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Geschichte der Abderiten

Christoph Martin Wieland: Geschichte der Abderiten - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleGeschichte der Abderiten
authorChristoph Martin Wieland
year1987
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
isbn3-499-40013-8
titleGeschichte der Abderiten
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1774
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5. Kapitel

Die Andromeda des Euripides wird aufgeführt. Großer Sukzeß des Nomophylax, und was die Sängerin Eukolpis dazu beigetragen. Ein paar Anmerkungen über die übrigen Schauspieler, die Chöre und die Dekoration.

Das Stück, das diesen Abend gespielt wurde, war die Andromeda des Euripides; eines von den sechzig oder siebzig Werken dieses Dichters, wovon nur wenige kleine Späne und Splitter der Vernichtung entronnen sind. Die Abderiten trugen, ohne eben sehr zu wissen warum, große Ehrerbietung für den Namen Euripides und alles was diesen Namen trug. Verschiedne seiner Tragödien oder Singspiele (wie wir sie eigentlich nennen sollten) waren schon öfters aufgeführt, und allemal sehr schön gefunden worden. Die Andromeda, eines der neuesten, wurde jetzt zum ersten Mal auf die Abderitische Schaubühne gebracht. Der Nomophylax hatte die Musik dazu gemacht, und (wie er seinen Freunden ziemlich laut ins Ohr sagte) diesmal sich selbst übertroffen; das heißt, der Mann hatte sich vorgesetzt, alle seine Künste auf einmal zu zeigen, und darüber war ihm der gute Euripides unvermerkt ganz aus den Augen gekommen. Kurz, Herr Gryllus hatte sich selbst komponiert; unbekümmert, ob seine Musik den Text, oder der Text seine Musik zu Unsinn mache – welches denn gerade der Punkt war, der auch die Abderiten am wenigsten kümmerte. Genug, sie machte großen Lärm, hatte (wie seine Brüder, Vettern, Schwäger, Klienten und Hausbedienten, als sämtliche Kenner, versicherten) sehr erhabne und rührende Stellen, und wurde mit dem lautesten entschiedensten Beifall aufgenommen. Nicht als ob nicht sogar in Abdera noch hier und da Leute gesteckt hätten, die – weil sie vielleicht etwas dünnere Ohren auf die Welt gebracht als ihre Mitbürger, oder weil sie anderswo was bessers gehört haben mochten – einander unter vier Augen gestanden: daß der Nomophylax, mit aller seiner Anmaßung ein Orpheus zu sein, nur ein Leiermann, und das beste seiner Werke eine Rhapsodie ohne Geschmack und meistens auch ohne Sinn sei. Diese Wenigen hatten sich ehmals sogar erkühnt, etwas von dieser ihrer Heterodoxie ins Publikum erschallen zu lassen: aber sie waren jedesmal von den Verehrern der Gryllischen Muse so übel empfangen worden, daß sie, um mit heiler Haut davon zu kommen, für gut befanden, sich in Zeiten der Majorität zu submittieren; und nun waren diese Herren immer die, die bei den elendesten Stellen am ersten und lautesten klatschten.

Das Orchester tat diesmal sein Äußerstes, um sich seines Oberhauptes würdig zu zeigen. «Ich hab ihnen aber auch alle Hände voll zu tun gegeben», sagte Gryllus, und schien sich viel darauf zugut zu tun, daß die armen Leute schon im zweiten Akt keinen trocknen Faden mehr am Leibe hatten.

