Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Christoph Martin Wieland >

Geschichte der Abderiten

Christoph Martin Wieland: Geschichte der Abderiten - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleGeschichte der Abderiten
authorChristoph Martin Wieland
year1987
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
isbn3-499-40013-8
titleGeschichte der Abderiten
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1774
Schließen

Navigation:

Drittes Buch

Euripides unter den Abderiten.

1. Kapitel

Die Abderiten machen sich fertig in die Komödie zu gehen.

Es war bei den Ratsherren von Abdera eine alte hergebrachte Gewohnheit und Sitte, die vor Rat verhandelten Materien unmittelbar darauf bei Tische (es sei nun daß sie Gesellschaft hatten oder mit ihrer Familie allein speisten) zu rekapitulieren und zu einer reichen Quelle entweder von witzigen Einfällen und spaßhaften Anmerkungen, oder von patriotischen Stoßseufzern, Klagen, Wünschen, Träumen, Aussichten u. dgl. zu machen; zumal wenn etwa in dem abgefaßten Ratsschlusse die Verschwiegenheit ausdrücklich empfohlen worden war.

Aber diesmal – wiewohl das Abenteuer der Abderiten mit dem Fürsten der Ärzte sonderbar genug war, um einen Platz in den Jahrbüchern ihrer Republik zu verdienen – wurde an allen Tafeln, wo ein Ratsherr oder Zunftmeister obenan saß, des Hippokrates und Demokrits eben so wenig gedacht, als ob gar keine Männer dieses Namens in der Welt gewesen wären. In diesem Stücke hatten die Abderiten einen ganz besondern Public-Spirit, und ein feineres Gefühl, als man ihnen in Betracht ihres gewöhnlichen Eigendünkels hätte zutrauen sollen.

In der Tat konnte ihre Geschichte mit dem Hippokrates, man hätte sie wenden und kolorieren mögen wie man gewollt, auf keine Art, die ihnen Ehre machte, erzählt werden. Das Sicherste war, die Sache auf sich beruhen zu lassen, und zu schweigen.

Die heutige Komödie machte also diesmal, wie gewöhnlich, den Hauptgegenstand der Unterhaltung aus. Denn seitdem sich die Abderiten, nach dem Beispiel ihres großen Musters, der Athener, mit einem eignen Theater versehen, und (ihrer Gewohnheit nach) die Sache so weit getrieben hatten, daß den größten Teil des Jahres hindurch alle Tage irgend eine Art von Schauspiel bei ihnen zu sehen war: so wurde in Gesellschaften, so bald die übrigen Gemeinplätze, Wetter, Putz und Stadtneuigkeiten, erschöpft waren, unfehlbar entweder von der Komödie die gestern gespielt worden war, oder von der Komödie die heute gespielt werden sollte, gesprochen – und die Herren von Abdera wußten sich (besonders gegen Fremde) nicht wenig damit, daß sie ihren Mitbürgern eine so schöne Gelegenheit zu Verfeinerung ihres Witzes und Geschmacks, einen so unerschöpflichen Stoff zu unschuldigen Gesprächen in Gesellschaften, und besonders dem schönen Geschlecht ein so herrliches Mittel gegen die Leib und Seele verderbende lange Weile verschafft hätten.

Wir sagen es nicht um zu tadeln, sondern zum verdienten Lobe der Abderiten, daß sie ihr Komödienwesen für wichtig genug hielten, die Aufsicht darüber einem besondern Rats-Ausschusse zu übergeben, dessen Vorsitzer immer der zeitige Nomophylax, folglich einer der obersten Väter des Vaterlandes, war. Dies war unstreitig sehr löblich. Alles, was man mit Recht an einer so schönen Einrichtung aussetzen konnte, war, daß es darum nicht um ein Haar besser mit ihrem Komödienwesen stand. Weil nun die Wahl der Stücke von der Ratsdeputation abhing, und die Erfindung der Komödienzettel unter die ansehnliche Menge von Erfindungen gehört, die den Vorzug der Neuern vor den Alten außer allem fernern Widerspruch setzen: so wußte das Publikum – ausgenommen wenn ein neues Abderitisches Originalstück aufs Theater gebracht wurde – selten vorher, was gespielt werden würde. Denn, wiewohl die Herren von der Deputation eben kein Geheimnis aus der Sache machten: so mußte sie doch, ehe sie publik wurde, durch so manchen schiefen Mund und durch so viele dicke Ohren gehen, daß fast immer ein Qui pro quo heraus kam, und die Zuhörer, wenn sie zum Beispiel die Antigone des Sophokles erwarteten, die Erigone des Physignatus für lieb und gut nehmen mußten – woran sie es denn auch selten oder nie ermangeln ließen.

