Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Christoph Martin Wieland >

Geschichte der Abderiten

Christoph Martin Wieland: Geschichte der Abderiten - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleGeschichte der Abderiten
authorChristoph Martin Wieland
year1987
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
isbn3-499-40013-8
titleGeschichte der Abderiten
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1774
Schließen

Navigation:

3. Kapitel

Beiträge zur Abderitischen Literargeschichte. Nachrichten von ihren ersten theatralischen Dichtern, Hyperbolus, Paraspasmus, Antiphilus und Thlaps.

Bei aller dieser anscheinenden Gleichgültigkeit, Toleranz, Apathie, Hedypathie, oder wie mans nennen will, müssen wir uns die Abderiten gleichwohl nicht als Leute ohne allen Geschmack vorstellen. Denn ihre fünf Sinne hatten sie richtig und voll gezählt: und wiewohl ihnen unter den angegebnen Umständen Alles gut genug schmeckte; so deuchte sie doch, dieses oder jenes schmecke ihnen besser als ein andres; und so hatten sie denn ihre Lieblingsstücke und Lieblingsdichter so gut als andre Leute.

Damals, als ihnen der kleine Verdruß mit dem Arzt Hippokrates zustieß, waren unter einer ziemlichen Anzahl von Theaterdichtern, welche Handwerk davon machten, (die Freiwilligen nicht gerechnet) vornehmlich zwei im Besitz der höchsten Gunst des Abderitischen Publikums. Der eine machte Tragödien und eine Art Stücke, die man jetzt komische Opern nennt; der andere, namens Thlaps, fabrizierte eine Art von Mitteldingen, wobei einem weder wohl noch weh geschah, wovon er der erste Erfinder war, und die deswegen nach seinem Namen Thlapsödien genannt wurden.

Der erste war eben der Hyperbolus, dessen schon zu Anfang dieser eben so wahrhaften als wahrscheinlichen Geschichte als des berühmtesten unter den Abderitischen Dichtern gedacht worden ist. Er hatte sich zwar auch in den übrigen Gattungen hervorgetan; die außerordentliche Parteilichkeit seiner Landsleute für ihn hatte ihm in allen den Preis zuerkannt: und eben dieser Vorzug erwarb ihm den hochtrabenden Zunamen Hyperbolus; denn von Haus aus hieß er Hegesias.

Der Grund, warum dieser Mensch ein so besondres Glück bei den Abderiten machte, war der natürlichste von der Welt – nämlich eben der, weswegen er und seine Werke an jedem andern Orte der Welt als in Abdera ausgepfiffen worden wären. Er war unter allen ihren Dichtern derjenige, in welchem der eigentliche Geist von Abdera, mit allen seinen Idiotismen und Abweichungen von den schönern Formen, Proportionen und Lineamenten der Menschheit, am leibhaftesten wohnte; derjenige, mit dem alle übrigen am meisten sympathisierten; der immer alles gerade so machte wie sie es auch gemacht haben würden, ihnen immer das Wort aus dem Munde nahm, immer das eigentliche Pünktchen traf wo sie gekitzelt sein wollten; mit Einem Worte, der Dichter nach ihrem Sinn und Herzen: und das nicht etwa kraft eines außerordentlichen Scharfsinns, oder als ob er sich ein besondres Studium daraus gemacht hätte, sondern lediglich, weil er unter allen seinen Brüdern im Marsyas am meisten – Abderit war. Bei ihm durfte man sich darauf verlassen, daß der Gesichtspunkt, woraus er eine Sache ansah, immer der schiefste war woraus sie gesehen werden konnte; daß er zwischen zwei Dingen allemal die Ähnlichkeit gerade da fand, wo ihr wesentlichster Unterschied lag; daß er je und allezeit feierlich aussehen würde wo ein vernünftiger Mensch lacht, und lachen würde wo es nur einem Abderiten einfallen kann zu lachen, usw. Ein Mann, der des Abderitischen Genius so voll war, konnte natürlicher Weise in Abdera alles sein was er wollte. Auch war er ihr Anakreon, ihr Alcäus, ihr Pindar, ihr Äschylus, ihr Aristophanes, und seit kurzem arbeitete er an einem großen National-Heldengedicht in achtundvierzig Gesängen, die Abderiade genannt – zu großer Freude des ganzen Abderitischen Volkes. ‹Denn›, sagten sie, ‹ein Homer ist das einzige was uns noch abgeht; und wenn Hyperbolus mit seiner Abderiade fertig sein wird, so haben wir Ilias und Odyssee in Einem Stücke beisammen; und dann laß die andern Griechen kommen, und uns noch über die Achseln ansehen, wenn sie das Herz haben! Sie sollen uns dann einen Mann stellen, dem wir nicht einen aus unserm Mittel gegenüber stellen wollen!›

