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Geschichte der Abderiten

Christoph Martin Wieland: Geschichte der Abderiten - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleGeschichte der Abderiten
authorChristoph Martin Wieland
year1987
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
isbn3-499-40013-8
titleGeschichte der Abderiten
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1774
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9. Kapitel

Euripides besieht die Stadt, wird mit dem Priester Strobylus bekannt, und vernimmt von ihm die Geschichte der Latonenfrösche. Merkwürdiges Gespräch, welches bei dieser Gelegenheit zwischen Demokrit, dem Priester und dem Dichter vorfällt.

Inzwischen führte Onobulus in Begleitung etlicher junger Herren seines Schlages, seinen Gast in der Stadt herum, um ihm alles was darin sehenswürdig wäre zu zeigen. Unterwegs begegnete ihnen Demokrit, mit welchem Euripides schon von langem her bekannt war. Sie gingen also mit einander; und da die Stadt Abdera ziemlich weitläufig war, so hatten die beiden Alten Gelegenheit genug, von den jungen Herren zu profitieren, die immer den Mund offen hatten, über alles entschieden, alles wußten, und sich gar nicht zu Sinne kommen ließen, daß es ihres gleichen in Gegenwart von Männern anständiger sei zu hören als sich hören zu lassen.

Euripides hatte also diesen Morgen genug zu hören und zu sehen. Die jungen Abderiten, die nie weiter als bis an die äußersten Schlagbäume ihrer Vaterstadt gekommen waren, sprachen von allem, was sie ihm zeigten, als von Wundern die gar nicht ihres gleichen in der Welt hätten. Onobulus hingegen, der die große Reise gemacht hatte, verglich alles mit dem, was er in eben dieser Art zu Athen, Korinth und Syrakus gesehen, und brachte in einem albernen Tone von Entschuldigung eine Menge lächerlicher Ursachen hervor, warum diese Dinge in Athen, Korinth und Syrakus schöner und prächtiger wären als in Abdera.

«Junger Herr», sagte Demokrit, «es ist hübsch daß Sie Ihre Vater- und Mutterstadt in Ehren haben; aber wenn Sie uns einen Beweis davon geben wollen, so lassen Sie Athen, Korinth und Syrakus aus dem Spiele. Nehmen wir jedes Ding wie es ist, und keine Vergleichung, so brauchts auch keine Entschuldigung.»

Euripides fand alles, was man ihm zeigte, sehr merkwürdig; und das war es auch. Denn man zeigte ihm eine Bibliothek, worin viele unnütze und ungelesene Bücher, ein Münzkabinett, worin viel abgegriffene Münzen, ein reiches Spital, worin viel übel verpflegte Arme, ein Arsenal, worin wenig Waffen, und einen Brunnen, worin noch weniger Wasser war. Man zeigte ihm auch das Rathaus, wo die gute Stadt Abdera so wohl beraten wurde, den Tempel des Jason, und ein vergoldetes Widderfell, welches sie, wiewohl wenig Gold mehr daran zu sehen war, für das berühmte goldne Vlies ausgaben. Sie nahmen auch den alten rauchigen Tempel der Latona in Augenschein, und das Grabmal des Abderus, der die Stadt zuerst erbaut haben sollte, und die Galerie, wo alle Archonten von Abdera in Lebensgröße gemalt standen, und einander alle so ähnlich sahen, als ob der folgende immer die Kopie von dem vorhergehenden gewesen wäre. Endlich, da sie alles gesehen hatten, führte man sie auch an den geheiligten Teich, worin auf Unkosten gemeiner Stadt die größten und fettesten Frösche gefüttert wurden die man je gesehen hat, und die, wie der Oberpriester Strobylus sehr ernsthaft versicherte, in gerader Linie von den Lycischen Bauern abstammten, die der umher irrenden, nirgends Ruhe findenden, und vor Durst verschmachtenden Latona nicht gestatten wollten, aus einem Teiche, der ihnen zugehörte, zu trinken, und dafür von Jupiter zur Strafe ihrer Ungeschlachtheit in Frösche verwandelt wurden.

