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Geschichte der Abderiten

Christoph Martin Wieland: Geschichte der Abderiten - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleGeschichte der Abderiten
authorChristoph Martin Wieland
year1987
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
isbn3-499-40013-8
titleGeschichte der Abderiten
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1774
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10. Kapitel

Demokrit zieht sich aufs Land zurück, und wird von den Abderiten fleißig besucht. Allerlei Raritäten, und eine Unterredung vom Schlaraffenlande der Sittenlehrer.

Demokrit hatte sich, da er in sein Vaterland zurück kam, mit dem Gedanken geschmeichelt, demselben mittelst alles dessen, um was sich sein Verstand und sein Herz inzwischen gebessert hatte, nützlich werden zu können. Er hatte sich nicht vorgestellt, daß es mit den Abderitischen Köpfen so gar übel stände, als er es nun wirklich fand. Aber da er sich einige Zeit unter ihnen aufgehalten, sah er augenscheinlich, daß es ein eitles Unternehmen gewesen wäre, sie verbessern zu wollen. Alles war bei ihnen so verschoben, daß man nicht wußte, wo man die Verbesserung anfangen sollte. Jeder ihrer Mißbräuche hing an zwanzig andern; es war unmöglich, Einen davon abzustellen, ohne den ganzen Staat umzuschaffen. Eine gute Seuche, (dacht er) welche das ganze Völkchen – bis auf etliche Dutzend Kinder, die gerade groß genug wären um der Ammen entbehren zu können – von der Erde vertilgte, wäre das einzige Mittel, das der Stadt Abdera helfen könnte; den Abderiten ist nicht zu helfen!

Er beschloß also sich mit guter Art von ihnen zurück zu ziehen, und ein kleines Gut zu bewohnen, das er in ihrer Gegend besaß, und mit dessen Benutzung und Verschönerung er sich die Stunden beschäftigte, die ihm sein Lieblingsstudium, die Erforschung der Naturwirkungen, übrig ließ. Aber zum Unglück für ihn lag dies Landgut zu nahe bei Abdera. Denn weil die Lage desselben ungemein schön, und der Weg dahin einer der angenehmsten Spaziergänge war: so sah er sich alle Tage Gottes von einem Schwarm Abderiten und Abderitinnen (lauter Vettern und Basen) heimgesucht, welche das schöne Wetter und den angenehmen Spaziergang zum Vorwande nahmen, ihn in seiner glücklichen Einsamkeit zu stören.

Wiewohl Demokrit den Abderiten wenigstens nicht besser gefiel als sie ihm, so war doch die Wirkung davon sehr verschieden. Er floh sie, weil sie ihm lange Weile machten; und sie suchten ihn, weil sie sich die Zeit dadurch vertrieben. Er wußte die seinige anzuwenden; sie hingegen hatten nichts bessers zu tun.

«Wir kommen Ihnen in Ihrer Einsamkeit die Zeit kürzen zu helfen», sagten die Abderiten.

«Ich pflege in meiner eigenen Gesellschaft sehr kurze Zeit zu haben», sagte Demokrit.

«Aber wie ist es möglich, daß man immer so allein sein kann?» rief die schöne Pithöka. «Ich würde vor langer Weile vergehen, wenn ich einen einzigen Tag leben sollte ohne Leute zu sehen.»

«Sie versprachen sich, Pithöka, von Leuten gesehen zu werden, wollten Sie sagen.»

«Aber, (fuhr einer heraus) woher nehmen Sie, daß unser Freund lange Weile hat? Sein ganzes Haus ist mit Seltenheiten angefüllt. Mit Ihrer Erlaubnis, Demokrit – Lassen Sie uns doch die schönen Sachen sehen, die Sie, wie man sagt, auf Ihrer Reise gesammelt haben.»

