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Geschichte der Abderiten

Christoph Martin Wieland: Geschichte der Abderiten - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleGeschichte der Abderiten
authorChristoph Martin Wieland
year1987
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
isbn3-499-40013-8
titleGeschichte der Abderiten
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1774
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12. Kapitel

Demokrit zieht sich weiter von Abdera zurück. Wie er sich in seiner Einsamkeit beschäftigt. Er kommt bei den Abderiten in den Verdacht, daß er Zauberkünste treibe. Ein Experiment, das er bei dieser Gelegenheit mit den Abderitischen Damen macht, und wie es abgelaufen.

Bei dem allen war Demokrit ein Menschenfreund in der echtesten Bedeutung des Wortes. Denn er meinte es gut mit der Menschheit, und freute sich über nichts so sehr, als wenn er irgend etwas Böses verhüten, oder etwas Gutes tun, veranlassen oder befördern konnte. Und wiewohl er glaubte, daß der Charakter eines Weltbürgers Verhältnisse in sich schließe, denen im Kollisionsfall alle andere weichen müßten: so hielt er sich doch darum nicht weniger verbunden, als ein Bürger von Abdera, an dem Zustande seines Vaterlandes Anteil zu nehmen, und, so viel er könnte, zu dessen Verbesserung beizutragen. Allein, da man den Leuten nur in so fern Gutes tun kann, als sie dessen fähig sind: so fand er sein Vermögen durch die unzähligen Hindernisse, die ihm die Abderiten entgegen setzten, in so enge Grenzen eingeschlossen, daß er Ursache zu haben glaubte, sich für eine der entbehrlichsten Personen in dieser kleinen Republik anzusehen. Was sie am nötigsten haben, dacht er, und das Beste was ich an ihnen tun könnte, wäre, sie vernünftig zu machen. Aber die Abderiten sind freie Leute. Wenn sie nicht vernünftig sein wollen, wer kann sie nötigen? – Da er nun bei so bewandten Umständen wenig oder nichts für die Abderiten als Abderiten tun konnte, so hielt er sich für hinlänglich gerechtfertigt, wenn er wenigstens seine eigene Person in Sicherheit zu bringen suchte, und einen so großen Teil als immer möglich von derjenigen Zeit rettete, die er der Erfüllung seiner weltbürgerlichen Pflichten schuldig zu sein meinte.

Weil nun seine bisherige Freistätte entweder nicht weit genug von Abdera entfernt war, oder wegen ihrer Lage und anderer Bequemlichkeiten so viel Reiz für die Abderiten hatte, daß er, ungeachtet seines Aufenthalts auf dem Lande, sich doch immer mitten unter ihnen befand: so zog er sich noch ein paar Stunden weiter in einen Wald, der zu seinem Gute gehörte, zurück, und bauete sich in die wildeste Gegend desselben ein kleines Haus, wo er die meiste Zeit – in der einsamen Ruhe, die das eigene Element des Philosophen und des Dichters ist – dem Erforschen der Natur und der Betrachtung oblag.

Einige neuere Gelehrte – ob Abderiten oder nicht, wollen wir hier unentschieden lassen – haben sich von den Beschäftigungen dieses Griechischen Bacons in seiner Einsamkeit wunderliche, wiewohl auf ihrer Seite sehr natürliche Begriffe gemacht. – «Er arbeitete am Stein der Weisen», sagt Borrichius, «und er fand ihn, und machte Gold.» Zum Beweis davon beruft er sich darauf, daß Demokrit ein Buch von Steinen und Metallen geschrieben habe.