Indessen war doch die Tragödie das eigentliche Fach des Hyperbolus. Er hatte deren hundertundzwanzig (vermutlich auch groß und klein in einander gerechnet) verfertigt – ein Umstand, der ihm bei einem Volke, das in allen Dingen nur auf Anzahl und körperlichen Umfang sah, allein schon einen außerordentlichen Vorzug geben mußte. Denn von allen seinen Nebenbuhlern hatte es keiner auch nur auf das Drittel dieser Zahl bringen können. Ungeachtet ihn die Abderiten wegen des Bombasts seiner Schreibart ihren Äschylus zu nennen pflegten, so wußte er sich selbst doch nicht wenig mit seiner Originalität. «Man weise mir», sprach er, «einen Charakter, einen Gedanken, ein Gefühl, einen Ausdruck, in allen meinen Werken, den ich aus einem andern genommen hätte!» – «Oder aus der Natur», setzte Demokrit hinzu. – «O! (rief Hyperbolus) was das betrifft, das kann ich Ihnen zugeben, ohne daß ich viel dabei verliere. Natur! Natur! Die Herren klappern immer mit ihrer Natur, und wissen am Ende nicht was sie wollen. Die gemeine Natur – und die meinen Sie doch – gehört in die Komödie, ins Possenspiel, in die Thlapsödie, wenn Sie wollen! Aber die Tragödie muß über die Natur gehen, oder ich gebe nicht eine hohle Nuß darum.» Von den seinigen galt dies im vollesten Maß. So wie seine Personen hatte nie ein Mensch ausgesehen, nie ein Mensch gefühlt, gedacht, gesprochen noch gehandelt. Aber das wollten die Abderiten eben – und daher kam es auch, daß sie unter allen auswärtigen Dichtern am wenigsten aus dem Sophokles machten. «Wenn ich aufrichtig sagen soll, wie ich denke», – sagte einst Hyperbolus in einer vornehmen Gesellschaft, wo über diese Materie auf gut Abderitisch räsoniert wurde – «ich habe nie begreifen können, was an dem Ödipus oder an der Elektra des Sophokles, besonders was an seinem Philoktet so außerordentliches sein soll. Für einen Nachfolger eines so erhabnen Dichters wie Äschylus, fällt er wahrlich gewaltig ab! Nun ja, Attische Urbanität, die streit ich ihm nicht ab! Urbanität soviel Sie wollen! Aber der Feuerstrom, die wetterleuchtenden Gedanken, die Donnerschläge, der hinreißende Wirbelwind – kurz, die Riesenstärke, der Adlersflug, der Löwengrimm, der Sturm und Drang, der den wahren tragischen Dichter macht, wo ist der?» – «Das nenn ich wie ein Meister von der Sache sprechen», sagte einer von der Gesellschaft. – «O, über solche Dinge verlassen Sie sich auf das Urteil des Hyperbolus», rief ein andrer; «wenn ers nicht verstehen sollte!» – «Er hat hundertundzwanzig Tragödien gemacht», flüsterte eine Abderitin einem Fremden ins Ohr; «er ist der erste Theaterdichter von Abdera!»

