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Geschichte der Abderiten

Christoph Martin Wieland: Geschichte der Abderiten - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleGeschichte der Abderiten
authorChristoph Martin Wieland
year1987
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
isbn3-499-40013-8
titleGeschichte der Abderiten
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1774
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2. Kapitel

Demokrit wird eines schweren Verbrechens beschuldigt, und von einem seiner Verwandten damit entschuldigt, daß er seines Verstandes nicht recht mächtig sei. Wie er das Ungewitter, welches ihm der Priester Strobylus zubereiten wollte, noch zu rechter Zeit ableitet.

Was hört man von Demokriten?» – sagten die Abderiten untereinander. – «Schon sechs ganzer Wochen will niemand etwas von ihm gesehen haben. – Man kann seiner nie habhaft werden; oder wenn man ihn endlich trifft, so sitzt er in tiefen Gedanken, und ihr habt eine halbe Stunde vor ihm gestanden, habt mit ihm gesprochen, und seid wieder weggegangen, ohne daß er es gewahr worden ist. Bald wühlt er in den Eingeweiden von Hunden und Katzen herum; bald kocht er Kräuter, oder steht mit einem großen Blasebalg in der Hand vor einem Zauberofen, und macht Gold, oder noch was ärgers. Bei Tage klettert er wie ein Steinbock die steilsten Klippen des Hämus hinan, um – Kräuter zu suchen, als ob es deren nicht genug in der Nähe gäbe; und bei Nacht, wo sogar die unvernünftigen Geschöpfe der Ruhe pflegen, wickelt er sich in einen Skythischen Pelz, und guckt, beim Kastor! durch ein Blaserohr nach den Sternen.»

«Ha, ha, ha! Man könnte sichs nicht närrischer träumen lassen! Ha, ha, ha!» – lachte der kurze dicke Ratsherr.

«Es ist bei allem dem schade um den Mann», sagte der Archon von Abdera; «man muß gleichwohl gestehen daß er viel weiß.»

«Aber was hat die Republik davon?» – versetzte ein Ratsherr, der sich mit Projekten, Verbesserungsvorschlägen, und Deduktionen veralteter Ansprüche eine hübsche runde Summe von der Republik verdient hatte, und in Kraft dessen immer aus vollen Backen von seinen Verdiensten um das Abderitische Wesen prahlte, wiewohl das Abderitische Wesen sich durch alle seine Projekte, Deduktionen und Verbesserungen nicht um hundert Drachmen besser befand.

«Es ist wahr, (sprach ein andrer) mit seiner Wissenschaft läuft es auf lauter Spielwerk hinaus; nichts gründliches! In minimis maximus!»

«Und dann sein unerträglicher Stolz! seine Widersprechungssucht! sein ewiges Vernünfteln und Tadeln und Spötteln!»

«Und sein schlimmer Geschmack!»

«Von der Musik wenigstens versteht er nicht den Guckuck», sagte der Nomophylax.

«Vom Theater noch weniger», rief Hyperbolus.

«Und von der hohen Ode gar nichts», sagte Physignatus.

«Er ist ein Scharlatan, ein Windbeutel –»

«Und ein Freigeist obendrein», schrie der Priester Strobylus; «ein ausgemachter Freigeist, ein Mensch der nichts glaubt, dem nichts heilig ist! Man kann ihm beweisen, daß er einer Menge Frösche die Zungen bei lebendigem Leibe ausgerissen hat.»

«Man spricht stark davon, daß er deren etliche sogar lebendig zergliedert habe», sagte jemand.

«Ists möglich?» rief Strobylus mit allen Merkmalen des äußersten Entsetzens; «sollte dies bewiesen werden kön nen? Gerechte Latona! wozu diese verfluchte Philosophie einen Menschen nicht bringen kann! Aber, sollt es wirklich bewiesen werden können?»

«Ich geb es wie ich es empfangen habe», erwiderte jener.