Im Vorbeigehen gesagt, das Orchester war eins von den Instituten, worin die Abderiten es mit allen Städten in der Welt aufnahmen. Das erste, was sie einem Fremden davon sagten, war: daß es hundertundzwanzig Köpfe stark sei. «Das Athenische», pflegten sie mit bedeutendem Akzent hinzu zu setzen, «soll nur achtzig haben: aber freilich mit hundertundzwanzig Mann läßt sich auch was ausrichten!» – Wirklich fehlte es unter so vielen nicht an geschickten Leuten, wenigstens an solchen, aus denen ein Vorsteher, wie – in Abdera keiner war noch sein konnte, etwas hätte machen können. Aber was half das ihrem Musikwesen? Es war nun einmal im Götterrate beschlossen, daß im Thracischen Athen nichts an seinem Platze, nichts seinem Zweck entsprechend, nichts recht und nichts ganz sein sollte. Weil die Leute wenig für ihre Mühe hatten, so glaubte man auch nicht viel von ihnen fordern zu können; und weil man mit einem jeden zufrieden war, der sein Bestes tat (wie sies nannten), so tat Niemand sein Bestes. Die Geschickten wurden lässig, und wer noch auf halbem Wege war, verlor den Mut und zuletzt auch das Vermögen weiter zu kommen. Wofür hätten sie sich am Ende auch Mühe um Vollkommenheit geben sollen, da sie für Abderitische Ohren arbeiteten? – Freilich hatten die leidigen Fremden auch Ohren: aber sie hatten doch keine Stimme zu geben, fandens auch nicht einmal der Mühe wert, oder waren zu höflich oder zu politisch, gegen den Geschmack von Abdera Sturm laufen zu wollen. Der Nomophylax, so dumm er war, merkte zwar selbst so gut als ein andrer, daß es nicht so recht ging wie es sollte. Aber außerdem, daß er keinen Geschmack hatte, oder (welches auf Eins hinaus lief) daß ihm nichts schmeckte was er nicht selbst gekocht hatte, und er also immer die rechten Mittel, wodurch es besser werden konnte, verfehlte – war er auch zu träge und zu ungeschmeidig, sich mit andern auf die gehörige Art abzugeben. Vielleicht mocht ers auch am Ende wohl leiden, daß er, wenn sein Leierwerk (wie wohl zuweilen geschah) sogar den Abderiten nicht recht zu Ohren gehen wollte, die Schuld aufs Orchester schieben, und die Herren und Damen, die ihm Ehren halber ihr Kompliment deswegen machten, versichern konnte: daß nicht eine Note, so wie er sie gedacht und geschrieben habe, vorgetragen worden sei. Allein das war doch immer nur eine Feuertüre für den Notfall. Denn aus dem naserümpfenden Tone, womit er von allen andern Orchestern zu sprechen pflegte, und aus den Verdiensten, die er sich um das Abderitische beilegte, mußte man schließen, daß er so gut damit zufrieden war, als es – einem patriotischen Nomophylax von Abdera ziemte.

Wie es aber auch mit der Musik dieser Andromeda und ihrer Ausführung beschaffen sein mochte: gewiß ist, daß in langer Zeit kein Stück so allgemein gefallen hatte. Dem Sänger, der den Perseus spielte, wurde so gewaltig zugeklatscht, daß er mitten in der schönsten Szene aus dem Tone kam, und in eine Stelle aus dem Kyklops sich verirrte. Andromeda – in der Szene, wo sie, an den Felsen gefesselt, von allen ihren Freunden verlassen und dem Zorn der Nereiden preisgegeben, angstvoll das Auftauchen des Ungeheuers erwartet – mußte ihren Monolog dreimal wiederholen. Der Nomophylax konnte seine Freude über einen so glänzenden Erfolg nicht bändigen. Er ging von Reihe zu Reihe herum, den Tribut von Lob einzusammeln, der ihm aus allen Lippen entgegen schallte; und mitten unter der Versichrung, daß ihm zu viel Ehre widerfahre, gestand er, daß er selbst mit keinem seiner Spielwerke (wie er seine Opern mit vieler Bescheidenheit zu nennen beliebte) so zufrieden sei wie mit dieser Andromeda.

