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Geschichte der Abderiten

Christoph Martin Wieland: Geschichte der Abderiten - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleGeschichte der Abderiten
authorChristoph Martin Wieland
year1987
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
isbn3-499-40013-8
titleGeschichte der Abderiten
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1774
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11. Kapitel

Die Andromeda des Euripides wird endlich trotz aller Hindernisse von seinen eignen Schauspielern aufgeführt. Außerordentliche Empfindsamkeit der Abderiten, mit einer Digression, welche unter die lehrreichsten in diesem ganzen Werke gehört, und folglich von gar keinem Nutzen sein wird.

Die Abderiten hatten ein neues Stück erwartet, und waren daher übel zufrieden, da sie hörten, daß es eben die Andromeda war, die sie vor wenig Tagen schon gesehen zu haben glaubten. Noch weniger wollten ihnen anfangs die fremden Schauspieler einleuchten, deren Ton und Aktion so natürlich war, daß die guten Leute – gewohnt ihre Helden und Heldinnen wie Besessene herum fahren zu sehen, und schreien zu hören wie der verwundete Mars in der Iliade – gar nicht wußten was sie daraus machen sollten. Das ist eine wunderliche Art zu agieren, flüsterten sie einander zu; man merkt gar nicht daß man in der Komödie ist; es klingt ja ordentlich als ob die Leute ihre eignen Rollen spielten. Indessen bezeugten sie doch ihr Erstaunen über die Dekorationen, die zu Athen von einem berühmten Meister in der Theaterperspektiv gemalt waren; und da die meisten in ihrem Leben nichts gutes in dieser Art gesehen hatten, so glaubten sie bezaubert zu sein, wie sie das Ufer des Meers, den Felsen wo Andromeda angefesselt war, und den Hain der Nereiden an einer kleinen Bucht auf der einen Seite, und den Palast des Königs Cepheus in der Ferne auf der andern, so natürlich vor sich sahen, daß sie geschworen hätten, es sei alles wirklich und wahrhaftig so wie es sich darstellte. Da nun überdies die Musik vollkommen nach dem Sinne des Dichters, und also das alles war, was die Musik des Nomophylax Gryllus – nicht war; da sie immer gerad aufs Herz wirkte, und ungeachtet der größten Einfalt und Singbarkeit doch immer neu und überraschend war: so brachte alles dies, mit der Lebhaftigkeit und Wahrheit der Deklamation und Pantomime und mit der Schönheit der Stimmen und des Vortrags vereinigt, einen Grad von Täuschung bei den guten Abderiten hervor, wie sie noch in keinem Schauspiel erfahren hatten. Sie vergaßen gänzlich, daß sie in ihrem Nationaltheater saßen, glaubten unvermerkt mitten in der wirklichen Szene der Handlung zu sein, nahmen Anteil an dem Glück und Unglück der handelnden Personen, als ob es ihre nächsten Blutsfreunde gewesen wären, betrübten und ängstigten sich, hofften und fürchteten, liebten und haßten, weinten und lachten, wie es dem Zauberer, unter dessen Gewalt sie waren, gefiel; – kurz, Andromeda wirkte so außerordentlich auf sie, daß Euripides selbst gestand, noch niemals des Schauspiels einer so vollkommnen Empfindsamkeit genossen zu haben.

Wir bitten – in Parenthesi – die empfindsamen der Frauenzimmerchen und Jüngelchen unsrer vor lauter Empfindsamkeit höchst unempfindsamen ZeitMan vergesse nicht daß dies im Jahre 1777 geschrieben worden. sehr um Verzeihung! – Aber es war in der Tat unsre Meinung nicht, durch diesen Zug der außerordentlichen Empfindsamkeit der Abderiten – Ihnen einen Stich zu geben – und gleichsam dadurch einigen Zweifel gegen ihren guten Verstand bei ihnen selbst oder bei andern Leuten zu erwecken. – In ganzem Ernst, wir erzählen die Sache bloß wie sie sich zutrug; und wem eine so große Empfindsamkeit an Abderiten befremdlich vorkommt, den ersuchen wir höflichst – zu bedenken, daß sie, bei aller ihrer Abderitheit, am Ende doch Menschen waren wie andre; ja, in gewissem Sinne, nur desto mehr Menschen – je mehr Abderiten sie waren. Denn gerade ihre Abderitheit machte, daß es eben so leicht war sie zu betrügen, als die Vögel, die in die gemalten Trauben des Zeuxis hinein pickten; indem sie sich jedem Eindruck, besonders den Täuschungen der Kunst, viel ungewahrsamer und treuherziger überließen, als feinere und kältere, folglich auch gescheidere Leute zu tun pflegen, welche man so leicht nicht verhindern kann, durch jeden Zauberdunst, den man um sie her macht, durchzusehen.