Was werden sie uns heute für ein Stück geben? war also jetzt die allgemeine Frage in Abdera – eine Frage, die an sich selbst die unschuldigste Frage von der Welt war, aber durch einen einzigen kleinen Umstand erzabderitisch wurde; nämlich, daß die Antwort schlechterdings von keinem praktischen Nutzen sein konnte. Denn die Leute gingen in die Komödie, es mochte ein altes oder ein neues, gutes oder schlechtes Stück gespielt werden.

Eigentlich zu reden gab es für die Abderiten gar keine schlechten Stücke; denn sie nahmen alles für gut: und eine natürliche Folge dieser unbegrenzten Gutmütigkeit war, daß es für sie auch keine guten Stücke gab. Schlecht oder gut, was ihnen die Zeit vertrieb war ihnen recht, und alles was wie ein Schauspiel aussah, vertrieb ihnen die Zeit. – Jedes Stück also, so elend es war, und so elend es gespielt worden sein mochte, endigte sich mit einem Geklatsche das gar nicht aufhören wollte. Alsdann ertönte auf einmal durchs ganze Parterre ein allgemeines: Wie hat Ihnen das heutige Stück gefallen? und wurde stracks durch ein ebenso allgemeines: Sehr wohl! beantwortet.

So geneigt auch unsre werten Leser sein mögen, sich nicht leicht über etwas zu wundern, was wir ihnen von den Idiotismen unsers Thracischen Athen erzählen können: so ist doch dieser eben erwähnte Zug etwas so ganz besondres, daß wir besorgen müssen keinen Glauben zu finden, wofern wir ihnen nicht begreiflich machen, wie es zugegangen, daß die Abderiten mit einer so großen Neigung zu Schauspielen es gleichwohl zu einer so hohen unbeschränkten dramatischen Apathie oder vielmehr Hedypathie bringen konnten, daß ihnen ein elendes Stück nicht nur kein Leiden verursachte, sondern sogar eben (oder doch beinahe eben) so wohl tat als ein gutes.

Man wird uns, wenn wir das Rätsel auflösen sollen, eine kleine Ausschweifung über das ganze Abderitische Theaterwesen erlauben müssen.

Wir sehen uns aber genötigt, uns von dem günstigen und billig denkenden Leser vorher eine kleine Gnade auszubitten, an deren großmütiger Gewährung ihm selbst am Ende noch mehr gelegen ist als uns. Und dies ist – aller widrigen Eingebungen seines Kakodämons ungeachtet, sich ja nicht einzubilden, als ob hier unter verdeckten Namen, die Rede von den Theaterdichtern, den Schauspielern, und dem Parterre seiner lieben Vaterstadt die Rede sei. Wir leugnen zwar nicht, daß die ganze Abderitengeschichte in gewissem Betracht einen doppelten Sinn habe: aber ohne den Schlüssel zu Aufschließung des geheimen Sinnes, den unsere Leser von uns selbst erhalten sollen, würden sie Gefahr laufen, alle Augenblicke falsche Deutungen zu machen. Bis dahin also ersuchen wir sie

Per genium, dextramque, Deosque Penates,

sich aller unnachbarlichen und unfreundlichen Anwendungen zu enthalten, und alles was folgt, so wie dies ganze Buch, in keiner andern Gemütsverfassung zu lesen, als womit sie irgend eine andre oder neue unparteiische Geschichtserzählung lesen würden.

 << Kapitel 22  Kapitel 24 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.