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Geschichte der Abderiten

Christoph Martin Wieland: Geschichte der Abderiten - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleGeschichte der Abderiten
authorChristoph Martin Wieland
year1987
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
isbn3-499-40013-8
titleGeschichte der Abderiten
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1774
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10. Kapitel

Der Senat zu Abdera gibt dem Euripides, ohne daß er darum angesucht, Erlaubnis, eines seiner Stücke in dem Abderitischen Theater aufzuführen. Kunstgriff, wodurch sich die Abderitische Kanzlei in solchen Fällen zu helfen pflegte. Schlaues Betragen des Nomophylax. Merkwürdige Art der Abderiten, einem, der ihnen im Wege stand, allen Vorschub zu tun.

Nachdem Euripides die Wahrzeichen von Abdera sämtlich in Augenschein genommen hatte, führte man ihn nach dem Garten der Salabanda, wo er den Ratsherrn ihren Gemahl (einen Mann, der bloß wegen seiner Gemahlin bemerkt wurde) und eine große Gesellschaft von Abderitischem Beau-Monde fand, alle sehr begierig zu sehen, wie man es machte, um Euripides zu sein.

Euripides sah nur Ein Mittel sich mit Ehren aus der Sache zu ziehen; und das war – in so guter Abderitischer Gesellschaft nicht Euripides – sondern so sehr Abderit zu sein als ihm nur immer möglich war. Die wackern Leute wunderten sich, ihn so gleichartig mit ihnen selbst zu finden. «Es ist ein scharmanter Mann», sagten sie; «man dächte, er wäre sein Leben lang in Abdera gewesen.»

Die Kabale der Dame Salabanda ging inzwischen tapfer ihren Gang, und des folgenden Morgens war schon die ganze Stadt des Gerüchtes voll, der fremde Dichter würde mit seinen Leuten eine Komödie aufführen, wie man in Abdera noch keine gesehen habe.

Es war ein Ratstag. Die Herren versammelten sich, und einer fragte den andern, wenn Euripides sein Stück geben würde. Keiner wollte was davon wissen, wiewohl jeder positiv versicherte, daß bereits die Zurüstungen dazu gemacht würden.

Als der Archon die Sache in Vortrag brachte, formalisierten sich die Freunde des Nomophylax nicht wenig darüber. «Wozu», sagten sie, «brauchts uns noch zu fragen, ob wir erlauben wollen was schon beschlossen ist, und wovon jedermann als von einer ausgemachten Sache spricht?»

Einer der hitzigsten behauptete, daß der Senat eben deswegen Nein dazu sagen, und dadurch zeigen sollte daß Er Meister sei.

«Das wäre mir ein sauberes Participium», rief der Zunftmeister Pfriem; «weil die ganze Stadt für die Sache bordiert ist, und die fremden Komödianten zu hören wünscht, so soll der Senat Nein dazu sagen? Ich behaupte gerade das Gegenteil. Eben weil das Volk sie zu hören wünscht, so sollen sie aufspielen! Fox populus, Fox Deus! Das ist immer mein Simplum gewesen, und soll es bleiben, so lange ich Zunftmeister Pfriem heißen werde!»

Die meisten traten auf des Zunftmeisters Seite. Der politische Ratsherr zuckte die Achseln, sprach dafür und dawider, und beschloß endlich: Wenn der Nomophylax nichts dabei zu erinnern hätte, so glaubte er, man könnte für diesmal connivendo geschehen lassen, daß die Fremden in dem Stadttheater spielten.

Der Nomophylax hatte bisher bloß die Nase gerümpft, gegrinst, seinen Knebelbart gestrichen, und einige abgebrochne Worte mit untermischtem Hä, hä, hä, gemeckert. Er mochte nicht gern dafür angesehen werden, als ob ihm daran gelegen sei, die Sache zu hintertreiben. Allein, je mehr ers verbergen wollte, desto stärker fiels in die Augen. Er schwoll zusehends auf, wie ein Truthahn dem man ein rotes Tuch vorhält; und endlich, da er entweder bersten oder reden mußte, sagte er: «Die Herren mögen nun glauben was sie wollen – aber ich bin wirklich der erste, der das neue Stück zu hören wünscht. Ohne Zweifel hat der Poet den Text und die Musik selbst gemacht, und da muß es ja wohl ein ganzes Wunderding sein. Indessen, weil er sich nicht aufhalten kann, wie man sagt, so seh ich nicht, wie man mit den Dekorationen wird fertig werden können. Und wenn wir zu den Chören unsre Leute hergeben sollen, wie zu vermuten ist: so bedaur ich, daß ich sagen muß, vor vierzehn Tagen wird nicht daran zu denken sein.»