Übrigens macht der Verfasser dieser Geschichte hier die Anmerkung: «Die große Disposition der Abderiten, sich von den Künsten der Einbildungskraft und der Nachahmung täuschen zu lassen, sei eben nicht das, was er am wenigsten an ihnen liebe.» Er mag aber wohl dazu seine besondern Ursachen gehabt haben.

In der Tat haben Dichter, Tonkünstler, Maler, einem aufgeklärten und verfeinerten Publikum gegen über, schlimmes Spiel; und gerade die eingebildeten Kenner, die unter einem solchen Publikum immer den größten Haufen ausmachen, sind am schwersten zu befriedigen. Anstatt der Einwirkung still zu halten, tut man alles was man kann um sie zu verhindern. Anstatt zu genießen was da ist, räsoniert man darüber was da sein könnte. Anstatt sich zur Illusion zu bequemenEs versteht sich von selbst, daß der Dichter das Seinige getan haben muß, um die Illusion zu bewirken und zu unterhalten; denn sonst hat er freilich kein Recht, von uns zu verlangen, daß wir, ihm zu Gefallen, tun sollen als ob wir sähen, was er uns nicht zeigt, fühlten, was er uns nicht fühlen macht, usw. , wo die Vernichtung des Zaubers zu nichts dienen kann als uns eines Vergnügens zu berauben, setzt man ich weiß nicht welche kindische Ehre darein, den Philosophen zur Unzeit zu machen; zwingt sich zu lachen, wo Leute, die sich ihrem natürlichen Gefühl überlassen, Tränen im Auge haben, und, wo diese lachen, die Nase zu rümpfen, um sich das Ansehen zu geben als ob man zu stark oder zu fein oder zu gelehrt sei, um sich von so was aus seinem Gleichgewicht setzen zu lassen.

Aber auch die wirklichen Kenner verkümmern sich selbst den Genuß, den sie von tausend Dingen, die in ihrer Art gut sind, haben könnten, durch Vergleichungen derselben mit Dingen anderer Art; Vergleichungen, die meistens ungerecht und immer wider unsern eignen Vorteil sind. Denn das, was unsre Eitelkeit dabei gewinnt, ein Vergnügen zu verachten, ist doch immer nur ein Schatten, nach welchem wir schnappen indem uns das Wirkliche entgeht.

Wir finden daher, daß es allezeit unter noch rohen Menschen war, wo die Söhne des Musengottes jene großen Wunder taten, wovon man noch immer spricht ohne recht zu wissen was man sagt. Die Wälder in Thracien tanzten zur Leier des Orpheus, und die wilden Tiere schmiegten sich zu seinen Füßen, nicht weil Er – ein Halbgott war, sondern weil die Thracier – Bären waren; nicht, weil Er übermenschlich sang, sondern weil seine Zuhörer wie bloße Naturmenschen hörten; kurz, aus eben dem Grunde, warum (nach Forsters Bericht) eine Schottische Sackpfeife die guten Seelen von Otaheite in Entzücken setzte.

Die Anwendung dieser nicht sehr neuen, aber sehr praktischen Bemerkung, die man so oft gehört hat und doch fast immer aus der Acht läßt, wird der geneigte Leser selbst machen, wenns ihm beliebt. Unser eignes Gewissen mag uns sagen, ob und inwiefern wir in andern Dingen mehr oder weniger Thracier und Abderiten sind: aber wenn wirs in diesem einzigen Punkte wären, so möcht es nur desto besser für uns – und freilich auch für den größten Teil unsrer poetischen Sackpfeifer, sein.

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