Nun ging das Leiden des armen Einsiedlers erst recht an. Er hatte in der Tat eine schöne Sammlung von Naturalien aus allen Reichen der Natur mitgebracht: ausgestopfte Tiere und Vögel, getrocknete Fische, seltne Schmetterlinge, Muscheln, Versteinerungen, Erze usw. Alles war den Abderiten neu, alles erregte ihr Erstaunen. Der gute Naturforscher wurde in einer Minute mit so viel Fragen übertäubt, daß er, wie Fama, aus lauter Ohren und Zungen hätte zusammen gesetzt sein müssen, um auf alles antworten zu können.

«Erklären Sie uns doch was dieses ist? wie es heißt? woher es ist? wie es zugeht? warum es so ist?»

Demokrit erklärte so gut er konnte und wußte: aber den Abderiten wurde nichts klärer dadurch; es war ihnen vielmehr als begriffen sie immer weniger von der Sache je mehr er sie ihnen erklärte. Seine Schuld war es nicht!

«Wunderbar! Unbegreiflich! Sehr wunderbar!» – war ihr ewiger Gegenklang.

«So natürlich als etwas in der Welt!» erwiderte er ganz kaltsinnig.

«Sie sind gar zu bescheiden, Vetter! Oder vermutlich wollen Sie nur, daß man Ihnen desto mehr Komplimente über Ihren guten Geschmack und über Ihre großen Reisen machen soll?»

«Setzen Sie sich deswegen in keine Unkosten, meine Herren und Damen! Ich nehme alles für empfangen an.»

«Aber es mag doch eine angenehme Sache sein, so tief in die Welt hinein zu reisen?» – sagte ein Abderit.

«Und ich dächte gerade das Gegenteil», erwiderte ein anderer. – «Nehmen Sie alle die Gefahren und Beschwerlichkeiten, denen man täglich ausgesetzt ist, die schlimmen Straßen, die schlechten Gasthöfe, die Sandbänke, die Schiffbrüche, die wilden Tiere, Krokodille, Einhörner, Greifen und geflügelten Löwen, von denen in der Barbarei alles wimmelt! –»

«Und dann, was hat man am Ende davon, (fiel ein Matador von Abdera ein) wenn man gesehen hat wie groß die Welt ist? Ich dächte, das Stück, das ich selbst davon besitze, käme mir dann so klein vor, daß ich keine Freude mehr daran haben könnte.»

«Aber rechnen Sie für nichts, so viel Menschen zu sehen?» – erwiderte der erste.

«Und was sieht man denn da? Menschen! Die konnte man zu Hause sehen. Es ist allenthalben wie bei uns.»

«Ei, hier ist gar ein Vogel ohne Füße!» rief ein junges Frauenzimmer.

«Ohne Füße? – Und der ganze Vogel nur eine einzige Feder! das ist erstaunlich!» sprach eine andere. «Begreifen Sie das?»

«Ich bitte Sie, lieber Demokrit, erklären Sie uns, wie er gehen kann da er keine Füße hat.»

«Und wie er mit einer einzigen Feder fliegt.»

«O, was ich am liebsten sehen möchte», sagte eine von den Basen, «das wäre ein lebendiger Sphinx! – Sie müssen deren wohl viele in Ägypten gefunden haben?»

«Aber ists möglich, ich bitte Sie, daß die Weiber und Töchter der Gymnosophisten in Indien – wie man sagt – Sie verstehen mich doch, was ich fragen will?»

«Nicht ich, Frau Salabanda!»

«O Sie verstehen mich gewiß! Sie sind ja in Indien gewesen? Sie haben die Weiber der Gymnosophisten gesehen?»

«O ja, und Sie können mir glauben, daß die Weiber der Gymnosophisten weder mehr noch weniger Weiber sind als die Weiber der Abderiten.»

«Sie erweisen uns viel Ehre. Aber dies ist nicht, was ich wissen wollte. Ich frage, ob es wahr ist, daß sie –» Hier hielt Frau Salabanda eine Hand vor ihren Busen, und die andere – kurz, sie setzte sich in die Stellung der Mediceischen Venus, um dem Philosophen begreiflich zu machen, was sie wissen wollte. «Nun verstehen Sie mich doch?» sagte sie.

