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Geschichte der Abderiten

Christoph Martin Wieland: Geschichte der Abderiten - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleGeschichte der Abderiten
authorChristoph Martin Wieland
year1987
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
isbn3-499-40013-8
titleGeschichte der Abderiten
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1774
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6. Kapitel

Sonderbares Nachspiel, das die Abderiten mit einem unbekannten Fremden spielten, und dessen höchst unvermutete Entwicklung.

So bald das Stück geendigt war, und dieses betäubende Klatschen ein wenig nachließ, fragte man einander, wie gewöhnlich: «Nun, wie hat Ihnen das Stück gefallen?» und erhielt überall die gewöhnliche Antwort: «Sehr wohl!» Einer von den jungen Herren, der für einen vorzüglichen Kenner galt, richtete die große Frage auch an einen etwas bejahrten Fremden, der in einer der mittlern Reihen saß, und dem Ansehen nach kein gemeiner Mann zu sein schien. Der Fremde, der sichs vielleicht schon gemerkt hatte was man zu Abdera auf eine solche Frage antworten mußte, war so ziemlich bald mit seinem Sehr wohl heraus: aber weil seine Miene diesen Beifall etwas verdächtig machte, und sogar eine unfreiwillige, wiewohl ganz schwache Bewegung der Achseln, womit er ihn begleitete, für ein Achselzucken ausgedeutet werden konnte, so ließ ihn der junge Abderitische Herr nicht so wohlfeil durchwischen. «Es scheint», sagte er, «das Stück hat Ihnen nicht gefallen? Es passiert doch für eine der besten Piecen von Euripides!»

«Das Stück mag nicht so übel sein», erwiderte der Fremde.

«So haben Sie vielleicht an der Musik etwas auszusetzen?»

«An der Musik? – O was die Musik betrifft, die ist eine Musik – wie man sie nur zu Abdera hört.»

«Sie sind sehr höflich! In der Tat, unser Nomophylax ist ein großer Mann in seiner Art.»

«Ganz gewiß!»

«So sind Sie vermutlich mit den Schauspielern nicht zufrieden?»

«Ich bin mit der ganzen Welt zufrieden.»

«Ich dächte doch, die Andromeda hätte ihre Rolle scharmant gemacht?»

«O sehr scharmant!»

«Sie tut einen großen Effekt, nicht wahr?»

«Das werden Sie am besten wissen; ich bin dazu nicht mehr jung genug.»

«Wenigstens gestehen Sie doch, daß Perseus ein großer Schauspieler ist?»

«In der Tat, ein hübscher wohl gewachsner Mensch!»

«Und die Chöre? das waren doch Chöre, die dem Meister Ehre machten! Finden Sie zum Beispiel den Einfall, wie die Nereiden eingeführt werden, nicht ungemein glücklich?»

Der Fremde schien des Abderiten satt zu sein. «Ich finde», versetzte er mit einiger Ungeduld, «daß die Abderiten glücklich sind, an allen diesen Dingen so viel Freude zu haben.»

«Mein Herr», sagte der Gehlschnabel in einem spöttelnden Tone, «gestehen Sie nur, daß das Stück die Ehre und das Glück nicht gehabt hat, Ihren Beifall zu erhalten.»

«Was ist Ihnen an meinem Beifall gelegen? Die Majora entscheiden.»

«Da haben Sie recht. Aber ich möchte doch um Wunders willen hören, was Sie denn gegen unsre Musik oder gegen unsre Schauspieler einwenden könnten.»

«Könnten?» sagte der Fremde etwas schnell, hielt aber gleich wieder an sich. – «Verzeihen Sie mir, ich mag niemand sein Vergnügen abdisputieren. Das Stück, wie es da gespielt wurde, hat zu Abdera allgemein gefallen; was wollen Sie mehr?»

«Nicht so allgemein, da es Ihnen nicht gefallen hat!»

