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Geschichte der Abderiten

Christoph Martin Wieland: Geschichte der Abderiten - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleGeschichte der Abderiten
authorChristoph Martin Wieland
year1987
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
isbn3-499-40013-8
titleGeschichte der Abderiten
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1774
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3. Kapitel

Eine kleine Abschweifung in die Regierungszeit Schach-Bahams des Weisen. Charakter des Ratsherrn Thrasyllus.

Es gibt eine Art von Menschen, die man viele Jahre lang kennen und beobachten kann, ohne mit sich selbst einig zu werden, ob man sie in die Klasse der schwachen oder der bösen Leute setzen soll. Kaum haben sie einen Streich gemacht, dessen kein Mensch von einiger Überlegung fähig zu sein scheint, so überraschen sie uns durch eine so wohl ausgedachte Bosheit, daß wir, mit allem gutem Willen von ihrem Herzen das Beste zu denken, uns in der Unmöglichkeit befinden, die Schuld auf ihren Kopf zu legen. Gestern nahmen wir es für ausgemacht an, daß Herr Quidam so schwach von Verstand sei, daß es Sünde wäre ihm seine Ungereimtheiten zu Verbrechen zu machen: heute überführt uns der Augenschein, daß der Mann zu übeltätig ist um ein bloßer Dummkopf zu sein; wir sehen keinen Ausweg, ihn von der Schuld eines bösen Willens frei zu sprechen. Aber kaum haben wir hierüber unsre Partei genommen: so sagt oder tut er etwas, das uns wieder in unsre vorige Hypothese zurück wirft, oder wenigstens in eine der unangenehmsten Seelenlagen, in die Verlegenheit setzt, nicht zu wissen, was wir von dem Manne denken, oder – wenn unser Unstern will daß wir mit ihm zu tun haben müssen – was wir mit ihm anfangen sollen.

Die geheime Geschichte von Agra sagt, daß der berühmte Schach-Baham sich einsmals mit einem seiner Omrahs in diesem Falle befunden habe. Der Omrah wurde beschuldigt, daß er Ungerechtigkeiten ausgeübt habe.

«So soll er gehangen werden», sagte Schach-Baham.

«Aber, Sire», hielt man ihm entgegen, «der arme Kurli ist ein so schwacher Kopf, daß noch die Frage ist, ob er den Unterschied zwischen Recht und Link deutlich genug einsieht, um zu wissen ob er eine Ungerechtigkeit begeht oder nicht.»

«Wenn dies ist», sagte Schach-Baham, «so schickt ihn ins Narrenhospital!»

«Gleichwohl, Sire, da er Verstand genug hat einem Wagen mit Heu auszuweichen, und bei einem Pfeiler, an dem er sich den Kopf zerschellen könnte, vorbei zu gehen, weil er wohl merkt daß der Pfeiler nicht bei ihm vorbei gehen werde –»

«Merkt er das?» rief der Sultan; «beim Barte des Propheten, so sagt mir nichts weiter. Morgen soll man sehen, ob Justiz in Agra ist.»

«Indessen gibt es Leute, die Ihre Majestät versichern werden, daß der Omrah – seine Dummheit ausgenommen, die ihn zuweilen boshaft macht – der ehrlichste Mann von der Welt ist.»

«Um Vergebung! (fiel ein andrer von den anwesenden Höflingen ein) gerade das Gegenteil! Kurli hat alles, was noch gut an ihm ist, seiner Dummheit zu danken. Er würde zehnmal schlimmer sein als er ist, wenn er Verstand genug hätte zu wissen wie ers anfangen sollte.»