«Ja, Madam, die Natur ist nicht karger gegen sie gewesen als gegen andre. Welch eine Frage das ist!»

«Sie wollen mich nicht verstehen, loser Mann! Ich dächte doch, ich hätte Ihnen deutlich genug gesagt, daß ich wissen möchte, ob es wahr sei daß sie – weil Sie doch wollen, daß ichs Ihnen unverblümt sage – so nackend gehen als sie auf die Welt kommen?»

«Nackend!» – riefen die Abderitinnen alle auf einmal. «Da wären sie ja noch unverschämter als die Mädchen in Lacedämon! Wer wird auch so was glauben?»

«Sie haben recht», sagte der Naturforscher: «die Weiber der Gymnosophisten sind weniger nackend als die Weiber der Griechen in ihrem vollständigsten Anzuge; sie sind vom Kopf bis zu den Füßen in ihre Unschuld und in die öffentliche Ehrbarkeit eingehüllt.»

«Wie meinen Sie das?»

«Kann ich mich deutlicher erklären?»

«Ach, nun versteh ich Sie! Es soll ein Stich sein! Aber Sie scherzen doch wohl nur mit Ihrer Ehrbarkeit und Unschuld. Wenn die Weiber der Gymnosophisten nicht haltbarer gekleidet sind, so – müssen sie entweder sehr häßlich, oder die Männer in ihrem Lande sehr frostig sein.»

«Keines von beiden. Ihre Weiber sind wohl gebildet, und ihre Kinder gesund und voller Leben; ein unverwerfliches Zeugnis zugunsten ihrer Väter, deucht mich!»

«Sie sind ein Liebhaber von Paradoxen, Demokrit», sprach der Matador; «aber Sie werden mich in Ewigkeit nicht überreden, daß die Sitten eines Volks desto reiner seien, je nackender die Weiber desselben sind.»

«Wenn ich ein so großer Liebhaber von Paradoxen wäre als man mich beschuldigt, so würd es mir vielleicht nicht schwer fallen, Sie dessen durch Beispiele und Gründe zu überführen. Aber ich bin dem Gebrauch der Gymnosophistinnen nicht günstig genug, um mich zu seinem Verteidiger aufzuwerfen. Auch war meine Meinung gar nicht, das zu sagen was mich der scharfsinnige Kratylus sagen läßt. Die Weiber der Gymnosophisten schienen mir nur zu beweisen, daß Gewohnheit und Umstände in Gebräuchen dieser Art alles entscheiden. Die Spartanischen Töchter, weil sie kurze Röcke, und die am Indus, weil sie gar keine Röcke tragen, sind darum weder unehrbarer noch größerer Gefahr ausgesetzt, als diejenigen, die ihre Tugend in sieben Schleier einwickeln. Nicht die Gegenstände, sondern unsre Meinungen von denselben, sind die Ursachen unordentlicher Leidenschaften. Die Gymnosophisten, welche keinen Teil des menschlichen Körpers für unedler halten als den andern, sehen ihre Weiber, wiewohl sie bloß in ihr angebornes Fell gekleidet sind, für eben so gekleidet an, als die Skythen die ihrigen, wenn sie ein Tigerkatzenfell um die Lenden hangen haben.»

«Ich wünschte nicht, daß Demokrit mit seiner Philosophie so viel über unsre Weiber vermöchte, daß sie sich solche Dinge in den Kopf setzten», – sagte ein ehrenfester steifer Abderit, der mit Pelzwaren handelte.

«Ich auch nicht», – stimmte ein Leinwandhändler ein.

«Ich wahrlich auch nicht», sagte Demokrit, «wiewohl ich weder mit Pelzen noch Leinwand handle.»

«Aber Eins erlauben Sie mir noch zu fragen», lispelte die Base die so gern lebendige Sphinxe gesehen haben möchte: «Sie sind in der ganzen Welt herum gekommen; und es soll da viele wunderbare Länder geben, wo alles anders ist als bei uns –»

«Ich glaube kein Wort davon», – murmelte der Ratsherr, indem er, wie Homers Jupiter, das ambrosische Haar auf seinem weisheitschwangern Kopfe schüttelte.

