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Gesammelte Schulhumoresken

Ernst Eckstein: Gesammelte Schulhumoresken - Kapitel 22
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGesammelte Schulhumoresken
authorErnst Eckstein
yearca. 1910
publisherVerlag von J. Neumann
addressNeudamm
titleGesammelte Schulhumoresken
pages3-5
created20021031
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1907
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Die Klassenprüfung.

Wenn das Maturitätsexamen dem Gymnasiasten ernst und bedeutsam erscheint, so raubt ihm die Klassenprüfung den Gleichmut nur in Ausnahmefällen. Es gibt allerdings eine Sorte von ganz besonders ehrgeizigen oder ganz besonders unwissenden Schülern, die auch der Klassenprüfung mit einer gewissen Bänglichkeit entgegenwandeln: aber sie bilden die Minorität. Für mich und meine nächsten Freunde war dieses ein- oder zweimal im Jahre wiederkehrende Examen allezeit ein Gaudium, und je zahlreicher sich das Publikum versammelte, um so vergnüglicher pflegten wir dreinzuschauen.

Das Klassenexamen ist die Farce des Gymnasiallebens. In corona civium liebt es kein Lehrer, seine Schüler als unwissend bloßzustellen. Denn der Vorwurf dieser Unwissenheit träfe in erster Linie ihn selbst. Daher wir denn regelmäßig über solche Materien examiniert wurden, die während der letzten Wochen bis zum Überdruß zerkaut und verdaut waren.

Wir erschienen beim Beginn des Examens sehr pünktlich, – in unsern besten Kleidern, – und getragen von jener Feiertagsstimmung, die aus dem Bewußtsein der bevorstehenden Ferien erwächst. So nahmen wir auf den Subsellien im großen Saale Platz, an dessen Eingang der Pedell Quaddler in schwarzem Frack und weißer Halsbinde Posto gefaßt hatte. Nach und nach erschienen die Lehrer, stets in schmunzelndem Zwiegespräch, sich wiederholt Herr Kollege nennend und eine ähnliche Befriedigung zur Schau tragend wie die Schüler. Zuletzt nahte würdevollen Schrittes der Direktor Samuel Heinzerling, ganz Wohlwollen, ganz Frühling und Sonnenschein. Ehrfurchtsvoll traten die übrigen Pädagogen nach rechts und links auseinander, um ihren Herrn und Meister hindurchzulassen. Mit vollendeter Humanität teilte Samuel seine kollegialischen Grüße aus: die Schüler aber mußten sich bei seinem Erscheinen von ihren Sitzen erheben, eine Höflichkeitsbezeigung, für die Samuel stets durch heftiges Abwinken dankte.

Der Religionslehrer bestieg nunmehr den Katheder, faltete die Hände und sprach:

»Lasset uns beten!«

Abermals stand die Klasse auf wie ein Mann, und Samuel Heinzerling blickte wohlgefällig auf diese Kolonnen, die ihn und den Herrn der Heerscharen durch eine so ehrfurchtsvolle Behandlung auszeichneten.

Der Religionslehrer sprach sein Gebet und bat den Allmächtigen, er möge unsern Eingang und unsern Ausgang segnen. Hierauf begann das Examen.

Eine halbe Stunde verstrich, ohne daß uns das Publikum irgend einen Vertreter gesandt hätte. Da endlich knarrte die Tür. Aller Augen wandten sich nach der Schwelle: es erschien der Superintendent Samson, der sich in ganz ungewöhnlichem Maße für die geistige Entwicklung der Jugend interessierte. Verbindlich lächelnd drückte er einem Lehrer nach dem andern die Hand, – aber ganz sachte und insgeheim, um ja nicht zu stören. Dann folgte er mit reger Aufmerksamkeit den Peripetien der Prüfung, öfters mit dem Kopfe nickend und stets so schlau dreinschauend, als ob er wirklich imstande sei, die gestellten Fragen korrekt zu beantworten.

Nach dem Superintendenten erschien der erste Stadtprediger, und dann füllten sich die Hallen so allgemach, bis um elf Uhr der Höhepunkt eintrat.

Ein beträchtliches Kontingent zu diesen Vormittagsbesuchern lieferten die Gymnasiasten selbst, und zwar wohnten die Schüler der unteren Klassen mit Vorliebe den Prüfungen der oberen bei, so daß die Sextaner niemals so zahlreich vertreten waren, als wenn die Prima examiniert wurde.

