes Schattenwerk und politisches Gaukelspiel. Denn der kleine Rat, dessen zwei Drittel aus alten Geschlechtern bestanden, machte im Grunde alles was er wollte; und die Fälle, wo die Vierhundert zusammen berufen werden mußten, waren in dem Abderitischen Grundgesetz auf solche Schrauben gestellt, daß es beinahe gänzlich von dem Urteil des kleinen Rats abhing, wann und wie oft sie die Vierhundertmänner zusammen berufen wollten, um zu dem, was jener schon beschlossen hatte, ihre treugehorsamste Beistimmung zu geben. Denn gewöhnlich war dies alles, was man diesen wackern Leuten zumutete, die (nach einer billigen Voraussetzung) zu viel mit ihren eigenen Angelegenheiten zu tun hatten, um sich über Gesetzgebungs- und Staatsverwaltungssachen die Köpfe zu zerbrechen. Aber eben darum, weil dieses Vorrecht der Abderitischen Gemeinen nicht viel zu bedeuten hatte, waren sie desto eifersüchtiger darauf; und um so nötiger war es, dem Volke das Gängelband zu verbergen, an welchem man es führte, indem es allein zu gehen glaubte.

Es war also ein wahrer Meisterstreich von dem Erzpriester, daß er sich nun auf einmal und in einem Augenblicke, wo die Wirkung davon plötzlich und entscheidend sein mußte, dem Volk in einer Sache zu Willen erklärte, auf die es einen so hohen Wert legte. Und da er, anstatt etwas dabei zu wagen, vielmehr dadurch einen starken Riß in den Plan der Gegenpartei machte: so hatte diese nunmehr alle Ursache, auf neue Mittel und Wege zu denken, wie sie den Erzpriester und seinen Anhang wieder aus dem Vorteil heben, und den günstigen Eindruck auslöschen möchte, den er auf das gemeine Volk gemacht hatte.

Die Häupter der Schatten kamen noch an selbigem Abend in dem Hause der Dame Salabanda zusammen, und beschlossen: daß man, anstatt die Ernennung eines nahen Tages zur Zusammenberufung der Vierhundert bei dem Archon zu betreiben, sich vielmehr (falls es nötig sein sollte) verwenden wolle, solche zu verzögern, um dem Volke Zeit zu geben sich wieder abzukühlen. Inzwischen wollte man die Bürgerschaft unter der Hand und mit aller Gelassenheit zu überzeugen suchen: wie töricht sie wären, sich von dem Erzpriester und seinen Miteseln als etwas verdienstliches anrechnen zu lassen, was doch nichts weniger als guter Wille, sondern eine bloße Folge ihrer Schwäche sei. Wenn die Esel es in ihrer Gewalt gehabt hätten die Sache dem großen Rat aus den Händen zu reißen, so würden sie es getan, und sich wenig darum bekümmert haben, ob es dem Volke lieb oder leid sei. Dieser plötzliche Absprung von ihrem vorigen stadtkundigen Betragen sei ein allzu grober Kunstgriff die Volkspartei zu trennen, als daß man sich dadurch betrügen lassen könne. Vielmehr habe man um desto mehr Ursache auf seiner Hut zu sein, da es augenscheinlich darauf angesehen sei, das Volk durch süße Worte einzuschläfern, und unvermerkt dahin zu bringen, daß es unwissender Weise ein Werkzeug seiner eignen Unterdrückung werde.

