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Gesammelte Schulhumoresken

Ernst Eckstein: Gesammelte Schulhumoresken - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGesammelte Schulhumoresken
authorErnst Eckstein
yearca. 1910
publisherVerlag von J. Neumann
addressNeudamm
titleGesammelte Schulhumoresken
pages3-5
created20021031
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1907
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Doktor Veit.

Eine Porträt-Skizze.

Zu den reinsten Genüssen meiner Schuljahre zähle ich den Unterricht des originellen Mathematiklehrers Doktor Veit, der uns von Quarta bis Obersekunda den Pfad zur Vollendung führte. Man verbindet gewöhnlich mit dem Begriffe des Mathematikers die Vorstellung eines regelrecht konstruierten Behälters öder, lebloser Formeln: nur im äußersten Winkel dieses Behälters lauert die Individualität eines menschlich fühlenden Wesens. Unser lieber, trefflicher Veit war die verkörperte Widerlegung dieser einseitigen Theorie. Kein Zug seiner charaktervollen Erscheinung erinnerte an die Schablone. Seine innere und äußere Physiognomie entfernte sich himmelweit von jenen typischen Schreckbildern, die alles auf Gleichungen zurückführen, die selbst in der Liebe von positiven und negativen Größen phantasieren und die Erkorene mit dem Parallelogramm der Kräfte an die hochklopfende Brust ziehen. Doktor Veit war vielmehr ein erquickliches Original, in derber Holzschnittmanier ausgearbeitet, aber nirgends geometrisch korrekt. In seinen Lehrstunden herrschte durchaus nicht der Ton der reinen Mathematik. Sein Vortrag war reich an subjektiven Streiflichtern, an reizvollen Impromptus, an ergötzlichen Zwischenfällen . . .

Erst in Sekunda lernten wir diesen Mann nach dem ganzen Umfange seiner Vorzüge schätzen.

Wenn es elf schlug, und der Xenophon-Interpret, »froh der bestandenen Gefahr,« von hinnen geeilt war, dann erschien in der Tür eine mittelgroße Gestalt mit rötlich angestrahltem Gesicht, den Hut ein wenig im Nacken, um die Lippen ein freundliches Lächeln. Rasch warf er die Kopfbedeckung auf den Tisch neben dem Eingang und schritt beweglich nach dem Katheder, ohne nach pädagogischer Würde zu haschen, ohne in professorenhafter Manier den Rock zuzuknöpfen, ohne an der Brille zu rücken. Mit prüfendem Blick musterte er die lebhaft plaudernde Versammlung und nahm dann halb wie im Traum den Schwamm, der neben der Kreide lag, um ihn mit Wasser zu sättigen. Allerlei groteske Figuren beschreibend, wischte er die große Schultafel ab; dann kehrte er sein freundliches Antlitz von neuem dem schwatzhaften Publikum zu, trommelte mit den Ringern auf die Holzfläche des Katheders und nickte still vor sich hin . . .

Das währte so drei, vier Minuten. Plötzlich schien er sich zu besinnen, weshalb er hierher gekommen. Mit der Faust auf die Fläche des Lehrpultes schlagend wie ein Tambour, der die Kolonne zum Sturme führt, rief er mit Donnerstimme:

» Allez! vite! vite! vite! wacker! wacker! wacker! Boxer, komme Se mal raus an die Tawel!«

Diese Wendung kehrte in ähnlicher Form als Einleitung zu jeder Lehrstunde wieder. Doktor Veit vermochte sich nämlich gewisser dialektischer Eigentümlichkeiten nie zu entschlagen, namentlich in erregter Stimmung; wenn er im Eifer des Dienstes erglühte, wenn der Zorn ihm die Nerven schüttelte, stets verfiel er dem Banne der Mundart, und seine Mundart war nicht die gefeilteste. In grammatikalischer wie in lexikographischer Hinsicht borgte er bei dem Volke. So ergoß sich ein Hauch echter Urwüchsigkeit und reinen, gediegenen Menschentums über die exklusive Klassizität unseres Gymnasialkatheders.

Boxer stand auf und trat an die »Tawel«, die rechts vom Katheder auf den Holzzapfen der Staffelei ruhte . . . .

»Ich bitt' mer jetzt aus, daß Ihr Ruh' halt't!« rief Doktor Veit kategorisch den hinteren Bänken zu. »Na, Boxer! Allez! vite! vite! Hier ist die Kreide! Schreibe Se emal folgende Gleichung!«

Boxer schrieb und begann hierauf zu Nutz und Frommen der Klasse die Auflösung.