Des Nachmittags bot der Saal einen weit pittoreskeren Anblick, denn jetzt erschienen auch die Mütter und Schwestern der Examinanden. Der Anblick farbenprächtiger Roben und wallender Hutbänder war in diesen Räumen etwas so Ungewohntes, daß wir bei dem Erscheinen der ersten Dame jedesmal in einen Zustand herzklopfender Aufregung gerieten, zumal wenn die Dame jung und hübsch war. Das Rauschen ihres Gewandes tönte uns lieblicher als Musik, und die kleinen, zierlichen Halbstiefelchen klappten so ganz anders auf den Dielen des Saales als die kolossalen Gehwerkzeuge Doktor Hellwigs.

Samuel Heinzerling war bei diesen Anlässen von einer musterhaften Galanterie. Jeder Zoll seines Wesens atmete Wohlwollen und Ritterlichkeit, wenn er die gnädige Frau oder das verehrte Fräulein nach dem Stuhle geleitete. Nur die Backfische im Alter von 13 bis 15 Jahren behandelte er etwas kühler, denn er wußte, daß gerade diese Sorte seinen Schülern am gefährlichsten war.

Gegen vier Uhr nachmittags hatte sich der Damenflor, der unsere Prüfung schmückte, am reichsten entfaltet. Gar mancher von uns erblickte da auf bescheidenem Rohrstuhle den »Stern seines Lebens«, die »Rose, vom Himmelstau gebadet«, den »Engel, zu gut für diese lieblos rauhe Welt«. Besonders zart organisierte Schüler kamen aus dem Erröten gar nicht heraus; die Mädchen aber steckten die Köpfe zusammen, – und was sie insgeheim miteinander schwatzten, betraf gewiß nicht die Sprachgebräuche des Xenophon.

Während der Nachmittagsprüfung waren wir selbstverständlich weit weniger aufmerksam als des Vormittags. Die Lehrer wußten sehr wohl, daß sie diese rückgängige Bewegung unseres Interesses dem Einflusse des Ewig-Weiblichen zuschreiben mußten. Daher sie denn jetzt vorzugsweise solche Schüler examinierten, die ihnen als erotisch unempfänglich bekannt waren. Es ist wunderbar, wie fein der Instinkt der Lehrer hier das Richtige trifft. In jeder Klasse sind immer drei, vier, fünf exemplarische Jünglinge vorhanden, die ein so stark entwickeltes Pflichtgefühl oder ein so schwach entwickeltes Herz besitzen, daß ihnen die Regeln über den griechischen Optativ ungleich wichtiger sind als der Anblick eines schönen Mädchengesichts. Diese Unempfänglichen werden in so heiklen Fällen besonders aufs Korn genommen, wenn es gilt, rasch eine Querfrage zu beantworten u. dergl. m. Zu einem längeren, wissenschaftlichen Verhör eignet sich unter Umständen auch der verliebte Schüler, – wofern er nämlich auf dem Gebiete, das der Lehrer gewählt hat, sehr sattelfest ist. Es wird ihm alsdann ein besonderes Vergnügen bereiten, in den Augen seiner Angebeteten zu brillieren. Den Horaz übersetzend, schleudert er wohlgezielte Pfeile nach ihrem Herzen. Er beschwört die Lydia, sie möge den Sybaris nicht vor Liebessehnsucht vergehen lassen, und meint dabei sich und Volckmanns blonde Therese. Er verdeutscht die Ode: Quem tu, Melpomene, semel, – und denkt dabei schüchtern an seine eigenen poetischen Versuche, mit denen er die Auserkorene durch Vermittlung seiner Schwester oder auf dem Wege einer anonymen Postsendung heimgesucht. Nickt dann der Superintendent mit beifällig schmunzelnder Miene, so ist der Gymnasiast stolz auf seinen errungenen Triumph, und zerstreut lächelnd folgt er der Aufforderung des Lehrers, sich wieder zu setzen.

Das Klassenexamen ist die einzige Gelegenheit, wo die Primanerliebe innerhalb der vier Wände des Gymnasiums etwas freier aufatmet. Die Klassenprüfung ist ihr Sonnenblick. Hier kann der Lehrer gegen ihre verstohlene Betätigung nichts einwenden. Noch entsinne ich mich des jauchzenden Entzückens, mit dem mir einer meiner Freunde, Paul Schuster, am Schluß des Examens um den Hals fiel, weil diese wenigen Nachmittagsstunden das wieder aufgebaut hatten, was ihm während des Semesters durch die Ungunst der Verhältnisse zerstört worden war.