Die Abderiten, seine Zeitgenossen und Mitbürger, gingen noch weiter; und ihre Vermutungen – die in Abderitischen Köpfen gar bald zur Gewißheit wurden – gründeten sich auf eben so gute Schlüsse, als jener des Borrichius. Demokrit war von Persischen Magiern erzogen wordenXerxes, der bei seinem Kriegszuge gegen die Griechen einige Tage zu Abdera bei Demokrits Vater sein Hauptquartier gehabt, hatte den damals noch sehr jungen Demokrit lieb gewonnen, und zu dessen besserer Erziehung ein paar von den Magiern, die er bei sich hatte, zurückgelassen. – Diogen. Laert. , er war zwanzig Jahre in den Morgenländern herum gereist; hatte mit Ägyptischen Priestern, Chaldäern, Brachmanen und Gymnosophisten Umgang gepflogen, und war in allen ihren Mysterien eingeweiht; hatte tausend Arcana von seinen Reisen mit sich gebracht, und wußte zehntausend Dinge, wovon niemals etwas in eines Abderiten Sinn gekommen war. – Machte dies alles zusammen genommen nicht den vollständigsten Beweis, daß er ein ausgelernter Meister in der Magie und allen davon abhängenden Künsten sein mußte? – Der ehrwürdige Vater Delrio hätte Spanien, Portugal und Algarbien auf die Hälfte eines Beweises wie dieser zu Asche verbrennen lassen.

Aber die guten Abderiten hatten noch nähere Beweistümer in Händen, daß ihr gelehrter Landsmann – ein wenig hexen könne. Er sagte Sonnen- und Mondfinsternisse, Mißwachs, Seuchen und andre zukünftige Dinge zuvor. Er hatte einem verbuhlten Mädchen aus der Hand geweissagt, daß sie – zu Falle kommen, und einem Ratsherrn von Abdera, dessen ganzes Leben zwischen Schlafen und Schmausen geteilt war, daß er – an einer Unverdaulichkeit sterben würde; und beides war genau eingetroffen. Überdies hatte man Bücher mit wunderlichen Zeichen in seinem Kabinette gesehen; man hatte ihn bei allerlei, vermutlich magischen, Operationen mit Blut von Vögeln und Tieren angetroffen; man hatte ihn verdächtige Kräuter kochen sehen; und einige junge Leute wollten ihn sogar in später Nacht – bei sehr blassem Mondschein – zwischen Gräbern sitzend überschlichen haben. «Um ihn zu schrecken, hatten wir uns in die scheußlichsten Larven verkleidet», sagten sie: «Hörner, Ziegenfüße, Drachenschwänze, nichts fehlte uns, um leibhafte Feldteufel und Nachtgespenster vorzustellen; wir bliesen sogar Rauch aus Nasen und Ohren, und machten es so arg um ihn herum, daß ein Herkules vor Schrecken hätte zum Weibe werden mögen. Aber Demokrit achtete unser nicht; und, da wir es ihm endlich zu lange machten, sagte er bloß: ‹Nun, wird das Kinderspiel noch lange währen?›»

«Da sieht man augenscheinlich», sagten die Abderiten, «daß es nicht recht richtig mit ihm ist! Geister sind ihm nichts Neues; er muß wohl wissen, wie er mit ihnen steht!»

«Er ist ein Zauberer; nichts kann gewisser sein», sagte der Priester Strobylus; «wir müssen ein wenig besser acht auf ihn geben!»

Man muß gestehen, daß Demokrit, entweder aus Unvorsichtigkeit, oder (welches glaublicher ist) weil er sich wenig aus der Meinung seiner Landsleute machte, zu diesen und andern bösen Gerüchten einige Gelegenheit gab. Man konnte in der Tat nicht lange unter den Abderiten leben, ohne in Versuchung zu geraten, ihnen etwas aufzuheften. Ihr Vorwitz und ihre Leichtgläubigkeit auf der einen Seite, und die hohe Einbildung, die sie sich von ihrer eignen Scharfsinnigkeit machten, auf der andern, forderten einen gleichsam heraus; und überdies war auch sonst kein Mittel, sich für die lange Weile, die man bei ihnen hatte, zu entschädigen. Demokrit befand sich nicht selten in diesem Falle: und da die Abderiten albern genug waren, alles, was er ihnen ironischer Weise sagte, im buchstäblichen Sinne zu nehmen; so entstanden daher die vielen ungereimten Meinungen und Märchen, die auf seine Rechnung in der Welt herum liefen, und noch viele Jahrhunderte nach seinem Tode von andern Abderiten für bares Geld angenommen, oder wenigstens ihm selbst unbilliger Weise zur Last gelegt wurden.