»Halt' mer emal die Gäul' an!« unterbrach ihn Doktor Veit mit der naiv-herzlichen Frische des Volkes. »Möricke, habe Sie das verstande?«

»Jawohl, Herr Professor.«

»So rekapituliere Sie's!«

Möricke versuchte, die mathematischen Wege seines Freundes Boxer nachzuwandeln; bald aber geriet er ins Stolpern.

»Ui! ui, ui! . . .« rief Doktor Veit abwehrend. »Sie lerne auch Ihr Lebdag nix, Möricke! – Boxer, erkläre Sie's noch emal!«

Boxer begann von neuem und führte die Aufgabe siegreich zum Schlusse.

»'s war gut. Gehn Se auf Ihren Platz. Wenn der Hutzler halb so viel wüßt' wie der Boxer, so wüßt' er zehnmal so viel wie der Möricke.«

»Oh!« erwiderte Möricke, »ich hatte mich bloß versehen. Die Tafel blinkt so, und da hatte ich das x für ein a gehalten!«

»So? Ist's wahr, Hutzler, blinkt die Tawel?«

»Jawohl, Herr Professor. Ich seh' hier so gut wie gar nichts.«

»Knebel, rücke Se mal die Tawel so, daß der Hutzler und der Möricke was sieht!«

Knebel, Heppenheimer und zwei oder drei ihrer Mitschüler sprangen auf, um die Tafel zurecht zu rücken.

»Sie steht zu steil«, rief Hutzler pathetisch.

Heppenheimer beeilte sich, die Hinterbeine des Gerüstes nach hinten zu schieben.

»So blinkt's noch mehr!« rief der tückische Hutzler.

» Allez! vite! vite!« mahnte unser guter Professor. »Zeit ist Geld. sagt der Engländer!«

Heppenheimer rückte und rückte. Mit einemmal kam der Aufbau ins Rutschen. Das Zugreifen der Sekundaner bezweckte nur scheinbar die Rettung. Im nächsten Augenblicke stürzte alles über den Haufen.

Lautes Gelächter. Das Antlitz des Lehrers nahm jählings ein violettrotes Kolorit an. Heppenheimer, der den ganzen Frevel veranlaßt, rieb sich heuchlerisch ächzend die Kniescheibe.

»Für so Posse bedank' ich mich!« zürnte Herr Veit, heftig den Schwamm zerknetend. »Ihr müßt net meine, daß Ihr hier en Hanswurscht vor Euch habt!«

»Die Dielen hier sind so glitschig«, versetzte Knebel.

»Selbst glitschig! Lausbube seid Ihr, die bei jeder Gelegeheit ihre Späß treibe. Jetzt rasch emal die Geschichte da wieder aufgestellt! Und das sag' ich Euch, passiert so etwas wieder, so komm' ich Euch über die Köpp'!«

Bei dieser unparlamentarischen Phrase erhob sich auf den hinteren Bänken ein Gebrumme der Mißbilligung.

Doktor Veit verließ den Katheder.

»Wer hat hier gebrummt? – Was? Er will sich geheim halte? Ich kenn' mein' Pappenheimer, sagt Schiller. Das ist gewiß wieder der miserable Kleemüller gewese!«

Kleemüller fuhr empor, als habe ihn eine Natter gestochen.

»Ich bin's nicht gewesen!«

»Sie sind's gewese, und jetzt halte Sie 's Maul!«

»Ich verteidige nur meine Rechte«, erwiderte Kleemüller.

»So? Na, dann komme Se mal raus an die Tawel!«

»Weshalb?«

»Dummes Geschwätz! Sie solle die nächst' Aufgab' löse. Na, steht die Tawel nun fest? Allez! vite! vite! vite!«

Kleemüller trat heraus und begann zu rechnen.

»Sie mache das viel zu umständlich. Das Verfahre läßt sich wesentlich abkürze. Wisse Sie davon nix?«

»Nein.«

»Sehe Se wohl, daß ich Recht hab'? Sie habe gebrummt; sonst wüßte Se, was hier zu tun ist. Jetzt mache Se, daß Se so schnell wie möglich auf Ihren Platz komme, sonst verzehrt Sie 's Gewirrer!«

Gewirrer! So sprach Doktor Veit in der Tat, wenn er eine gewisse Stufe der Indignation überschritten hatte. Im normalen Zustande sprach er: Gewitter.