«O Herr Oberpriester», sagte Demokrit, «erzählen Sie doch dem fremden Herrn die Geschichte dieser Frösche, und wie es zugegangen, daß der geheiligte Teich aus Lycien über das Ionische Meer herüber bis nach Abdera versetzt worden ist; welches, wie Sie wissen, eine ziemliche Strecke Wegs über Länder und Meere ausmacht, und (wenn man so sagen darf) beinahe ein noch größeres Wunder ist, als die Froschwerdung der Lycischen Bauern selbst.»

Strobylus sah Demokriten und dem Fremden mit einem bedenklichen Blick unter die Augen. Weil er aber nichts darin sehen konnte, das ihn berechtigt hätte sie für Spötter zu erklären, welche nicht verdienten zu so ehrwürdigen Mysterien zugelassen zu werden: so bat er sie, sich unter einen großen wilden Feigenbaum zu setzen, der eine Seite des kleinen Latonentempels beschattete, und erzählte ihnen hierauf mit eben der Treuherzigkeit, womit man die alltäglichste Begebenheit erzählen kann, alles was er von der Sache zu wissen glaubte.

«Die Geschichte des Latonendienstes in Abdera», sagte er, «verliert sich im Nebel des grauesten Altertums. Unsre Vorfahren, die Tejer, die sich vor ungefähr hundertundvierzig Jahren von Abdera Meister machten, fanden ihn bereits seit undenklichen Zeiten eingeführt; und dieser Tempel hier ist vielleicht einer der ältesten in der Welt, wie Sie schon aus seiner Bauart und andern Zeichen eines hohen Altertums schließen können. Es ist, wie Sie wissen, nicht erlaubt, mit strafbarem Vorwitz den heiligen Schleier aufzuheben, den die Zeit um den Ursprung der Götter und ihres Dienstes geworfen hat. Alles verliert sich in Zeiten, wo die Kunst zu schreiben noch nicht erfunden war. Allein die mündliche Überlieferung, die von Vater zu Sohn durch so viele Jahrhunderte fortgepflanzt wurde, ersetzt den Abgang schriftlicher Urkunden mehr als hinlänglich, und macht, so zu sagen, eine lebendige Urkunde aus, die dem toten Buchstaben billig noch vorzuziehen ist. Diese Tradition sagt: als die vorerwähnte Verwandlung der Lycischen Bauern vorgegangen, hätten die benachbarten Einwohner und einige von den besagten Bauern selbst, welche an dem Frevel der übrigen keinen Teil genommen, als Zeugen des vorgegangenen Wunders, Latonen mit ihren noch an der Brust liegenden Zwillingen, Apollo und Diana, für Gottheiten erkannt, ihnen an dem Teiche, wo die Verwandlung geschehen, einen Altar errichtet, auch die Gegend und das Gebüsche, das den Teich umgab, zu einem Hain geheiligt. Das Land hieß damals noch Milia, und die in Frösche verwandelten Bauern waren also, eigentlich zu reden, Milier; als aber lange Zeit hernach Lycus, Pandions des Zweiten Sohn, sich mit einer Attischen Kolonie des Landes bemächtigte, bekam es von ihm den Namen Lycia, und der ältere Name verlor sich gänzlich. Bei dieser Gelegenheit verließen die Einwohner der Gegend, wo der Altar und Hain der Latona stand, weil sie sich der Herrschaft des besagten Lycus nicht unterwerfen wollten, ihr Vaterland, setzten sich zu Schiffe, irrten eine Zeit lang auf dem Aegäischen Meere herum, und ließen sich endlich zu Abdera nieder, welches kurz zuvor durch die Pest beinahe gänzlich entvölkert worden war. Bei ihrem Abzuge schmerzte sie, wie die Tradition sagt, nichts so sehr, als daß sie den geheiligten Hain und Teich der Latona zurück lassen mußten. Sie sannen hin und her, und fanden endlich, das beste wäre, einige junge Bäume aus dem besagten Haine mit Wurzeln und Erde, und eine Anzahl von Fröschen aus dem besagten Teich in einer Tonne voll geheiligten Wassers mitzunehmen. So bald sie zu Abdera anlangten, war ihre erste Sorge einen neuen Teich zu graben, welches eben dieser ist, den Sie hier vor sich sehen.