Er hatte sich, unter andern, auch mit der Physiognomik abgegeben, und teils aus seinen eigenen Beobachtungen, teils aus dem was ihm andere von den ihrigen mitgeteilt, sich eine Theorie davon gemacht, von deren Gebrauch er (sehr vernünftig, wie uns deucht) urteilte, daß es damit eben so wie mit der Theorie der poetischen oder irgend einer andern Kunst beschaffen sei. Denn so wie noch keiner durch die bloße Wissenschaft der Regeln ein guter Dichter oder Künstler geworden sei, und nur derjenige, welchen angebornes Genie, emsiges Studium, hartnäckiger Fleiß und lange Übung zum Dichter oder Künstler gemacht, geschickt sei, die Regeln seiner Kunst recht zu verstehen und anzuwenden: so sei auch die Theorie der Kunst, aus dem Äußerlichen des Menschen auf das Innerliche zu schließen, nur für Leute von großer Fertigkeit im Beobachten und Unterscheiden brauchbar, für jeden andern hingegen eine höchst ungewisse und betrügliche Sache; und eben darum müsse sie, als eine von den geheimen Wissenschaften oder großen Mysterien der Philosophie, immer nur der kleinen Zahl der EpoptenEpopten (Anschauer) hießen diejenigen, welche nach ausgestandener Prüfung zum Anschauen der großen Mysterien zu Eleusis zugelassen wurden. vorbehalten bleiben.

Diese Art von der Sache zu denken bewies, daß Demokrit kein Scharlatan war: aber den Abderiten bewies sie bloß, daß er ein Geheimnis aus seiner Wissenschaft mache. Daher ließen sie nicht ab, ihn, so oft sich die Rede davon gab, zu necken und zu plagen, daß er ihnen etwas davon entdecken sollte. Besonders drückte dieser Vorwitz die Abderitinnen. Sie wollten von ihm wissen – an was für äußerlichen Merkmalen ein getreuer Liebhaber zu erkennen sei; ob Milon von KrotonaEin Mann, von dessen wunderbarer Leibesstärke und Gefräßigkeit die fabelhaften Graeculi erstaunliche Dinge zu erzählen wissen; zum Beispiel, daß er einen wohl gemästeten Ochsen dreihundert Schritte weit auf den Schultern getragen, und, nachdem er ihn mit einem einzigen Faustschlag tot gemacht, in Einem Tage aufgegessen habe. eine sehr große Nase gehabt habe; ob eine blasse Farbe ein notwendiges Zeichen eines Verliebten sei; – und hundert andere Fragen dieser Art, mit denen sie seine Geduld so sehr ermüdeten, daß er endlich, um ihrer los zu werden, auf den Einfall kam, sie ein wenig zu erschrecken.

«Aber das haben Sie sich wohl nicht vorgestellt», sagte Demokrit, «daß die Jungferschaft ein untrügliches Merkzeichen in den Augen haben könnte?»

«In den Augen?» riefen die Abderitinnen. «O, das ist nicht möglich! Warum just in den Augen?»

«Es ist nicht anders», versetzte er; «und was Sie mir gewiß glauben können, ist, daß mir dieses Merkmal schon öfters von den Geheimnissen junger und alter Schönen mehr entdeckt hat, als sie Lust gehabt haben würden mir von freien Stücken anzuvertrauen.»Eine der Hälfte des menschlichen Geschlechts verhaßte Sagacität nennt dies Johann Chrysostomus Magnenus in seinem Leben des Demokrit.

Der zuversichtliche Ton, womit er dies sagte, verursachte einige Entfärbungen; wiewohl die Abderitinnen (die in allen Fällen, wo es auf die gemeine Sicherheit ihres Geschlechts ankam, einander getreulich beizustehen pflegten) mit großer Hitze darauf bestanden, daß sein vorgebliches Geheimnis eine Schimäre sei.