Indessen hatte es doch unter allen seinen Nebenbuhlern, Schülern und Kaudatarien ihrer zweien geglückt, ihn auf dem tragischen Thron, auf den ihn der allgemeine Beifall hinaufgeschwungen, wanken zu machen – Dem einen durch ein Stück, worin der Held gleich in der ersten Szene des ersten Akts seinen Vater ermordet, im zweiten seine leibliche Schwester heiratet, im dritten entdeckt daß er sie mit seiner Mutter gezeugt hatte, im vierten sich selber Ohren und Nase abschneidet, und im fünften, nachdem er die Mutter vergiftet und die Schwester erdrosselt, von den Furien unter Blitz und Donner in die Hölle geholt wird – Dem andern durch eine Niobe, worin außer einer Menge Ω! Ω! Αι, Αι! Φευ̃, Φευ̃, Ελελελελευ̃, und einigen Blasphemien, wobei den Zuhörern die Haare zu Berge standen, das ganze Stück in lauter Handlung und Pantomime gesetzt war. Beide Stücke hatten den erstaunlichsten Effekt getan. – Nie waren binnen drei Stunden so viele Schnupftücher voll geweint worden, seit ein Abdera in der Welt war. – «Nein, es ist nicht zum Aushalten», schluchzten die schönen Abderitinnen. – «Der arme Prinz! wie er heulte, wie er sich herum wälzte!» – «Und die Rede, die er hielt, da er sich die Nase abgeschnitten hatte», rief eine andere. – «Und die Furien, die Furien!» schrie eine dritte – «ich werde vier Wochen lang kein Auge vor ihnen zutun können!» – «Es war schrecklich, ich muß es gestehen», sagte die vierte; «aber, o die arme Niobe! wie sie mitten unter ihren über einander hergewälzten Kindern da steht, sich die Haare ausrauft, sie über die dampfenden Leichen hinstreut, dann sich selbst auf sie hinwirft, sie wieder beleben möchte, dann in Verzweiflung wieder auffährt, die Augen wie feurige Räder im Kopf herum rollt, dann mit ihren eigenen Nägeln sich die Brust aufreißt, und Hände voll Bluts unter entsetzlichen Verwünschungen gen Himmel wirft! – Nein, so was rührendes muß nie gesehen worden sein! Was das für ein Mann sein muß, der Paraspasmus, der Stärke genug hatte, so eine Szene aufs Theater zu bringen!» – «Nun, was die Stärke anbetrifft», sagte die schöne Salabanda, «darauf läßt sich eben nicht immer so sicher schließen. Ich zweifle, ob Paraspasmus alles halten würde was er zu versprechen scheint; große Prahler, schlechte Fechter.» – Man kannte die schöne Salabanda für eine Frau, die so was nicht ohne Grund sagte; und dieser geringfügige Umstand brachte so viel zuwege, daß die Niobe des Paraspasmus bei der zweiten Vorstellung nicht mehr die Hälfte der vorigen Wirkung tat; ja, der Dichter selbst konnte sich in der Folge nicht wieder von dem Schlag erholen, den ihm Salabanda durch ein einziges Wort in der Einbildungskraft der Abderitinnen gegeben hatte.

Indessen blieb ihm und seinem Freunde Antiphilus doch immer die Ehre, der Tragödie zu Abdera einen neuen Schwung gegeben zu haben, und die Erfinder zweier neuer Gattungen, der griesgramischen, und der pantomimischen, zu sein, in welchen den Abderitischen Dichtern eine Laufbahn eröffnet wurde, wo es um so viel sichrer war Lorbeern einzuernten, da im Grunde nichts leichter ist als – Kinder zu erschrecken, und seine Helden vor lauter Affekt – gar nichts sagen zu lassen.