«Sagen Sie mir doch», fuhr die Base fort, «in welchem unter allen diesen Ländern gefiel es Ihnen am besten?»

«Wo könnt es einem besser gefallen, als – zu Abdera?»

«O wir wissen schon daß dies Ihr Ernst nicht ist. Ohne Komplimente! antworten Sie der jungen Dame wie Sie denken», – sagte der Ratsherr.

«Sie werden über mich lachen», erwiderte Demokrit: «aber weil Sie es verlangen, schöne Klonarion, so will ich Ihnen die reine Wahrheit sagen. Haben Sie nie von einem Lande gehört, wo die Natur so gefällig ist, neben ihren eigenen Verrichtungen auch noch die Arbeit der Menschen auf sich zu nehmen? Von einem Lande, wo ewiger Friede herrscht? wo niemand Knecht und niemand Herr, niemand arm und jedermann reich ist; wo der Durst nach Golde zu keinen Verbrechen zwingt, weil man das Gold zu nichts gebrauchen kann; wo eine Sichel ein eben so unbekanntes Ding ist als ein Schwert; wo der Fleißige nicht für den Müßiggänger arbeiten muß; wo es keine Ärzte gibt weil niemand krank wird, keine Richter weil es keine Händel gibt, keine Händel weil jedermann zufrieden ist, und jedermann zufrieden ist, weil jedermann alles hat was er nur wünschen kann; – mit Einem Worte, von einem Lande, wo alle Menschen so fromm wie die Lämmer, und so glücklich wie die Götter sind? – Haben Sie nie von einem solchen Lande gehört?»

«Nicht, daß ich mich erinnerte.»

«Das nenn ich ein Land, Klonarion! Da ist es nie zu warm und nie zu kalt, nie zu naß und nie zu trocken; Frühling und Herbst regieren dort nicht wechselsweise, sondern, wie in den Gärten des Alcinous, zugleich, in ewiger Eintracht. Berge und Täler, Wälder und Auen sind mit allem angefüllt, was des Menschen Herz gelüsten kann. Aber nicht etwa daß die Leute sich die Mühe geben müßten die Hasen zu jagen, die Vögel oder Fische zu fangen, und die Früchte zu pflücken, die sie essen wollen; oder daß sie die Gemächlichkeiten, deren sie genießen, erst mit vielem Ungemach erkaufen müßten. Nein! alles macht sich da von selbst. Die Rebhühner und Schnepfen fliegen einem gespickt und gebraten um den Mund, und bitten demütig daß man sie essen möchte; Fische von allen Arten schwimmen gekocht in Teichen von allen möglichen Brühen, deren Ufer immer voll Austern, Krebse, Pasteten, Schinken und Ochsenzungen liegen. Hasen und Rehböcke kommen freiwillig herbei gelaufen, streifen sich das Fell über die Ohren, stecken sich an den Bratspieß, und legen sich, wenn sie gar sind, von selbst in die Schüssel. Allenthalben stehen Tische, die sich selbst decken; und weich gepolsterte Ruhebettchen laden allenthalben zum Ausruhen vom – Nichtstun und zu angenehmen Ermüdungen ein. Neben denselben rauschen kleine Bäche von Milch und Honig, von Cyprischem Wein, Zitronenwasser und andern angenehmen Getränken; und über sie her wölben sich, mit Rosen und Schasmin untermengt, Stauden voller Becher und Gläser, die sich, so oft sie ausgetrunken werden, gleich von selbst wieder anfüllen. Auch gibt es da Bäume, die statt der Früchte kleine Pastetchen, Bratwürste, Mandelkrapfen und Buttersemmeln tragen; andere, die an allen Ästen mit Geigen, Harfen, Cithern, Theorben, Flöten und Waldhörnern behangen sind, welche von sich selbst das angenehmste Konzert machen, das man hören kann. Die glücklichen Menschen, nachdem sie den wärmern Teil des Tages verschlafen und den Abend vertanzt, versungen und verscherzt haben, erfrischen sich dann in kühlen marmornen Bädern, wo sie von unsichtbaren Händen sanft gerieben, mit feinem Byssus, der sich selbst gesponnen und gewebt hat, abgetrocknet, und mit den kostbarsten Essenzen, die aus den Abendwolken herunter tauen, eingebalsamt werden. Dann legen sie sich auf schwellende Polster um volle Tafeln her, und essen und trinken und lachen, singen und tändeln und küssen die ganze Nacht durch, die ein ewiger Vollmond zum sanftern Tage macht; und – was noch das angenehmste ist –»