«Sie nötigen mich durch Ihren Unglauben, daß ich Ihnen noch mehr sagen muß», fuhr der Philosoph fort. «Die Natur ist voll solcher Geheimnisse, meine schönen Damen; und wofür sollt ich auch, wenn es sich der Mühe nicht verlohnte, bis nach Äthiopien und Indien gewandert sein? Die Gymnosophisten, deren Weiber – wie Sie wissen – nackend gehen, haben mir sehr artige Sachen entdeckt.»

«Zum Beispiel?» – sagten die Abderitinnen.

«Unter andern ein Geheimnis, welches ich, wenn ich ein Ehemann wäre, lieber nicht zu wissen wünschen würde.»

«Ach, nun haben wir die Ursache, warum sich Demokrit nicht verheiraten will!» – rief die schöne Thryallis.

«Als ob wir nicht schon lange wüßten», sagte Salabanda, «daß es seine Äthiopische Venus ist, die ihn für unsre Griechische so unempfindlich macht. – Aber Ihr Geheimnis, Demokrit, wenn man es keuschen Ohren anvertrauen darf?»

«Zum Beweise, daß man es darf, will ich es den Ohren aller gegenwärtigen Schönen anvertrauen», antwortete der Naturforscher. «Ich weiß ein unfehlbares Mittel, wie man machen kann, daß ein Frauenzimmer, im Schlafe, mit vernehmlicher Stimme alles sagt was sie auf dem Herzen hat.»

«O gehen Sie», riefen die Abderitinnen, «Sie wollen uns bange machen; aber – wir lassen uns nicht so leicht erschrecken.»

«Wer wird auch an erschrecken denken», sagte Demokrit, «wenn von einem Mittel die Rede ist, wodurch einer jeden ehrlichen Frau Gelegenheit gegeben wird, zu zeigen, daß sie keine Geheimnisse hat, die ihr Mann nicht wissen dürfte?»

«Wirkt Ihr Mittel auch bei Unverheirateten?» – fragte eine Abderitin, die weder jung noch reizend genug zu sein schien, um eine solche Frage zu tun.

«Es wirkt vom zehnten Jahr an bis zum achtzigsten», erwiderte er, «ohne Beziehung auf irgend einen andern Umstand, worin sich ein Frauenzimmer befinden kann.»

Die Sache fing an ernsthaft zu werden. – «Aber Sie scherzen nur, Demokrit?» sprach die Gemahlin eines Thesmotheten, nicht ohne eine geheime Furcht des Gegenteils versichert zu werden.

«Wollen Sie die Probe machen, Lysistrata?»

«Die Probe? – Warum nicht? – Voraus bedungen, daß nichts Magisches dazu gebraucht wird. Denn mit Hülfe Ihrer Talismane und Geister könnten Sie eine arme Frau sagen machen was Sie wollten.»

«Es haben weder Geister noch Talismane damit zu tun. Alles geht natürlich zu. Das Mittel, das ich gebrauche, ist die simpelste Sache von der Welt.»

Die Damen fingen an, bei allen Grimassen von Herzhaftigkeit wozu sie sich zu zwingen suchten, eine Unruhe zu verraten, die den Philosophen sehr belustigte. – «Wenn man nicht wüßte, daß Sie ein Spötter sind, der die ganze Welt zum besten hat – Aber darf man fragen, worin Ihr Mittel besteht?»

«Wie ich Ihnen sagte, die natürlichste Sache von der Welt. Ein ganz kleines unschädliches Ding, einem schlafenden Frauenzimmer aufs Herzgrübchen gelegt, das ist das ganze Geheimnis: aber es tut Wunder, Sie können mirs glauben! Es macht reden, so lange noch im innersten Winkel des Herzens was zu entdecken ist.»

Unter sieben Frauenzimmern, die sich in der Gesellschaft befanden, war nur Eine, deren Miene und Gebärde unverändert die nämliche blieb wie vorher. Man wird denken, sie sei alt, oder häßlich, oder gar tugendhaft gewesen; aber nichts von allem diesem! Sie war – taub.