«Ich bin ein Fremder –»

«Fremd oder nicht, Ihre Gründe möcht ich hören! Hi, hi, hi! Ihre Gründe, mein Herr, Ihre Gründe! Die werden doch wenigstens keine Fremde sein? Hi, hi, hi, hi!»

Dem Fremden fing die Geduld an auszugehen. «Junger Herr», sagte er, «ich habe für meinen Anteil an Ihrem Schauspiel bezahlt; denn ich habe geklatscht wie ein andrer. Lassen Sies damit gut sein! Ich bin im Begriff wieder abzureisen. Ich habe meine Geschäfte.»

«Ei, ei», sagte ein andrer Abderitischer junger Mensch der dem Gespräch zugehört hatte, «Sie werden uns ja nicht schon verlassen wollen? Sie scheinen ein großer Kenner zu sein; Sie haben unsre Neugier, unsre Lehrbegierde (er sagte dies mit einem dumm-naseweisen Hohnlächeln) gereizt; wir lassen Sie wahrlich nicht gehen, bis Sie uns gesagt haben, was Sie an dem heutigen Singspiel zu tadeln finden. Ich will nichts von den Worten sagen, ich bin kein Kenner: aber die Musik, dächt ich, war doch unvergleichlich?»

«Das müßten am Ende doch wohl die Worte entscheiden, wie Sies nennen», sagte der Fremde.

«Wie meinen Sie das? Ich denke, Musik ist Musik, und man braucht nur Ohren zu haben, um zu hören was schön ist.»

«Ich gebe Ihnen zu, wenn Sie wollen», erwiderte jener, «daß schöne Stellen in dieser Musik sind; es mag überhaupt eine gelehrte, nach allen Regeln der Kunst zugeschnittene, schulgerechte, artikelmäßige Musik sein: ich habe dagegen nichts; ich sage nur, daß es keine Musik zur Andromeda des Euripides ist!»

«Sie meinen, daß die Worte besser ausgedrückt sein sollten?»

«O die Worte sind zuweilen nur zu sehr ausgedrückt, aber im Ganzen, meine Herren, im Ganzen ist der Sinn und Ton des Dichters verfehlt. Der Charakter der Personen, die Wahrheit der Leidenschaften und Empfindungen, das eigene Schickliche der Situationen – das, was die Musik sein kann und sein muß, um Sprache der Natur, Sprache der Leidenschaft zu sein – was sie sein muß, damit der Dichter auf ihr wie in seinem Elemente schwimme, und empor getragen, nicht ersäuft werde – das alles ist durchaus verfehlt – kurz, das Ganze taugt nichts! – Da haben Sie meine Beichte in drei Worten!»

«Das Ganze», schrien die beiden Abderiten, «das Ganze taugt nichts? Nun, das ist viel gesagt! Wir möchten wohl hören, wie Sie das beweisen wollten?» Die Lebhaftigkeit, womit unsre beiden Verfechter ihres vaterländischen Geschmacks dem graubärtigen Fremden zusetzten, hatte bereits verschiedne andre Abderiten herbei gezogen; jedermann wurde aufmerksam auf einen Streit, der die Ehre ihres Nationaltheaters zu betreffen schien. Alles drängte sich hinzu; und der Fremde, wiewohl er ein langer stattlicher Mann war, fand für nötig sich an einen Pfeiler zurückzuziehen, um wenigstens den Rücken frei zu behalten.

«Wie ich das beweisen wollte?» erwiderte er ganz gelassen: «ich werde es nicht beweisen! Wenn Sie das Stück gelesen, die Aufführung gesehen, die Musik gehört haben, und können noch verlangen, daß ich Ihnen mein Urteil davon beweisen soll: so würd ich Zeit und Atem verlieren, wenn ich mich weiter mit Ihnen einließe.»

