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Geschichte der Abderiten

Christoph Martin Wieland: Geschichte der Abderiten - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitleGeschichte der Abderiten
authorChristoph Martin Wieland
year1987
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
isbn3-499-40013-8
titleGeschichte der Abderiten
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1774
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7. Kapitel

Ganz Abdera teilt sich in zwei Parteien. Die Sache kommt vor Rat.

In dieser Gärung befanden sich die Sachen, als auf einmal die Namen Schatten und Esel in Abdera gehört, und in kurzem durchgängig dazu gebraucht wurden, die beiden Parteien zu bezeichnen.

Man hat über den wahren Ursprung dieser Übernamen keine zuverlässige Nachricht. Vermutlich, weil doch Parteien nicht lange ohne Namen bestehen können, hatten die Anhänger des Zahnarztes Struthion unter dem Pöbel den Anfang gemacht, sich selbst, weil sie für sein Recht an des Esels Schatten stritten, die Schatten, und ihre Gegner, weil sie den Schatten gleichsam zum Esel selbst machen wollten, aus Spott und Verachtung, die Esel zu nennen. Da nun die Anhänger des Erzpriesters diese Benennung nicht verhindern konnten, so hatten sie (wie es zu gehen pflegt) sich unvermerkt daran gewöhnt, sie, wiewohl anfänglich bloß zum Scherz, selbst zu gebrauchen; nur mit dem Unterschied, daß sie den Spieß umdrehten, und das Verächtliche mit dem Schatten, und das Ehrenvolle mit dem Esel verknüpften. Wenn es ja eins von beiden sein soll, sagten sie, so wird jeder brave Kerl doch immer lieber ein wirklicher leibhafter Esel mit allem seinem Zubehör, als der bloße Schatten von einem Esel sein wollen.

Wie es auch damit zugegangen sein mag, genug, in wenig Tagen war ganz Abdera in diese zwei Parteien geteilt; und so wie sie einen Namen hatten, nahm auch der Eifer auf beiden Seiten so schnell und heftig zu, daß es gar nicht mehr erlaubt war, neutral zu bleiben. Bist du ein Schatten oder ein Esel? war immer die erste Frage, welche die gemeinen Bürger an einander taten, wenn sie sich auf der Straße oder in der Schenke antrafen; und wenn einen Schatten gerade das Unglück traf, an einem solchen Orte der einzige seines gleichen unter einer Anzahl von Eseln zu sein, so blieb ihm, wofern er sich nicht gleich mit der Flucht rettete, nichts übrig, als entweder auf der Stelle zu apostasieren, oder sich mit tüchtigen Stößen zur Tür hinaus werfen zu lassen.

Wie viele und große Unordnungen hieraus entstehen mußten, kann man sich ohne unser Zutun vorstellen. Die Erbitterung ging in kurzem so weit, daß ein Schatten sich lieber vor Hunger zum wirklichen Gespenst abgezehrt, als einem Bäcker von der Gegenpartei für einen Dreier Brot abgekauft hätte.

Auch die Weiber nahmen, wie leicht zu erachten, Partei, und gewiß nicht mit der wenigsten Hitze. Denn das erste Blut, das bei Gelegenheit dieses seltsamen Bürgerkriegs vergossen wurde, kam von den Nägeln zweier Hökerweiber her, die einander auf öffentlichem Markte in die Physionomie geraten waren. Man bemerkte indessen, daß bei weitem der größte Teil der Abderitinnen sich für den Erzpriester erklärte; und wo in einem Hause der Mann ein Schatten war, da konnte man sich darauf verlassen, die Frau war eine Eselin, und gemeiniglich eine so hitzige und unbändige Eselin, als man sich eine denken kann. Unter einer Menge teils heilloser teils lächerlicher Folgen dieses Parteigeistes, der in die Abderitinnen fuhr, war keine der geringsten, daß mancher Liebeshandel dadurch auf einmal abgebrochen wurde, weil der eigensinnige Seladon lieber seine Ansprüche als seine Partei aufgeben wollte; so wie hingegen auch mancher, der sich schon Jahre lang vergebens um die Gunst einer Schönen beworben und ihre Antipathie gegen ihn durch nichts, was gewöhnlich von einem unglücklichen Liebhaber versucht wird, hatte überwinden können, jetzt auf einmal keines andern Titels bedurfte um glücklich zu werden, als seine Dame zu überzeugen daß er – ein Esel sei.