«Es muß untersucht werden», schrie Strobylus, «hochpreislicher Herr Archon! Wohlweise Herren! – ich fordre Sie hiermit im Namen der Latona auf! Die Sache muß untersucht werden!»

«Wozu eine Untersuchung?» sagte Thrasyllus, einer von den Häuptern der Republik, ein naher Anverwandter und vermutlicher Erbe des Philosophen. «Die Sache hat ihre Richtigkeit. Aber sie beweist weiter nichts, als was ich, leider! schon seit geraumer Zeit an meinem armen Vetter wahrgenommen habe, – daß es mit seinem Verstande nicht so gut steht als zu wünschen wäre. Demokrit ist kein schlimmer Mann; er ist kein Verächter der Götter: aber er hat Stunden da er nicht bei sich selber ist. Wenn er einen Frosch zergliedert hat, so wollt ich für ihn schwören daß er den Frosch für eine Katze ansah.»

«Desto schlimmer!» sagte Strobylus.

«In der Tat, desto schlimmer – für seinen Kopf und für sein Hauswesen!» – fuhr Thrasyllus fort. «Der arme Mann ist in einem Zustande, wobei wir nicht länger gleichgültig bleiben können. Die Familie wird sich genötiget sehen die Republik um Hülfe anzurufen. Er ist in keiner Betrachtung fähig sein Vermögen selbst zu verwalten. Er wird bevogtet werden müssen.»

«Wenn dies ist –» sagte der Archon mit einer bedenklichen Miene – und hielt inne.

«Ich werde die Ehre haben, Ihre Herrlichkeit näher von der Sache zu unterrichten», versetzte der Ratsherr Thrasyllus.

«Wie? Demokrit sollte nicht bei Verstande sein?» rief einer aus den Anwesenden. «Meine Herren von Abdera, bedenken Sie wohl was Sie tun! Sie sind in Gefahr dem ganzen Griechenland ein großes Lachen zuzubereiten. Ich will meine Ohren verloren haben, wenn Sie einen verständigern Mann diesseits und jenseits des Hebrus finden, als diesen nämlichen Demokrit! Nehmen Sie sich in acht, meine Herren! die Sache ist kitzlicher als Sie vielleicht denken.»

Unsre Leser erstaunen – aber wir wollen ihnen sogleich aus dem Wunder helfen. Derjenige, der dies sagte, war kein Abderit.

Er war ein Fremder aus Syrakus, und (was die Ratsherren von Abdera in Respekt erhielt) ein naher Verwandter des ältern Dionysius, der sich vor kurzem zum Fürsten dieser Republik aufgeworfen hatte.

«Sie können versichert sein», antwortete der Archon dem Syrakuser, «daß wir nicht weiter in der Sache gehen werden als wir Grund finden.»

«Ich nehme zu viel Anteil an der Ehre, welche der erlauchte Syrakuser meinem Vetter durch seine gute Meinung erweist», sagte Thrasyllus, «als daß ich nicht wünschen sollte, sie bestätigen zu können. Es ist wahr, Demokrit hat seine hellen Augenblicke; und in einem solchen wird ihn der Prinz gesprochen haben. Aber leider! es sind nur Augenblicke –»

«So müssen die Augenblicke in Abdera sehr lang sein», fiel der Syrakuser ein .

«Hoch- und Wohlweise Herren», sagte der Priester Strobylus, «die Umstände mögen beschaffen sein wie sie wollen, bedenken Sie daß die Rede von einem lebendig zergliederten Frosche ist! Die Sache ist wichtig, und ich dringe auf Untersuchung. Denn davor sei Latona und Apollo, daß ich fürchten sollte –»

«Beruhigen Sie sich, Herr Oberpriester», fiel ihm der Archon ins Wort – der (unter uns gesagt) selbst ein wenig im Verdachte stand, von den Fröschen der Latona nicht so gesund zu denken, wie man in Abdera davon denken mußte. – «Auf die erste Anregung, welche von Seiten der Vorsteher des geheiligten Teiches beim Senat gemacht werden wird, sollen die Frösche alle gebührende Genugtuung erhalten!»