Paul Schuster liebte eine reizende Blondine, namens Elisabeth. Er besang sie in hundert Liebesliedern. Seine Schwester hatte ihm zugeredet, und so kopierte er das schönste dieser Gedichte auf goldgerändertes Briefpapier, schrieb, von hundert seligen Ahnungen erfüllt, seinen Namen darunter, und barg es in einer zierlichen Enveloppe, auf deren Siegelstelle eine Taube mit dem biblischen Ölzweig prangte. Dann setzte er als Adresse die Worte darauf: »Meiner himmlischen Elisabeth«, und ließ der Holden das Billett durch seine Schwester mit in die Schule bringen. Am Abend erhielt er die Nachricht, das Gedicht habe einen ungeheuren Eindruck gemacht. Elisabeth sei von dem Zauber der wogenden Rhythmen geradezu hingerissen; nur meine sie, der Dichter habe doch hin und wieder gar zu schmeichelhaft übertrieben.

Drei Tage später glaubte Paul Schuster zu bemerken, daß der Direktor Samuel Heinzerling während der Interpretation der Antigone ihm verschiedene Male einen strafenden Blick zuschleuderte. Das Schicksal sollte ihn über die Ursache jenes eigentümlichen Mienenspiels nicht lange in Zweifel lassen. Nach Beendigung der Lehrstunde entbot ihn Samuel auf sein Zimmer. Verwirrt leistete er dieser Aufforderung Folge. Wer schildert seine Empfindungen, als er auf dem Tische des Gymnasialtyrannen sein Billet-doux an Elisabeth wahrnimmt.

»Schoster,« begann der Direktor, »Professor Günther föhrt Klage, Sä belästägen seine Tochter.«

Paul Schuster glaubte bei diesen Worten Samuels in den Boden versinken zu müssen. Ein jäher Krampf schnürte ihm die Kehle zusammen.

»Herr Direktor,« stammelte er, »wenn Professor Günther dergleichen behauptet, so spricht er die Unwahrheit . . .«

»Wä, Schoster?« fragte Heinzerling mit schneidiger Stimme, »Sä wollen noch leugnen? Sätzen Sä säch dort einmal auf den Stohl!«

»Aber, Herr Direktor . . .«

»Sätzen Sä säch! Also Sä haben dä Dreistägkeit, den Herrn Professor Gönther der Onwahrheit zo bezächtägen! Goot! Sehr goot! Ond was sagen Sä zo däsem Zettel, den dä Frau Professor än der Scholtasche ähres Töchterchens gefonden hat? Wollen Sä etwa än Abrede stellen, daß Sä däsen Wäsch da geschräben haben?«

»Nein, Herr Direktor!«

»Non goot! Äch ontersage Ähnen härmät ein för allemal, däse onzämlächen Scherze zo wäderholen.«

Er nahm das Blatt zwischen die Finger und rückte die Brille zurecht.

»Es äst wärklich stark, Schoster!

›Ond schänkte, wenn der Lenz erwacht,
Ein Gott mär allen Blötenflor,
Äch legte gern dä Fröhlingspracht
Als Teppäch Deinen Fößen vor . . .‹

Begreifen Sä nächt, daß es geradeso onverantwortlich äst, einem wohlerzogenen Kände solche Albernheiten än den Kopf zo setzen? Äch dächte, Sä gäben säch vorläufäg noch ein wenig mät Ährem Sophokles ab.

›Ach, wenn der Sehnsocht holde Glot
Äm täfsten Bosen aufgeflammt . . .‹

Sehnsocht, Sehnsocht! Sehnen Sä säch nach einem ordentlächen Matorätätsexamen, ond vertrödeln Sä Ähre Zeit nächt mät solchen Abgeschmacktheiten. Wenn säch der Mensch erst einmal solche Alloträa än den Kopf gesetzt hat, dann geht sein wässenschaftlächer Sänn öber Nacht zo Grabe. Merken Sä säch das!«

Paul war außer sich.

»Herr Direktor,« stöhnte er verzweifelt, »ich glaube bis jetzt noch keine Veranlassung gegeben zu haben . . .«

»Das habe äch auch nächt behauptet. Aber da bästen Schöler werden äm Handomdrehen leichtsännäg, wenn sä anfangen, säch mät solch kändäschem Tand abzogeben. Äch habe Sä non gewarnt.«

Der Direktor entließ ihn. Paul Schuster hielt nur mit Mühe die Tränen zurück. Er kam sich so erbärmlich, so namenlos lächerlich vor, daß er zu jedem Entschluß unfähig war. Zu Hause angelangt, überlegte er. Nach mehrstündigem Hin- und Hersinnen kam er zu dem Resultat, daß ihm nichts anderes übrig bleibe, als Elisabeths Vater persönlich aufzusuchen. Trotzig erhobenen Hauptes machte er sich auf den Weg. Er ward nicht vorgelassen. Was tun? Eine halbe Minute lang schwankte er, ob er sich nicht mit Gewalt den Weg in das friedliche Studierzimmer bahnen und im Tone eines beleidigten Theaterhelden Rechenschaft fordern sollte für die zwiefach kränkende Unbill. Bald aber gewann die vernünftige Erwägung die Oberhand. Der eben noch so heroische Primaner zog ab. Wie ein verschmähter Freier schlich er gesenkten Blickes nach Hause, warf sich mit geballten Fäusten langwegs auf das Sofa und heulte.

