Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Christoph Martin Wieland >

Geschichte der Abderiten

Christoph Martin Wieland: Geschichte der Abderiten - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleGeschichte der Abderiten
authorChristoph Martin Wieland
year1987
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
isbn3-499-40013-8
titleGeschichte der Abderiten
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1774
Schließen

Navigation:

13. Kapitel

Demokrit soll die Abderitinnen die Sprache der Vögel lehren. Im Vorbeigehen eine Probe, wie sie ihre Töchter bildeten.

Ein andermal geschah es, daß sich unser Philosoph an einem schönen Frühlingsabend mit einer Gesellschaft in einem von den Lustgärten befand, womit die Abderiten die Gegend um ihre Stadt verschönert hatten.

«Wirklich verschönert?» – Dies nun eben nicht: denn woher hätten die Abderiten nehmen sollen, daß die Natur schöner ist als die Kunst, und daß zwischen künsteln und verschönern ein Unterschied ist? – Doch davon soll nun die Rede nicht sein.

Die Gesellschaft lag auf weichen mit Blumen bestreuten Rasen, unter einer hohen Laube, im Kreise herum. In den Zweigen eines benachbarten Baums sang eine Nachtigall. Eine junge Abderitin von vierzehn Jahren schien etwas dabei zu empfinden, wovon die übrigen nichts empfanden. Demokrit bemerkte es. Das Mädchen hatte eine sanfte Gesichtsbildung und Seele in den Augen. Schade für dich, daß du eine Abderitin bist! dacht er. Was sollte dir in Abdera eine empfindsame Seele? Sie würde dich nur unglücklich machen. Doch es hat keine Gefahr! Was die Erziehung deiner Mutter und Großmutter an dir unverdorben gelassen hat, werden die Söhnchen unsrer Archonten und Ratsherren, und was diese verschonen, wird das Beispiel deiner Freundinnen zugrunde richten. In weniger als vier Jahren wirst du eine Abderitin sein wie die andern; und wenn du erst erfährst, daß eine Froschzunge auf dem Herzgrübchen nichts zu bedeuten hat –

«Was denken Sie, schöne Nannion?» sagte Demokrit zu dem Mädchen.

«Ich denke, daß ich mich dort unter die Bäume setzen möchte, um dieser Nachtigall recht ungestört zuhören zu können.»

«Das alberne Ding!» sagte die Mutter des Mädchens. «Hast du noch keine Nachtigall gehört?»

Die kleine Nannion schlug errötend die Augen nieder und schwieg.

«Nannion hat recht», sagte die schöne Thryallis; «ich selbst höre für mein Leben gern den Nachtigallen zu. Sie singen mit einem solchen Feuer, und es ist etwas so eigenes in ihren Modulationen, daß ich schon oft gewünscht habe, zu verstehen was sie damit sagen wollen. Ich bin gewiß, man würde die schönsten Dinge von der Welt hören. Aber Sie, Demokrit, der alles weiß, sollten Sie nicht auch die Sprache der Nachtigallen verstehen?»

«Warum nicht?» antwortete der Philosoph mit seinem gewöhnlichen Phlegma: «und die Sprache aller übrigen Vögel dazu!»

«Im Ernste?»

«Sie wissen ja, daß ich immer im Ernste rede.»

«O das ist allerliebst! Geschwind, übersetzen Sie uns was aus der Sprache der Nachtigallen! Wie hieß das, was diese dort sang, als Nannion so davon gerührt wurde?»

«Das läßt sich nicht so leicht ins Griechische übersetzen als Sie denken, schöne Thryallis. Es gibt keine Redensarten in unsrer Sprache, die dazu zärtlich und feurig genug wären.»

«Aber wie können Sie denn die Sprache der Vögel verstehen, wenn Sie nicht auf Griechisch wieder sagen können, was Sie gehört haben?»

«Die Vögel können auch kein Griechisch, und verstehen einander doch.»

«Aber Sie sind kein Vogel, wiewohl Sie ein loser Mann sind, der uns immer zum besten hat.»

«Daß man in Abdera doch so gern arges von seinem Nächsten denkt! Indessen verdient Ihre Antwort, daß ich mich näher erkläre. Die Vögel verstehen einander durch eine gewisse Sympathie, welche ordentlicher Weise nur unter gleichartigen Geschöpfen Statt hat. Jeder Ton einer singenden Nachtigall ist der lebende Ausdruck einer Empfindung, und erregt in der zuhörenden unmittelbar den Unisono dieser Empfindung. Sie versteht also, vermittelst ihres eignen innern Gefühls, was ihr jene sagen wollte; und gerade auf die nämliche Weise versteh ich sie auch.»