Der Oberpriester Strobylus, der bei dieser Beratschlagung zugegen war, billigte zwar alles, was man tun könnte, um das Ansehen seines Nebenbuhlers bei der Bürgerschaft zu vermindern und seine Absichten verdächtig zu machen: «Allein ich zweifle sehr», setzte er hinzu, «daß wir die gehofften Früchte davon erleben werden. Ich bereite ihm aber eine andere und schärfere Lauge zu, die desto besser wirken wird, weil sie ihm ganz unversehens über den Kopf kommen soll. Es ist noch nicht Zeit, mich deutlicher zu erklären. Laßt mich nur machen! Mag er sich doch eine Weile mit der Hoffnung schmeicheln, den Priester Strobylus im Triumph hinter sich her zu schleppen! Die Freude soll ihm übel versalzen werden, darauf verlaßt euch! Inzwischen, wenn wir (wie ich hoffe) ehrlich an einander handeln, und wenn es uns Ernst ist den Sieg über unsre Feinde zu erhalten, so müssen wir reinen Mund über das halten, was ich euch von meinem geheimen Anschlag habe merken lassen und seiner Zeit davon entdecken werde. Agathyrsus muß sicher gemacht werden. Er muß glauben, daß wir nur noch mit Einem Flügel schlagen, und daß alle unsre Hoffnung auf unserm Vertrauen, das Übergewicht im großen Rate zu machen, beruhe.»

Jedermann fand, daß der Oberpriester die Sache richtig gefaßt habe, und die Gesellschaft trennte sich, sehr neugierig was das wohl für ein Anschlag sein könne, den er gegen den Erzpriester in Petto behalte, aber auch sehr überzeugt, daß, wenn es auf den Sturz des letztern angesehen sei, die Sache in keine bessere als in des Priesters Strobylus Hände gestellt werden könne.

Agathyrsus ermangelte inzwischen nicht, aus dem kleinen Siege, den er durch eine ihm eigene Gegenwart des Geistes zu so gelegener Zeit über seine Gegner erhalten hatte, allen möglichen Vorteil zu ziehen. Er hatte unter den Haufen des gemeinen Volks, der ihn bis in den Vorhof des erzpriesterlichen Palastes begleitete, Brot und Wein austeilen lassen, bevor er sie mit einer ernstlichen Vermahnung, ruhig zu sein, wieder nach Hause gehen ließ; wo sie nun vom Lobe seiner Person, seiner Leutseligkeit und Freigebigkeit gegen ihre Nachbarn und Bekannten überflossen. Aber, wiewohl er den Geist der Republiken zu gut kannte um die Gunst des Pöbels für nichts zu achten, so wußte er doch wohl, daß er damit noch nicht viel gewonnen hatte. Das Notwendigste war, sich der Zuneigung des größten Teils der Vierhundert gänzlich zu versichern; teils weil jetzt auf diese alles ankam, teils weil man, wenn sie einmal gewonnen waren, mehr Staat auf sie machen konnte als auf das übrige Volk. Er hatte zwar bereits einen ansehnlichen Anhang unter ihnen: aber, außer einer Anzahl erklärter und eifriger Schatten, mit denen er sich nicht einlassen mochte, befanden sich noch sehr viele, – und sie bestanden meistens aus den Vermöglichsten und Angesehensten von der Bürgerschaft – die sich entweder noch gar nicht erklärt hatten, oder nur darum gegen die Partei der Schatten hin schwankten, weil ihnen die Häupter der Gegenpartei als herrschsüchtige, gewalttätige Leute beschrieben worden waren, die diese ganze lächerliche Onoskiamachie bloß darum angezettelt hätten, um die Stadt in Verwirrung zu setzen, und Unruhen, wovon sie selbst die Urheber wären, zum Vorwand und Werkzeug ihrer ehrgeizigen Absichten zu gebrauchen.