«Der Herr ist, wie ich höre, ein wenig schwer zu befriedigen», sagte ein Ratsherr, der sich ins Gespräch mischen wollte, und dem die beiden jungen Abderiten aus Respekt Platz machten. – «Wir haben doch hier in Abdera auch Ohren! Man läßt zwar jedem seine Freiheit; aber gleichwohl –»

«Wie? was? was gibts da?» schrie der kurze dicke Ratsherr, der auch herbei gewatschelt kam: «hat der Herr da etwas wider das Stück einzuwenden? Das möcht ich hören! ha, ha, ha! Eins der besten Stücke, mein Treu! die seit langem aufs Theater gekommen sind! Viel Aktion! Viel – ä! – ä! – Was ich sage! Ein schön Stück! Und schöne Moral!»

«Meine Herren», sagte der Fremde, «ich habe Geschäfte. Ich kam hierher, um ein wenig auszurasten; ich habe geklatscht wie der Landesgebrauch es mit sich bringt, und wäre still und friedlich wieder meines Weges gegangen, wenn mich diese jungen Herren hier nicht auf die zudringlichste Art genötigt hätten, ihnen meine Meinung zu sagen.»

«Sie haben auch vollkommnes Recht dazu», erwiderte der andre Ratsherr, der im Grunde kein großer Verehrer des Nomophylax war, und aus politischen Ursachen seit einiger Zeit auf Gelegenheit lauerte, ihm mit guter Art weh zu tun. «Sie sind ein Kenner der Musik, wie es scheint, und –»

«Ich spreche nach meiner Überzeugung», sagte der Fremde.

Die Abderiten um ihn her wurden immer lauter.

Endlich kam Herr Gryllus, der von fern gehört hatte daß die Rede von seiner Musik war, in eigner Person dazu. Er hatte eine ganz eigne Art die Augen zusammen zu ziehen, die Nase zu rümpfen, die Achseln zu zucken, zu grinsen und zu meckern, wenn er jemand, mit dem er sich in einen Wortwechsel einließ, seine Verachtung zum voraus zu empfinden geben wollte. – «So?» sagte er, «hat meine Komposition nicht das Glück dem Herren zu gefallen? – Er ist also ein Kenner? Hä, hä, hä! – Versteht ohne Zweifel die Setzkunst? Ha?»

«Es ist der Nomophylax», – sagte jemand dem Fremden ins Ohr – um ihn durch die Entdeckung des hohen Rangs des Mannes, von dessen Werke er so ungünstig geurteilt hatte, auf einmal zu Boden zu schlagen.

Der Fremde machte dem Nomophylax sein Kompliment, wie es in Abdera Sitte war, und schwieg.

«Nun, ich möchte doch hören, was der Herr gegen die Komposition vorzubringen hätte? Für die Fehler des Or chesters geb ich kein gut Wort; aber hundert Drachmen für einen Fehler in der Komposition! Hä, hä, hä! Nun! Lassen Sie hören!»

«Ich weiß nicht was Sie Fehler nennen», sagte der Fremde; «meines Bedünkens hat die ganze Musik, wovon die Rede ist, nur Einen Fehler.»

«Und der ist?» grinste der Nomophylax naserümpfend –

«Daß der Sinn und Geist des Dichters durchaus verfehlt ist», antwortete der Fremde.

«So? Nichts weiter? Hä, hä, hä, hä! Ich hätte also den Dichter nicht verstanden? Und das wissen Sie? Denken Sie daß wir hier nicht auch Griechisch verstehen? Oder haben Sie dem Poeten etwa im Kopfe gesessen? Hi, hi, hi!»

«Ich weiß was ich sage», versetzte der Fremde; «und wenns denn sein muß, so erbiet ich mich, von Vers zu Vers durchs ganze Stück mein Urteil zu Olympia vor dem ganzen Griechenlande zu beweisen.»

«Das möchte zu viel Umstände machen», sagte der politische Ratsherr.