«Dafür lassen wir den Euripides sorgen», sagte einer von den Vätern, aus deren Sprachröhren die Stimme der Dame Salabanda sprach; «man wird ihm ohnehin Ehren halber die ganze Direktion seines Schauspiels überlassen müssen.» – «Den Rechten eines zeitigen Nomophylax und der Theater-Kommission in alle Wege unpräjudizierlich», setzte der Archon hinzu.

«Ich bin alles zufrieden», sagte Gryllus: «die Herren wollen was neues – Gut! wünsche daß es wohl bekomme! Bin selbst begierig das Ding zu hören, wie gesagt. Es kommt freilich alles bloß darauf an, ob man Glauben an die Leute hat – verstehen Sie mich? – Indessen wird Recht Recht, und Musik Musik bleiben; und ich wette was die Herren wollen, die Terzen und Quinten und Oktaven der Herren Athener werden gerade so klingen wie die unsrigen, hä, hä, hä, hä!»

Es ging also mit einem großen Mehr durch: «Daß den fremden Komödianten, ein- für allemal, und ohne daß dieser Fall zu einiger Konsequenz sollte gezogen werden können, erlaubt sein sollte, eine Tragödie auf der National-Schaubühne aufzuführen, und daß ihnen hierzu von Seiten der Theater-Deputation aller Vorschub getan, und die Kosten von der Kassa bestritten werden sollten.» Allein, weil der Ausdruck «erlaubt sein sollte» dem Euripides, der nichts verlangt hatte, sondern sich bloß erbitten lassen, hätte anstößig sein können: so veranstaltete Frau Salabanda, daß der Ratsschreiber (der ihr besonderer Freund und Diener war) im Bescheid die Worte erlaubt sein sollte in ersucht werden sollte und die fremden Komödianten in den berühmten Euripides verwandelte – Alles übrigens dem Ratsschluß und der Kanzlei unpräjudizierlich und citra consequentiam.

So wie der Senat aus einander ging, begab sich der Nomophylax zum Euripides, überschüttete ihn mit Komplimenten, bot ihm seine Dienste an, und versicherte ihn, daß ihm aller möglicher Vorschub getan werden sollte, um sein Stück recht bald aufführen zu können. Die Wirkung dieser Versicherung war, daß ihm, ohne daß jemand Schuld daran haben wollte, alle mögliche Hindernisse in den Weg gelegt wurden, und daß es immer an allem fehlte was er nötig hatte. Beschwerte er sich, so wies ihn immer einer an den andern, und jeder beteuerte seine Unschuld und seinen guten Willen, indem er ganz deutlich zu verstehen gab, daß der Fehler bloß an diesem oder jenem liege, der eine Viertelstunde zuvor seinen guten Willen eben so stark beteuert hatte.

Euripides fand die Abderitische Art, allen möglichen Vorschub zu tun, so beschwerlich, daß er sich nicht entbrechen konnte, der Dame Salabanda am Morgen des dritten Tages zu erklären: seine Meinung sei, sich mit dem ersten Winde, woher er auch blasen möchte, wieder einzuschiffen, wofern sie nicht einen Ratsschluß auswirkte, der den Herren von der Kommission anbeföhle ihm keinen Vorschub zu tun. Da der Archon, wiewohl eigentlich alle exekutive Gewalt von ihm abhing, kein Mann von Exekution war, so war das einzige Mittel in dieser Not, den Zunftmeister Pfriem und den Priester Strobylus, welche sehr viel beim Volke vermochten, in Bewegung zu setzen. Salabanda übernahm beides mit so guter Wirkung, daß binnen Tag und Nacht alles, was von Seiten der Theater-Kommission besorgt werden mußte, fertig und bereit war; welches um so leichter geschehen konnte, da Euripides seine eignen Dekorationen bei sich hatte, und also beinahe nichts weiter zu tun war, als sie dem Abderitischen Schauplatze anzupassen.

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