«Wenn Sie wollen, daß wir Ihnen glauben sollen, Demokrit, so nennen Sie Ihr Mittel.»

«Ich will es dem Gemahl der schönen Thryallis ins Ohr sagen», sprach der boshafte Naturkündiger.

Der Gemahl der schönen Thryallis war, ohne blind zu sein, so glücklich, als Hagedorn einen Blinden schätzt dessen Gemahlin schön ist. Er hatte immer gute Gesellschaft, oder wenigstens was man zu Abdera so nannte, in seinem Hause. Der gute Mann glaubte, man finde so viel Vergnügen an seinem Umgang, und an den Versen die er seinen Besuchen vorzulesen pflegte. In der Tat hatte er das Talent, die schlechten Verse, die er machte, nicht übel zu lesen; und weil er mit vieler Begeisterung las, so wurde er nicht gewahr, daß seine Zuhörer, anstatt auf seine Verse achtzugeben, mit der schönen Thryallis liebäugelten. Kurz, der Ratsherr Smilax war ein Mann, der eine viel zu gute Meinung von sich selbst hatte, um von der Tugend seiner Gemahlin eine schlimme zu hegen.

Er bedachte sich also keinen Augenblick, dem Geheimnis sein Ohr darzubieten.

«Es ist weiter nichts», flüsterte ihm der Philosoph ins Ohr, «als die Zunge eines lebendigen Frosches, die man einer schlafenden Dame auf die linke Brust legen muß. Aber Sie müssen sich beim Ausreißen wohl in acht nehmen, daß nichts von den daran hängenden Teilen mitgeht, und der Frosch muß wieder ins Wasser gesetzt werden.»

«Das Mittel mag nicht übel sein», sagte Smilax leise; «nur schade daß es ein wenig bedenklich ist! Was würde der Priester Strobylus dazu sagen?»

«Sorgen Sie nicht dafür», versetzte Demokrit: «ein Frosch ist doch keine Latona, der Priester Strobylus mag sagen was er will. Und zudem geht es dem Frosche ja nicht ans Leben.»

«Ich darf es also weiter geben?» – fragte Smilax.

«Von Herzen gern! Alle Mannspersonen in der Gesellschaft dürfen es wissen; und ein jeder mag es ungescheut allen seinen Bekannten entdecken; nur mit der Bedingung, daß es keiner weder seiner Frau noch seiner Geliebten wieder sage.»

Die guten Abderitinnen wußten nicht was sie von der Sache glauben sollten. Unmöglich schien sie ihnen nicht; und was sollte auch Abderiten unmöglich scheinen? – Ihre gegenwärtigen Männer oder Liebhaber waren nicht viel ruhiger; jeder setzte sich heimlich vor, das Mittel ohne Aufschub zu probieren, und jeder (den glücklichen Smilax ausgenommen) besorgte, gelehrter dadurch zu werden als er wünschte.

«Nicht wahr, Männchen» – sagte Thryallis zu ihrem Gemahl, indem sie ihn freundlich auf die Backen klopfte, «du kennst mich zu gut, um einer solchen Probe nötig zu haben?»

«Der meinige sollte sich so etwas einfallen lassen», sagte Lagiska. «Eine Probe setzt Zweifel voraus, und ein Mann, der an der Tugend seiner Frau zweifelt –»

«– Ist ein Mann, der Gefahr läuft seine Zweifel in Gewißheit verwandelt zu sehen», setzte Demokrit hinzu, da er sah, daß sie einhielt. – «Das wollten Sie doch sagen, schöne Lagiska?»

«Sie sind ein Weiberfeind», riefen die Abderitinnen allzumal; «aber vergessen Sie nicht, daß wir in Thracien sind, und hüten Sie sich vor dem Schicksal des Orpheus!»