Diese Leute auf seine Seite zu bringen, schien ihm nun eben so leicht, als es für den Triumph seiner Partei entscheidend war. Er ließ sie alle noch an selbigem Abend zu Gaste bitten. Die meisten erschienen; und der Erzpriester, der eine besondere Gabe hatte seiner Politik einen Firnis von Offenheit und aufrichtigem Wesen anzustreichen, machte ihnen kein Geheimnis daraus, daß er sie zu sich gebeten habe, um mit Hülfe so braver und verständiger Männer die Vorurteile zu zerstreuen, die (wie er höre) der Bürgerschaft wider ihn beigebracht worden. «Daß man, sagte er, in dem Handel zwischen einem Eseltreiber und einem Zahnarzt, und in einem Handel, wo es bloß um den Schatten eines Esels zu tun sei, einen Mann seines Standes zum Haupt einer Partei machen wolle, komme ihm allzu lächerlich vor, als daß er sich jemals einfallen lassen werde, eine so alberne Beschuldigung von sich abzulehnen. Indessen sei der arme Anthrax ein Schutzverwandter des Jasontempels, und er habe ihm also nicht versagen können, sich seiner, so weit es die Gerechtigkeit erfordre, anzunehmen. Ohne die bekannte auffahrende Hitze des Zunftmeisters Pfriem, der sich etwas unzeitig zum Sachwalter des Zahnarztes aufgeworfen – nicht weil dieser recht habe, sondern bloß weil er bei den Schustern zünftig sei –, würde eine so unbedeutende Sache unmöglich zu solcher Weitläuftigkeit gekommen sein. Sei aber einmal ein Feuer angezündet, so fänden sich immer Leute, denen damit gedient sei es anzublasen und zu nähren. Er seines Orts habe sich immer zum Gesetz gemacht, sich in nichts zu mischen das ihn nichts angehe. Daß er sich aber dazu verwendet habe, den gefährlichen Tumult, der diesen Morgen von den Anhängern des Zunftmeisters vor dem Rathause erregt worden, durch seine Dazwischenkunft und gütliches Zureden zu stillen, werde ihm hoffentlich von keinem billig denkenden als eine ungeziemende Anmaßung, sondern vielmehr als die Tat eines guten Bürgers und Patrioten ausgelegt werden; zumal, da es dem Charakter eines Priesters immer anständiger sei, Friede zu stiften und Unordnungen zu verhüten, als Öl ins Feuer zu gießen, wie von manchen bekannt sei die er nicht zu nennen nötig habe. Im übrigen leugne er nicht, daß er – da die Sache mit dem Eselsschatten nun einmal in erster Instanz verdorben worden, und zu einem Handel erwachsen sei, an welchem ganz Abdera Anteil zu nehmen sich gleichsam genötigt sehe – immer gewünscht habe, daß die Sache je eher je lieber vor den großen Rat gebracht würde; nicht sowohl, damit der arme Anthrax die gebührende Genugtuung erhalte (wiewohl nicht zu zweifeln sei, daß ihm solche bei dieser hohen Gerichtsstelle nicht entstehen könne), als damit dem zügellosen Mutwillen der Sykophanten endlich einmal durch irgend ein angemeßnes Gesetz Schranken gesetzt, und dergleichen schnöden Händeln, die der Stadt Abdera zu schlechter Ehre gereichten, fürs künftige nach Möglichkeit vorgebaut werden möchte.»

Agathyrsus brachte alles dies mit so vieler Gelassenheit und Mäßigung vor, daß seine Gäste sich nicht genug über die Ungerechtigkeit derjenigen verwundern konnten, welche einen so gut denkenden Herrn zum vornehmsten Anstifter dieser Unruhen hätten machen wollen. Sie hielten sich nun alle von dem Gegenteil vollkommen überzeugt; und es gelang ihm in wenigen Stunden, diese wackern Leute, ohne daß sie es selbst merkten und indem sie noch immer ganz unparteiisch zu sein glaubten, zu so guten Eseln zu machen als es vielleicht in ganz Abdera gab; zumal nachdem die köstlichen Weine, womit er sie bei der Abendmahlzeit beträufte, jeden Schatten des Mißtrauens vollends ausgelöscht, und jede Seele zur Empfänglichkeit aller Eindrücke, die er ihnen geben wollte, geöffnet hatten.