«O gehen Sie, Herr Demokrit, Sie haben mich zum besten! Was Sie mir da erzählen, ist ja das Märchen vom Schlaraffenlande, das ich tausendmal von meiner Amme gehört habe, wie ich noch ein kleines Mädchen war.»

«Aber Sie finden doch auch, Klonarion, daß sichs gut in diesem Lande leben müßte?»

«Merken Sie denn nicht, daß unter allem diesem eine geheime Bedeutung verborgen liegt?» sagte der weise Ratsmann; «vermutlich eine Satire auf gewisse Philosophen, welche das höchste Gut in der Wollust suchen.»

Schlecht geraten, Herr Ratsherr! dachte Demokrit.

«Ich erinnere mich in den Amphiktyonen des Teleklides eine ähnliche Beschreibung des goldnen Alters gelesen zu haben», – sagte Frau Salabanda.Frau Salabanda sagte die Wahrheit. Lange vor dem Hammel der Madame Daulnoy machte Lucian in seiner wahren Geschichte, und lange vor Lucian machten die Griechischen Komödiendichter, Metagenes, Pherekrates, Teleklides, Krates und Kratinus, Beschreibungen vom Schlaraffenlande und vom Schlaraffenleben, worin sie sich in die Wette beeiferten, der ausschweifendsten Einbildungskraft eines neuern Märchenmachers nichts übrig zu lassen. Die kühnsten Züge im Gemälde, welches Demokrit davon macht, sind aus den Fragmenten genommen, die uns Athenäus im sechsten Buche seines Gastmahls davon aufbehalten hat.

«Das Land, das ich der schönen Klonarion beschrieb», sprach der Naturforscher, «ist keine Satire: es ist das Land, in welches von jedem Dutzend unter euch weisen Leuten zwölf sich im Herzen hinein wünschen und nach Möglichkeit hinein arbeiten, und in welches uns eure Abderitischen Sittenlehrer hinein deklamieren wollen; wenn anders ihre Deklamationen irgend einen Sinn haben.»

«Ich möchte wohl wissen, wie Sie dies verstehen!» – sagte der Ratsherr, der (vermög' einer vieljährigen Gewohnheit, nur mit halben Ohren zu hören, und sein Votum im Rate schlummernd von sich zu geben) sich nicht gern die Mühe nahm einer Sache lange nachzudenken.

«Sie lieben eine starke Beleuchtung, wie ich sehe, Herr Ratsmeister», erwiderte Demokrit. «Aber zu viel Licht ist zum Sehen eben so unbequem als zu wenig. Helldunkel ist, deucht mich, gerade so viel Licht, als man braucht, um in solchen Dingen weder zu viel noch zu wenig zu sehen. Ich setze zum voraus, daß Sie überhaupt sehen können. Denn wenn dies nicht wäre, so begreifen Sie wohl, daß wir beim Lichte von zehentausend Sonnen nicht besser sehen würden, als beim Schein eines Feuerwurms.»

«Sie sprechen von Feuerwürmern?» – sagte der Ratsherr, indem er bei dem Worte Feuerwurm aus einer Art von Seelenschlummer erwachte, in welchen er über dem Gaffen nach Salabandens Busen, während Demokrit redete, gefallen war. – «Ich dachte wir sprächen von den Moralisten.»