Inzwischen wurde die Präjudizialfrage, ob die von Klägern eingewandte Abberufung an den großen Rat Statt finde oder nicht? vor den Senat gebracht. Wiewohl dies das erste Mal war, daß es über die Eselssache vor diesem ehrwürdigen Kollegium zur Sprache kam: so zeigte sich doch bald, daß jedermann schon seine Partei genommen hatte. Der Archon Onolaus war der einzige, der in Verlegenheit zu sein schien, wie er der Sache einen leidlichen Anstrich geben könnte. Denn man bemerkte daß er viel leiser als gewöhnlich sprach, und am Schlusse seines Vortrags in die merkwürdigen und ominosen Worte ausbrach: er besorge sehr, der Eselsschatten, über welchen jetzt mit so vieler Hitze gestritten werde, möchte den Ruhm der Republik auf viele Jahrhunderte verfinstern. Seine Meinung war, man würde am besten tun, die eingelegte Appellation als unstatthaft abzuweisen, den Spruch des Stadtgerichts (bis auf den Punkt der Kosten, die gegen einander aufgehoben werden könnten) zu bestätigen, und beiden Parteien ein ewiges Stillschweigen aufzulegen. Indessen setzte er doch hinzu: wofern die Majora dafür hielten, daß die Gesetze von Abdera nicht zureichend wären einen so geringfügigen Handel auszumachen, so müsse er sich gefallen lassen daß der große Rat den Ausspruch darüber tue; jedoch wollte er darauf angetragen haben, vorher im Archiv nachsuchen zu lassen, ob sich nicht etwa schon in ältern Zeiten dergleichen ungewöhnliche Fälle ereignet, und wie man sich dabei benommen habe.

Diese Mäßigung des Archon – die ihm von der unparteiisch richtenden Nachwelt einstimmig als ein Beweis von wahrer Regentenweisheit zum Verdienst angerechnet werden wird – wurde damals, da der Parteigeist alle Augen verblendet hatte, als Schwachheit und phlegmatische Gleichgültigkeit ausgelegt. Verschiedene Senatoren von der Partei des Erzpriesters ließen sich weitläufig und mit großem Eifer vernehmen: Man könne nichts geringfügig nennen, was die Rechte und Freiheiten der Abderiten betreffe; wo kein Gesetz sei, finde auch kein gerichtliches Verfahren Statt; und das erste Beispiel, wo den Richtern gestattet würde einen Handel nach einer willkürlichen Billigkeit zu entscheiden, würde das Ende der Freiheit von Abdera sein. Wenn der Streit auch noch was geringeres beträfe, so komme es nicht auf die Frage an, wie viel oder wenig er wert sei, sondern welche von den Parteien recht habe: und da kein Gesetz vorhanden sei, welches in vorliegendem Fall entscheide, ob des Esels Schatten stillschweigend in der Miete begriffen sei oder nicht; so könne sich weder das Untergericht noch der Senat selbst ohne die offenbarste Tyrannei anmaßen, dem Abmieter etwas zuzusprechen, woran der Vermieter, wenigstens eben so viel Recht habe; oder vielmehr ein ungleich besseres, da aus der Natur ihres Kontrakts keineswegs notwendig folge, daß die Meinung des letztern gewesen sei, jenem auch den Schatten seines Esels zu vermieten, usw. Einer von diesen Herren ging so weit, daß er in der Hitze heraus fuhr: Er sei jederzeit ein eifriger Patriot gewesen; aber eh er zugeben würde, daß einer seiner Mitbürger sich anmaßen sollte, nur den Schatten einer tauben Nuß dem andern willkürlich abzusprechen, ehe wollt er ganz Abdera in Feuer und Flammen sehen.

Jetzt verlor der Zunftmeister Pfriem alle Geduld. Das Feuer, sagte er, womit man die ganze Stadt mit solcher Verwegenheit bedrohe, sollte mit demjenigen angezündet werden, der sich so zu reden unterstehe. «Ich bin kein studierter Mann», fuhr er fort: «aber, bei allen Göttern, ich lasse mir Mäusedreck nicht für Pfeffer verkaufen! Man muß den Verstand verloren haben, um einem gesunden Menschen weis machen zu wollen, daß es ein eignes Gesetz brauche, wenn die Frage ist, ob sich einer auf eines Esels Schatten setzen dürfe, der mit barem Geld das Recht erkauft hat, auf dem Esel selbst zu sitzen. Überhaupt ist es Schande und Spott, daß so viel ernsthafte und gescheide Männer sich den Kopf über einen Handel zerbrechen, den jedes Kind auf der Stelle entschieden haben würde. Wenn ist denn jemals in der Welt erhört worden, daß Schatten unter die Dinge gehören, die man einander vermietet?»

«Herr Zunftmeister», fiel der Ratsherr Buphranor ein, «Ihr schlagt Euch selbst auf den Mund, wenn Ihr das behauptet. Denn wenn des Esels Schatten nicht vermietet werden konnte, so ist klar, daß er nicht vermietet worden ist; denn a non posse ad non esse valet consequentia. Der Zahnarzt kann also, nach Eurem eignen Grundsatze, kein Recht an den Schatten haben, und das Urtel ist an sich null und nichtig.»

Der Zunftmeister stutzte; und weil ihm nicht gleich einfiel was sich auf dieses feine Argument antworten ließe, so fing er desto lauter an zu schreien, und rief Himmel und Erde zu Zeugen an, daß er eher seinen grauen Bart Haar für Haar ausraufen, als sich noch in seinen alten Tagen zum Esel machen lassen wollte. Die Herren von seiner Partei unterstützten ihn aus allen Kräften: allein sie wurden überstimmt; und alles, was sie endlich, mit Beihülfe des Archon und des Ratsherrn der immer leise auftrat, erhalten konnten, war: «Daß die Sache einstweilen in statu quo bleiben sollte, bis man im Archiv nachgesehen hätte, ob sich kein Präjudizium fände, wodurch dieser Handel ohne größere Weitläuftigkeit entschieden werden könnte.»

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