Indessen hätt er doch, um sich selbst und den Abderiten Gerechtigkeit zu erweisen, wenigstens die Hälfte des glücklichen Erfolgs auf Rechnung der Sängerin Eukolpis setzen müssen, die zwar vorher schon im Besitz zu gefallen war, aber als Andromeda Gelegenheit fand, sich in einem so vorteilhaften Lichte zu zeigen, daß die jungen und alten Herren von Abdera sich gar nicht satt an ihr – sehen konnten. Denn da war so viel zu sehen, daß ans Hören gar nicht zu denken war . Eukolpis war eine große wohl gedrehte Figur – zwar um ein namhaftes materieller, als man in Athen zu einer Schönheit erforderte – aber in diesem Stücke waren die Abderiten (wie in vielen andern) ausgemachte Thracier; und ein Mädchen, aus welchem ein Bildhauer in Sicyon zwei gemacht hätte, war nach ihrem angenommenen Ebenmaß ein Wunder von einer Nymphenfigur. Da die Andromeda nur sehr dünn angezogen sein durfte, so hatte Eukolpis, die sich stark bewußt war, worin eigentlich die Kraft ihres Zaubers liege, eine Draperie von rosenfarbnem Koischem Zeug erfunden, unter welcher, ohne daß der Wohlstand sich allzu sehr beleidigt finden konnte, von den schönen Formen, die man an ihr bewunderte, wenig oder nichts für die Zuschauer verloren ging. Nun hatte sie gut singen. Die Komposition hätte, wo möglich, noch abgeschmackter, und ihr Vortrag noch zehnmal fehlerhafter sein können; immer würde sie ihren Monolog haben wiederholen müssen, weil das doch immer der ehrlichste Vorwand war, sie desto länger mit lüsternen Blicken – betasten zu können. «Wahrlich, beim Jupiter, ein herrliches Stück!» sagte einer zum andern mit halb geschloßnen Augen; «ein unvergleichliches Stück!» – «Aber finden Sie nicht auch, daß Eukolpis heute wie eine Göttin singt?» – «O über allen Ausdruck! Es ist, beim Anubis! nicht anders als ob Euripides das ganze Stück bloß um ihretwillen gemacht hätte!» – Der junge Herr, der dies sagte, pflegte immer beim Anubis zu schwören, um zu zeigen, daß er in Ägypten gewesen sei.

Die Damen, wie leicht zu erachten, fanden die neue Andromeda nicht ganz so wundervoll als die Mannspersonen. – «Nicht übel! Ganz artig!» sagten sie. «Aber wie kommts, daß die Rollen diesmal so unglücklich ausgeteilt wurden? Das Stück verlor dadurch. Man hätte die Rollen vertauschen und die Mutter der dicken Eukolpis geben sollen! Zu einer Kassiopeia hätte sie sich trefflich geschickt.» – Gegen ihren Anzug, Kopfputz usw. war auch viel zu erinnern. – Sie war nicht zu ihrem Vorteil aufgesetzt – der Gürtel war zu hoch, und zu stark geschürzt – und besonders fand man die Ziererei ärgerlich, immer ihren Fuß zu zeigen, auf dessen unproportionierte Kleinheit sie sich ein wenig zu viel einbilde, – sagten die Damen, die aus dem entgegen gesetzten Grunde die ihrigen zu verbergen pflegten. Indessen kamen doch Frauen und Herren sämtlich darin überein, daß sie überaus schön singe, und daß nichts niedlicher sein könne als die Arie, worin sie ihr Schicksal bejammerte. Eukolpis, wiewohl ihr Vortrag wenig taugte, hatte eine gute, klingende und biegsame Stimme; aber was sie eigentlich zur Lieblingssängerin der Abderiten gemacht hatte, war die Mühe, die sie sich mit ziemlichem Erfolge gegeben, den Nachtigallen gewisse Läufer und Tonfälle abzulernen, in welchen sie sich selbst und ihren Zuhörern so wohl gefiel, daß sie solche überall, zu rechter Zeit und zur Unzeit, einmischte, und immer damit willkommen war. Sie mochte zu tun haben was sie wollte, zu lachen oder zu weinen, zu klagen oder zu zürnen, zu hoffen oder zu fürchten: immer fand sie Gelegenheit, ihre Nachtigallen anzubringen, und war immer gewiß beklatscht zu werden, wenn sie gleich die besten Stellen damit verdorben hatte.