«Aber wie machen Sie denn das?» – fragten etliche Abderitinnen.

Die Frage war, nachdem Demokrit sich bereits so deutlich erklärt hatte, gar zu Abderitisch, als daß er sie ihnen so ungenossen hätte hingehen lassen können. Er besann sich einen Augenblick.

«Ich verstehe ihn», – sagte die kleine Nannion leise.

«Du verstehst ihn, du naseweises Ding?» – schnarrte ihre Mutter das arme Mädchen an: – «nun, laß hören, Puppe, was verstehst du denn davon?»

«Ich kann es nicht zu Worte bringen; aber ich empfind es, deucht mich», erwiderte Nannion.

«Sie ist, wie Sie hören, noch ein Kind», sagte die Mutter; «wiewohl sie so schnell aufgeschossen ist, daß viele Leute sie für meine jüngere Schwester angesehen haben. Aber halten wir uns nicht mit dem Geplapper eines läppischen Mädchens auf, das noch nicht weiß was es sagt!»

«Nannion hat Gefühl», sagte Demokrit; «sie findet den Schlüssel zur allgemeinen Sprache der Natur in ihrem Herzen, und vielleicht versteht sie mehr davon als –»

«O mein Herr, ich bitte Sie, machen Sie mir die kleine Närrin nicht noch einbildischer! Sie ist ohnedies naseweis und schnippisch genug –»

Bravo, dachte Demokrit; nur so fortgefahren! Auf diesem Wege möchte noch Hoffnung für den Kopf und das Herz der kleinen Nannion sein.

«Bleiben wir bei der Sache! (fuhr die Abderitin fort, die, ohne jemals recht gewußt zu haben wie und warum, die unerkannte Ehre hatte Nannions Mutter zu sein) Sie wollten uns ja erklären wie es zuginge, daß Sie die Sprache der Vögel verstehen?»

Wir sind den Abderitinnen die Gerechtigkeit schuldig, nicht zu bergen, daß sie alles, was Demokrit von seiner Kenntnis der Vögelsprache gesagt hatte, für bloße Prahlerei hielten. Aber dies hinderte nicht, daß die Fortsetzung dieses Gesprächs nicht etwas sehr unterhaltendes für sie gehabt hätte: denn sie hörten von nichts lieber reden, als von Dingen, die sie nicht glaubten und doch glaubten; als da ist von Sphinxen, Meermännern, Sibyllen, Kobolden, Popanzen, Gespenstern, und allem was in diese Rubrik gehört; und die Sprache der Vögel gehörte auch dahin, dachten sie.

«Es ist ein Geheimnis», erwiderte Demokrit, «das ich von dem Oberpriester zu Memphis lernte, da ich mich in die Ägyptischen Mysterien einführen ließ. Er war ein langer hagerer Mann, hatte einen sehr langen Namen, und einen noch längern eisgrauen Bart, der ihm bis an den Gürtel reichte. Sie würden ihn für einen Mann aus der andern Welt gehalten haben, so feierlich und geheimnisvoll sah er in seiner spitzigen Mütze und in seinem schleppenden Mantel aus.»

Die Aufmerksamkeit der Abderiten nahm merklich zu. Nannion, die sich ein wenig weiter zurück gesetzt hatte, lauschte mit dem linken Ohre der Nachtigall entgegen; aber von Zeit zu Zeit schoß sie einen dankvollen Seitenblick auf den Philosophen, welchen dieser, so oft die Mutter auf ihren Busen sah oder ihren Hund küßte, mit aufmunterndem Lächeln beantwortete.