Sie leiteten einen Arm des Flusses Nestus in denselben, und besetzten ihn mit den Abkömmlingen der in Frösche verwandelten Lycier oder Milier, die sie in dem geweihten Wasser mit sich gebracht hatten. Um den neuen Teich her, dem sie sorgfältig die völlige Gestalt und Größe des alten gaben, pflanzten sie die mitgebrachten heiligen Bäume, weiheten sie aufs neue der Latona zum Hain, bauten ihr diesen Tempel, und verordneten einen Priester, der den Dienst desselben versehen, und des Hains und Teiches warten sollte, welche sich auf diese Weise, ohne ein so großes Wunder als Herr Demokrit für nötig hielt, aus Lycien nach Abdera versetzt fanden. Dieser Tempel, Hain und Teich erhielt sich, vermöge der Ehrfurcht welche sogar die benachbarten wilden Thracier für denselben hegten, durch alle Veränderungen und Unfälle, denen Abdera in der Folge unterworfen war, bis die Stadt endlich von den Tejern, unsern Vorfahren, zu den Zeiten des großen Cyrus wieder hergestellt, und (wie man ohne Ruhmredigkeit sagen kann) zu einem Glanz erhoben wurde, daß sie keine Ursache hat irgend eine andre in der Welt zu beneiden.»

«Sie reden wie ein wahrer Patriot, Herr Oberpriester», sagte Euripides. «Aber wenn es erlaubt wäre, eine bescheidene Frage zu tun –»

«Fragen Sie was Sie wollen», fiel ihm Strobylus ein; «ich werde, Gott Lob! nie verlegen sein Antwort zu geben.»

«Mit Euer Ehrwürdigen Erlaubnis also», fuhr Euripides fort; «die ganze Welt kennt die edle Denkart und die Liebe zur Pracht und zu den schönen Künsten, die den Tejischen Abderiten eigen ist, und wovon ihre Stadt überall die merkwürdigsten Beweise darstellt. Wie kommt es also, da zumal die Tejer schon von alten Zeiten her im Ruf einer besondern Ehrfurcht für Latonen stehen, daß die Abderiten nicht auf den Gedanken gekommen sind, ihr einen ansehnlichern Tempel aufzubauen?»

«Ich vermutete mir diesen Einwurf», sagte Strobylus mit einem Lächeln, wobei er die Augenbrauen in die Höhe zog und mächtig weise aussehen wollte.

«Es soll kein Einwurf sein», versetzte Euripides, «sondern bloß eine bescheidene Frage.»

«Ich will sie Ihnen beantworten», sagte der Priester. «Ohne Zweifel wäre es der Republik leicht gewesen, der Latona als einer Göttin vom ersten Rang einen so prächtigen Tempel aufzubauen, wie sie dem Jason, der doch nur ein Heros ist, gebaut hat. Aber sie hat mit Recht geglaubt, daß es der Ehrfurcht, die wir der Mutter des Apollo und der Diana schuldig sind, gemäßer sei, ihren uralten Tempel zu lassen wie sie ihn gefunden; und er ist und bleibt dem ungeachtet der oberste und heiligste Tempel von Abdera, was auch immer der Priester Jasons dagegen einwenden mag.»

Strobylus sagte dieses letzte mit einem Eifer und einem Crescendo il Forte, daß Demokrit für nötig fand ihn zu versichern, daß dies wenigstens bei allen gesund denkenden eine ausgemachte Sache sei.