«Es brauchts auch nicht», rief der Nomophylax. «Morgen geht ein Schiff nach Athen; ich schreibe an den Euripides, an den Dichter selbst; schicke ihm die ganze Musik! Der Herr wird das Stück doch wohl nicht besser verstehen wollen als der Dichter selbst? – Sie alle hier unterschreiben sich als Zeugen. – Euripides soll selbst den Ausspruch tun!»

«Diese Mühe können Sie sich ersparen», sagte der Fremde lächelnd; «denn, um dem Handel mit Einem Wort ein Ende zu machen, der Euripides, an den Sie appellieren – bin ich selbst.»

Unter allen möglichen schlimmen Streichen, welche Euripides dem Nomophylax von Abdera hätte spielen können, war unstreitig der schlimmste, daß er – in dem Augenblicke, da man an ihn als an einen Abwesenden appellierte – in eigner Person da stand. Aber wer konnte sich auch einen solchen Streich vermuten? Was, zum Anubis! hatte er in Abdera zu tun? Und gerade in dem Augenblicke, wo man lieber den Lernäischen Drachen gesehen hätte als ihn? Wär er, wie man doch natürlicher Weise glauben mußte, zu Athen gewesen, wo er hin gehörte – nun so wäre alles seinen ordentlichen Weg gegangen. Der Nomophylax hätte seine Musik mit einem hübschen Briefe begleitet, und seinem Namen alle seine Titel und Würden beigefügt. Das hätte doch wirken müssen! Euripides hätte eine urbane Attische Antwort gegeben; Gryllus hätte sie in ganz Abdera lesen lassen: und wer hätte ihm dann den Sieg über den Fremden streitig machen wollen? – Aber daß der Fremde, der naseweise kritische Fremde, der ihm so frisch ins Gesicht gesagt hatte, was in Abdera niemand einem Nomophylax ins Gesicht sagen durfte, Euripides selbst war: das war einer von den Zufällen, auf die ein Mann wie er sich nicht gefaßt gehalten hatte, und die vermögend wären, jeden andern als – einen Abderiten zu Schanden zu machen.

Der Nomophylax wußte sich zu helfen; indessen betäubte ihn doch der erste Schlag auf einen Augenblick. Euripides! rief er und prallte drei Schritte zurück; und Euripides! riefen im nämlichen Augenblicke der politische Ratsherr, der kurze dicke Ratsherr, die beiden jungen Herren und alle Umstehende, indem sie ganz erstaunt herum guckten, als ob sie sehen wollten, aus welcher Wolke Euripides so auf einmal mitten unter sie herab gefallen sei.

Der Mensch ist nie ungeneigter zu glauben, als wenn er von einer Begebenheit überrascht wird, an die er gar nicht als eine mögliche Sache gedacht hatte. – Wie? Das sollte Euripides sein? Der nämliche Euripides, von dem die Rede war? der die Andromeda gemacht? an den der Nomophylax zu schreiben drohte? – Wie konnte das zugehen?

Der politische Ratsherr war der erste, der sich aus dem allgemeinen Erstaunen erholte. – «Ein glücklicher Zufall, wahrhaftig», rief er, «beim Kastor! ein glücklicher Zufall, Herr Nomophylax! So brauchen Sie Ihre Musik nicht abschreiben zu lassen, und ersparen einen Brief.»

Der Nomophylax fühlte die ganze Wichtigkeit des Moments: und wenn der ein großer Mann ist, der in einem solchen entscheidenden Augenblick auf der Stelle die einzige Partei ergreift, die ihn aus der Schwierigkeit ziehen kann; so muß man gestehen, daß Gryllus eine starke Anlage hatte, ein großer Mann zu sein. – «Euripides!» rief er – «Wie? Der Herr sollte so auf einmal Euripides geworden sein? Hä, hä, hä! Der Einfall ist gut! Aber wir lassen uns hier in Abdera nicht so leicht Schwarz für Weiß geben.»

«Das wäre lustig», sagte der Fremde, «wenn ich mir in Abdera das Recht an meinen Namen streitig machen lassen müßte.»