Wiewohl dies im Scherz gesagt wurde, so war doch Ernst dabei. Natürlicher Weise läßt man sich nicht gern ohne Not schlaflose Nächte machen; eine Absicht, von welcher wir den Philosophen um so weniger frei sprechen können, da er die Folgen seines Einfalles notwendig voraus sehen mußte. Wirklich gab diese Sache den sieben Damen so viel zu denken, daß sie die ganze Nacht kein Auge zutaten; und da das vorgebliche Geheimnis den folgenden Tag in ganz Abdera herum lief, so verursachte er dadurch etliche Nächte hinter einander eine allgemeine Schlaflosigkeit.

Indessen brachten die Weiber bei Tage wieder ein, was ihnen bei Nacht abging: und weil verschiedene sich nicht einfallen ließen, daß man ihnen das Arcanum, wenn sie am Tage schliefen, eben so gut applizieren könne als bei Nacht, und daher ihr Schlafzimmer zu verriegeln vergaßen; so bekamen die Männer unverhofft Gelegenheit, von ihren Froschzungen Gebrauch zu machen. Lysistrata, Thryallis, und einige andere, die am meisten dabei zu wagen hatten, waren die ersten, an denen die Probe, mit dem Erfolg den man leicht voraus sehen kann, gemacht wurde.

Aber eben dies stellte in kurzem die Ruhe in Abdera wieder her. Die Männer dieser Damen, nachdem sie das Mittel zwei- oder dreimal ohne Erfolg gebraucht hatten, kamen in vollem Sprunge zu unserm Philosophen gelaufen, um sich zu erkundigen, was dies zu bedeuten hätte. – «So?» rief er ihnen entgegen; «hat die Froschzunge ihre Wirkung getan? Haben Ihre Weiber gebeichtet?» – «Kein Wort, keine Silbe», sagten die Abderiten. – «Desto besser!» rief Demokrit: «triumphieren Sie darüber! Wenn eine schlafende Frau mit einer Froschzunge auf dem Herzen nichts sagt, so ist es ein Zeichen, daß sie – nichts zu sagen hat. Ich wünsche Ihnen Glück, meine Herren! Jeder von Ihnen kann sich rühmen, daß er den Phönix der Weiber in seinem Hause besitze.»

Wer war glücklicher als unsre Abderiten! Sie liefen so schnell als sie gekommen waren wieder zurück, fielen ihren erstaunten Weibern um den Hals, erstickten sie mit Küssen und Umarmungen, und bekannten nun freiwillig was sie getan hatten, um sich von der Tugend ihrer Hälften (‹wiewohl wir davon schon gewiß waren›, sagten sie) noch gewisser zu machen.

Die guten Weiber wußten nicht ob sie ihren Sinnen glauben sollten. Aber, wiewohl sie Abderitinnen waren, hatten sie doch Verstand genug sich auf der Stelle zu fassen, und ihren Männern das unzärtliche Mißtrauen, dessen sie sich selbst anklagten, nachdrücklich zu verweisen. Einige trieben die Sache bis zu Tränen; aber alle hatten Mühe die Freude zu verbergen, die ihnen eine so unverhoffte Bestätigung ihrer Tugend verursachte; und wiewohl sie, der Anständigkeit wegen, auf Demokriten schmälen mußten, so war doch keine, die ihn nicht dafür hätte umarmen mögen, daß er ihnen einen so guten Dienst geleistet hatte. Freilich war dies nicht was er gewollt hatte. Aber die Folgen dieses einzigen unschuldigen Scherzes mochten ihn lehren, daß man mit Abderiten nicht behutsam genug scherzen kann.

Indessen (wie alle Dinge dieser Welt mehr als Eine Seite haben) so fand sich auch, daß aus dem Übel, welches unser Philosoph den Abderiten wider seine Absicht zugefügt hatte, gleichwohl mehr Gutes entsprang, als man vermutlich hätte erwarten können, wenn die Froschzungen gewirkt hätten. Die Männer machten die Weiber durch ihre unbegrenzte Sicherheit, und die Weiber die Männer durch ihre Gefälligkeit und gute Laune glücklich. Nirgends in der Welt sah man zufriednere Ehen als in Abdera. Und bei allem dem waren die Stirnen der Abderiten so glatt, und – die Ohren und Zungen der Abderitinnen so keusch, als bei andern Leuten.

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