Man kann sich leicht vorstellen, daß dieser Schritt des Agathyrsus die Gegenpartei nicht wenig beunruhigen mußte. Da die Revolution, welche unter demjenigen Teile der Bürgerschaft, der bisher gleichgültig geblieben, dadurch bewirkt worden war, bald darauf sehr merklich zu werden anfing, und alle Batterien, die man mit verdoppeltem Eifer dagegen spielen ließ, nicht nur ohne Wirkung blieben, sondern gerade die gegenteilige Wirkung taten, und die Übelgesinntheit der Schatten, durch die Vergleichung mit der Mäßigung und patriotischen Gesinnung des Prälaten, nur desto auffallender machten: so würden die besagten Schatten äußerst verlegen gewesen sein, was sie anfangen wollten, um ihrer beinahe ganz gesunkenen Partei wieder einen Schwung zu geben, wenn der Priester Strobylus sie nicht bei Mut erhalten, und versichert hätte, daß er, so bald der Gerichtstag festgesetzt sei, dem kleinen Jason (wie er ihn zu nennen pflegte) ein Gewitter über den Hals schicken wolle, dessen er sich mit aller seiner Schlauheit gewiß nicht versehe, und wodurch die Sache sogleich ein ganz anderes Ansehen gewinnen werde.

Die Schatten schienen sich nun so ruhig zu halten, daß Agathyrsus und sein Anhang diese anscheinende Niedergeschlagenheit ihrer Geister sehr wahrscheinlich der wenigen Hoffnung zuschreiben konnte, welche ihnen nach dem über sie erhaltnen zwiefachen Vorteil übrig geblieben. Sie verdoppelten daher ihre Bemühungen bei dem Archon Onolaus (dessen Sohn ein vertrauter Freund des Erzpriesters und einer der hitzigsten Esel war), einen nahen Tag zur Versammlung des großen Rats anzuberaumen; und sie erhielten endlich durch ihr ungestümes Anhalten, daß diese Feierlichkeit auf den sechsten Tag nach der letzten Ratssitzung festgesetzt wurde.

Diejenigen, welche die Weisheit eines Plans oder einer genommenen Maßregel nach dem Erfolg zu beurteilen pflegen, werden vielleicht in der Sicherheit des Erzpriesters bei der plötzlichen Untätigkeit seiner Gegenpartei einen Mangel an Klugheit und Vorsicht finden, von welchem wir ihn allerdings nicht gänzlich frei sprechen können. Ganz gewiß würde es behutsamer von ihm gewesen sein, diese Untätigkeit vielmehr irgend einem wichtigen Anschlag, über welchem sie in der Stille brütete, als einem zu Boden gesunknen Mute zuzuschreiben. Allein es war einer von den Fehlern dieses Jasoniden, daß er, aus allzu lebhaftem Gefühl seiner eignen Stärke, seine Gegner immer mehr verachtete als die Klugheit erlaubt. Er handelte fast immer wie einer, der es nicht der Mühe wert hält, zu berechnen was ihm seine Feinde schaden können, weil er sich überhaupt bewußt ist, daß es ihm nie an Mitteln fehlen werde, das ärgste, was sie ihm tun können, von sich abzutreiben. Indessen ist doch im gegenwärtigen Falle zu vermuten, daß tausend andre, an seinem Platz und bei so günstigen Anscheinungen, eben so gedacht, und, wie er, geglaubt hätten sehr wohl daran zu tun, wenn sie sich den guten Willen ihrer neuen Freunde zunutze machten, bevor er wieder erkaltete, und ihren Feinden keine Zeit ließen, wieder zu sich selbst zu kommen.

Daß der Erfolg seiner Erwartung nicht gemäß war, kam von einem Streiche des Priesters Strobylus her, den er mit aller seiner Klugheit nicht voraus sehen konnte; und der, so sehr er auch in dem Charakter dieses Mannes gegründet sein mochte, doch so beschaffen war, daß man nur durch die unmittelbare Erfahrung dahin gebracht werden konnte, ihn dessen für fähig zu halten.

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