Wie aber die menschliche Unbeständigkeit sich an allem, was in seiner Neuheit noch so angenehm ist, gar bald ersättiget, so fingen auch die Abderiten bereits an es überdrüssig zu werden, daß sie immer und alle Tage gar schön finden sollten, was ihnen in der Tat schon lange gar wenig Vergnügen machte: als der junge Thlaps auf den Einfall kam, Stücke aufs Theater zu bringen, die weder Komödie noch Tragödie noch Posse, sondern eine Art von lebendigen Abderitischen Familiengemälden wären; wo weder Helden noch Narren, sondern gute ehrliche hausgebackne Abderiten auftreten, ihren täglichen Stadt- Markt- Haus- und Familiengeschäften nachgehen, und vor einem löblichen Spektatorium gerade so handeln und sprechen sollten, als ob sie auf der Bühne zu Hause wären, und es sonst keine Leute in der Welt gäbe als sie. Man sieht, daß dies ungefähr die nämliche Gattung war, wodurch sich Menander in der Folge so viel Ruhm erwarb. Der Unterschied bestand bloß darin: daß er Athener, und jener Abderiten auf die Bühne brachte, und daß er Menander, und jener Thlaps war. Allein da dieser Unterschied den Abderiten nichts verschlug, oder vielmehr gerade zu Thlapsens Vorteil gereichte: so wurde sein erstes StückEs hieß Eugamia, oder die vierfache Braut. Eugamia war von ihrem Vater an einen, von der Mutter an den andern, und von einer Tante, an deren Erbschaft ihr gelegen war, an den dritten Mann versprochen worden. Am Ende kam heraus, daß das voreilige Mädchen sich selbst in aller Stille bereits an einen vierten verschenkt hatte. in dieser Gattung mit einem Entzücken aufgenommen, wovon man noch kein Beispiel gesehen hatte. Die ehrlichen Abderiten sahen sich selbst zum ersten Mal auf der Schaubühne in puris Naturalibus, ohne Stelzen, ohne Löwenhäute, ohne Keule, Zepter und Diadem, in ihren gewöhnlichen Hauskleidern, ihre gewöhnliche Sprache redend, nach ihrer angebornen eigentümlichen Abderitischen Art und Weise leiben und leben, essen und trinken, freien und sich freien lassen, usw. und das war eben was ihnen so viel Vergnügen machte. Es ging ihnen wie einem jungen Mädchen, das sich zum ersten Mal in einem Spiegel sieht; sie konntens gar nicht genug bekommen. Die vierfache Braut wurde vierundzwanzigmal hinter einander gespielt, und eine lange Zeit wollten die Abderiten nichts als Thlapsödien sehen. Thlaps, dem es nicht so frisch von der Faust ging wie dem großen Hyperbolus und dem Nomophylax Gryllus, konnte deren nicht so viele fertig machen, als sie von ihm zu haben wünschten. Aber da er seinen Mitbrüdern einmal den Ton angegeben hatte, so fehlte es ihm nicht an Nachahmern. Alles legte sich auf die neue Gattung; und in weniger als drei Jahren waren alle mögliche Süjets und Titel von Thlapsödien so erschöpft, daß es wirklich ein Jammer war die Not der armen Dichter zu sehen, wie sie drucksten und schwitzten, um aus dem Schwamme, den schon so viele vor ihnen ausgedrückt hatten, noch einen Tropfen trübes Wasser heraus zu pressen.

Die natürliche Folge davon war, daß unvermerkt alle Dinge wieder ins gehörige Gleichgewicht kamen. Die Abderiten, die, nach ziemlich allgemeiner menschlicher Weise, anfangs für jede Gattung eine ausschließende Neigung faßten, fanden endlich, daß es nur desto besser sei, wenn sie dem Überdruß durch Abwechslung und Mannigfaltigkeit wehren könnten. Die Tragödien, gemeine, griesgramische und pantomimische, die Komödien, Operetten und Possenspiele kamen wieder in Umlauf; der Nomophylax komponierte die Tragödien des Euripides; und Hyperbolus (zumal da ihm das Projekt Abderitischer Homer zu werden im Kopfe steckte) ließ sichs, weils doch nicht zu ändern war, am Ende gern gefallen, die höchste Gunst des Abderitischen Parterre mit Thlapsen zu teilen; zumal, da dieser durch die Heirat mit der Nichte eines Oberzunftmeisters seit kurzem eine wichtige Person geworden war.

 << Kapitel 24  Kapitel 26 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.