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Geschichte der Abderiten

Christoph Martin Wieland: Geschichte der Abderiten - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleGeschichte der Abderiten
authorChristoph Martin Wieland
year1987
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
isbn3-499-40013-8
titleGeschichte der Abderiten
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1774
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Viertes Buch

Der Prozeß um des Esels Schatten

1. Kapitel

Veranlassung des Prozesses und Facti Species.

Kaum hatten sich die guten Abderiten von dem wunderbaren Theaterfieber, womit sie des ehrlichen, arglosen Euripides Götter- und Menschenherrscher Amor heimgesucht hatte, wieder ein wenig erholt; kaum sprachen die Bürger wieder in Prosa mit einander auf den Straßen, kaum verkauften die Drogisten wieder ihre Niesewurz, schmiedeten die Waffenschmiede wieder ihre Rapiere und Transchiermesser, machten sich die Abderitinnen wieder keusch und emsig an ihr Purpurgewebe, und warfen die Abderiten ihr leidiges Haberrohr weg, um ihren verschiednen Berufsarbeiten wieder mit ihrem gewöhnlichen guten Verstande obzuliegen: als die Schicksalsgöttinnen ganz insgeheim, aus dem schalsten, dünnsten, unhaltbarsten Stoffe, der jemals von Göttern oder Menschen versponnen worden ist, ein so verworrenes Gespinst von Abenteuern, Händeln, Verbitterungen, Verhetzungen, Kabalen, Parteien, und anderm Unrat heraus zogen, daß endlich ganz Abdera davon umwickelt wurde, und, da das heillose Zeug durch die unbesonnene Hitze der Helfer und Helfershelfer nun gar in Flammen geriet, diese berühmte Republik darüber beinahe, und vielleicht gänzlich, zu Grunde gegangen wäre, wofern sie nach des Schicksals Schluß durch eine geringere Ursache als – Frösche und Ratten hätte vertilgt werden können.

Die Sache fing sich (wie alle große Weltbegebenheiten) mit einer sehr geringfügigen Veranlassung an. Ein gewisser Zahnarzt, namens Struthion, von Geburt und Voreltern aus Megara gebürtig, hatte sich schon seit vielen Jahren in Abdera häuslich niedergelassen; und weil er vielleicht im ganzen Lande der einzige von seiner Profession war, so erstreckte sich seine Kundschaft über einen ansehnlichen Teil des mittäglichen Thracien. Seine gewöhnliche Weise, denselben in Kontribution zu setzen, war, daß er die Jahrmärkte aller kleinen Städte und Flecken auf mehr als dreißig Meilen in der Runde bereiste, wo er, neben seinem Zahnpulver und seinen Zahntinkturen, gelegentlich auch verschiedene Arcana wider Milz- und Mutterbeschwerungen, Engbrüstigkeit, böse Flüsse usw. mit ziemlichem Vorteil absetzte. Er hatte zu diesem Ende eine wohlbeleibte Eselin im Stalle, welche bei solchen Gelegenheiten zugleich mit seiner eignen kurz-dicken Person, und mit einem großen Quersack voll Arzneien und Lebensmittel beladen wurde.

Nun begab sichs einsmals, da er den Jahrmarkt zu Gerania besuchen sollte, daß seine Eselin abends zuvor ein Füllen geworfen hatte, folglich nicht im Stande war, die Reise mitzumachen. Struthion mietete sich also einen andern Esel, bis zu dem Orte, wo er sein erstes Nachtlager nehmen wollte, und der Eigentümer begleitete ihn zu Fuße, um das lastbare Tier zu besorgen und wieder nach Hause zu reiten. Der Weg ging über eine große Heide. Es war mitten im Sommer und die Hitze des Tages sehr groß. Der Zahnarzt, dem sie unerträglich zu werden anfing, sah sich lechzend nach einem schattigen Platz um, wo er einen Augenblick absteigen und etwas frische Luft schöpfen könnte. Aber da war weit und breit weder Baum noch Staude, noch irgend ein andrer Schatten gebender Gegenstand zu sehen. Endlich, als er seinem Leibe keinen Rat wußte, machte er Halt, stieg ab, und setzte sich in den Schatten des Esels. «Nu, Herr, was macht Ihr da», sagte der Eseltreiber, «was soll das?»

«Ich setze mich ein wenig in den Schatten», versetzte Struthion, «denn die Sonne prallt mir ganz unleidlich auf den Schädel.»

«Nä, mein guter Herr», erwiderte der andre, «so haben wir nicht gehandelt! Ich vermiete Euch den Esel, aber des Schattens wurde mit keinem Worte dabei gedacht.»

«Ihr spaßt, guter Freund», sagte der Zahnarzt lachend; «der Schatten geht mit dem Esel, das versteht sich.»

«Ei, beim Jason! das versteht sich nicht», rief der Eselmann ganz trotzig; «ein andres ist der Esel, ein andres ist des Esels Schatten. Ihr habt mir den Esel um so und so viel abgemietet. Hättet Ihr den Schatten auch dazu mieten wollen, so hättet Ihrs sagen müssen. Mit Einem Wort, Herr, steht auf und setzt Eure Reise fort, oder bezahlt mir für des Esels Schatten was billig ist.»

«Was?» schrie der Zahnarzt, «ich habe für den Esel bezahlt, und soll jetzt auch noch für seinen Schatten bezahlen? Nennt mich selbst einen dreifachen Esel wenn ich das tue! Der Esel ist einmal für diesen ganzen Tag mein, und ich will mich in seinen Schatten setzen so oft mirs beliebt, und darin sitzen bleiben so lange mirs beliebt, darauf könnt Ihr Euch verlassen!»

«Ist das im Ernst Eure Meinung?» fragte der andre mit der ganzen Kaltblütigkeit eines Abderitischen Eseltreibers.

«In ganzem Ernste», versetzte Struthion.

«So komme der Herr nur gleich stehenden Fußes wieder zurück nach Abdera vor die Obrigkeit», sagte jener, «da wollen wir sehen wer von uns beiden recht behalten wird. So wahr Priapus mir und meinem Esel gnädig sei, ich will sehen, wer mir den Schatten meines Esels wider meinen Willen abtrotzen soll!»

Der Zahnarzt hatte große Lust, den Eseltreiber durch die Stärke seines Arms zur Gebühr zu weisen. Schon ballte er seine Faust zusammen, schon hob sich sein kurzer Arm: aber als er seinen Mann genauer ins Auge faßte, fand er für besser den erhobnen Arm allmählich wieder sinken zu lassen, und es noch einmal mit gelindern Vorstellungen zu versuchen. Aber er verlor seinen Atem dabei. Der ungeschlachte Mensch bestand darauf, daß er für den Schatten seines Esels bezahlt sein wollte; und da Struthion eben so hartnäckig dabei blieb nicht bezahlen zu wollen, so war kein andrer Weg übrig, als nach Abdera zurückzukehren, und die Sache bei dem Stadtrichter anhängig zu machen.

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