Der Syrakuser benachrichtigte Demokriten unverzüglich von allem, was in dieser Gesellschaft gesprochen worden war.

«Laß den fettesten jungen PfauHier scheint sich eine Unrichtigkeit in den Text eingeschlichen zu haben. Der Pfau war vor Alexanders Eroberung des Persischen Reiches ein unbekannter Vogel in Griechenland. Und da er nachmals aus Asien nach Europa überging, war er anfangs so selten, daß man ihn zu Athen um Geld sehen ließ. Jedoch wurde er in kurzer Zeit (nach dem Ausdruck des Komödienschreibers Antiphanes) so gemein als die Wachteln. In der üppigen Epoche von Rom wurde deren eine unendliche Menge daselbst erzogen, und der Pfau machte ein vorzügliches Gericht auf den Römischen Tafeln aus. Woher der Herr von Büffon genommen hat, daß die Griechen keine Pfauen gegessen, weiß ich nicht; das Gegenteil hätte ihm eine Stelle aus dem Poeten Alexis beim Athenäus beweisen können. Indessen wäre doch, wenn es vor Alexandern keine Pfauen in Europa gegeben hätte, gewiß, daß Demokrit dem Priester Strobylus keinen gebratnen Pfau hätte schicken können; man müßte denn voraussetzen, daß dieser Naturforscher unter andern Seltenheiten auch Pfauen aus Indien mitgebracht hätte. Und warum sollte man dies nicht voraussetzen können? Im Notfall könnten uns auch die alten Samischen Münzen, auf denen man neben der Juno einen Pfau abgebildet sieht, aus der Schwierigkeit helfen – wenn es der Mühe wert wäre. im Hühnerhofe würgen und an den Bratspieß stecken», sagte Demokrit zu seiner Haushälterin, «und benachrichtige mich wenn er gar ist.»

Des nämlichen Abends, als sich Strobylus zu Tische setzte, ward der gebratne Pfau in einer silbernen Schüssel, als ein Geschenk von Demokritus, aufgetragen. Als man ihn öffnete, siehe, da war er mit hundert goldnen DarikenEine Persische Goldmünze, die von Cyaxares II. oder Darius aus Medien, nach der Eroberung Babylons zuerst soll geschlagen worden sein. gefüllt. Es muß doch nicht so gar übel mit dem Verstande des Mannes stehen, dachte Strobylus.

Das Mittel wirkte unverzüglich was es wirken sollte. Der Oberpriester ließ sich den Pfau herrlich schmecken, trank Griechischen Wein dazu, strich die hundert Dariken in seinen Beutel, und dankte der Latona für die Genugtuung, die sie ihren Fröschen verschafft hatte.

«Wir haben alle unsre Fehler», sagte Strobylus des folgenden Tages in einer großen Gesellschaft. «Demokrit ist zwar ein Philosoph; aber ich finde doch, daß er es so übel nicht meint als ihn seine Feinde beschuldigen. Die Welt ist schlimm; man hat wunderliche Dinge von ihm erzählt: aber ich denke gern das Beste von jedermann. Ich hoffe sein Herz ist besser als sein Kopf! Es soll nicht gar zu richtig in dem letztern sein, und ich glaub es selbst. Einem Menschen in solchen Umständen muß man viel zugut halten. Ich bin gewiß, daß er der feinste Mann in ganz Abdera wäre, wenn ihm die Philosophie den Verstand nicht verdorben hätte!»

Strobylus fing durch diese Rede zwei Fliegen mit Einer Klappe. Er entledigte sich seiner Verbindlichkeit gegen unsern Philosophen, da er von ihm als von einem guten Manne sprach, und machte sich ein Verdienst um den Ratsherrn Thrasyllus, indem er es auf Unkosten seines Verstandes tat. Woraus zu ersehen ist, daß der ehrwürdige Priester Strobylus, bei aller seiner Einfalt oder Dummheit (wenn man es so nennen will) ein schlauer Gast war.

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