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Geschichte der Abderiten

Christoph Martin Wieland: Geschichte der Abderiten - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleGeschichte der Abderiten
authorChristoph Martin Wieland
year1987
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
isbn3-499-40013-8
titleGeschichte der Abderiten
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1774
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5. Kapitel

Gesinnungen des Senats. Tugend der schönen Gorgo und ihre Wirkungen. Der Priester Strobylus tritt auf, und die Sache wird ernsthafter.

Der Prozeß über des Esels Schatten, der anfangs die Abderiten bloß durch seine Ungereimtheit belustigt hatte, fing nun an eine Sache zu werden, in welche die Gerechtsamen, die vermeinte Ehre, und allerlei Leidenschaften und Interessen verschiedner zum Teil ansehnlicher Glieder der Republik verwickelt wurden.

Der Zunftmeister Pfriem hatte seinen Kopf darauf gesetzt, daß sein Zunftangehöriger gewinnen müßte; und da er sich meistens alle Abende in den Versammlungsorten der gemeinen Bürger einfand, hatte er schon beinahe die Hälfte des Volks auf seine Seite gebracht, und sein Anhang nahm täglich zu.

Der Erzpriester hingegen hatte den Handel bisher nicht für wichtig genug gehalten, sein ganzes Ansehen zugunsten seines Beschützten anzuwenden. Allein da die Sachen zwischen ihm und der schönen Gorgo ernsthafter zu werden anfingen, indem sie, anstatt einer gewissen Gelehrigkeit die er bei ihr zu finden gehofft hatte, einen Widerstand tat, dessen man sich zu ihrer Herkunft und Erziehung nicht hätte vermuten sollen, ja sich sogar vernehmen ließ: «Wie sie Bedenken trage, ihre Tugend noch einmal den Gefahren eines Besuchs durch die kleine Gartentür auszusetzen», – so war es ganz natürlich, daß er nun nicht länger säumte, durch den Eifer, womit er die Sache des Vaters zu unterstützen anfing, sich ein näheres Recht an die Dankbarkeit der Tochter zu erwerben.

Der neue Lärm, den der Eselsprozeß durch die Provokation an den großen Rat in der Stadt machte, gab ihm Gelegenheit, mit einigen von den vornehmsten Ratsherren aus der Sache zu sprechen. «So lächerlich dieser Handel an sich selbst sei, sagte er, so könne doch nicht zugegeben werden, daß ein armer Mann, der unter dem Schutze Jasons stehe, durch eine offenbare Kabale unterdrückt werde. Es komme nicht auf die Veranlassung an, die oft zu den wichtigsten Begebenheiten sehr gering sei; sondern auf den Geist, womit man die Sache treibe, und auf die Absichten, die man im Schilde oder wenigstens in Petto führe. Die Insolenz des Sykophanten Physignatus, der eigentlich an diesem ganzen Skandal schuld habe, müsse gezüchtigt und dem herrschsüchtigen, unverständigen Demagogen Pfriem noch in Zeiten ein Zügel angeworfen werden, eh es ihm gelinge die Aristokratie gänzlich über den Haufen zu werfen, usw.»

Wir müssen es zur Steuer der Wahrheit sagen, anfangs gab es verschiedene Herren des Rats, welche die Sache ungefähr so ansahen wie sie anzusehen war, und es dem Stadtrichter Philippides sehr verdachten, daß er nicht Besonnenheit genug gehabt, einen so ungereimten Zwist gleich in der Geburt zu ersticken. Allein unvermerkt änderten sich die Gesinnungen; und der Schwindelgeist, der bereits einen Teil der Bürgerschaft auf die Köpfe gestellt hatte, ergriff endlich auch den größern Teil der Ratsherren. Einige fingen an die Sache für wichtiger anzusehen, weil ein Mann wie der Erzpriester Agathyrsus sich derselben so ernstlich anzunehmen schien. Andre setzte die Gefahr, die der Aristokratie aus den Unternehmungen des Zunftmeisters Pfriem erwachsen könnte, in Unruhe. Verschiedene ergriffen die Partei des Eseltreibers bloß aus Widersprechungsgeist; andre aus einem wirklichen Gefühl daß ihm Unrecht geschehe; und noch andre erklärten sich für den Zahnarzt, weil gewisse Personen, mit denen sie nie Einer Meinung sein wollten, sich für seinen Gegner erklärt hatten.

Mit allem dem würde dennoch dieser geringfügige Handel, so sehr die Abderiten auch – Abderiten waren, niemals eine so heftige Gärung in ihrem gemeinen Wesen verursacht haben, wenn der böse Dämon dieser Republik nicht auch den Priester Strobylus angeschürt hätte, sich, ohne einigen nähern Beruf als seinen unruhigen Geist und seinen Haß gegen den Erzpriester Agathyrsus, mit ins Spiel zu mischen.

Um dies dem geneigten Leser verständlicher zu machen, werden wir die Sache (wie jener alte Dichter seine Ilias) ab ovo anfangen müssen; um so mehr, als auch gewisse Stellen in unsrer Erzählung des Abenteuers mit dem Euripides, und gewisse Ausdrücke, die dem Priester Strobylus gegen Demokrit entfielen, ihr gehöriges Licht dadurch erhalten werden.

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