Von den übrigen Personen, die den Perseus als den ersten Liebhaber, den Agenor, vormaligen Liebhaber der Andromeda, den Vater, die Mutter, und einen Priester des Neptuns vorstellten, finden wir nicht viel mehr zu sagen, als daß man im Einzelnen zwar sehr viel an ihnen auszusetzen hatte, im Ganzen aber sehr wohl mit ihnen zufrieden war. Perseus war ein schön gewachsner Mensch, und hatte ein großes Talent einen – Abderitischen Pickelhäring zu machen. Der vorerwähnte Kyklops, im Satirenspiele dieses Namens, war seine Meisterrolle. «Er spielt den Perseus gar schön», sagten die Abderitinnen; «nur schade daß ihm immer unvermerkt der Kyklops dazwischen kommt.» – Kassiopeia, ein kleines zieraffiges Ding, voll angemaßter Grazien, hatte keinen einzigen natürlichen Ton; aber sie galt alles bei der Gemahlin des zweiten Archon, hatte eine gar drollige Manier kleine Liedchen zu singen, und tat ihr Bestes. – Der Priester des Neptuns brüllte einen ungeheuern Matrosenbaß; und Agenor – sang so elend als einem zweiten Liebhaber zusteht. Er sang zwar auch nicht besser, wenn er den ersten machte; aber weil er sehr gut tanzte, so hatte er eine Art von Freibrief erhalten, desto schlechter singen zu dürfen. Er tanzt sehr schön, war immer die Antwort der Abderiten, wenn jemand anmerkte, daß sein Krächzen unerträglich sei; indessen tanzte Agenor nur selten, und sang hingegen in allen Singspielen und Operetten.

Um die Schönheit dieser Andromeda ganz zu übersehen, muß man sich noch zwei Chöre, einen von Nereiden, und einen von den Gespielinnen der Andromeda einbilden, beide aus verkleideten Schuljungen bestehend, die sich so ungebärdig dazu anschickten, daß die Abderiten (zu ihrem großen Troste) genug und satt zu lachen bekamen. Besonders tat der Chor der Nereiden, durch die Erfindungen, die der Nomophylax dabei angebracht hatte, die schnurrigste Wirkung von der Welt. Die Nereiden erschienen mit halbem Leib aus dem Wasser hervor ragend, mit falschen gelben Haaren, und mit mächtigen falschen Brüsten, die von fern recht natürlich wie – ausgestopfte Bälle und also sich selbst vollkommen gleich sahen. Die Symphonie, unter welcher diese Meerwunder heran geschwommen kamen, war eine Nachahmung des berühmten Wreckeckeck Koax Koax in den Fröschen des Aristophanes; und, um die Illusion vollkommner zu machen, hatte Herr Gryllus verschiedene Kuhhörner angebracht, die von Zeit zu Zeit einfielen, um die auf ihren Schneckenmuscheln blasenden Tritonen nachzuahmen.

Von den Dekorationen wollen wir, beliebter Kürze halber, weiter nichts sagen, als daß sie – von den Abderiten sehr schön gefunden wurden. Insonderheit bewunderte man einen Sonnenuntergang, den sie vermittelst eines mit langen Schwefelhölzern besteckten Windmühlenrades zuwege brachten; welches einen guten Effekt getan hätte, sagten sie, wenn es nur ein wenig schneller umgetrieben worden wäre. Bei der Art, wie Perseus mit seinen Merkurstiefeln aufs Theater angeflogen kam, wünschten die Abderitischen Kenner, daß man die Stricke, in denen er hing, luftfarbig angestrichen hätte, damit sie nicht so gar deutlich in die Augen gefallen wären.

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