«Verzeihen Sie, mein Herr», fiel der Sykophant des Thrasyllus ein, «nicht das Recht an Ihren Namen, sondern das Recht, sich für den Euripides auszugeben, auf den der Nomophylax provozierte. Sie können Euripides heißen; ob Sie aber Euripides sind, das ist eine andere Frage.»

«Meine Herren», sagte der Fremde, «ich will alles sein was Ihnen beliebt, wenn Sie mich nur gehen lassen wollen. Ich verspreche Ihnen, mit diesem Schritte gehe ich den geradesten Weg, den ich finden werde, zu Ihrem Tore hinaus, und der Nomophylax soll mich – komponieren, wenn ich in meinem Leben wieder komme!»

«Nä, nä, nä», rief der Nomophylax, «das geht so hurtig nicht! Der Herr hat sich für den Euripides ausgegeben, und nun da er sieht daß es Ernst gilt, tritt er auf die Hinterbeine – Nä! so haben wir nicht gewettet! Er soll nun beweisen, daß er Euripides ist, oder – so wahr ich Gryllus heiße –»

«Erhitzen Sie sich nicht, Herr Kollege», sagte der politische Ratsherr. «Ich bin zwar kein Physiognomist: aber der Fremde sieht mir doch völlig darnach aus daß er Euripides sein könnte; und ich wollte unmaßgeblich raten, piano zu gehen.»

«Mich wundert», fing einer von den Umstehenden an, «daß man hier so viel Worte verlieren mag, da der ganze Handel in Ja und Nein entschieden sein könnte. Da, oben über dem Portal, steht ja die Büste des Euripides leibhaftig. Es braucht ja nichts weiter, als zu sehen ob der Fremde der Büste gleich sieht.»

«Bravo, bravo!» schrie der kleine dicke Ratsherr; «das ist doch ein Wort von einem gescheuten Manne! Ha, ha, ha! Die Büste! das ist gar keine Frage, die Büste muß den Ausspruch tun – wiewohl sie nicht reden kann, ha, ha, ha, ha, ha!»

Die umstehenden Abderiten lachten alle aus vollem Halse über den witzigen Einfall des kurzen runden Männchens, und nun lief alles was Füße hatte dem Portale zu. Der Fremde ergab sich mit guter Art in sein Schicksal, ließ sich von vorn und hinten betrachten, und Stück für Stück mit seiner Büste vergleichen so lange sie wollten. Aber leider! die Vergleichung konnte unmöglich zu seinem Vorteil ausfallen; denn besagte Büste sah jedem andern Menschen oder Tier ähnlicher als ihm.

«Nun», schrie der Nomophylax triumphierend – «was kann der Herr nun zu seinem Vorstand sagen?»

«Ich kann etwas sagen, (versetzte der Fremde, den die Komödie nach gerade zu belustigen anfing) woran von Ihnen allen keiner zu denken scheint: wiewohl es eben wahr ist, als daß Sie – Abderiten und ich Euripides bin.»

«Sagen, sagen!» grinste der Nomophylax; «man kann freilich viel sagen, wenn der Tag lang ist, hä, hä, hä! – Und was kann der Herr sagen?»

«Ich sage, daß diese Büste dem Euripides ganz und gar nicht ähnlich sieht.»

«Nein, mein Herr», rief der dicke Ratsherr, «das müssen Sie nicht sagen! Die Büste ist eine schöne Büste; sie ist von weißem Marmor, wie Sie sehen, Marmor von Paros, straf mich Jupiter! und kostet uns hundert bare Dariken Species, das können Sie mir nachsagen! – Es ist ein schönes Stück von unserm Stadtbildhauer – Ein geschickter berühmter Mann! – nennt sich Moschion – werden von ihm gehört haben? – ein berühmter Mann! – Und, wie gesagt, alle Fremden, die noch zu uns gekommen sind, haben die Büste bewundert! Sie ist echt, das können Sie mir nachsagen! Sie sehen ja selbst, es steht mit großen goldnen Buchstaben drunter ΕΥΡΙΠΙΔΗΣ.»