So war das poesiereiche Verhältnis zu Elisabeth meuchlings zertrümmert worden. Allerhand kleine Mißverständnisse hatten dazu beigetragen, den Sturz der Ideale zu vervollständigen.

Und nun kam die Klassenprüfung. Elisabeth erschien reizender als je. Sie nahm in der vordersten Reihe Platz. Zwei Stunden lang kreuzten sich die Blicke der beiden Liebenden, und dieser stumme Depeschenwechsel reichte aus, beiden die Gewißheit zu geben, daß sie »einander noch angehörten«. Am Schluß des Examens erntete Schuster ein Lächeln, das ihm den letzten Zweifel benahm . . . glücklicher Schuster!

Ich wiederhole es: Das Klassenexamen ist der Lichtblick der scheuen Primanerliebe!

Doch kehren wir aus dem Speziellen ins Allgemeine zurück, und erzählen wir den weiteren Normalverlauf der Semesterprüfung.

Am Abend des dritten Tages bestieg Samuel Heinzerling den Katheder und verkündete die Prämien und die Versetzungen. Ein feierlicher Moment! Der Direktor wußte denn auch der Bedeutsamkeit des Augenblicks in jeder Hinsicht gerecht zu werden. Seine Stimme klang fast wie die Posaune des Jüngsten Gerichts, wenn er begann:

»Von Onterpräma nach Oberpräma röcken auf:«

Und nun folgte die Liste. Die nicht erwähnten Schüler waren zu ewiger Verdammnis – ich will sagen, zum Sitzenbleiben für ein weiteres Semester verurteilt.

Dann fuhr der Direktor fort:

»Prämien erhalten an däser Klasse:«

Und nun folgte das kurze Verzeichnis der wenigen Auserwählten. Dieses Verzeichnis schrumpfte, je höher man in der Reihe der Klassen hinaufstieg, immer mehr zusammen. In Prima gab es nur ganz ausnahmsweise Prämien:

»Da Prämaner taugen alle nächt väl«, so pflegte Samuel privatim diese Maßnahme zu motivieren.

Zu Ostern fand am Schlusse der Prüfungen zuweilen ein sogenannter Aktus statt, bei dem das schöne Geschlecht noch zahlreicher vertreten war als beim Examen. Gedichte, deutsche und lateinische Reden, Gesänge und sonstige musikalische Vorträge waren der Gegenstand dieser nachmittäglichen Feier, an der sich nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrer aktiv beteiligten. So entsinne ich mich eines trefflichen Vortrags, den Samuel Heinzerling über die Wirkung der echten Humanität hielt. Doktor Brömmel, der Zwillingsvater, sprach wiederholt über die Bevölkerungsverhältnisse der europäischen Staaten; er wies darauf hin, daß Deutschland das rivalisierende Frankreich immer mehr zu überflügeln verspreche, eine Wahrheit, die von Emanuel Boxer mit der malitiösen Bemerkung begleitet wurde: »Daran ist niemand schuld, als Doktor Brömmel!« Der »Herr Pastor« ließ sich über das griechische Schisma vernehmen, ein Thema, von welchem Boxer behauptete, daß es die anwesenden Damen nur zur Hälfte verstehen würden. Doktor Perner endlich gab Bilder aus der neueren Literaturgeschichte. Leider waren meine Gymnasialhumoresken damals noch nicht geschrieben, sonst würde er sie ohne Zweifel mit Enthusiasmus erwähnt haben.

Gegen sechs Uhr trat man den Heimweg an. Jedermann befand sich in einer rosigen Stimmung. Nur die Sitzengebliebenen ließen elegisch die Köpfe hängen und gelobten sich, im neuen Semester Rache zu üben für die erlittene Kränkung.

»Das habe ich dem Doktor Perner zu danken«, sagte der eine.

»Mich hat der Brömmel ins Verderben geritten! Für das nächste Jahr wünsche ich ihm Drillinge!«

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