Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Christoph Martin Wieland >

Geschichte der Abderiten

Christoph Martin Wieland: Geschichte der Abderiten - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleGeschichte der Abderiten
authorChristoph Martin Wieland
year1987
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
isbn3-499-40013-8
titleGeschichte der Abderiten
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1774
Schließen

Navigation:

7. Kapitel

Was den Euripides nach Abdera geführt hatte, nebst einigen Geheimnachrichten von dem Hofe zu Pella.

So möglich es an sich selbst war, daß sich Euripides zu Abdera befinden konnte, und eben so gut in dem Augenblicke, wo der Nomophylax Gryllus auf ihn provozierte, als in jedem andern – und so gewohnt man dergleichen unvermuteter Erscheinungen auf dem Theater ist: so begreifen wir doch wohl, daß es eine andre Bewandtnis hat, wenn sich eine solche Erscheinung im Parterre ereignet; und es ist solchen Falls der Majestät der GeschichteEin Ausdruck, der vor kurzem von einem Französischen Schriftsteller bei einer solchen Gelegenheit gebraucht worden ist, daß er nun für unwiederbringlich ruiniert angesehen werden kann, und allein noch in einem Possenspiel auszustehen ist. gemäß, den Leser zu verständigen, wie es damit zugegangen sei. Wir wollen alles was wir davon wissen getreulich berichten: und sollte dem scharfsinnigen Leser dem ungeachtet noch einiger Zweifel übrig bleiben; so müßte es nur die allgemeine Frage betreffen, die sich bei jeder Begebenheit unter und über dem Monde aufwerfen läßt; nämlich, warum zum Beispiel just von einer Mücke, und just von dieser individuellen Mücke, just in dieser Sekunde – dieser zehnten Minute – dieser sechsten Nachmittagsstunde, dieses 10ten Augusts – dieses 1778sten Jahres gemeiner Zeitrechnung, just diese nämliche Frau oder Fräulein von *** nicht ins Gesicht, nicht in den Nacken, Ellnbogen, Busen, nicht auf die Hand, noch in die Ferse, usw. sondern gerade vier Daumen hoch über der linken Kniescheibe gestochen worden, usw. – und da bekennen wir ohne Scheu, daß wir auf dieses Warum nichts zu antworten wissen. – Fragt die Götter! könnten wir allenfalls mit einem großen Manne sagen: aber weil dieses eine heroische Antwort wäre, so halten wirs für anständiger, die Sache auf sich beruhen zu lassen.

Also – was wir wissen. Der König Archelaus in Macedonien, ein großer Liebhaber der schönen Künste und der schönen Geister (wie man damals gewisse verzärtelte Kinder der Natur nicht nannte, und wie man heutiges Tages einen jeden nennt, von dem man nicht sagen kann was er ist) – dieser König Archelaus war auf den Einfall gekommen ein eignes Hofschauspiel zu haben; und vermöge einer Zusammenkettung von Umständen, Ursachen, Mitteln und Zwecken, woran niemanden mehr viel gelegen sein kann, hatte er den Euripides unter sehr vorteilhaften Bedingungen vermocht, mit einer Gesellschaft ausgesuchter Schauspieler, Virtuosen, Baumeister, Maler und Maschinisten, kurz mit allem, was zu einem vollständigen Theaterwesen gehört, nach Pella an sein Hoflager zu kommen, und die Aufsicht über die neue Hofschaubühne zu übernehmen.

Auf dieser Reise war jetzt Euripides mit seiner ganzen Gesellschaft begriffen; und wiewohl der Weg über Abdera weder der einzige noch der kürzeste war, so hatte er ihn doch genommen, weil er Lust hatte, eine wegen des Witzes ihrer Einwohner so berühmte Republik mit eignen Augen zu sehen. Wie es aber gekommen, daß er just an dem nämlichen Tage eingetroffen, da der Nomophylax seine Andromeda zum ersten Male gab; davon können wir, wie gesagt, keine Rechenschaft geben. Dergleichen Apropos tragen sich häufiger zu als man denkt; und es ist wenigstens kein größeres Mirakel, als daß, zum Beispiel, der junge Herr von ** eben im Begriff war seine Beinkleider hinauf zu ziehen, als unvermutet seine Nähterin ins Zimmer trat, die seidnen Strümpfe, die er ihr zu stopfen geschickt hatte, zu überbringen – welches, wie Sie wissen, die Veranlassung zu einer zufälligen Begebenheit war, die in seiner hohen Familie wenigstens eben so große Bewegungen verursachte, als die unvorbereitete Erscheinung des Euripides in dem Abderitischen Parterre. Wer sich über so was wundern kann, muß sich nicht viel auf die ΔΑΙΜΟΝΙΑ verstehen, wie eben dieser Euripides sagt.

Übrigens, wenn wir sagten, daß der König Archelaus ein großer Liebhaber der schönen Künste und schönen Geister gewesen sei, so muß das eben nicht so genau und im strengsten Sinne der Worte genommen werden; denn es ist eigentlich nur so eine Art zu reden, und dieser Herr war im Grunde nichts weniger als ein Liebhaber der schönen Künste und schönen Geister. Das Wahre davon war: daß besagter König Archelaus seit einiger Zeit öfters lange Weile hatte – weil ihn alle seine vormaligen Belustigungen, als da sind – F**, G**, H**, I**, K**, L**, M**, usw. nicht länger belustigen wollten. Überdem war er ein Herr von großer Ambition, der sich von seinem Oberkammerherrn hatte sagen lassen, daß es schlechterdings unter die Zuständigkeiten eines großen Fürsten gehöre, Künste und Wissenschaften in seinen Schutz zu nehmen. «Denn», sagte der Oberkammerherr, «Ihre Majestät werden bemerkt haben, daß man niemals eine Statue, oder ein Brustbild eines großen Herrn auf einer Medallie usw. sieht, an dessen rechter Hand nicht eine Minerva stände, neben einem Trophee von Panzern, Fahnen, Spießen und Morgensternen – zur Linken knieen immer etliche geflügelte Jungen oder halb nackte Mädchen, mit Pinsel und Palet, Winkelmaß, Flöte, Leier und einer Rolle Papier in den Händen, die Künste vorstellend, die sich dem großen Herrn gleichsam zur Protektion empfehlen; oben drüber aber schwebt eine Fama mit der Trompete am Mund, anzudeuten, daß Könige und Fürsten sich durch den Schutz, den sie den Künsten angedeihen lassen, einen unsterblichen Ruhm erwerben, usw.»

Der König Archelaus hatte also die Künste in seinen Schutz genommen; und dem zufolge wissen uns die Geschichtschreiber ein Langes und Breites davon zu erzählen, wie viel er gebaut habe, und wie viel er auf Malerei und Bildhauerei, auf schöne Tapeten und andre schöne Möbeln verwandt; und wie alles, bis auf die Kommodität, bei ihm habe Hetrurisch sein müssen; und wie er berühmte Künstler, Virtuosen und schöne Geister an seinen Hof berufen habe, usw. welches alles (sagen sie) er um so mehr tat, weil ihm daran gelegen war, das Andenken der Übeltaten auszulöschen, durch die er sich den Weg zum Throne, zu dem er nicht geboren war, gebahnt hatte – wie Euer Edeln aus Ihrem Bayle mit mehrerm ersehen können.

Nach dieser kleinen Abschweifung kehren wir zu unserm Attischen Dichter zurück, den wir in einem schimmernden Zirkel von Abderiten und Abderitinnen vom ersten Range, unter einem grünen Pavillion im Garten des Archon Onolaus antreffen werden.

 << Kapitel 28  Kapitel 30 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.