«Meine Herren», sagte der Fremde, der alle seine angeborne Ernsthaftigkeit zusammen nehmen mußte um nicht auszubersten, «darf ich nur eine einzige Frage tun?»

«Von Herzen gern», riefen die Abderiten.

«Gesetzt», fuhr jener fort, «es entstände zwischen mir und meiner Büste ein Streit darüber, wer mir am ähnlichsten sehe – wem wollen Sie glauben, der Büste oder mir

«Das ist eine kuriose Frage», sagte der Abderiten einer, sich hinter den Ohren kratzend.

«Eine kaptiose Frage, beim Jupiter!» rief ein andrer: «nehmen Sie sich in acht, was Sie antworten, Hochgeachter Herr Ratsherr!»

«Ist der dicke Herr ein Ratsherr dieser berühmten Republik?» – fragte der Fremde mit einer Verbeugung – «so bitte ich sehr um Verzeihung! Ich gestehe, die Büste ist ein schmuckes glattes Werk, von schönem Parischen Marmor; und wenn sie mir nicht ähnlich sieht, so kommt es wohl bloß daher, weil Ihr berühmter Stadtbildhauer die Büste schöner gemacht hat als die Natur – mich. Es ist immer ein Beweis seines guten Willens, und der verdient alle meine Dankbarkeit.»

Dieses Kompliment tat eine große Wirkung; denn die Abderiten hattens gar zu gern, wenn man fein höflich mit ihnen sprach. – «Es muß doch wohl Euripides selber sein», murmelte einer dem andern ins Ohr; und der dicke Ratsherr selbst bemerkte, bei nochmaliger Vergleichung der Büste mit dem Fremden, daß die Bärte einander vollkommen ähnlich wären.

Zu gutem Glücke kam der Archon Onolaus und sein Neffe Onobulus dazu, der den Euripides zu Athen hundertmal gesehen und öfters gesprochen hatte.

Die Freude des jungen Onobulus über eine so unverhoffte Zusammenkunft, und seine positive Bejahung, daß der Fremde wirklich der berühmte Euripides sei, hieb den Knoten auf einmal durch; die Abderiten versicherten nun einer den andern: sie hättens ihm gleich beim allerersten Blick angesehen.

Der Nomophylax, wie er sah, daß Euripides gegen seine Büste recht behielt, machte sich seitwärts davon. – «Ein verdammter Streich!» brummte er zwischen den Zähnen vor sich her: «wozu brauchte er aber auch so hinterm Berge zu halten? Wenn er wußte daß er Euripides war, warum ließ er sich mir nicht präsentieren? Da hätte alles einen ganz andern Schwung genommen!»

Der Archon Onolaus, der in solchen Fällen gemeiniglich die Honneurs der Stadt Abdera zu machen pflegte, lud den Dichter mit großer Höflichkeit ein, das Gastrecht bei ihm zu nehmen, und bat sich zugleich von dem politischen und dicken Ratsherren die Ehre auf den Abend aus; welches beide mit vielem Vergnügen annahmen.

«Dacht ichs nicht gleich? (sagte der dicke Ratsherr zu einem der Umstehenden) Der leibhaftige Euripides! Bart, Nase, Stirn, Ohrenläppchen, Augenbrauen, alles auf ein Haar! Man kann nichts gleichers sehen! Wo doch wohl der Nomophylax seine Sinne hatte? Aber, – ja, ja, er mochte wohl ein bißchen zu tief – Hm! Sie verstehen mich? – Cantores amant humores – Ha, ha, ha, ha! – Basta! Desto besser, daß wir den Euripides bei uns haben! Was ich sage, ein feiner Mann, beim Jupiter! und der uns viel Spaß machen soll! Ha, ha, ha!»

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