Das Antlitz des ehrlichen Mathematikers gewann jetzt wieder den alltäglichen Ausdruck. Die Überzeugung, daß er Kleemüllers Sündenschuld unwiderleglich erhärtet habe, gab ihm die seelische Ruhe zurück. Er fuhr mit dem Schwamm triumphierend über die Tafel und rief dann in freudigster Klangfarbe:

»Aufgepaßt!«

Nun begann er in seltsam geschraubtem Hochdeutsch eine wissenschaftliche Erörterung, die er durch praktische Exempel treffend erläuterte. Ab und zu unterbrach er seine Darlegung mit dialektischen Ausrufen:

»Wann jetzt das Geraschpel an dem Tintefaß net bald aufhört, dann fahr' ich hinein!«

Oder:

»Möricke, Sie hocke wieder da wie e betrunke Kaninche und schlafe mit offene Auge!«

Oder:

»Knebel, sage Se doch dem Pedell, er soll sein Küch' zumache. Mer riecht wieder im ganze Haus, was gekocht wird.«

Gegen Ende der Stunde ward Doktor Veit in der Regel ein wenig heiser. Er litt nämlich an einer leichten Entzündlichkeit der Mandeln, war jedoch im übrigen der kräftigste und gesundeste Mensch unter der Sonne. Wenn sich dieses Gefühl bei ihm regte, so holte er tief Atem, legte die Hand vor den Kehlkopf und schüttelte bedenklich das Haupt. Dann murmelte er halblaut:

»Ja, ja, die Flöt' hat bald ausgepfiffe!«

Oder:

»Lang werde mir's net mehr mitmache: übers Jahr um die Zeit sind die Quetsche gegesse.«

Endlich erscholl die Pedellglocke.

War es Sonnabend, so hatte der Lehrer die Verpflichtung, mit der Klasse ein Schlußgebet anzustimmen. Für Doktor Veit, den ausgesprochenen Materialisten, eine schreckliche Aufgabe! Seufzend holte er das schwarze, unheilverkündende Buch hervor und suchte sich unter den zweihundertundfünfzig Gebeten das kürzeste aus.

»Da, Knebel, lese Sie's vor! Allez! vite! vite!«

Und Knebel begann zu lesen:

»Vollendet ist das Werk dieser Woche. Du, Herr, hast es vollenden helfen! . . .«

Doktor Veit, der mit gefalteten Händen auf dem Katheder stand und auf den Schwamm blickte, wechselte während der Lektüre mindestens achtmal sein Standbein und atmete erst wieder auf, wie Knebel das Amen flüsterte. Jetzt drängte die Klasse stürmisch dem Ausgange zu.

»Halb so wild!« rief Doktor Veit, seinen Hut ergreifend. Festina lente, sagt der Lateiner!«

Und somit schritt er behaglich der Treppe zu.

Im Erdgeschoß begegnete er dem Pedell.

»Höre Se mal, Quaddler, ich hab's Ihne schon sage lasse: Wenn Sie wieder Kraut koche, dann mache Se gefälligst die Küch' zu. Es riecht hier so schon net grad' nach Ambra und Roseöl.«

»Aber erlauben Sie gütigst, die Tür war fest verschlossen, und der Geruch muß sozusagen durchs offene Fenster gestiegen sein. Insofern es übrigens auch ein ganz vortreffliches Kraut war.«

»Mache Se mer die Gäul' net scheu, Quaddler! Sie wisse nun, was ich gesagt hab'. Richte Sie sich danach. Und was ich noch weiter bemerke wollt': Lasse Sie doch drobe ans Tawelgestell e paar Hake mache, daß die Geschicht net alle Naselang auseinannerrutscht.«

»Schön, Herr Professor. Inwiefern soll ich die Haken denn machen lassen?«

»Ich werd' Ihne das später erörtern! Jetzt hab' ich kein' Zeit!«

Er räusperte sich.

»Ach ja,« stöhnte er vor sich hin, »ewig is mer geplagt! Das nimmt kein gut' End'! Heut' übers Jahr wirft mer mit meine Knoche die Birn' ab.«

»Ganz gehorsamster Diener, Herr Professor.«

Und nun begab sich unser trefflicher Mathematiklehrer ins Gasthaus »Zur Sonne«, wo er einen kolossalen Appetit entwickelte. Die Empfindlichkeit seiner Mandeln ließ nach, und den Zahnstocher zwischen den Lippen, wagte er die schöne Versicherung: »Es is immer noch kein schlecht Lebe auf der Welt. – Schorsch, bringe Se mer noch e Flasch Niersteiner!«

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