«Wißt ihr auch, meine Freunde, daß in allem, was ihr mir da sagt, kein Menschenverstand ist?» versetzte Schach-Baham. «Vergleicht euch erst mit euch selbst, wenn ich bitten darf! Kurli, spricht dieser, ist ein böser Mann, weil er dumm ist. – Nein, spricht jener, er ist dumm, weil er boshaft ist. – Gefehlt, spricht der dritte; er würde ein schlimmerer Mann sein, wenn er nicht so dumm wäre. – Wie wollt ihr, daß unser einer aus diesem Gallimathias klug werde? Da entscheide mir einmal jemand, was ich mit ihm anfangen soll! Denn entweder ist er zu boshaft fürs Narrenhospital, oder zu dumm für den Galgen.»

«Dies ist es eben», sagte die Sultanin Darejan. «Kurli ist zu dumm um sehr boshaft zu sein; und doch würde Kurli noch weniger boshaft sein als er ist, wenn er weniger dumm wäre.»

«Der Henker hole den rätselhaften Kerl!» rief Schach-Baham. «Da sitzen wir und zerbrechen uns die Köpfe, um ausfündig zu machen ob er ein Esel oder ein Schurke sei; und am Ende werdet ihr sehen daß er beides ist. – Alles wohl überlegt, wißt ihr was ich tun will? – Ich will ihn laufen lassen! Seine Bosheit und seine Dummheit werden einander die Waage halten. Er wird, insofern er nur kein Omrah ist, weder durch diese noch jene großen Schaden tun. Die Welt ist weit; laß ihn laufen, Itimaddulet! Aber vorher soll er kommen und sich bei der Sultanin bedanken! Nur noch vor drei Minuten hätt ich ihm keine Feige um seinen Hals geben wollen!»

Man hat lange nicht ausfindig machen können, warum Schach-Baham den Beinamen des Weisen in den Geschichtbüchern von Hindostan führt. Aber nach dieser Entscheidung kann es keine Frage mehr sein. Alle sieben Weisen aus Griechenland hätten den Knoten nicht besser auflösen können, als ihn Schach-Baham – zerhieb.

Der Ratsherr Thrasyllus hatte das Unglück, einer von diesen (zum Glück der Welt) nicht so gar gewöhnlichen Menschen zu sein, in deren Kopf und Herzen Dummheit und Bosheit, nach dem Ausdruck des Sultans, einander die Waage halten. Seine Anschläge auf das Vermögen seines Verwandten waren nicht von gestern her. Er hatte darauf gezählt, daß Demokrit nach einer so langen Abwesenheit gar nicht wieder kommen würde; und auf diese Voraussetzung hatte er sich die Mühe gegeben, einen Plan zu machen, den die Wiederkunft desselben auf eine sehr unangenehme Art vereitelte. Thrasyllus, dessen Einbildung schon daran gewöhnt war, das Erbgut Demokrits für einen Teil seines eignen Vermögens anzusehen, konnte sich nun nicht so leicht gewöhnen anders zu denken. Er betrachtete ihn also als einen Räuber, der ihm das Seinige vorenthalte. Aber unglücklicher Weise hatte dieser Räuber – die Gesetze auf seiner Seite.

Der arme Thrasyllus durchsuchte alle Winkel in seinem Kopfe, ein Mittel gegen diesen ungünstigen Umstand zu finden, und suchte lange vergebens. Endlich glaubte er in der Lebensart seines Vetters einen Grund, auf den er bauen könnte, gefunden zu haben. Die Abderiten waren schon vorbereitet, dachte Thrasyllus; denn daß Demokrit ein Narr sei, war zu Abdera eine ausgemachte Sache. Es kam also nur noch darauf an, dem großen Rat legaliter darzutun, daß seine Narrheit von derjenigen Art sei, welche den damit behafteten unfähig macht sein eigner Herr zu sein. Dies hatte nun einige Schwierigkeiten. Mit seinem eignen Verstande würde Thrasyllus schwerlich durchgekommen sein. Aber in solchen Fällen finden seinesgleichen für ihr Geld immer einen Spitzbuben, der ihnen seinen Kopf leiht; und dann ist es so viel als ob sie selbst einen hätten.

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