«Von Moralisten oder Feuerwürmern, wie es Ihnen beliebt», versetzte Demokrit. «Was ich sagen wollte, um Ihnen die Sache, wovon wir sprachen, deutlich zu machen, war dies: Ein Land, wo ewiger Friede herrscht, und wo alle Menschen in gleichem Grade frei und glücklich sind; wo das Gute nicht mit dem Bösen vermischt ist, Schmerz nicht an Wollust und Tugend nicht an Untugend grenzt, wo lauter Schönheit, lauter Ordnung, lauter Harmonie ist; – mit Einem Wort, ein Land, wie Ihre Moralisten den ganzen Erdboden haben wollen, ist entweder ein Land, wo die Leute keinen Magen und keinen Unterleib haben, oder es muß schlechterdings das Land sein, das uns Teleklides schildert, aus dessen Amphiktyonen ich (wie die schöne Salabanda sehr wohl bemerkt hat) meine Beschreibung genommen habe. Vollkommene Gleichheit, vollkommene Zufriedenheit mit dem Gegenwärtigen, immer währende Eintracht – kurz, die Saturnischen Zeiten, wo man keine Könige, keine Priester, keine Soldaten, keine Ratsherren, keine Moralisten, keine Schneider, keine Köche, keine Ärzte und keine Scharfrichter braucht, sind nur in dem Lande möglich, wo einem die Rebhühner gebraten in den Mund fliegen, oder (welches ungefähr eben so viel sagen will) wo man keine Bedürfnisse hat. Dies ist, wie mich deucht, so klar, daß es demjenigen, dem es dunkel ist, durch alles Licht im Feuerhimmel nicht klärer gemacht werden könnte. Gleichwohl ärgern sich Ihre Moralisten darüber, daß die Welt so ist wie sie ist: und wenn der ehrliche Philosoph, der die Ursachen weiß warum sie nicht anders sein kann, den Ärger dieser Herren lächerlich findet; so begegnen sie ihm als ob er ein Feind der Götter und der Menschen wäre; welches zwar an sich selbst noch lächerlicher ist, aber zuweilen da, wo die milzsüchtigen Herren den Meister spielen, einen ziemlich tragischen Ausgang nimmt.»

«Aber was wollen Sie denn, daß die Moralisten tun sollen?»

«Die Natur erst ein wenig kennen lernen, ehe sie sich einfallen lassen es besser zu wissen als sie; verträglich und duldsam gegen die Torheiten und Unarten der Menschen sein, welche die ihrigen dulden müssen; durch Beispiele bessern, statt durch frostiges Gewäsche zu ermüden oder durch Schmähreden zu erbittern; keine Wirkungen fordern wovon die Ursachen noch nicht da sind, und nicht verlangen daß wir die Spitze eines Berges erreicht haben sollen, ehe wir hinauf gestiegen sind.»

«So unsinnig wird doch niemand sein?» – sagte der Abderiten einer.

«So unsinnig sind neun Zehnteile der Gesetzgeber, Projektmacher, Schulmeister und Weltverbesserer auf dem ganzen Erdenrund alle Tage!» – sagte Demokrit.

Die zeitverkürzende Gesellschaft, welche die Laune des Naturforschers unerträglich zu finden anfing, begab sich nun wieder nach Hause, und dahlte unterwegs, beim Glanz des Abendsterns und einer schönen Dämmerung, von Sphinxen, Einhörnern, Gymnosophisten und Schlaraffenländern; und so viel Mannigfaltigkeit auch unter allen den Albernheiten, welche gesagt wurden, herrschte, so stimmten doch alle darin überein: daß Demokrit ein wunderlicher, einbildischer, überkluger, tadelsüchtiger, wiewohl bei allem dem ganz kurzweiliger Sonderling sei. – «Sein Wein ist das Beste, was man bei ihm findet», sagte der Ratsherr.

Gütiger Anubis! dachte Demokrit, da er wieder allein war: was man nicht mit diesen Abderiten reden muß, um sich – die Zeit von ihnen vertreiben zu lassen!

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