«Indessen», fuhr der Oberpriester fort, «hat die Republik gleichwohl solche Beweise ihrer besondern Devotion für den Tempel der Latona und dessen Zubehörden gegeben, daß gegen die Lauterkeit ihrer Absichten nicht der geringste Zweifel übrig sein kann. Sie hat zu Versehung des Dienstes nicht nur ein Kollegium von sechs Priestern, deren Vorsteher zu sein ich unwürdiger Weise die Ehre habe, sondern auch aus dem Mittel des Senats drei Pfleger des geheiligten Teichs angeordnet, von welchen der erste allezeit eines von den Häuptern der Stadt ist. Ja, sie hat, aus Beweggründen, deren Richtigkeit streitig zu machen nicht länger erlaubt ist, die Unverletzlichkeit der Frösche des Latonenteichs auf alle Tiere dieser Gattung in ihrem ganzen Gebiet ausgedehnt, und zu diesem Ende das ganze Geschlecht der Störche, Kraniche und aller andern Froschfeinde aus ihren Grenzen verbannt.»

«Wenn die Versicherung, daß es nicht länger erlaubt ist an der Richtigkeit dieses Verfahrens zu zweifeln, mir nicht die Zunge bände», sagte Demokrit, «so würde ich mir die Freiheit nehmen zu erinnern, daß selbiges mehr in einer, zwar an sich selbst löblichen, aber doch aufs äußerste getriebenen DeisidämonieDer Apostel Paul bedient sich des von diesem Worte abgeleiteten Beiwortes, da er die Athener, ironischer oder wenigstens zweideutiger Weise, wegen ihrer unbegrenzten Religiosität zu loben scheint. Apostelgeschichte, XVII, 22. Man könnte es Götterfurcht oder Dämonenfurcht übersetzen. , als in der Natur der Sache, oder der Ehrfurcht, die wir der Latona schuldig sind, gegründet zu sein scheint. Denn in der Tat ist nichts gewisser, als daß die Frösche zu Abdera und in der Gegend umher, die den Einwohnern bereits sehr beschwerlich sind, mit der Zeit sich unter einem solchen Schutze so überschwenglich vermehren werden, daß ich nicht begreife, wie unsre Nachkommen sich mit ihnen werden vergleichen können. Ich rede hier bloß menschlicher Weise, und unterwerfe meine Meinung dem Urteile der Obern, wie einem recht gesinnten Abderiten zukommt.»

«Daran tun Sie wohl», sagte Strobylus, «es mag nun Ihr Ernst sein oder nicht; und Sie würden, nehmen Sie mirs nicht übel, noch besser tun, wenn Sie dergleichen Meinungen gar nicht laut werden ließen. Übrigens kann nichts lächerlicher sein als sich vor Fröschen zu fürchten; und unter dem Schutze der Latona können wir, denke ich, gefährlichere Feinde verachten, als diese guten unschuldigen Tierchen jemals sein könnten, wenn sie auch unsre Feinde würden.»

«Das sollt ich auch denken», sagte Euripides. «Mich wundert, wie einem so großen Naturforscher als Demokrit unbekannt sein kann, daß die Frösche, die sich von Insekten und kleinen Schnecken nähren, dem Menschen vielmehr nützlich als schädlich sind.»

Der Priester Strobylus nahm diese Anmerkung so wohl auf, daß er von diesem Augenblick an ein hoher Gönner und Beförderer unsers Dichters wurde. Die Herren hatten sich kaum von ihm beurlaubt, so ging er in einige der besten Häuser, und versicherte, Euripides sei ein Mann von großen Verdiensten. «Ich habe sehr wohl bemerkt», sagte er, «daß er mit Demokriten nicht zum besten steht; er gab ihm ein- oder zweimal tüchtig auf die Kolbe. Er ist wirklich ein hübscher verständiger Mann – für einen Poeten.»

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