«Das ganze Geheimnis», fuhr er fort, «besteht darin: Man schneidet unter einer gewissen Konstellation sieben verschiedenen Vögeln (deren Namen ich nicht entdecken darf) die Hälse ab, läßt ihr Blut in eine kleine Grube, die zu dem Ende in die Erde gemacht wird, zusammen fließen, bedeckt die Grube mit Lorbeerzweigen, und – geht seines Weges. Nach Verfluß von einundzwanzig Tagen kommt man wieder, deckt die Grube auf, und findet einen kleinen Drachen von seltsamer Gestalt, der aus der Fäulnis des vermischten Blutes entstanden ist. –»Plinius, der in seiner Natur- und Kunstgeschichte Wahres und Falsches ohne Unterschied zusammen getragen hat, erzählt, im neunundvierzigsten Kapitel seines zehnten Buches, im ganzen Ernste: Demokrit habe in einer seiner Schriften gewisse Vögel benennet, aus deren vermischtem Blut eine Schlange entstehe, welche die Eigenschaft habe, daß derjenige, der sie esse (ob mit Essig und Öl, sagt er nicht), von Stund an alles verstehe, was die Vögel mit einander reden. Wegen dieser und anderer ähnlicher Albernheiten, wovon (wie er sagt) die Schriften des Demokrit wimmeln, liest er ihm an einem andern Orte seines Werkes den Text sehr schulmeisterhaft. Aber Gellius (Noct. Atticar. L. X. Cap. 12) verteidigt unsern Philosophen mit besserm Grund, als Plinius ihn verurteilt. Was konnte Demokrit dafür, daß die Abderiten dumm genug waren, alles, was er im Ernste sagte, für Ironie, und alles, was er scherzweise sagte, für Ernst zu nehmen? Oder wie konnt er verhindern, daß nicht lange nach seinem Tode Abderitische Köpfe tausend Albernheiten, an die er nie gedacht hatte, unter seinem Namen und Ansehen an andre Abderiten verkauften? Was für klägliches Zeug ließ ihn nicht erst im Jahre 1646 Magnenus in seinem Democritus redivivus sagen! Und was müssen nicht die Leute in der andern Welt von sich sagen lassen!

«Einen Drachen!» – riefen die Abderitinnen mit allen Merkmalen des Erstaunens.

«Einen Drachen, wiewohl nicht viel größer als eine gewöhnliche Fledermaus. Diesen Drachen nehmen Sie, schneiden ihn in kleine Stücke, und essen ihn mit etwas Essig, Öl und Pfeffer, ohne das mindeste davon übrig zu lassen; gehen darauf zu Bette, decken sich wohl zu, und schlafen einundzwanzig Stunden in Einem Stücke fort. Darauf erwachen Sie wieder, kleiden sich an, gehen in Ihren Garten oder in ein Wäldchen, und erstaunen nicht wenig, indem Sie sich augenblicklich auf allen Seiten von Vögeln umgeben und gegrüßt finden, deren Sprache und Gesang Sie so gut verstehen, als ob Sie alle Tage Ihres Lebens nichts als Elstern, Gänschen und TruthühnerDies ist wohl ein Irrtum des Übersetzers. Denn wer weiß nicht, daß die Truthühner dem Aristoteles selbst unbekannt waren, und unbekannt sein mußten, weil sie erst aus Westindien zu uns und in die übrigen Teile unsrer Halbkugel gekommen sind! S.  Buffon Histoire naturelle des Oiseaux, T. III. p. 187, u.f. gewesen wären.»

Demokrit erzählte den Abderitinnen alles dies mit einer so gelassenen Ernsthaftigkeit, daß sie sich um so weniger entbrechen konnten ihm Glauben beizumessen, da er (ihrer Meinung nach) die Sache unmöglich mit so vielen Umständen hätte erzählen können, wenn sie nicht wahr gewesen wäre. Indessen wußten sie jetzt doch gerade nur so viel davon, als nötig war, um desto ungeduldiger zu werden alles zu wissen. –

«Aber», fragten sie, «was für Vögel sind es denn, die man dazu braucht? Ist der Sperling, der Finke, die Nachtigall, die Elster, die Wachtel, der Rabe, der Kiebitz, die Nachteule, usf. auch darunter? Wie sieht der Drache aus? Hat er Flügel? Wie viele hat er deren? Ist er gelb, oder grün, oder blau, oder rosenfarben? Speit er Feuer? Beißt oder sticht er nicht, wenn man ihn anrühren will? Ist er gut zu essen? Wie schmeckt er? Wie verdaut er sich? Was trinkt man dazu?» – Alle diese Fragen, womit der gute Naturforscher von allen Seiten bestürmt wurde, machten ihm so warm, daß er sich endlich am kürzesten aus dem Handel zu ziehen glaubte, wenn er ihnen gestände, er habe die ganze Historie nur zum Scherz ersonnen.

«O, dies sollen Sie uns nicht weis machen!» – riefen die Abderitinnen: «Sie wollen nur nicht daß wir hinter Ihre Geheimnisse kommen. Aber wir werden Ihnen keine Ruhe lassen, verlassen Sie sich darauf! Wir wollen den Drachen sehen, betasten, beriechen, kosten, und mit Haut und Knochen aufessen, oder – Sie sollen uns sagen, warum nicht!»

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.